Pompeji von Robert Harris

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Pompeii, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Heyne.
Ort & Zeit der Handlung: Italien, -800 - 699 (Antike).

  • London: Hutchinson, 2003 unter dem Titel Pompeii. 341 Seiten.
  • München: Heyne, 2003. Übersetzt von Christel Wiemken. 378 Seiten.
  • München: Heyne, 2005. Übersetzt von Christel Wiemken. 378 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2006. Übersetzt von Christel Wiemken. ISBN: 978-3828987685. 378 Seiten.
  • München: Heyne, 2007. Übersetzt von Christel Wiemken. ISBN: 978-3-453-72148-7. 384 Seiten.
  • Wien: Ueberreuter, 2007. Übersetzt von Christel Wiemken. Großdruck. 543 Seiten.
  • München: Heyne, 2009. Übersetzt von Christel Wiemken. 384 Seiten.
  • Hamburg: Zeitverlag Bucerius, 2010. Übersetzt von Christel Wiemken. 304 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2004. Gesprochen von Jürgen Tarrach. 6 CDs.

'Pompeji' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Im Sommer des Jahres 79 n. Chr. kommen wie eh und je die Reichen und Schönen aus Rom in den Süden, um in ihren Villen am Meer Feste zu feiern und Intrigen zu spinnen. Doch dann bebt die Erde, und der mächtige Aquädukt Aqua Augusta, der das Wasser von den Hängen des Vesuv zu den Küstenstädten führt, versiegt. Die Vorboten einer ungeheuren Katastrophe legen sich wie ein Schatten über die Idylle. Attilius, aus Rom entsandter neuer Wasserbaumeister, muss den Schaden beheben. Die Zeit drängt. Wasser bedeutet nicht nur Leben, sondern für den skrupellosen Geschäftsmann Ampliatus vor allem Geld und Macht. Ausgerechnet dessen Tochter Corelia deckt eine Verschwörung auf und bittet Attilius um Hilfe. Die beiden werden eingeschüchtert und bedroht, aber die wahre Bedrohung können sie sich so wenig ausmalen, wie Millionen andere Küstenbewohner. Attilius eilt nach Pompeji einer Apokalypse entgegen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Keineswegs das von der Werbung behauptete Literaturereignis, aber immerhin eine spannende, lesenswerte Geschichte« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Nur wenige Tage nach seiner Ankunft in der süditalienischen Hafenstadt Misenum wird der junge Marcus Attilius Primus auf eine harte Probe gestellt. Aus Rom hat man den Wasserbaumeister in die Provinz geschickt, um dort die Aqua Augusta zu warten. Der gewaltige Aquädukt versorgt gleich neun Städte im Umfeld des Berges Vesuv mit dem nötigen Wasser. In der heißen und trockenen Region stellt er die Lebensader dar.

Doch in diesem August 79 n. Chr. versiegt die Aqua Augusta plötzlich. Eine Katastrophe für besagte Städte, aber auch für Attilius’ Karriere, bekommt er das Problem nicht umgehend in den Griff. Gaius Plinius, der Befehlshaber der römischen Westflotte, die in der Bucht von Neapel stationiert ist, fordert umgehend Abhilfe. Der fähige Politiker und berühmte Universalgelehrte fürchtet den Zorn des jungen Kaisers Titus, der auf Zwischenfälle wie diesen gewalttätig zu reagieren pflegt.

Zeichnet sich ein neuer Ausbruch des Vesuvs ab?

Aber in Plinius gewinnt Attilius trotzdem einen Verbündeten. Der junge Mann fasziniert ihn mit einer gewagten Theorie: Der Aquädukt muss unterhalb des Vesuv gebrochen sein. Seit vielen Jahren schweigt dieser Vulkan. Immer näher sind ihm die Siedlungen gekommen. Zeichnet sich jetzt ein neuer Ausbruch ab? Plinius findet gewisse Anzeichen. Attilius soll vor Ort die Situation prüfen und natürlich die Wasserleitung reparieren.

