Die Toten von Santa Clara von Robert Wilson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Silent and the Damned, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Page & Turner.
Ort & Zeit der Handlung: Spanien / Andalusien / Sevilla, 1990 - 2009.
Folge 2 der Javier-Falcón-Serie.

  • Orlando: Harcourt, 2004 unter dem Titel Silent and the Damned. 358 Seiten.
  • London: HarperCollins, 2004. 507 Seiten.
  • München: Page & Turner, 2005. Übersetzt von Kristian Lutze. 507 Seiten.
  • München: Goldmann, 2007. Übersetzt von Kristian Lutze. ISBN: 978-3-442-45928-5. 506 Seiten.

'Die Toten von Santa Clara' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Während ganz Sevilla unter der Hitze eines mörderischen Sommers leidet, wird Chefinspektor Javier Falcón in eine der klimatisierten Villen des Nobelvororts Santa Clara gerufen. Dort scheint der reiche Bauunternehmer Rafael Vega seinem Leben durch eigene Hand ein Ende bereitet zu haben. Die Staatsanwaltschaft will den Fall schnell zu den Akten legen, denn Vega hatte einflussreiche Beziehungen in Sevillas guter Gesellschaft, und niemand möchte einen Skandal verursachen. Doch etwas weckt Falcóns Misstrauen: Eine rätselhafte handschriftliche Notiz von Vega und der offenbare Mord an seiner Frau, die mit einem Kissen im Bett erstickt wurde, lassen ihn gegen den Willen seiner Vorgesetzten die Ermittlungen aufnehmen. Bald ist Falcón einem gewaltigen Verbrechen auf der spur, das noch mehr Menschenleben zu fordern droht …

Das meint Krimi-Couch.de: »Lebendig, glaubhaft, vielschichtig. Erste Klasse.« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Krimi-Couch-Volltreffer September 2005

Mit Der Blinde von Sevilla hat Robert Wilson die Erwartungen hoch gesteckt, fulminanter hätte ein Einstieg in seine Reihe um Inspector Javier Falcón nicht sein können. »Packende Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau« titelten wir seinerzeit. Die Toten von Santa Clara ist Folge zwei der Serie und erscheint nicht nur direkt als Hardcover, sondern auch noch in einem frisch gegründeten Verlag namens »Page & Turner«. Soviel sei vorweg genommen: Wilson untermauert seine Stellung als einer der besten europäischen Kriminalautoren – auch wenn die Fortsetzung nicht ganz an die Imposanz des ersten Teils heranreicht.

Mord oder Selbstmord? Und welche Rolle spielt der 11. September?

Der Tatort: Ein prächtiges Haus im schnieken Nobelvort Sevillas, Santa Clara. Die Opfer: Bauunternehmer Rafael Vega und seine Frau. Die Sachlage: Senora Vega wurde aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet, liegt tot im Schlafzimmer auf dem Ehebett. Senor Vega genau so leblos auf dem Boden des Wohnzimmers. Die Hypothese: Vega brachte seine Frau um, danach sich selbst. Das Motiv: Welches Motiv? Die Anti-These: Die Vegas wurden umgebracht, der Mord an Senor Vega als Selbstmord getarnt. Grund für letztere Annahme: Sich mit Abflussreiniger zu vergiften, ist sicherlich schon eine sehr masochistische Art, sich das Leben das nehmen. Aber muss man dann auch noch dermaßen auf »Nummer Sicher« gehen und Salzsäure hinzufügen? Und was hat der Zettel mit dem handschriftlichen Hinweis auf den 11. September zu bedeuten?

