Gefangen im Licht von Robert Goddard

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Caught in the Light, deutsche Ausgabe erstmals 1999 bei Bertelsmann.

  • London: Bantam, 1998 unter dem Titel Caught in the Light. 346 Seiten.
  • München: Bertelsmann, 1999. Übersetzt von Elke vom Scheidt. ISBN: 3-570-00179-2. 414 Seiten.
  • München: Goldmann, 2001. Übersetzt von Elke vom Scheidt. ISBN: 3-442-45035-7. 414 Seiten.

'Gefangen im Licht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Für den englischen Photographen Ian ist es Liebe auf den ersten Blick. In Wien verbringt er mit der schönen Unbekannten, die sich Marian Esguard nennt, eine Woche voller Leidenschaft. Die beiden beschließen, zusammen ein neues Leben zu beginnen. Aber dann taucht Marian zu dem vereinbarten Wiedersehen nicht auf. Als Ian sie zu suchen beginnt, muß er feststellen, dass die echte Marian Esguard vor über hundert Jahren starb. Doch wer war die geheimnisvolle Schöne, die sich in Wien ganz in Rot kleidete?

Das meint Krimi-Couch.de »Ein gediegener Rache-Thriller voller unerwarteter Wendungen« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ein Engländer in Wien – ursprünglich nicht der Liebe, sondern der schönen Bilder wegen, denn Ian Jarrett, unglücklich verheiratet, eine halbwüchsige Tochter, ist Berufsfotograf und soll für einen geplanen Bildband die alte Hauptstadt Österreichs stimmungsvoll in Szene setzen. Scheinbar zufällig lernt er dabei die junge Marion Esguard – ebenfalls Britin – kennen: für beide nicht nur eine Begegnung, sondern Liebe auf den ersten Blick. Der Paar beschließt, den jeweiligen Ehepartner darüber in Kenntnis zu setzen und anschließend ein neues, gemeinsames Leben zu beginnen.

Ian lässt den Worten umgehend Taten folgen – und steht anschließend vor den Scherben seines Lebens, denn Marion lässt ihn telefonisch wissen, sie werde sich nun doch nicht von ihrem Gatten trennen, und taucht dann unter. Der fassungslose Liebhaber beginnt sie zu suchen, bleibt aber erfolglos: kein Wunder, da die echte Marion Esguard schon seit über anderthalb Jahrhunderten tot ist …

Aus dieser Sackgasse befreit den verwirrten Ian die Psychotherapeutin Daphne Sanger, die Erkundigungen über eine Patientin einholt, die ihr irgendwie abhanden gekommen ist. Dabei hätte diese Eris Moberly Hilfe dringend nötig, hält sie sich doch für die Wiedergeburt einer präviktorianischen Powerfrau namens Marian Esguard (aha!) und erleidet ständig Flashbacks, die sie in das Jahr 1817 zurückwerfen und miterleben lassen, wie ihre Ahnin sich wissenschaftlich betätigt und die Fotografie erfindet – zwei Jahrzehnte vor den bekannten Pionieren Fox Talbot und Louis Daguerre. Eine historische Sensation, wenn sie sich nur belegen ließe. Leider billigen die Forschung und selbst die Medien Nachrichten aus dem Geisterreich gewöhnlich wenig Beweiskraft zu. Doch der alte, exzentrische Milo Esguard, ein in der Familiengeschichte bewanderter Nachfahre Marians, spielt Eris kurz vor seinem Tod einige uralte Fotoabzüge zu, die deren Triumph buchstäblich abbilden.

Damit hat er Eris keinen Gefallen getan. Marians Fotos sind inzwischen Millionen wert – und ihre Existenz war nicht so geheim, wie Milo dies dachte. Der zwielichtige Antiquitätenhändler Montagu Quisden-Neve kommt Eris auf die Spur und presst ihr die kostbaren Bilder ab. Lange kann er sich ihrer nicht erfreuen. Ian Jarrett, der seiner Eris/Marian inzwischen hart auf den Fersen ist, findet ihn ausgeraubt und ermordet auf. Über die Täterschaft gibt es kaum einen Zweifel: Neffe Niall Esguard, rücksichtslos und chronisch knapp bei Kasse, gierte schon lange nach dem sagenhaften Schatz des alten Milo, über dessen angeblichen Herzschlag wohl auch Zweifel angebracht sind.