Mit seinem Team macht sich der Wasserbaumeister nach Pompeji auf. In Sichtweite des Vulkans beunruhigen seit einiger Zeit leichte Erdstöße die Bevölkerung. Die korrupte Stadtregierung fürchtet allerdings eher die Aufdeckung der Tatsache, dass sie seit langer Zeit im Bund mit Attilius’ Vorgänger die Aqua Augusta heimlich anzapfen lässt. Sie trägt daher Sorge, dass der Wasserbaumeister Misenum nicht mehr erreicht. Der geplagte Mann merkt bald, dass er um sein Leben fürchten muss, doch diese Erkenntnis ist nichts gegen die Entdeckung, dass der Vesuv kurz vor einem gewaltigen Ausbruch steht. Alle Warnungen kommen zu spät, und so nimmt das apokalyptische Geschehen seinen Lauf …

79 n. Chr. – Nicht nur die Zahl der Opfer förderte die Überlieferung

Obwohl auf unserer Erde eine erkleckliche Anzahl ruhender und tätiger Vulkane existiert, gibt es eigentlich nur zwei historische Ausbrüche, die sich in die Annalen förmlich eingebrannt haben. Der eine ereignete sich 1883, als die indonesische Insel Krakatau in die Luft flog und 36.000 Menschen in den Tod riss; der Knall war noch in vielen tausend Kilometern Entfernung vernehmbar.

Der andere war die Eruption des Vesuv 79 n. Chr. Nicht nur die Zahl der Opfer förderte die Überlieferung. Die Katastrophe ereignete sich praktisch im Herzen des Römischen Reiches, d. h. in einem bemerkenswert zivilisierten Land, und vernichtete blühende Metropolen. Deshalb sie wurde zur Kenntnis genommen, genau untersucht und beschrieben. Fast zwei Jahrtausende später kam unter der erstarrten Lava und Asche zudem das nicht vollständig vernichtete, sondern vor allem verschüttete Pompeji wie aus einer Zeitkapsel wieder zum Vorschein und enthüllte eine buchstäblich versunkene antike Welt.

Schnappschuss einer Geschichte, unbeschreibliche menschliche Dramen

Pompeji war wieder im Munde der Zeitgenossen. So ist es bis heute geblieben; die ausgegrabenen und konservierten Ruinen können besichtigt werden. Sie bilden den Schnappschuss einer Geschichte, der am 24. August 79 abrupt fixiert wurde. Dabei spielten sich unbeschreibliche menschliche Dramen ab, von denen wir ebenfalls wissen: Immer wieder fanden die Archäologen in den Trümmern von Pompeji Hohlräume. Ausgegossen mit Gips stellten sie sich als Negativabdrücke von Leichen dar – Bürger der Stadt, die von der Lava oder der heißen Asche überrascht und im Augenblick ihres gewaltsamen Todes detailgetreu konserviert wurden. Wer diese gruseligen Abgüsse einmal gesehen hat, vergisst sie nicht mehr.

Die Präsenz der Katastrophe und der mit ihr verbundenen Schicksale bilden die eine Quelle, aus der Robert Harris schöpfen kann. Dazu kommt die historische Bedeutung des Ereignisses. Zumindest innerhalb ihrer Grenzen fühlten sich die Römer als Herren der Welt. Militärisch waren sie stark, aber Technik und Wissenschaft gediehen ebenfalls. Die Aqua Augusta war nur Teil eines ausgeklügelten Systems von Aquädukten, die Wasser noch in die entferntesten, unwirtlichsten Regionen des Reiches brachten und dadurch dessen Besiedlung und Expansion überhaupt erst ermöglichten.

So etwas konnte doch im Imperium einfach nicht geschehen!

Der römische Mensch hatte sich scheinbar die Natur untertan gemacht und war stolz darauf. Aus solchem Stolz erwuchs zu allen Zeiten Überheblichkeit, was zur Fehleinschätzung von Situationen führte, selbst wenn man es besser wissen müsste. Obwohl die Naturwissenschaft im ersten nachchristlichen Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte, wussten römische Forscher – hier repräsentiert durch den historischen Plinius – schon einiges über mögliche Ursachen und vor allem Vorzeichen für Erdbeben und Vulkanausbrüche. Es wollte nur niemand wirklich wissen, denn so etwas konnte doch im Imperium einfach nicht geschehen!