Genau hier kommt Inspector Falcón, halbwegs genesen von seinem persönlichen Weltuntergang aus »Der Blinde von Sevilla«, ins Spiel und soll praktisch nur noch den Selbstmord feststellen. Doch Falcón ist ein zäher Hund, schürft nach der Wahrheit und stößt in der ach so noblen Nachbarschaft auf die ein oder andere Leiche im Keller. Und der Fall wird brenzlig, hat doch allem Anschein nach die Russen-Mafia ihre Hände mit im Spiel und auch Falcóns Kollegen scheinen nicht die treuesten Hüter des Gesetzes zu sein …

Ganz so einfach wird´s für den Inspecot Jefe freilich nicht, hat er doch auch noch etliche Leichen im eigenen Keller. So ist eine der Zeuginnen, die er befragen muss, die (auf)reizende Consuelo aus Der Blinde von Sevilla. Und der leitende Staatsanwalt, Juan Calderon, gibt nebenbei preis, dass er sich mit Falcóns Ex mittlerweile verlobt hat. So kann aus einer sonnenverwöhnten, andalusischen Metropole ganz schnell eines der düstersten Flecken Erde werden. Aber Falcón ist gefestigt, sicherer seit den Enthüllungen aus seiner eigener Familie und sogar bereit für eine heiße Affäre …

Jedes Zahnrädchen greift ins andere

Robert Wilson wäre nicht Robert Wilson, wenn sich schlussendlich nicht doch alles anders und tiefgründiger als gedacht herausstellen würde. Das ist seine Stärke, da kann dem Briten so schnell keiner das Wasser reichen. Und Wilson wäre auch nicht Wilson, würde der Leser tatsächlich ein filmreifes Happy End vorgespielt bekommen.

Nein, hier geht es um eine äußerst gekonnt verwobene Mischung aus Realität und Fiktion. Alles könnte tatsächlich so sein, wie Wilson es beschreibt. Jedes Zahnrädchen greift ins andere, die Story läuft, der Plot funktioniert. Und zurück bleibt ein bitterer Nachgeschmack, die Offenbarung, was hinter dem schönen Schein einer so beeindruckend fröhlichen, prächtigen Stadt wie Sevilla schlummert, was übrig bleibt, wenn der Putz blättert.

Schonungslos reisst Wilson die kunstvoll aufgebauten, mit viel Schminke verzierten Fassaden ein, zeigt dem Leser die andere Seite und konfrontiert ihn mit aktuellen Problemen Europas, die gerne vergessen oder gar unter den Tisch gekehrt werden. Javier Falcón ist des Autors Instrument, diese »dunklen« Seiten ans Licht zu bringen. Darzustellen, wie korrupt, wie brüchig eine Demokratie sein kann. Und das völlig unabhängig davon, ob es sich um eine noch recht junge wie die spanische oder eine der bedeutendsten der Welt, die amerikanische, geht.

Globale Problematik, persönliche Schicksale

Doch Wilson klärt nicht mit der skandinavischen Holzhammer-Sozio-Methode auf. Seine Herangehensweise ist weitaus subtiler. Gekonnt verknüpft er persönliche Dramen, Tragödien eines Mikrokosmos, mit den »großen Themen«, womit er genau das erreicht, was in seiner Intention stand: Der Leser grübelt, er rätselt, er hadert und er leidet mit. Die Charaktere, die Wilson in Der Blinde von Sevilla eingeführt hat, wachsen dem Leser in Die Toten von Santa Clara ans Herz. Und das ist Wilsons zweite Stärke, die Figurenzeichnung. Lebendig, glaubhaft, vielschichtig. Erste Klasse.

Trotz aller Punkte auf der Haben-Seite: Ganz ans Niveau vom Blinden kommt Wilsons Nachfolger nicht heran. Vielleicht liegt´s daran, dass sich der Brite hier mehr an einem Police-Procedural orientiert, dass die Ursachen der eigentlichen Taten realer und sogar etwas banaler sind. Vielleicht auch, weil Falcón souveräner geworden ist und der Wendepunkt seines Lebens schlicht schon erzählt wurde. Dafür rücken nun andere, aktuellere, Aspekte in den Vordergrund und machen Die Toten von Santa Clara etwas Mainstream-kompatibler.

