Die Zauberlehrlinge von Robert Goddard

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Out of the Sun, deutsche Ausgabe erstmals 1988 bei Bertelsmann.

  • London: Bantam, 1996 unter dem Titel Out of the Sun. 333 Seiten.
  • München: Bertelsmann, 1988. Übersetzt von Elke vom Scheidt. ISBN: 3-570-12210-7. 411 Seiten.
  • München: Goldmann, 1998. Übersetzt von Elke vom Scheidt. ISBN: 3-442-44273-7. 381 Seiten.
  • München: Goldmann, 1999. Übersetzt von Elke vom Scheidt. 381 Seiten.
  • München: Goldmann, 2001. Übersetzt von Elke vom Scheidt. ISBN: 3-442-55246-X. 381 Seiten.

'Die Zauberlehrlinge' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Seit Jahren ist der brillante junge Mathematiker David Venning einer umwälzenden Entdeckung auf der Spur, die ebenso revolutionär wie möglicherweise fluchbeladen sein könnte wie zuvor schon die Kernspaltung oder die Gentechnologie. Nun munkeln Kollegen, endlich sei ihm der entscheidende Durchbruch gelungen. Doch dann fällt David nach einer extrem hohen Dosis Insulin ins Koma. Unfall oder Selbstmordversuch? Davids Vater Harry Barnett beginnt, zusammen mit der Verlobten seines Sohnes Nachforschungen anzustellen. Versuchte jemand, David zum Schweigen zu bringen? Schließlich stößt Harry auf eine alte Wissenschaftlerin, die als enge Vertraute seines Sohnes genau über dessen Pläne Bescheid wußte.

Das meint Krimi-Couch.de: »Mord und andere Schwierigkeiten...«

Krimi-Rezension von odile

Harry Barnett, ein vom Schicksal gebeutelter Mittfünfziger, hat sich mit seiner trostlosen Existenz nahezu abgefunden. Mit seinem ungeliebten Job als Tankwart verdient er gerade genug, um das zu finanzieren, was er zum Leben unbedingt braucht: sein Zimmer, griechische Zigaretten und jeden Abend genügend Bier im Pub, um für wenige Stunden seinen Kummer zu ertränken.

In diese triste »Idylle« platzt ein mysteriöser Telefonanruf. Harry soll umgehend ins National Neurological Hospital kommen, da dort sein Sohn behandelt wird. Der Haken bei der Sache ist, dass Barnett nichts von einem Kind weiss. Überrascht muss er feststellen, dass er tatsächlich der Vater des brillanten Mathematikers David Venning ist.

Das Treffen verläuft allerdings deprimierend. David liegt seit über einem Monat im tiefen Koma, nachdem er unter ungeklärten Umständen eine Überdosis Insulin bekam. Was steckt dahinter? War es ein Unfall, ein Selbstmordversuch oder etwas Anderes?

Harry kann sich nicht mit der Tatsache abfinden, seinen Sohn schon verloren zu haben, kaum dass er ihn gefunden hat. Trotz aller Widerstände seitens Davids Familie beginnt er, die näheren Umstände des Unglücks zu untersuchen. Dies glaubt er dem fremden Sohn schuldig zu sein.

Als er erfährt, dass zwei ehemalige Kollegen Davids innerhalb weniger Tagen gewaltsam zu Tode kamen, beschliesst Harry die Angelegenheit weiter zu verfolgen. Mit einer Zähigkeit, die niemand diesem resignierten Mann mehr zugetraut hätte, verfolgt er seinen Plan. Bald stösst Harry auf Ungereimtheiten und immer neue Fragen.

Warum wurden David und seine engsten Mitarbeiter, alles hochrangige Wissenschaftler, von ihrem Arbeitgeber Globescope plötzlich gefeuert? Sie alle betreuten im Auftrag dieses Instituts das Projekt »Sybille«, eine aufwendige Zukunftsprognose für das Jahr 2050.

Worüber forschte David in seiner Freizeit wie besessen? Seine frühere Dozentin berichtet, dass er unmittelbar vor einer bahnbrechenden Entdeckung stand, die die Welt grundlegend verändert hätte. David glaubte, dass mehr als vier Dimensionen existieren und suchte nach schlüssigen Beweisen.

Was weiss Adam Slade, ein berühmter Magier ähnlich einem David Copperfield? Er hat David Venning als letzter vor dessen »Unfall« gesehen. Slade brüstet sich, dass ihm die höheren Dimensionen zugänglich seien und seine spektakulären Tricks so zustande kämen.

Was hat es damit auf sich und wo sind Davids Aufzeichnungen geblieben, seine Notizbücher, von denen er sich niemals freiwillig getrennt hätte?

Harry reist nach Dänemark, wo er Davids engsten Freund und Mitarbeiter Torben Hammelgaard vermutet. Der dänische Wissenschaftler ist seit Wochen genauso verschwunden, wie die übrigen Mitglieder des !Sybille!-Teams. Tatsächlich spürt Harry den Physiker auf. Doch der Mörder schlägt erneut zu. Torben wird auf rätselhafte Weise getötet und Harry kann es nicht verhindern.

Anscheinend sollen alle ehemaligen Mitarbeiter am Projekt »Sybille« ermordet werden. Wie sich herausstellt, sah das Forscherteam für 2050 ein wahres Horrorszenario voraus. Will Globescope verhindern, dass die Studie veröffentlicht wird? Oder welches andere Motiv steckt hinter der Mordserie? Harry wittert eine Verschwörung.