Die Trägen und Selbstgerechten wurden eines Besseren belehrt – und schwer erschüttert. Wie konnten die Götter Pompeji untergehen lassen? Nie mehr wurde dieses Naturereignis vergessen. Zwar siedelten Menschen wieder am Vesuv, aber sie achteten nunmehr besser auf warnende Vorzeichen. Eine Katastrophe wie die von 79 ist daher trotz neuerlicher Ausbrüche ausgeblieben.

Harris erzählt eine spannende, vorzüglich recherchierte Story

Eine starke Kulisse hat sich Robert Harris klug für seine Geschichte ausgesucht. Diese füllt den Rahmen freilich nur bedingt aus, wie die Kritik moniert. Ob man ihr zustimmt, kommt auf den Standpunkt an. Harris erzählt eine spannende, vorzüglich recherchierte Story. Er rekonstruiert die zeitgenössische römische Welt mit enormer Anschaulichkeit. Fragt sich nun, ob das schon den eigentlichen Zweck erfüllt: zu unterhalten nämlich.

Diese Intention schein für einen Harris-Roman zu wenig zu sein. Seit »Fatherland« (1992, dt. »Vaterland«) ist Robert Harris ein Bestsellerautor. Dies soll er für die Verlagswelt tunlichst bleiben, so dass jedes neue, potenziell einträgliche Werk von einem unerhörten Werberummel begleitet wird. Kein Harris-Werk nach »Vaterland« rechtfertigt diesen Aufwand wirklich, aber alle sind sie auf die Bestsellerlisten gepusht worden. »Pompeji« ist da keine Ausnahme.

Harris liefert alle erforderlichen Fakten – als Element der Handlung

Macht man sich frei von der Vorstellung, ein »bedeutender« Autor verkaufe sich dieses Mal unter Wert, und akzeptiert die Realität, dass Harris ein guter Handwerker, aber nicht mehr ist, bereitet die Lektüre von »Pompeji« viel Vergnügen. Harris kennt sich aus, er benutzt (oder missbraucht) die Vergangenheit nicht als exotische Staffage. Seine Erzählung kann sich so nur am Golf von Neapel Anno 79 ereignen. Dem Leser ist das bald klar. Von Geschichte muss er (oder sie) keine Ahnung haben. Harris liefert alle erforderlichen Fakten – wiederum als Element der Handlung.

Der Ton ist nüchtern, fast sachlich. Die Ereignisse sprechen ohnehin für sich. Eine schmalzige Lovestory zwischen prasselnden Magmabrocken bleibt fast gänzlich aus. Sie existiert in Ansätzen, wirkt aber eher jenen Teilen des Publikums geschuldet, die angeblich darauf bestehen. Dem apokalyptischen Geschehen eingeflochten ist weiterhin ein kriminalistischer Subplot. Der wäre allerdings tatsächlich nicht unbedingt nötig gewesen, aber gab es nicht auch auf der sinkenden Cameron-»Titanic« eine Verfolgungsjagd samt Schießerei ...?

Auch in »Pompeji« regiert ab Seite 291 nur noch der Vesuv

Es gibt da halt das traditionelle Problem des Katastrophenromans (oder -films): Das Geschehen spitzt sich auf den buchstäblichen finalen Knall zu, darf sich aber nicht darauf beschränken, weil selbst ein Vulkanausbruch keine mehrhundertseitige Handlung allein tragen kann. Seit jeher müssen daher Intrigen, Liebesgeschichten und ähnliche zwischenmenschliche Verwicklungen das Publikum bei Laune halten, das indes mit steigender Ungeduld auf das versprochene Inferno wartet. Bricht es dann herein, werden die bisher verfolgten Handlungsstränge Nebensache. Auch in »Pompeji« regiert ab Seite 291 nur noch der Vesuv. Er schürzt den Handlungsknoten bzw. löst die meisten Figuren in heißer Lava auf. Irgendwann verlässt die Geschichte die beiden Hauptdarsteller; ihr Schicksal ist nicht mehr wichtig angesichts des gewaltigen Untergangs-Panoramas.