Was dem Buch unterm Strich aber keinen Zacken aus der Krone bricht. Wilson spielt auch mit Falcón-Nr. 2 immer noch absolut in der Champions-League europäischer Krimi-Autoren. Ein Großteil der anderen muss zu ihm aufschauen.

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Torsten zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 19.09.2010
Auch der zweite Fall von Javier Falcón überzeugt. Auch diesmal ist er so komplex, dass man schon aufpassen muss den Zusammenhang aller losen Fäden und immer neu auftauchenden Verbindungen und Verwicklungen zu behalten. Aber das macht doch gerade den Unterschied zu jedem 08/15-Krimi aus. Und im wahren Leben gibt es schliesslich auch kaum eindimensional gradlinige Kriminalfälle.
Auch diesmal überzeugt die wirklich intensive Charakterentwicklung bzw. Fortführung bekannter Personen aus dem ersten Buch.
Das Herumgehacke auf den paar spanischen Begriffen kann ich absolut nicht nachvollziehen - mehr als ein paar Worte Urlaubsspanisch kann ich auch nicht, aber für die bekannten Begriffe wie Staatsanwalt, Gerichtsmediziner und Totenschein reicht selbst das allemal. Und warum z.B. sollten die Namen der Tapas z.B. die häufig verzehrt werden unbedingt eingedeutscht werden - das versteht man auch so und kann sie vielleicht beim nächsten Besuch in Spanien mal auch so bestellen.
Übrigens: Dank StreetView kann man ja die sehr gut beschriebenen Handlungsorte mal anschauen soweit sie real sind. Das Haus von Falcon in der Calle Bailen z.B. kann ich nicht recht identifizieren, die Jefatura dagegen schon.
Alexandra zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 28.06.2010
Kann vielleicht jemand in 2-3 Sätzen sagen, worum es eigentlich geht?
Immer neue Personen kommen in diesem Roman ins Spiel, der irgendwann seinen Faden verliert.
Im ersten Buch um Javier Falcon kam die Spannung spät, aber sie kam und das Ende
war überraschend und beeindruckend.
Dieser zweite Band ließ mich ratlos zurück und ich frage mich, was ich da eigentlich gelesen habe. Kinderpornographie, Russen-Mafia und Korruption, Spionage-Roman, was war das eigentlich?
Auf den dritten Band um J. F. werde ich gerne verzichten!
DarkMadeleine zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 17.07.2009
Dieses Buch war mein erster Wilson, hat mich ehrlich gesagt auch nicht überzeugt.

Nach kurzer Zeit verfolgt der Inspector Jefe so viele verschiedene Fälle, die keinen offensichtlichen zusammenhang zueinander aufweisen, dass ich irgendwann kaum noch durchgeblickt habe, was jetzt wozu gehört. Dann verbringt Falcon die Hälfte seiner Zeit entweder bei der Siesta, unter der Dusche oder irgendwo beim Essen. Die vielen verschiedenen Fälle werden meiner Meinung nach am Ende nur mangelhaft zusammengeführt. Für diese vielen Verwicklungen, die dem Leser geradezu aufgedrängt werden, hätte ich einen sauberen Abschluss und nicht so viele offen bleibende Fragen erwartet.

Wilson schaffte es auch nicht, eine richtige Spannungskurve aufzubauen, die Bedrohungen durch die Russen werden auch irgendwie so ganz nebenher abgehandelt.

Die vielen spanischen Ausdrücke wurden ja auch schonmal angesprochen. Lokalflair ist ja schön und gut - aber wenn ich mir so gar nix drunter vorstellen kann, was sich Falcon nu grade unter der Nase reinschiebt, ist das meines Erachtens auch leicht daneben.

