Inspektor Kajetan kehrt zurück von Robert Hültner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1930 - 1949.
Folge 5 der Inspektor-Kajetan-Serie.

  • München: btb, 2009. ISBN: 978-3-442-75189-1. 288 Seiten.
  • München: btb, 2011. ISBN: 978-3-442-74322-3. 284 Seiten.

'Inspektor Kajetan kehrt zurück' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

München am Ende der turbulenten 1920er Jahre: Kajetan ist auf der Flucht, weil er den korrupten Machenschaften der Münchener Polizei auf die Spur gekommen war. Vom Grenzort Zellach aus versucht er über die Berge nach Österreich zu fliehen. Doch dann verirrt er sich in einem Schneesturm, den er überlebt, nur um sofort in die nächste Bredouille zu geraten: Man nimmt ihn als vermeintlichen Mörder des Zellacher Wirts Thannheiser fest. Als der örtliche Kommissar Kajetans wahre Identität entdeckt, verspricht er ihm, ihn nicht nach München auszuliefern – wenn Kajetan ihn im Gegenzug bei den festgefahrenen Ermittlungen im Thannheiser-Mord hilft …Zwischen den politischen Machenschaften des beginnenden Hitlerismus und einer kargen, archaisch dörflichen Welt erzählt Robert Hültner eine ebenso rasante wie tiefgründige Geschichte von politischer Verfolgung, perfider Verschwörung und menschlicher Verwerfung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Is mir doch selber zwider, die ganze Sach« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Franßen

Noch ist Nazi-Deutschland nicht ganz braun, auch wenn Männer wie Paul Kajetan, die es gewagt haben, sich zu widersetzen, bereits auf der Flucht sind, ihren eigenen Tod vortäuschen und sich ums nackte Überleben fürchtend lieber über die Berge ins Ausland absetzen wollen. Ein Ausland, wie die Geschichte zeigen wird, das bald keines mehr sein wird.

Titel sollen in Regalen auffallen, gerade in dem gnadenlos umkämpften Sektor Krimi und Thriller ist der Widererkennungseffekt von Bedeutung. Leider erinnert der Titel Inspektor Kajetan kehrt zurück an jene immerwährenden Inspektoren, denen sich vor allem Crime-Ladys wie Martha Grimes mit ihrem Inspektor Jury, der schon mal auf den Hund kommt, oder die Unart von Verlagen, die glauben, ohne den Zusatz nicht auskommen zu können : Ein Fall für ..., Ein Mord für ….

Bei Robert Hültner sollte man sich von der Verpackung nicht täuschen lassen. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich an den Großmeister milieugerechter Spannungsliteratur erinnert. An George Simenon und seinen Kommissar Maigret. Wie Simenon sein Paris durchstreifte, kennt Hültner sich in den lärmenden, umstürzlerischen 20er Jahren zwischen München und den Bergen aus und beschreibt Menschen fernab jeder Postkartenromantik. Bei ihm wird ein Flüchtling als Bub vom Land, als Stempelgeld-Ansteher, als Gelegenheits-Hilfsarbeiter scharf umrissen und »der Himmel ist wie ein gewaschenes Leintuch über der Stadt gehangen«.

Mir san Mir

Gleichsam vom Abort weg gelingt Lipp Kerschbaumer die Flucht. Er ist Mitglied eines geheimen Parteikommandos, dass in den Mordfall Schöttl verwickelt ist. Seine kommunistische Partei hat ihn längst als Schädling gebrandmarkt. Mit ihm und Kajetan erzählt Hültner von der Flucht zweier Menschen durch den Süden Deutschlands, dessen Machtbasis von Rechts längst unterwandert ist und in der der agent provacateur im Stillen seine Arbeit verrichtet.

Der Erstleser muss sich damit zufrieden geben, dass Kajetan den eigenen Tod vortäuscht, nachdem er die Beteiligung der Politischen Polizei an der Ermordung des Barons von Marain herausgefunden hat, und die heimlichen Machthaber Münchens seiner habhaft werden wollen.

Je tiefer man jedoch in die Geschichte vordringt, desto mehr lässt man sich von Hültners Landschaft und ihren Bewohner einnehmen. Der Blick auf Gier, üble Nachrede, auf Täuschung wie letzten Widerstand ist auf einen kleinen Kreis Personen minimiert. Hültners Menschen ringen mit sich selbst. Entweder sind sie vom persönlichen Schicksal gezeichnet, reine Befehlsempfänger, heimliche Aufrechte oder Verfolgte.

Dass der in Inzell geborene Autor sich sowohl mit Filmen als auch auf dem Theater auskennt, spiegelt sich in den ausgefeilten Dialogen ebenso wie in dem mitunter schnellen Schnitten seiner Kapitel wieder, deren Spannung sie daraus ziehen, dass der Leser nie das Gefühl verliert, sich durch eine ferne Zeit, durch ein fremdes Land zu bewegen. Hültner hält Abstand, er verbrüdert sich nicht mit seinen Bayern. Er folgt seinem Inspektor Kajetan, der nach einer Verwechslung selber als Mörder am Zellacher Wirt Thannheiser in Verdacht gerät, und kommt nicht los von diesem Land.

Die Schwarzen und die Braunen drücken uns zwar von Jahr zu
Jahr mehr an die Seit, aber ein paar von uns gibt’s noch.

Die Melange beginnt sich dunkel zu färben

Kajetans Gabe, Menschen zum Sprechen zu bringen, die sich dadurch verraten, dass sie etwas verschweigen, wird gegen seinen Willen von dem ermittelnden Kommissar Glaser für seine Zwecke eingesetzt, der auf Geheiß der Obrigkeit den Mord an Thannheiser am besten Lipp Kerschbaumer in die Schuhe schieben soll. In ihm begegnet Kajetan einem Sinnungsgenossen, der sich auch nicht damit abfinden will, dass die Zeiten nun mal so sind, wie sie sind.

In der im Schnee versinkenden Landschaft gelingt es Robert Hültner mit seinem Roman, dem reale Lebensgeschichten zu Grunde liegen, ein Stück Zeitgeschichte auszuschneiden. Eine Momentaufnahme vor der Katastrophe. In dem erfunden Ort Zellach hält er für ein paar Tage die Zeit an, damit der Leser sich erinnern mag, auch wenn er nicht dabei gewesen ist.

Wolfgang Franßen, März 2008

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