Er reist in die USA, um Davids ehemalige Kollegen zu warnen und ihnen die letzte Botschaft Torbens zu überbringen. Gleichzeitig hofft er, dass Donna, Davids Freundin und hochrangige Neurobiologin, seinem Sohn noch helfen kann. Unter grossen Mühen findet Harry tatsächlich die Spur der Untergetauchten, aber damit beginnen seine Schwierigkeiten erst richtig.

Der Titel verweist auf Goethes Gedicht vom »Zauberlehrling«. Dieser handelt wie die sprichwörtlichen Mäuse, die auf dem Tisch tanzen, sobald die Katze nicht da ist. Als der alte Hexenmeister ausgeht, versucht sich sein Lehrling als Zauberer. Dieses Unterfangen erweist sich als völlige Katastrophe.

Der wohl bekannteste Teil der Ballade beschreibt dies so:

»Herr und Meister, hör mich rufen! -
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist gross!
Die ich rief, die Geister,
Werd ich nun nicht los«

Im vorliegenden Roman sind die meisten Charaktere Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete. Die Mordopfer gehören sämtlich zu diesem Berufsstand.
In Anlehnung an Goethe stellt Goddard die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers. Wer übt heutzutage die Funktion des alten Hexenmeisters aus und bringt alles wieder in Ordnung?

Anders ausgedrückt, dürfen Wissenschaftler immer weiter gehen bei ihrer Arbeit, allein um der Forschung willen? Auch dann, wenn ihre Ergebnisse ein grosses Risiko für die gesamte Menschheit in sich bergen? Oder sollte der Forscher in diesem Fall zurückstecken? Oder muss er gestoppt werden?

Was wäre, wenn Einstein oder Oppenheimer ihre Forschungsarbeiten rechtzeitig abgebrochen und alle Spuren verwischt hätten?

Robert Goddard erweist sich erneut als Krimiautor von hohem Rang. Mit den »Zauberlehrlingen« gelang ihm ein unterhaltsamer Cocktail, dessen Zutaten es in sich haben.

Sein Antiheld Harry entspricht auf den ersten Blick dem Klischee einer gescheiterten Existenz. Vom Geschäftspartner schmählich betrogen, mit seinen Jobs gescheitert und stets vom Pech verfolgt, weckt er zunächst wenig Sympathie beim Leser.

Der übergewichtige Tankwart sieht sich selbst realistisch und macht sich nichts vor »....stellte Harry fest, dass so ungefähr das letzte, was er im Augenblick brauchte, eine Extradosis von irgendeinem der trostlosen Bestandteile seines Lebens war.«

Als Harry allerdings mit seinem hilflosen Sohn konfrontiert wird, wächst er über sich hinaus. Zwar mutiert er nicht zum durchtrainierten 007, Goddard sei Dank!, aber er entwickelt Fähigkeiten, die weder der Leser noch er selbst erwartet hätten.

Mit Zähigkeit und Raffinesse gelingt es ihm, Personen zu treffen, bzw. zum Sprechen zu bringen, die sich normalerweise mit einem »Niemand« wie Harry nicht abgeben würden. Besser als erwartet, meistert er die Probleme,die seine Nachforschungen mit sich bringen. Und wenn die Angst zu gross wird, genehmigt er sich eben ein paar Bier. Aber Harry kneift nicht, verzichtet weitgehend auf Selbstmitleid und gewinnt allmählich die Sympathie seiner Leser.

Goddard gelingt mit Harry ein überzeugender Charakter. Ein Mann, der in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft kurzerhand als Versager eingestuft würde, bereitet seinen smarteren Kontrahenten die grössten Schwierigkeiten. »Der Inhalt hält mehr, als der Anschein verspricht« ist ein Satz, den Harry mehr als einmal zu hören bekommt, wenn seine Fähigkeiten bewertet werden.

Auch Goddard selbst schätzt seinen Barnett. Warum sonst gewährt er ihm, abgesehen von der erfolgreichen Klärung des Falles, eine unerwartet erfreuliche Zukunftsperspektive?

Auch die übrigen Charaktere Goddards überzeugen. Sei es die schrullige Vermieterin Harrys, die neben ihrem gefrässigen Kater Neptun hauptsächlich blutige Horrorthriller liebt.
Oder Ken Venning, ein smarter, erfolgreicher Geschäftsmann und Davids Stiefvater. Am liebsten würde er höchstpersönlich Davids lebenserhaltende Geräte abstellen, damit seine Ehefrau endlich wieder so »funktioniert«, wie es sich dieser unsensible Egoist vorstellt.

Die »Zauberlehrlinge« sind vom ersten Kapitel an spannend und das Buch bleibt unterhaltsam bis zum logischen Ende. Goddard versteht es schliesslich die Handlungsstränge zu verknüpfen und die Rätsel zufriedenstellend aufzulösen.

Die Sequenzen, die sich notwendigerweise mit Mathematik und höheren Dimensionen befassen, sind weder langweilig noch überfordern sie den Leser. Allerdings handelt es sich bei dieser Erzählung weder um Fantasy, noch Mystery oder Science Fiction. Wer dies erwartet, wird enttäuscht, obwohl einige wissenschaftliche Hypothesen eine Rolle spielen.

Stilsicher und sprachgewandt wie stets, hat Robert Goddard wiederum einen intelligenten, lesenswerten Krimi geschrieben. Für Freunde des Genres unbedingt empfehlenswert!

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pet zu »Robert Goddard: Die Zauberlehrlinge« 27.06.2005
Ein Spitzen-Buch. Goddard hat mit dem Looser Harry eine beeindruckende und sympathische Figur geschaffen. Die Story überzeugt mit vielen überraschenden Wendungen und bleibt spannend bis zu Schluß. Die bisherige User-Wertung von 45 ist mir absolut unverständlich. Von mir gibts für die Zauberlehrlinge 90 Grad.
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