Leben heisst jagen von Robert Goddard

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1989 unter dem Titel Painting the darkness, deutsche Ausgabe erstmals 1991 bei Schweizer Verlagshaus.

  • London: Bantam, 1989 unter dem Titel Painting the darkness. 448 Seiten.
  • Zürich: Schweizer Verlagshaus, 1991. ISBN: 3726366288. 504 Seiten.
  • München: Goldmann, 1993. ISBN: 3-442-41195-5. 503 Seiten.
  • München: Goldmann, 1994. ISBN: 3-442-43006-2. 503 Seiten.

'Leben heisst jagen' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

London 1882: Ein aus dem Nichts auftauchender Fremder behauptet, der rechtmäßige Erbe einer reichen englischen Adelsfamilie zu sein. In enem Gerichtsprozess um seine Identität wird kein Mitglied dieser Familie verschont, werden die intimsten Geheimnisse der englischen Oberschicht ans Licht gezerrt.

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Livia zu »Robert Goddard: Leben heisst jagen« 22.01.2005
Ich lebe in England, und zwar nur wenige Meilen vom ehemaligen Asylum in Ticehurst, heute ein privates Psychiatrisches Krankenhaus der Priory Gruppe, das sich rühmt das älteste Privatsanatorium Englands (Ende 18. Jh) zu sein.

Da eine Freundin und Nachbarin von mir es mir geliehen hat mit dem Vermerk daß das Asylum von Ticehurst in Goddards Buch "Leben heißt Jagen" eine Rolle spielt, habe ich es mit besonderem Interesse zu lesen begonnen und mich gehütet, irgendwas von der Inhaltsangabe auch nur zu überfliegen. Goddards Sprache ist wie eine feine Zeichnung, er schildert wie die besten Autoren aus dem inneren Erlebnis heraus - innere und äußere Eindrücke werden in den ersten Kapiteln oft so verwoben daß man das Gefühl bekommt, das Geschehen selbst zu erleben.

Da ich Bestsellerromane nur selten lese, bin ich fast bis zur Mitte des Buches gelangt, bevor die Gesichte sich mehr als ein konstruiertes Werk denn als Schöpfung zu entlarven begann.

Es enthält für mich seinen Wert nicht so sehr aus der Spannung (zugegeben, zwei halbe Nächte hab ich geopfert), vielmehr aus der authentischen Atmosphäre der damaligen Zeit vor 120-130 Jahren, aus den soliden Charakterzeichnungen und dem ewig sich wandelnden Standpunkt der "Kamera" - man merkt, daß der Author durchaus in Filmszenen denkt.

Der Erzähler sieht mit den Augen der diversen Hauptpersonen - und deren gibt es gleich vier. Das gibt dem Leser ein wunderbares Gefühl von Urteilsfreiheit und Gelegenheit zur Identifikation. Dabei sind Goddards Gestalten nie ganz schwarz oder weiß gezeichnet. Die Verwicklungen sind nicht so sehr in "Action" erzählt, vielmehr in nach und nach auftauchenden Erinnerungen, da in dieser Geschichte die Vergangenheit die Gegenwart angreift, bekämpft, und schließlich und schlußendlich in einem klassischen Melodram überwindet.
Wer damit leben kann, lebt – wer nicht, stirbt. Man fragt sich oft, wer die Macht in Händen hält – die Lebenden oder die Toten? Totgeschwiegen oder verleugnet, einerlei, solange sich jemand erinnert, sind die Toten ja doch niemals gänzlich tot...
wenn sie überhaupt gestorben sind...

Auch die zahlreichen Nebengestalten haben jeweils ihren eigenen Charakter der - und da leuchtet die Geschichte oft hinein - durch ihre Herkunft wie auch ihre Erlebnisse geformt und manchmal verhärtet ist.

"Leben heißt Jagen" ist mir ein unverständlicher Titel - wüßte nicht, was er mit der Geschichte zu tun hat, aber das englische Original, "Painting the Dark", also “Wenn man das Dunkle malt“, trifft den Kern - Vergangenheit kommt wieder und blickt allen, die vom tragischen Verschwinden des jungen Bräutigams James Davenall berührt worden sind, ins Gesicht.

Davenall verschwand wenige Tage vor seiner Hochzeit, zehn Jahre zuvor. Er hinterließ einen Abschiedsbrief aber keine Erklärung; seine Leiche wurde nie gefunden. Seine junge liebende Braut Constance (Constance heißt im englischen übrigens Beständigkeit) konnte ihn trotz einer späteren Ehe mit dem biederen William Trenchard und einer mittlerweile vier Jahre alten Tochter (ihr Name ist Patience, d.h. Geduld) nie vergessen.

Nach einer fast balladenartigen Einleitung - indem kleine, nebensächliche vergangene Szenen und die Erinnerungen und Gedanken die William beziehungsweise Constance damals gehabt haben, heraufbeschworen werden, um mit der Phrase zu enden: "doch darin, wie in manchem anderen, irrte er (sie) sich" - beginnt Williams Tagebuch an einem sonnigen Abend, als vor der Gartentür unangemeldet ein ihm fremder Mann erschien...

Da ich mittlerweile ein zweites, späteres Buch Goddards (mit weit weniger Vergnügen) gelesen habe, weiß ich wie er Winkelzüge liebt. Nichts ist bedeutungslos; hinter allem steckt etwas anderes, und Vergangenheit und Gegenwart, inneres und äußeres Erleben sind unauflöslich verwoben, mögen die handelnden Personen noch so sehr versuchen, den Konsequenzen ihrer früheren Handlunsweise zu entfliehen.

Obwohl der Roman fiktiv ist, ist Goddard das, was er sich als Engländer und ein in Cambridge ausgebildeter Historiker schuldig ist: ehrlich. Er hat sicherlich ähnliche Begebenheiten gründlich recherchiert, und seiner Phantasie in diesem seinem dritten Roman – mittlerweile sind insgesamt 15 erschienen - nicht zu freien Lauf gelassen. Das Gewebe ist reich, zugegeben, aber die Enden sind sauber verarbeitet - alles macht letztendlich einen Sinn und die Geschichte klingt aus wie sie begonnen hat, nach der Art einer Ballade, mit dem Refrain:
... aber dessen, wie auch vieler anderen Dinge, waren sie sich nicht bewußt."

Ich kann dieses hintergründige Buch allen, besonders aber den Anglophilen unter uns, bestens empfehlen.
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