Salopp lässt es so ausdrücken: Weil der Vesuv die eigentliche Hauptfigur ist, konnte sich Verfasser Harris die Arbeit an den menschlichen Protagonisten einfach machen. Oder fällt es nur Ihrem Rezensenten auf, dass Wasserbaumeister Attilius eine leicht variierte Version des Film-»Gladiators« Maximus ist? Freilich war bereits der ein Bündel personifizierter Klischees: ein durch und durch redlicher, unbestechlicher Mann mit erzharten ethischen Grundsätzen, der sich so beim verderbten Establishment unbeliebt macht und um sein Leben kämpfen muss, während er gleichzeitig eine wichtige Mission erfüllt. Dies ist in diesem Fall ganz klassisch die Rettung einer schönen Frau. Eine weitere Parallele: Auch Attilius hat gar tragisch seine Familie verloren und ist ein gebrochener Mann, bis ihn eine neue Liebe aus seinem Elend erlöst.

Zu ihrem Pech kann uns die schöne Corelia mit Attraktionen nicht ablenken

Nicht gerade ein Charakter mit Ecken und Kanten. Glücklicherweise geht Attilius einem interessanten Job nach und reist an gefährliche Orte. Zu ihrem Pech kann uns die schöne Corelia mit solchen Attraktionen nicht ablenken. Ihr bleibt nur die – immerhin zeittypische – Rolle der aufmüpfigen jungen Frau mit Grips in einer chauvinistischen Männer-Gesellschaft. Sie darf sich hier und da gegen den bösen Vater auflehnen und geistige Selbstständigkeit demonstrieren, aber es kommt dann doch der Punkt, an dem sie männliche Rettung – hier durch Attilius – warten muss.

Ein Spiel wie dieses benötigt natürlich einen Bösewicht. Da haben wir die im antikrömischen Ambiente stets beliebten dekadenten Adligen, die es sich auf Kosten des Volkes und vor allem unzähliger Sklaven gut gehen lassen, schlemmen, saufen, kleine Jungs notzüchtigen und was der Durchschnittsamerikaner sonst noch seinem Bild vom sittenlosen (Alt-)Europa einfügt. Über diesen Geisterbahn-Ganoven thront der gerissene Ampliatus, dem Harris jedoch echte Tiefe verleihen kann: Der Ex-Sklave wird nicht von einem diffusen »Drang zum Bösen«, sondern von seinen Komplexen getrieben, die ihn seine traumatisierende Vergangenheit nicht vergessen lassen. Leider lässt ihn Harris zu schlechter Letzt wahnsinnig werden, was die tragische Ambivalenz dieser Figur umgehend in Vergessenheit geraten lässt.

Hollywood liebt keine vielschichtigen Charaktere …

Die eigentliche Hauptfigur ist deshalb Gaius Plinius. Hier zeichnet Harris das überzeugende Bild eines Genies mit menschlichen Schwächen am Ende seines Lebensweges. Plinius ist alt und krank, der neue Kaiser mag ihn nicht und wird ihn kaltstellen. Doch über alle Alltagsprobleme ist Plinius erhaben, sobald sich ihm ein wissenschaftliches Problem stellt. Er ist ein Universalgelehrter, was aufgrund des zeitgenössischen Wissensstandes noch möglich war: Plinius speichert in seinem Hirn quasi das gesamte bekannte Wissen seiner Zeit – und er zögert niemals dazuzulernen. Deshalb stürzt er sich umgehend auf die Chance, einen Vulkanausbruch aus der Nähe zu beobachten, und er klagt nicht, als er bemerkt, dass es ihn das Leben kosten wird.

Es wäre schön, hätte Harris mehr »plinianische« Figuren geschaffen, aber vermutlich wäre dies für ihn mit Mehrarbeit verbunden, wenn er daran geht, aus »Pompeji« ein Filmdrehbuch zu machen (was er zweifellos schon während der Romanniederschrift berücksichtigt hat); Hollywood liebt keine vielschichtigen Charaktere …

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Biscuter zu »Robert Harris: Pompeji« 04.07.2009
Das Buch lebt in erster Linie vom historischen Rahmen: das Leben im antiken Italien am Golf von Neapel und der Ausbruch des Vesuv. Diese Thzematik hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen.
Auch wenn einzelne Elemente vorkommen, die man dem Krimi-Genre zuordenen kann, würde ich dieses Buch dennoch nicht in erster Linie als Krimi bezeichnen, sondern eher als historischen Roman und es gehört meiner Ansicht nach nicht unbedingt hierher.
Die Story an sich ist jedenfalls recht bieder und einfach gestrickt und das Ende hat wirklich was von Hollywood.
HerrHansen zu »Robert Harris: Pompeji« 24.06.2009
Ein Wahnsinnsbuch!
Man hat fast das Gefühl das Buch in "Echtzeit" zu lesen. Harris gelingt es den Leser in seinen Bann zu ziehen, obwohl jeder das Ende schon kennt - es ist halt wie mit der Titanic, das Ende ist bekannt, aber der Weg dorthin kann spannend sein.