Eris hat also mehr als einen guten Grund, sich verborgen zu halten. Ian bleibt trotzdem ihr auf den Fersen – und stolpert in ein neues Rätsel, das: Der so elend geendete Quisden-Neve verdiente sich offenbar auch als Spitzel ein schmutziges Zubrot. Er gab Insiderwissen über illegale Machenschaften hinter den Kulissen der berühmten Finanzdienstleistungsfirma Nymantex weiter – an Ians Ex-Geliebte, die Journalistin Nicole Heywood. Ja, die Welt ist ein Dorf …Trotzdem bleibt Ian (schwer verliebt, aber auch sonst nicht der Hellsten einer unter der Sonne) ahnungslos, als es ihm gelingt, zu Conrad Nyman höchstpersönlich vorzudringen, und dieser ihm eröffnet, nicht nur Quisden-Neve, sondern auch Eris Moberly zu kennen. Ihre letzte Adresse ist ihm bekannt; die Tür dort öffnet Eris’ ehemalige Mitbewohnerin – Dawn Esguard, die wiederum Nialls Ex-Gattin ist …

Und so dreht sich das Karussel der Irrungen und Wirrungen für den armen Ian stetig weiter. Jede Antwort mündet nur in eine neue Frage und führt ihn an einen anderen Ort. Am Ende seiner Suche steht kein Happy- End, sondern die Erkenntnis, nichts als das hilflose Opfer eines ungeheuerlichen Rachekomplotts zu sein, das die völlige Zerstörung seines Lebens zum Ziel hat …


Robert Goddard ist ein fleißiger Mann. Pünktlich legt er einmal im Jahr einen neuen Psycho-Thriller vor, der wie seine Vorgänger sauber geplottet und sorgfältig geschrieben wurde – ein verlässlicher Autor, der Unterhaltungsliteratur der gehobenen Mittelklasse produziert. Obwohl er nie das Pulver (bzw. die Tinte) neu erfindet, bemüht er sich stets redlich, seinem Publikum eine an Abwechslungen reiche Geschichte zu präsentieren, was ihm meist gelingt, manchmal aber auch nicht.

»Gefangen im Licht« ist eindeutig eines der besseren Goddard-Werke. Die üblichen Zutaten sind wieder vorhanden: Ein etwas unbedarfter und hölzerner Durchschnittsbürger stolpert in einen mysteriösen Kriminalfall, der schon vor langer Zeit seinen Anfang nahm, und verwickelt sich heillos in das Geschehen, was er selten mit heiler Haut, aber immerhin lebendig übersteht. Nichts ist so, wie es auf den ersten (oder auch zweiten) Blick scheint, jede/r hat etwas zu verbergen, und die Auflösung sorgt noch einmal für (unangenehme) neue Überraschungen. Das Mitleid mit dem oder den Helden hält sich in Grenzen, weil diese in der Regel selbst Dreck am Stecken haben oder – wie hier unser Ian Jarrett – ziemlich egoistisch und begriffsstutzig auftreten.

