Die zweite Flasche Whisky von Robert Martin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1962 unter dem Titel She, me and murder, deutsche Ausgabe erstmals 1962 bei Goldmann.

  • London: Robert Hale, 1962 unter dem Titel She, me and murder. 192 Seiten.
  • München: Goldmann, 1962. Übersetzt von Paul Baudisch. 181 Seiten.
  • München: Goldmann, 1975. Übersetzt von Paul Baudisch. ISBN: 3-442-04427-8. 153 Seiten.

'Die zweite Flasche Whisky' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Was sich für Privatdetektiv Bennett zunächst als simpler Fall eines betrogenen Galans darstellt, entwickelt sich rasch zu einem Drama um Betrug, Entführung und Mord, in das diverse prominente Filmleute verwickelt werden, die um jeden Preis schmutzige Wäsche zu verbergen suchen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Auch banale Indizien werden verhängnisvoll« 65°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der aufregende Alltag der Detektei »American International« soll verfilmt werden. Alle Filialen sind gehalten, Kopien wichtiger Fälle nach Hollywood zu schicken. In Cleveland machen sich James Bennett und seine Sekretärin (sowie Verlobte) Sandy Hollis daran, der Anweisung Folge zu leisten, als Enos Weber, Chef der Reklame-Abteilung der »Atlantis«-Gesellschaft, die den Film produzieren wird, im Büro erscheint. Er fordert die Herausgabe von Papieren, die Nachforschungen der »A-I« über seine untreue Gattin dokumentieren. Mit dieser hat sich Weber versöhnt, und ihren ehemaligen Liebhaber – den Chef der »Atlantis« – erpresst er, was ein Ende hätte, sobald dieser Seitensprung öffentlich gemacht wäre. Außerdem käme sicherlich heraus, dass Weber selbst eine Affäre mit der ´Tänzerin´ Tracy Kent hatte.

Bennett, dem Weber herzlich unsympathisch ist, lehnt ab. Wie der Zufall so spielt, ist besagte Tracy Kent gerade in Cleveland und sorgt für neue Aufregung: Nachdem sie den alternden Buchrevisor Harold McPherson finanziell ordentlich ausgenutzt und ansonsten hingehalten hat, ist sie zum aufstrebenden Schauspieler Peter Ordway gewechselt. McPerson will wenigstens einen Ring zurück, den er ihr zur angeblichen Verlobung schenkte, und Bennett soll ihm diesen beschaffen.

Der Detektiv übernimmt den Fall. Als er die treulose Braut in ihrem Hotelzimmer aufsucht, findet er dort den just und angeblich ohne Tracys Wissen ermordeten Ordway. Die Frau schlägt Bennett nieder und flüchtet. Als dieser erzürnt die Verfolgung aufnimmt, erreicht ihn eine weitere Hiobsbotschaft: Enos Weber hat Sandy Hollis um die verräterischen Papier gebeten. Als auch sie ihn abblitzen ließ, hat er sich die Dokumente mit Gewalt verschafft und Sandy entführt. Bennett macht sich, unterstützt von einem alten Freund, Sergeant Rockingham von der Staatspolizei Cleveland, an die Verfolgung, die freilich erst die Einleitung zur Lösung dieses Fall darstellt …

Zynischer Ritter im Dienst der Gerechtigkeit

Der Privatdetektiv gehört zu den zentralen und unverzichtbaren Figuren des Kriminalromans. In den vielen Jahren seines Wirkens hat er gewisse Entwicklungen erfahren. Gewisse Eigenheiten haben sich jedoch – oft zum Klischee geronnen – gehalten und verdichtet. So sind Detektiv und Polizist in der Regel keine Freunde, zumal sich der »Schnüffler« nicht an fixe Regeln zu halten hat bzw. diese ignoriert, sobald sein zunächst finanzielles Interesse am ´Fall´ zu einem persönlichen wird. Dies trifft so zuverlässig ein wie der Tod oder die Steuer, wobei der Tod verständlicherweise die wichtigere Rolle spielt. Stets geht etwas schief, der Detektiv verliebt sich in seine Klientin, die angeblich schuldig wie die Sünde ist, oder wird zum Rächer, weil ein Schurke durch die weiten Maschen des Gesetzes zu schlüpfen droht.

