Am Ende des Tages von Robert Hültner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei btb.
Folge 6 der Inspektor-Kajetan-Serie.

  • München: btb, 2013. ISBN: 978-3-442-75185-3. 280 Seiten.

'Am Ende des Tages' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

In den Chiemgauer Alpen stürzt ein Flugzeug ab. Ein Bauer, der gleich nach dem Unglück aufgestiegen ist, um Verletzte zu bergen, kommt bald danach mitsamt seiner Familie bei einem Brand seines Hofes um. Hat er etwas gesehen, was er nicht hätte sehen sollen? Kajetan, der in einem ganz anderen Fall ermittelt und dem Hoffnungen gemacht wurden, dass er wieder in den Polizeidienst zurückkönne, gerät bald mitten hinein in eine politische Verschwörung, in der es um mehr als nur um Flugzeugabstürze geht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Furioser Abschluss der Kajetan-Reihe« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

München, Ende der 1920er Jahre. Paul Kajetan ist nach München zurückgekehrt in der Hoffnung, wieder in den Polizeidienst eintreten zu können. Doch zunächst gibt es Probleme, denn Kajetan benötigt einen neuen Pass. Seinen alten Pass hatte er auf der Flucht vor seinen Gegnern einem seiner zu Tode gekommenen Widersacher zugesteckt und gilt seitdem selber als verstorben.

»Aber das … das geht nicht!«
»Wieso denn?«
»Wieso, fragt er! Weil Sie tot sind!«
»Das meinens aber jetzt nicht ernst, gell?«
»Im meinem Register ist es so vermerkt! Sie sind tot! Seit heuer, achtundzwanzigster August! Hier! Schwarz auf weiß! Tot!«
»Jetzt hörens aber auf! Schau ich vielleicht wie ein Toter aus? Sie! Der erste April ist lang vorbei, und zum Fasching ists noch hin!«
»Aber wenns doch da steht!«
»Dann muss es ein Irrtum sein!«
»Ausgeschlossen!«

Dr. Rosenauer, neuer Leiter der Kriminalabteilung der Polizeidirektion München bietet Kajetan seine Unterstützung an, doch die Mühlen der Verwaltung mahlen bekanntlich langsam und so nimmt der Privatdetektiv zunächst eine Arbeit bei Dr. Herzberg an. Der Rechtsanwalt ist von der Unschuld seines Mandanten, dem einfachen Bauern Ignaz Rotter, überzeugt, der vor rund zehn Jahren seine Frau ermordet haben soll und seitdem in Haft sitzt. Zeitgleich bemüht sich der Sonderermittler Gustav Kull im Auftrag des Außenministeriums um die Aufklärung eines Flugzeugabsturzes im Chiemgau, bei dem ein hoher Geldbetrag abhanden gekommen sein soll, der zur Unterstützung eines »Schutzbundes« vorgesehen war…

Um es vorweg zu nehmen: Am Ende des Tages ist ein fulminanter Abschluss der Kajetan-Reihe, die mit dem vorliegenden sechsten Roman ihr Ende findet. Zweimal Deutscher Krimipreis, dazu den Glauser und noch einige Preise mehr. Nicht viele Serien wurden so mit Preisen bedacht wie die in Bayern angesiedelte Reihe um den aufrechten Polizeiinspektor respektive Privatdetektiv. Eine beeindruckende Mischung aus Krimiplot und politischem Zeitkolorit, die nun im Jahr 1928 ihren würdigen Abschluss findet. Und einige der bekannten Figuren wie beispielsweise Major von Lindenfeld haben mal wieder ihre unsauberen Finger im Spiel.

Dabei scheint der Fall von Ignaz Rotter, mit dem sich Kajetan die Zeit bis zum erneuten Diensteintritt überbrücken soll, zunächst aussichtslos, denn dieser liegt bereits zehn Jahre zurück, wenngleich die damalige Beweisführung alles andere als sauber war.

»Keiner hat sich vorstellen können, dass der Ignaz so was hat tun können. Aber wies halt dann aufs Gericht gegangen ist und die Herren festgestellt haben, dass er sie doch erschossen hat, da haben dann viele gemeint, dass es wohl schon seine Richtigkeit haben wird. Die hohen Herrschaften haben das ja studiert, haben die Leut gesagt. Die sind eben gescheiter als unsereins.«

Der Plot wird im Wesentlichen in zwei Handlungssträngen erzählt. Da sind die Ermittlungen von Paul Kajetan im Fall Rotter und die Untersuchungen des Gustav Kull, der sich selbst an einer Stelle als »eingebildetes Arschloch« bezeichnet. Dies ist wahrlich keine Untertreibung, verschafft dem Roman aber herrliche Dialoge wie überhaupt der gesamte Erzählstrang durchweg unterhaltsam ist. Nicht nur, wenn der Ermittler aus Preußen (Kull aus Berlin) auf eine verschlossene Dorfgemeinschaft trifft. Wie die Handlungsstränge dann später zusammengeführt werden ist grandios und zum Finale gibt’s noch mal eine dicke Überraschung obendrauf; zumindest für Kajetan.