Für denjenigen, der dann auch die Ruinen von Pompeji und den Vesuv aus dem Urlaub kennt, lohnt sich dieses Buch auf jeden Fall.
Andrea Schütze zu »Robert Harris: Pompeji« 23.05.2009
Robert Harris, Pompeji. Roman, Heyne-Verlag, München 2003, 4. Aufl. 2004, ISBN 3-453-87748-9, 381 S., Abb. 1, 20,- €.

Die Handlung von Robert Harris´ „Pompeji“ beginnt zwei Tage vor Ausbruch des Vesuvs am 22. August 79 n. Chr. um 04.21 Uhr und endet am 25. August 79 n. Chr., dem letzten Tag des Ausbruchs, gegen 07.57 Uhr. Innerhalb dieses engen Zeitrahmens entfaltet sich auf knapp 400 Seiten eine sehr rasant geschriebene Geschichte.

Das Ende der Geschichte ist durch die Historie Pompejis und der weiteren versunkenen Städte am Vesuv bereits vorgegeben. Das Schicksal zahlreicher Protagonisten, die Harris ins Spiel bringt, ist für den Leser bereits zu erahnen bevor sich die Charaktere überhaupt einer Gefahr ausgesetzt sehen, wie beispielsweise der Bordellbesitzer Africanus und seine alternde Prostituierte Smyrina, die von besseren Zeiten träumt, oder der ehemalige Gladiator Brebix, der das Töten satt hat. Der Leser rückt damit in eine andere, den handelnden Personen überlegene Position. Er kennt das Ende bereits am Anfang, er weiß um das drohende Unheil, das den Charakteren vollkommen unvorstellbar wäre, auf das sie aber geradewegs zusteuern, während sie sich noch ihres Lebens freuen oder mit ihrem Schicksal hadern. Vorhersehbarkeit kennzeichnet auch das Handlungsmuster, das dem Strickmuster vieler Katastrophen-Filmen zu gleichen scheint, unabhängig davon, ob Vulkane ausbrechen, Staudämme brechen, Erdbeben oder Stürme ganze Städte verwüsten oder Meteoriten die Erde bedrohen - in ihrem Aufbau gleichen sie sich alle.
Eingebettet in den digitalen Zeitrahmen, den Harris römischer Datierung und Zeitmessung gegenübersetzt, steht im Zentrum der Wasserbaumeister (Aquarius) Attilius. Durch den Tod seiner Frau geprägt, äußerst kompetent, aber noch nicht sehr erfahren und jung - für viele zu jung - wird er zur Instandhaltung der großen Wasserleitung Aqua Augusta nach Misenum versetzt, die Kampanien mit lebenswichtigen Wasser versorgen soll. Unterstützung erhält Attilius durch den alternden Naturwissenschaftler Plinius – auch dessen tragisches Schicksal ist dem Leser bekannt. Beide sehen sich zunächst einem scheinbar rein technischen Problem in der Wasserversorgung der Aqua Augusta gegenüber, die ihre Dienste versagt, bis sie den wahren Grund erkennen. Hilfe erhält Attilius auch durch Corelia. Zwischen beiden entsteht eine unglückliche Liebesbeziehung, die ohne Zukunft scheint, denn sie ist die Tochter des aufgestiegenen und zwielichtigen Freigelassenen Ampliatus, der in Pompeji inoffiziell alle Macht in Händen hält und auch die Ratsherren nach seinem Willen tanzen lässt. Ein tödlicher Gegner erwächst Attilius zusätzlich in Corax, der selbst auf den Posten des Attilius spekuliert hatte und nur auf seine Gelegenheit wartet. Zwischen diesen Polen der langsamen Erkenntnis der Gefahr und ihrer durch Korruption und Geldgier verhinderten Abwehr zieht sich ein roter Faden bis am 24. August 79 n. Chr. die Welt nie mehr so werden wird, wie sie war…