Denn gleichgültig wie lässig und unkonventionell sie aufzutreten pflegen, sind 99 von 100 Privatdetektiven höchst moralische Menschen mit stark ausgeprägtem Gewissen. Das Recht nehmen sie vielleicht in die eigene Hand, aber das nur, um ihm Genüge zu tun, wo Polizei, Justiz und Politik hilflos bleiben oder versagen. Solche modernen Ritter sind – auch dies erfordert das Klischee – finanziell schlecht bestückt, da sie entweder unbezahlt bleiben oder ihre Entlohnung für die private Fortsetzung einer abgebrochenen Ermittlung draufgeht. In der Liebe klappt es selbstverständlich auch nicht, da der wahre Held ein tragischer sein muss.

Sakrileg: ein Karriere-Detektiv!

Zumindest in den beiden letzten Punkten unterscheidet sich James Bennett von seinen Kollegen: Er krebst nicht in einem schäbigen Büro herum, sondern arbeitet als gut bezahlter Detektiv-Angestellter. Privat ist Bennett in festen Händen und sogar verlobt; dass sich die Heirat wegen dringender kriminalistischer Tätigkeiten ständig verschiebt, ist ein »running gag« der Serie.

Wen man hart urteilen möchte, ist dieser James Bennett ein sogar ziemlich langweiliger Vertreter seiner Zunft. Er leistet Dienst nach Vorschrift, betrügt nie bei der Spesenabrechnung und meidet eigentlich jenen Ärger, in den ihn sein geistiger Vater trotzdem immer wieder geraten lässt. Freilich ist Bennett ein Profi, der seinen Job zwar schätzt, sich aber nicht auf einem Kreuzzug gegen Verbrechen und Unrecht sieht. Wenn er sich mit der Polizei anlegt, so deshalb, weil er aus Erfahrung weiß, dass diese sich ihre Arbeit gern allzu einfach macht. Als er selbst in die Mühlen der Justiz zu geraten droht, nutzt er sein Wissen, um in eigener Sache zu ermitteln. Er will den Fall klären und sein geordnetes Leben zurück.

Zwischen Heiliger und Hure …

Für die Frau blieben im Mainstream-Krimi der 1950er und frühen 1960er Jahre nur die undankbaren Rollen der Maria oder der Maria Magdalena. Sandy Hollis verkörpert die ´gute´ Frau, die mit keinem Mann befreundet, sondern durch Verlobung fest gebunden ist. Die Nächte verbringen die künftigen Eheleute brav in ihren jeweiligen Wohnungen; ´mehr´ gibt es erst nach der Hochzeit; man staunt über solche Disziplin …

Tracy Kent ist zwar nicht unbedingt ´böse´, aber sie lässt sich von Männern aushalten, mit denen sie definitiv nicht verheirat ist. Nach zeitgenössischer Definition macht sie das auf jeden Fall zu einer Verlorenen, die das Gesetz oder – ganz sicher – das Schicksal strafen wird, die beide solche weibliche Selbstständigkeit gar nicht schätzen.

In solcher Figurenzeichnungen offenbart Die zweite Flasche Whisky sein Alter. Was ansonsten altmodisch i. S. von nostalgisch zu lesen ist, wirkt hier befremdlich, zumal solches Moralisieren in den wirklich guten »Private-Eye«-Krimis nicht vorkommt oder nicht an die ganz große Glocke gebunden wird. Solche Irritationen machen den Unterschied zwischen einem alten Krimi und einem Krimi-Klassiker aus. Die zweite Flasche Whisky gehört eindeutig in die erste Kategorie. Da der Profi Martin weiß, wie man eine Geschichte spannend und schnell gestaltet, sorgt die Lektüre noch heute für (angenehm altmodische) Unterhaltung.

Anmerkung

She, Me and Murder basiert auf Martins gleichnamiger Story, die in der November-Ausgabe des Magazins »Dime Detective« 1948 erschien. Wie üblich hat er den Stoff später aufgegriffen und als Roman ausgearbeitet.

Michael Drewniok, Oktober 2011

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