Seit einigen Jahren experimentiert Goddard zudem mit Elementen des Schauerromans. In »Gefangen im Licht« ist er dabei 1998 noch zurückhaltender als in »Das Haus der dunklen Träume« (»Set in Stone«), das er im folgenden Jahr mit einem unzweifelhaft echten Gespenst bevölkerte. Doch die mysteriöse Geschichte der Marian Esguard lässt sich nicht völlig rational auflösen; die verräterische Eris Moberly ist womöglich wirklich die wiedergeborene Wegbereiterin der Fotografie. Im Rahmen des Plots, dem Goddard letztlich seine Story unterordnet – der Rache des Conrad Nyman nämlich -, ist dies eigentlich unnötig: Leicht hätte der Verfasser auch die Zeugnisse für Marians Seelenwanderung als Teil der Verschwörung erklären können. Das unterlässt er jedoch; sei es, dass er glaubt, einem konventionellen Thriller durch eine Geistergeschichte zusätzliches Leben einhauchen zu können, oder sei es, dass er vermeiden wollte, die Handlung als gigantisches Schachspiel mit schon vorab festgelegten Zügen zu präsentieren; das hätte in der Tat arg überkonstruiert gewirkt.

Die phantastischen Elemente lenken zudem von der im Grunde hanebüchenen Ausgangsidee ab. Es fällt schwer, in Conrad Nyman mehr als den betrügerischen Wirtschaftstycoon zu sehen. Als rächendes, überlebensgroßes Genie des Bösen wirkt er reichlich unglaubhaft. Dasselbe gilt für seinen unendlich komplizierten Racheplan, dessen Realisierung von allzu vielen Zufällen abhängt. Immerhin geht ja auch schief, was nur schiefgehen kann: Goddard tappt nicht in die Falle, aus Nyman einen unfehlbaren, dämonischen Louis Cyphre (aus »Angel Heart«, falls sich überhaupt noch jemand an diesen angestaubten Streifen – 1986! – erinnern kann) zu machen.

Sein Hauptvergnügen zieht der Leser sowieso aus den immer neuen Hakenschlägen der Handlung, den falschen Fährten, auf die ihn der Verfasser lockt, den Sackgassen, in denen sich plötzlich doch ein Hintertürchen auftut. So lange die Geschichte rollt, denkt man nicht über sie nach, und sie funktioniert tadellos.

Ähnliches gilt für die Figurenzeichnung. Goddard bemüht sich geradezu ängstlich, auf jeden Fall aber deutlich erkennbar um Ausgewogenheit. Seine Bösewichter sind nicht durchweg böse, seine Guten nie heldenhaft. Das führt allerdings dazu, dass uns ihr Schicksal wie gesagt eigentlich herzlich gleichgültig ist: Goddards Menschen wie du und ich mögen realistisch sein, aber sie taugen nicht zu Identifikationsfiguren. Der so übel gebeutelte Ian Jarrett kann kein Mitleid wecken, so sehr sich sein geistiger Vater auch bemüht; im Finale will Goddard die Tragik förmlich herbeizwingen und bliebt doch erfolglos. Schlimm, schlimm, denkt sich der Leser, aber es berührt ihn nicht.

Wie man es richtig macht, zeigt uns Filmregisseur David Fincher in der ganz ähnlich angelegten Schlussszene seines Meisterwerkes »Sieben« (von der sich Goddard wohl mehr oder weniger »inspirieren« ließ) – das ist Terror in Reinkultur! Goddards Katastrophen kamen dagegen schon immer ein wenig hausbacken daher – britisch bieder, wenn man es in eine Schublade stecken möchte, was aber ungerecht wäre, da »Gefangen im Licht« ein spannender Roman ist, der grundsolide unterhält – nicht mehr, aber auch nie weniger.

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authorhans zu »Robert Goddard: Gefangen im Licht« 16.08.2010
Robert Goddard trifft gewiss mit seiner besonderen Art nicht jedermanns Geschmack, und nicht alles seine Romane finde ich gut - nicht aber GEFANGEN IM LICHT. Was vielleicht ein wenig zäh beginnt (hier arbeitet Goddard die Darsteller erst richtig heraus), gipfelt in einem fulminantem Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Goddard seinen britischen Kollegen (z. B. Robert Harris) in Nichts nachsteht.
Birgit zu »Robert Goddard: Gefangen im Licht« 26.09.2003
Ich konnte tagelang kein anderes Buch lesen, weil ich noch immer dieses eine im Kopf hatte.
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