Trotz der klaren Vorhersehbarkeit versteht Harris den Leser bis zum letzten Buchstaben zu fesseln. Einzelne Charaktere mögen ihm zu plakativ geraten sein, wie etwa die Hässlichkeit der Bösen, oder in ihrer Mentalität zu modern, wie beispielsweise Attilius und einige andere, die Gewalt verabscheuen und denen viel vom religiösen Denken der Römer mit ihrem Aber- und Vorzeichenglaube fehlt. Hier wirkt einiges zu modern, zu sehr von heute gedacht und in die Antike versetzt. Beispielsweise dürfte auch die Vorstellung von einer Explosion dem Römer, der zwar „fractiones“ (Bersten) oder „eruptiones“ (Ausbrüche) kannte, fremd gewesen sein. Denn die Wirkung einer Sprengung, wie sie eine Explosion hervorruft, ist eine moderne Erfahrung. Vieles im Buch erinnert an moderne Filme vom bekannten Handlungsmuster (s.o.) bis zu schnellen Szenenschnitten. Als besondere Stärke von Harris, die über manches angesprochene Problem hinwegfegt, erscheint die Erzählperspektive, die den Leser einmal ins Innerste der Personen hineinkriechen lässt und ihn – gerade am Schluss, als das Schicksal der einzelnen Protagonisten in diesem Unglück angeführt wird – wie mit einer Kamera sehr schnell und sehr hoch über alle Szenerien hinaufzieht. Damit werden beim Leser durch die Filme vorgebildete visuelle Vorstellungen wachgerufen und die Spannung eines Actionfilmes erzeugt.

Das Buch ist allerdings nicht nur ein Actionreißer, sondern auch sehr interessant komponiert und sehr gut recherchiert (davon zeugt nicht zuletzt die am Ende angeführte Literaturliste und die erwähnte wissenschaftliche Unterstützung). Neben einem horizonterweiternden Einblick in das System römischer Wasserleitungen begegnen interessante Kompositionen: Das System der Vorhersehbarkeit zeigt sich an verschiedenen Stellen, wie des verschränkten Aufeinandertreffens von Antike (die eigentliche Vergangenheit), die unwissend ihre Zukunft bis zum Ausbruch noch vor sich hat und Moderne (die eigentliche Zukunft), die wissend bis zum Ausbruch in die Vergangenheit zurückblickt. Weiter auch im Aufeinandertreffen von antiker und moderner Datierung und Zeitmessung, oder der Tatsache, dass Harris jedes Unterkapitel mit einem Abschnitt moderner Vulkanologie einleitet, der kontinuierlich die wissenschaftliche Diagnose zu den in der Handlung beschriebenen Symptomen liefert, die einem Ziel zusteuern - dem Ausbruch des Vesuv 79 n. Chr.

Kompositorisch interessant und sicherlich nicht zufällig ist Harris´ Auswahl eines Aquarius als Helden der Geschichte. Eine der größten Leistungen der Römer, die eine kulturelle Revolution einläutete, war nicht die Errichtung riesiger Grenzwälle und glänzender Tempelanlagen, sondern die Erfindung des Rundbogens, die den Römern geniale Leistungen auf dem Gebiet der Architektur und Ingenieurskunst ermöglichte. Für das, was die Römer in Form von riesigen Aquädukten und Brücken (die selbst über reißende Flüsse wie die Donau führten) bewerkstelligten, muß ihnen bis heute Respekt gezollt werden. Hier hat sich wie auf kaum andere Weise die allmächtige Größe Roms manifestiert, in der Bezwingung der ungezügelten, chaotischen und ungeordneten Natur durch römische Ordnung. In diesem Ausdruck von Ordnung und Regelung artikulierten die Römer nicht zuletzt ihren Anspruch auf Weltherrschaft, wie dies auch in der berühmten Aeneis des römischen Dichters Vergil anklingt. Hier finden wir also nicht nur das Aufeinandertreffen der antithetischen Motive Feuer (Vulkan) und Wasser (Aquädukt), sondern auch das Aufeinandertreffen von Zivilisation und Chaos, von menschlicher Ohnmacht und übermächtiger Naturgewalt.