»Schon komisch, was? Schutzbund, Schutzstaffel – dauernd sind die Kerle sich am schützen. Müssen ja permanent in verschissenen Hosen herumlaufen. Wahrscheinlich haben sie sich deshalb die braune Farbe für ihre Uniform ausgesucht. Damit es nicht auffällt, wie ihnen die Kacke aus der Hose schwappt.«

Wie bei den vorangegangenen Fällen bietet Am Ende des Tages einige Einblicke in das politische Zeitgeschehen. So ist eine der wichtigsten Randfiguren Außenminister Gustav Stresemann und auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht spielen eine nicht ganz unwichtige Rolle. Alles in allem, großes Kino. Chapeau!

Jörg Kijanski, April 2013

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mikes zu »Robert Hültner: Am Ende des Tages« 29.03.2015
Ein großartiges Buch! Zwei scheinbar unzusammenhängende Kriminalfälle, zwei Ermittler, die unterschiedlicher kaum sein könnten, eine stringente Geschichte, deren Lösung sich einem erst auf den letzten Seiten erschließt, dazu jede Menge glaubhaftes und gut recherchiertes bayerisches Lokalkolorit der frühen Dreissigerjahre. Wer historische Krimis mag, kommt hier voll und ganz auf seine Kosten.
Ob dieses Buch wohl Kajetans Ende war? Man weiß es nicht so ganz genau. Jedenfalls aber würde man sich wünschen, dass Hültner vielleicht noch ein "Prequel" zu dem
schnodderig-überheblichen Berliner Ermittler Kull einfällt, der in diesem Buch m.W. zum ersten mal auftaucht.
Im übrigen seien allen, die sie noch nicht kennen, die weiteren Kajetan-Geschichten wärmstens an´s Herz gelegt, insbesondere "Walching" und "Die Godin". Für mich:90“!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Gudrun zu »Robert Hültner: Am Ende des Tages« 24.03.2014
Dies ist der erste Krimi von R.Hültner, den ich gelesen habe, aber nicht der letzte. Spannung von der ersten bis zur letzten Zeile. Zeitgeschichte, Dramatik, Komik im richtigen Mix. Ich bin sicher nicht der einzige Leser, der sich wünscht, Kajetan und Kull könnten sich irgenwann wieder über den Weg laufen ...
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Marius zu »Robert Hültner: Am Ende des Tages« 13.03.2013
Kajetans Ende

„Am Ende des Tages“ ist der letzte Auftritt des großartigen Inspektor Kajetan. Von Robert Hültner ersonnen machte sich der ebenso unbequeme wie unangepasste Ermittler erstmals vor zwanzig Jahren im Roman „Walching“ auf die Suche nach der Wahrheit. In München und Münchner Umland forschend kämpfte Kajetan immer um die Wahrheit, um nun in „Am Ende des Tages“ sein letztes Rätsel zu lösen. Nebenbei zeichnete Hültner in den Bücher die schwierige Werdung Bayerns vom Ersten Weltkrieg beginnend durch die Räterepublik hindurch bis in die Zeit des erstarkenden Nationalsozialismus ohne dabei seine Krimis zu vernachlässigen.
Ein Abgesang auf den Protagonisten Kajetan ist das Buch dennoch nicht geworden, denn Hültner installiert parallel zu dem Münchner Kommissar den preußischen Versicherungsermittler Kull, der zeitgleich zu Kajetan den Absturz eines Flugzeugs in den Alpen untersuchen soll.
Kajetan verbeißt sich in München im Fall des im Zuchthaus einsetzenden Ignaz Rotter, der seine Frau auf einem abgelegenen Hof getötet haben soll, während sich bei Kull die Zeichen mehren, dass es bei dem Absturz in den Alpen mitnichten um einen einfachen Unfall ging.
Natürlich ahnt der Leser recht bald, dass die beiden Fälle der nicht gerade stromlinienförmig gebauten Ermittler irgendwie aneinander geknüpft sein müssen – doch wie sie das sind offenbart sich erst am Ende des Buchs.
Neben der wirklich gut konstruierten Handlung ist die Stärke Hültners auch sicherlich seine Fähigkeit glaubhafte Dialoge zu schreiben. Diese nehmen einen großen Teil des Romans ein und zeigen einen Autor, der dem Volk noch auf's Maul schaut, um einen Allgemeinplatz zu gebrauchen. Bei Hültners Schreibe finden sich ebenso Anleihen vom traditionellen Bauerntheater wie auch von bayerischen Dramatikern vom Schlage eines Franz Xaver Kroetz. Mit einer spannenden und gut konstruierten Rahmenhandlung verknüpft wird so aus dem Buch wirklich ein ausnehmend guter Roman, an dessen Ende man es fast bedauert, dass dies Kajetans wahrscheinlich letzter Auftritt war.

Um es kurz zu machen: „Am Ende des Tages“ ist große Krimikunst. Handwerklich sauber geschrieben, von einer Fülle von zeitgeschichtlichen Informationen durchwirkt und nicht zuletzt Kajetan ein würdiges Ende bereitend. So ist der Roman leider höchstwahrscheinlich das letzte Glied in einer Kette von herausragenden Romanen, die weit über einen schieren Histo- oder Regio-Krimi hinausweisen. Dennoch: Packender kann man Zeitgeschichte nicht erzählen!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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