Die kalte Legende von Robert Littell

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Legends: a novel of dissimulation, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Scherz.

  • London: Duckworth, 2005 unter dem Titel Legends: a novel of dissimulation. 395 Seiten.
  • Woodstock: Overlook Press, 2005. 447 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2006. Übersetzt von Ulrike Wasel & Klaus Timmermann. ISBN: 978-3-502-10033-1. 447 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2008. ISBN: 978-3-596-16936-8. 447 Seiten.

'Die kalte Legende' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Martin Odum, ehemaliger CIA-Agent mit verschiedenen Legenden, lebt als Privatdetektiv in Brooklyn. Aber ist er wirklich Martin Odum? Oder ist er Dante Pippen, ein IRA-Kämpfer? Oder der zwielichtige Waffenhändler Lincoln Dittmann? Eines Tages erteilt ihm die junge, attraktive Russin Stella Kastner einen Auftrag, der ihn nach Israel führt. Dort holt ihn eine Vergangenheit ein, von der er nichts weiß. Er steht vor einem unlösbaren Dilemma: Wenn er sich erinnert, ist er tot. Wenn er sich nicht erinnert, ebenfalls …

Das meint Krimi-Couch.de: »Spion vs. Spion« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Frank A. Dudley

In der amerikanischen Satirezeitschrift »Mad« erschienen regelmäßig neue Folgen der Comicserie »Spy vs. Spy«. Zwei Spion-Karikaturen mit Schlapphüten und Trenchcoats versuchten darin ständig, sich gegenseitig die Tour zu vermasseln. Meistens endeten die Bildergeschichten damit, dass einer die Waffen des anderen gegen ihn wendete und ihn in die Luft sprengte. Der Kampf der beiden verrückten Spione war endlos und ohne Sinn.

Genauso end- und sinnlos scheint der Kampf des ehemaligen CIA-Agenten Martin Odum in Robert Littells subtil strukturiertem Roman »Die kalte Legende«. Der Unterschied zu den Mad-Agenten ist jedoch, dass Odum, obwohl nur eine Person, viele Agenten-Persönlichkeiten in sich trägt. In Spionage-Sprech: Er verfügt über diverse Legenden.

Eine Legende ist eine erfundene Vita, die so nah wie möglich an der Realität bleibt. Mit ihrer Hilfe sollen Agenten unentdeckt, also »under cover«, arbeiten können. Martin Odum, jetzt Privatdetektiv, hat in seinem bisherigen Leben viel spioniert, er hatte viele Legenden. Diese werden dem Leser recht bald vorgestellt, und so trifft er Lincoln Dittmann, einen abgehalfterten Bürgerkriegs-Historiker, und Dante Pippen, den ehemaligen IRA-Bombenleger.

Odum muss jedoch irgendwann ein traumatisches Erlebnis gehabt haben, denn er ist nicht sicher, welche Legenden-Persönlichkeit sein wahres Selbst ist. Auch driftet er zwischen den Legenden hin und her, meistens sogar ohne seinen Willen. Als Privatdetektiv Odum erhält jedenfalls den Auftrag, den entschwundenen Ehemann einer orthodoxen Jüdin zu suchen, damit beide rechtmäßig geschieden werden können.

Die Handlung springt auf der Zeitschiene mal vor, mal zurück, um den Hintergrund der Odum�schen Legenden auszuleuchten. Dies ist jedoch keineswegs verwirrend, Littell beherrscht den Set-Wechsel ausgesprochen meisterhaft. Langsam führt er so den Leser an Odums dunkles Geheimnis: Seine vierte Legende. Psychologisch gesehen leidet Odum (oder wer auch immer) unter eine Multiplen Persönlichkeitsstörung. Die Art, wie Littell Martin Odum an diese Erkenntnis heranführt, trägt subtile Horror-Elemente in sich. Beide, Leser und Hauptfigur, ahnen, dass die vierte Legende gequält und gefoltert worden sein muss. Abscheu baut sich auf, und Furcht.

Zurück zu Privatdetektiv Odum. Seine Suche nach dem Scheidungskandidaten führt ihn um die halbe Welt und direkt ins dunkle Herz der russischen Schattenwirtschaft. Ist der Gesuchte wirklich ein Menschenfreund, der Bein- und Armprothesen zum Selbskostenpreis in Kriegsgebiete der Dritten Welt verkauft, oder ist er ein gewissenloser Verkäufer von Waffen, die zum Verlust von Gliedmaßen führen?

Littel jagt seinen Protagonisten nicht nur durch seine eigenes inneres Labyrinth. Er schickt auch den Leser so schnell durch die Welten von Wohltätigkeit, Religion, Weltpolitik, illegaler Biowaffen-Produktion, Waffen- und Drogenhandel, dass ihm fast schwindlig wird. Nebenbei wird eine Version der Gründe für den Zusammenbruch der UdSSR und die Entstehung des internationalen islamistischen Terrorismus geliefert, die sich plausibler liest als alle politischen Sonntagszeitungs-Kommentare dazu.

Als ehemaliger Russland-Korrespondent der Newsweek weiß Robert Littell, wovon er schreibt. Er ist bestens informiert, weltgewandt und hat einen klaren Blick für historische Zusammenhänge. »Die kalte Legende« ist ein erhellendes und gleichzeitig dunkles Buch über die menschenverschlingende Maschinerie der Geheimdienste und ihre weltverschwörerischen Intrigen. Littell, Autor von 13 weiteren Spionagethrillern, hat seinen Platz direkt neben den Altmeistern Graham Greene und John le Carré.