Andrea Schütze
Yvonne Gruich zu »Robert Harris: Pompeji« 20.10.2008
Ich habe das Buch von Harris gelesen bin bin vollauf begeistert. Die Beschreibungen von den einzelnen Phasen des Vesuvs sind sehr überzeugend formuliert. Dieses sehr erschütterne Ereignis in einen spannenden Krimi zu verfassen verlangt schon sehr viel Kenntnisse. In Geschichte kann ich mir dieses Wissen zu Nutze machen. Wer kann schon lagen das er weiß was Plinus gemacht hat.
gowron zu »Robert Harris: Pompeji« 23.10.2007
Hallo,

Robert Harris ist ein absoluter Meister, wenn es darum geht, spannende Krimis in eine historische Umgebung zu verpacken und dabei gleich die Lebensumstände dieser Epoche mitzuliefern.

Sehr gut gelingt ihm das auch in "Pompeji". Die Geschichte spielt im Jahre 79 in Pompeji zur Zeit des Ausbruchs des Vesuv. Harris fängt hervorragend die Machtverhältnisse, Intrigen und Spiele im römischen Reich ein und verpackt sie in eine Story, die bis zum letzten Moment spannend bleibt.

Kleines Manko ist, dass das Buch für meinen Geschmack zwar sehr gut anfängt, am Ende aber etwas zu sehr die Handlung eines Katastrophenfilmes annimmt. Aufgrund des sehr starken Anfangs enttäuscht das ein wenig. Spannend ist die Hetzjagd in der zweiten Buchhälfte allemal. Der Leser kommt kaum zum Atmen. Die Genialität von Harris, die vor allem darin besteht, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen, zeigt sich aber fast nur in der ersten Hälfte.

Dennoch ist "Pompeji" eines seiner besten Werke und unbedingt lesenswert.

Viele Grüße,

Gowron.
Dr. DI Harald Eichendorf-Hitze zu »Robert Harris: Pompeji« 25.03.2007
also fand das buch sehr kurzweilig, hatte keinerlei probleme mich in die hauptperson rein zu versetzen, war sehr interessant und vor allem spannend beschrieben. kann allerdings interessierten das buch "imperium" besser empfehlen, da darin die genauen hintergründe des systems im alten rom besser beschrieben sind. fand aber die thematik des buches sehr interessant und kann es auf jeden fall nur weiterempfehlen.
bianco-elefante zu »Robert Harris: Pompeji« 15.10.2005
Spannung pur. Mir hat das Buch sehr gut gefallen, vor allem die spontanen Übergänge von einem der "Helden" zum anderen, ist Harris genial gelungen. Für mich war der Aussgang dieses Romas nicht gleich von vorne herein klar, aber man wird doch noch sehr positiv überrascht. Auch wenn man die Gegend um den Vesuv und Pompeji kennt, ist dieser Roman ein wahres Prachtstück, denn man kann sehr gut vergleichen und dich in die Geschichte hineinversetzten.
Eine glatte Note 1 für dieses spannende Werk
Philipp zu »Robert Harris: Pompeji« 18.05.2005
Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Obwohl man weiß wie das Buch wahrscheinlich ausgehen wird, hat es Harris spannend und auf keinem Fall langweilig geschildert. Am Anfang habe ich mich nicht sehr für die römische Geschichte interessiert aber nachdem ich jetz dieses Buch gelesen habe fasziniert sie mich sehr.
Rudolf zu »Robert Harris: Pompeji« 02.05.2005
Der Climax dieses Buches ist sicherlich nicht auf den zu erwartenden Ausbruch des Vulkans angelegt, sondern eher darauf, mit dem literarischen Mittel "Wechsel des Schau- platzes" Spannung zu erzeugen, was Harris mit dem Spiel von Macht, Ehrgeiz, Korruption, Aufrichtigkeit (Held!), Überheblichkeit, Ignoranz etc. entfaltet. Meine Meinung : spannend, lehrreich, detailgetreu, anschaulich - ein Buch, das man nicht gleich wieder vergisst.
Mari zu »Robert Harris: Pompeji« 28.04.2005
Ich habe das Buch zwar noch nicht ganz zuende gelesen, aber ich finde es trotzdem ziemlich gut... Da ich auch schon selbst in Pompeji war und die ganzen Ruinen gesehen habe, finde ich es jetzt erst recht interessant zu lesen, wie das alles kam...

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