Unter dem Schatten des Todes von Robert Brack

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei Ed. Nautilus.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 1930 - 1949.

  • Hamburg: Ed. Nautilus, 2012. ISBN: 978-3894017521. 224 Seiten.

'Unter dem Schatten des Todes' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Klara Schindler sitzt Ende Februar 1933 in einem Nachtklub in Kopenhagen, als der Berliner Reichstag in Flammen aufgeht. Von der KPD wird sie mit falschen Papieren nach Berlin geschickt, um herauszufinden, wer der angebliche Brandstifter Marinus van der Lubbe wirklich ist. In der Stadt dominiert die SA bereits das Stadtbild, Überfälle auf kommunistische Lokale sind an der Tagesordnung. Die KPD zieht sich in den Untergrund zurück und plant Widerstandsaktionen gegen die Nazis. Klara gerät in ein dunk­les Netz von Denunzianten und Spitzeln auf der einen, von abgetauchten und verängstigten Genossen auf der anderen Seite. Eine mys­teriöse Ausländerin stiftet Verwirrung und Klaras Freund Ludwig Rinke aus der Hamburger Unterwelt ist auch in Berlin aktiv. Mit Hilfe einiger dubioser Figuren deckt Klara einen genauen Tathergang auf, wie dieser Brand stattgefunden und wer in welcher Weise zur Durchführung beigetragen haben kann. Dann kommt es zum Showdown im Palais des Reichstagspräsidenten …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Feuer in der Nacht« 80°

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Was den Amerikanern Dallas 1963, ist den Deutschen Berlin 1933. Ein mysteriöses Verbrechen von weltpolitischen Dimensionen, ein schnell gefasster Täter – und viele offene Fragen, Ungereimtheiten und Seltsamkeiten. Der ideale Stoff für Verschwörungstheorien und Kriminalromane. Als in der Nacht zum 28. Februar 1933 der Berliner Reichstag brennt, ist dies ein Fanal. Man verhaftet den jungen holländischen Kommunisten Marinus van der Lubbe als Brandstifter – und sofort stellt sich eine Frage, die die Diskussion bis heute prägt: Ist van der Lubbe Einzeltäter oder handelte er im Auftrag der kommunistischen Partei? Für die Nationalsozialisten, wenige Wochen zuvor an die Macht gelangt, ergibt sich eine willkommene Gelegenheit, den einzigen ernstzunehmenden Gegner, die Kommunisten, entscheidend zu schwächen. Eine Verhaftungswelle hebt an, der Beginn der Entmachtung des Parlaments und der Unterdrückung aller antinationalsozialistischen Bemühungen. Das aber nährt eine weitere Hypothese: Wenn die Nazis die wahren »Gewinner« dieses Brandes sind – haben sie ihn dann am Ende selbst inszeniert?

Das ist die Grundlage für Robert Bracks Roman. Die kommunistische Partei schickt Klara Schindler, eine Agentin und emigrierte Journalistin, mit dem Auftrag zurück nach Berlin, möglichst viel über van der Lubbe und die Hintergründe der Tat zu recherchieren. Sie gerät in ein Klima der Angst, wird Zeugin von Verhaftungen und brutaler Unterdrückung, trifft auf Genossen und Spinner, Ganoven und Arbeitslose, den Machtapparat der Nazis und die heillose Zerstrittenheit der unterschiedlichen kommunistischen Gruppierungen. Es gelingt ihr schließlich, ein differenzierteres Porträt van der Lubbes zu zeichnen, doch es fällt nicht im Sinne ihrer Auftraggeber aus. Bracks Interpretation der Hintergründe und Hintermänner ist so plausibel wie alle anderen Interpretationen. Man kann sie glauben oder nicht. Die Frage: Funktioniert das als Krimi?

Man muss dem Autor zunächst zugute halten, dass er seinen »historischen Krimi« nicht nach dem üblichen Strickmuster inszeniert. Es geht ausschließlich um den Reichstagsbrand, kein dekoratives »Normalverbrechen« lenkt ab, es menschelt zwar ein wenig (Klara Schindler ist lesbisch, eine geheimnisvolle ungarische Prostituierte taucht auf etc.), doch das drängt das eigentliche Anliegen niemals an den Rand. Das wiederum verlangt von den Lesern einiges an Disziplin. Sie erfahren eine Menge über die Untergrundaktivitäten der damaligen Zeit, über die Zerrissenheit der Opposition, die Intrigen innerhalb des kommunistischen Lagers, wo Orthodoxe gegen Anarchisten agieren und umgekehrt, aber auch die innerhalb der NSDAP, wo sich durchaus noch Kräfte befinden, die das »sozialistisch« im Namen stärker betonen als das »national«.

Natürlich versucht auch Brack, seinen Text mit den Mitteln des Krimis zu strukturieren. Die Bedrohung ist allgegenwärtig, es kommt zu dramatischen Begegnungen, Entführungen, Verfolgungen, Morden. Einen »Whodunit« sollte man allerdings nicht erwarten, dafür einen durchaus lehrreichen, mit einigem Tempo geschriebenen Kriminalfall, der in einem etwas zu reißerischen Finale endet, bei dem Brack noch einmal tief in die Genrekiste greift.

Also: Ein für Freunde »historischer Krimis« durchaus empfehlenswertes Buch, vor allem auch deshalb, weil es der historischen Person des Marinus van der Lubbe Gerechtigkeit widerfahren lässt und das Bild des geistig minderbemittelten Wirrkopfs relativiert. Wer auf leichte Kost aus ist, sollte sich dagegen anderweitig orientieren.

Dieter Paul Rudolph, März 2012

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