Frank A. Dudley, August 2006

Ihre Meinung zu »Robert Littell: Die kalte Legende«

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Franz Letsch zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 18.03.2011
Allein die Beschreibung der post-sowjetischen Kleptokratie, d.h. welche Figuren nun die Macht in Wirtschaft und Politik übernahmen, ist die anspruchsvolle Lektüre wert.Es geht einem wie bei Eric Ambler oder John LeCArre: Plötzlich erkennt man neue Strukturen hinter den Alltags-Nachrichten in den Medien.Habe es mehrmals in D und E gelesen und finde die Übersetzung tadellos.
Pela zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 26.03.2010
Was für ein Buch! Ich kann gut verstehen, dass Kritik geübt wird, für Ludlum-, Cussler und Clancyfans, die Wert auf einen ordentlichen, "spritzigen" Shoot-out legen, ist dieser Roman sicher nichts. Ambler- und Le-Carré-Fans, die eine mitunter auch stille, vor allem aber sachkundige Handlung schätzen, werden jedoch ihre helle Freude an der Kalten Legende haben! Man erlebt gemeinsam mit Inkarnations-Trio Odum/Dittmann/Pippen das Déjà-vu, und irgendwann entwickelt die Story eine so starke Sogwirkung, dass man sich nicht mehr entziehen kann. Bei der Begegnung mit dem "reichen Saudi" lief mir ein kalter Schauer wie schon lange nicht mehr den Rücken hinunter! Für mich war es der Einstieg in die Werke von Littell. Weitere Bücherstapel liegen bereits auf meinem Nachttisch bereit.
Nomadenseele zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 16.06.2009
Ich mag Agentenbücher und Die Company war eines der besten Bücher des Genere, die ich je gelesen habe.
Aber was *Die kalte Legende* sollte, weiß ich wirklich nicht – Zeitsprünge hin und her, Lieblingssatz des farblosen und langweiligen Protagonisten war *Mh-Hm*, ein Satz der so aussagekräftig ist, wie das ganze Buch. Sicherlich haben Agenten verschiedene Identitäten, ich kann mir auch vorstellen, wie sie sich im Kopf mischen, aber dass jemand irgendwann seine(n) richtige Biographie / richtigen Namen nicht mehr weiß, wirkt extrem unglaubwürdig.

Fazit:
Das Buch läßt einen eiskalt, wie der Titel vermuten läßt; auf den letzten hundert Seiten war mein Durchhaltewillen gebrochen.
Bio-Fan zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 08.01.2009
"Die kalte Legende" kann ich nur wärmstens empfehlen. Ein Agentenroman - abwechselungsreich und spannend, aber nicht immer ernst zu nehmen.
Da wird zum Beispiel der Legenden-Ausschuß" (ob`s sowas wirklich gibt?) der US-Administration vorgestellt, dessen Sitzungen allein machen das Buch lesenswert. Sich todernst nehmende Männer und Frauen denken sich die haarsträubendsten Legenden für ihre Agenten aus. Eins ihrer Opfer ist Martin Odum -unter diesem Namen lernen wir ihn kennen- wer er wirklich ist, erfahren wir vielleicht? am Ende.
Martin, jetzt als Privatdetektiv tätig, macht sich auf die Suche nach einem verschwundenen Ehemann, einem Russen-Mafia-Boss, wie sich rausstellen wird. Auf dieser Odyssee erfahren wir als Leser von Martins früheren Identitäten. Martin scheint nicht sicher zu sein, wer er wann und wo war er ist eine Multiple Persönlichkeit
Um auch den Leser an dieser "Vielfalt" teilhaben zu lassen, springt Littell in der Zeit vor und zurück, die Identitäten wechseln, überschneiden sich, ganze Textpassagen werden in anderen Zusammenhängen wortwörtlich wiederholt - man verliert scheinbar den Überblick bis man merkt, daß sich alles letztendlich nur um EINE Person dreht.
Clever gemacht. Ich bin begeistert. 90 Grad
Für´s Buch gab´s dann auch den Deutschen Krimipreis 2007 (international)
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Claudia Guderian zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 21.03.2008
Frank A. Dudleys hervorragender Zusammenfassung ist kaum etwas hinzuzufügen. Vielleicht dies: Littells Prosa zeigt auch unter dem Mikroskop literarischer Analyse, welche geschliffenen Juwelen darin liegen. Er spielt mit Motiven, die jeweils dreimal vorkommen.
Und ich sehe den Journalisten Littell vor mir, der im Aralsee eine Reportage über eine Horror-Geisterstadt sah, wo einmal Biowaffen gezüchtet wurden. Das war vielleicht die Keimzelle dieses Romans?
Er ist wirklich einer der großen Unterschätzten.
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Anja S. zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 25.12.2006
Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen. Nur die ersten 20 Seiten waren etwas muehsam zu lesen, dann wurde es sehr spannend. Die Zeitspruenge sind geschickt gemacht, so dass beim Leser keine Verwirrung auftritt. Werde mir jetzt auch andere Buecher von Herrn Littell besorgen.
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Matthias Gros zu »Robert Littell: Die kalte Legende« 16.10.2006
Dieses Buch hat mich doch einigermaßen enttäuscht. Eine arg konstruierte Handlung mit einer Hase-und-Igel-Verfolgungsjagd,
einem Helden, der seine wahre Identität nicht mehr von seinen Agentenlegenden zu trennen vermag, und schließlich ein erwartungsgemäßes Ende. Die Handlung wird immer wieder durch zeitliche Rücksprünge unterbrochen, in denen man einiges über die Legendenentstehung erfährt. An sich ein interessantes Stilmittel, das hier aber nicht zündet, weil dem Roman vor allem eines fehlt: Spannung. Vom Autor der COMPANY habe ich mehr erwartet.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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