Das Einzige, das mich zum Weiterlesen animierte, war die Hoffnung, am Ende eine schöne Auflösung zu bekommen. Da es diese wie gesagt auch nicht gab, gibts von mir nur 65°.
mylo zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 16.01.2009
Reiht sich ein in die allesammt gut lesbaren Romane von Wilson. Die Figuren sind einem bekannt und somit auch vertraut.
Die Geschichte selbst spannend verstrickt und glaubhaft dargestellt.
In der Folge seiner Romane ein guter Mitttelplatz in Krimi-Genre besser als manch anderes hoch gelobte Buch.
Von mir 75 Punkte.
stolle67 zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 25.01.2008
""Juez Calderón muss den levantamiento del cadáver unterschreiben", sagte der Médico Fornese."

Ich mag ja Robert Wilson, aber kann er (bzw der Übersetzer) nicht einfach "Gerichtsmediziner" etc schreiben? Das würde Wilsons Romane für Nicht-Spanisch-Sprecher wesentlich leichter zu lesen machen.

Trotzdem gut
rike zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 14.01.2008
Leider sehr langatmig und umständlich. Das Buch besteht nur aus Dialogen und ermüdet den Leser. Habe es irgendwann beiseite gelegt, war nicht mal auf die Lösung gespannt.
Deutlich schlechter als die anderen werke von ihm.
Herr Lazaro zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 27.07.2007
Der Roman ist wieder exellent, hat aber auch ein paar Schwächen: So sind etliche Motive der handelnden Personen ohne die Kenntis des Vorgängerromans "Der Blinde von Sevilla" kaum zu verstehen. Wie im Vorgänger entwirft R. Wilson auch hier wieder Charaktere, deren Vergangenheit geradezu monströs ist, ohne dabei aber eine zielgenaue Punktlandung und Zuspitzung zum Ende des Romans zu wollen oder hin zu bekommen. Ja, im direkten Vergleich zum Vorgänger wirkt das Ende der Geschichte beinahe banal, fast nebensächlich.
Da sehr viele Bezüge auf den "Blinden" gemacht werden, muss sich Wilson auch den direkten Vergleich mit selbigem gefallen lassen, er fordert diesen ja geradezu heraus. Und erreicht dieser Roman eben nicht ganz die Dichte und das Spannungsniveau des "Blinden".
Was nicht heisst, das dies ein schlechter oder auch nur mittelmässiger Roman wäre, im Gegenteil: Ich freu mich jetzt schon auf Teil drei!
Kristin zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 27.03.2007
Auch dieser Roman war für mich wieder ein Hochgenuss. Keinesfalls würde ich sagen, dass er schlechter als die Vorgänger ist. Es ist eben eine neue Geschichte, da muss doch nicht immer alles mit dem Vorgänger verglichen werden.
Robert Wilson ist für mich ein herausragender Autor, der nicht bloß einfach schnelle Krimi-Kost schreibt, sondern hervorragende vielschichtige Romane.
Kristin zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 27.03.2007
Auch dieser Roman war für mich wieder ein Hochgenuss. Keinesfalls würde ich sagen, dass er schlechter als die Vorgänger ist. Es ist eben eine neue Geschichte, da muss doch nicht immer alles mit dem Vorgänger verglichen werden.
Robert Wilson ist für mich ein herausragender Autor, der nicht bloß einfach schnelle Krimi-Kost schreibt, sondern hervorragende vielschichtige Romane.
modus333 zu »Robert Wilson: Die Toten von Santa Clara« 24.03.2007
Wer den ersten Band, " Der Blinde von Sevilla" gelesen hat, findet nun in "Die Toten von Santa Clara" eine Fortsetzung.
Die Handung ist zwar eigenständig, es wird aber Bezug zu den Personen des ersten Bandes genommen, was für den Neueinsteiger etwas schwierig nachzuvollziehen sein dürfte. Trotzdem ist "Die Toten von Santa Clara" ein spannender und glaubwürdiger Roman. Ich freue mich schon darauf, wenn Inspector Falcon wieder ermittelt.

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