Blaue Bohnen zum Frühstück von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1951
unter dem Titel Everybody Had a Gun,
deutsche Ausgabe erstmals 1954
bei Walter Lehning Verlag.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien / Los Angeles, 1950 - 1969.
- New York: Fawcett Gold Medal Books, 1951 unter dem Titel Everybody Had a Gun. 175 Seiten.
- Hannover: Walter Lehning Verlag, 1954. Übersetzt von Karin Rupé. Panther-Buch Nr. 5. 175 Seiten.
- München: Heyne, 1966. Übersetzt von Werner Gronwald. Heyne Kriminalroman Nr. 1210. 158 Seiten.
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In Kürze:
Ein Privatdetektiv gerät zwischen die Fronten eines örtlichen Gangsterkriegs. Beide Parteien halten ihn für einen Handlanger des Gegners und schicken ihm ihre Revolvermänner auf den Hals, während er nicht nur sich selbst, sondern gleich zwei junge Frauen vor den Verfolgern retten muss ... – »Hard-boiled«-Krimi aus einer lang laufenden Serie, die praktisch sämtliche Klischees vom eisenharten Schnüffler und Frauenhelden bedient und heute eher vergnüglich als spannend wirkt, wenngleich der Autor seinen Job versteht und gutes Handwerk abliefert.
Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Ritter mit wenig keuschen Gedanken«
Krimi-Rezension von mid überspringen
Wie konnte Shell Scott, Privatdetektiv in Los Angeles, das Missfallen des gefürchteten Gangsterbosses Marty Sader so sehr erregen, dass dieser ihm erst einen Attentäter und dann einen Kidnapper auf den Hals schickt? Den auf ihn abgefeuerten Kugeln kann Scott entkommen, den Entführer ausschalten. Vielleicht könnte die hübsche Rothaarige, die ihn um Hilfe angehen wollte, eine Erklärung geben, doch bevor sie Scott mehr mitteilen kann, als dass sie ebenfalls von Sader verfolgt wird, verschwindet sie spurlos.
Der ritterliche und ohnehin neugierig gewordene Detektiv setzt sich auf ihre Spur. Iris Gordon heißt sie, wie er schnell herausfindet, und sie arbeitet für Sader in dessen Nachtclub »The Pit«. Dort hat sie etwas gesehen, das eindeutig nicht für ihre Augen bestimmt war. Sader hat dies bemerkt und ihr sogleich seine Schläger hinterher geschickt.
Doppeltes Pech für Scott, dass er gerade jetzt auf der Szene erscheint, denn Sader ist nervös und deshalb besonders gefährlich. Er steht im Krieg mit Collier Breed, einem Gangster, dem gute Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden. Vor einigen Wochen war Scott während eines Überwachungsauftrags zufällig mit einem von Breeds Schergen aneinander geraten, was diesem einen Krankenhausaufenthalt eingetragen hatte. Seitdem befindet sich der ahnungslose Detektiv auch auf Breeds Radar.
Scott kann Iris aus Saders Gewalt befreien, doch nun ist dieser davon überzeugt, dass der Detektiv Breeds Mann ist. Sader schließt ihn deshalb mit Iris in seine Mordpläne ein und gibt seinen Schergen entsprechende Befehle. Etwa gleichzeitig wird Breed auf die Ereignisse aufmerksam. Auch er würde gern mit Scott und Iris ´reden´ und setzt seine Jungs in Bewegung. Jetzt wird es eng für den Detektiv, der inzwischen nicht nur Iris, sondern auch ihre in die Ereignisse verwickelte Freundin Mia beschützen muss. Vielleicht liegt es an der geballten Weiblichkeit, dass Scott unaufmerksam wird, was sich sogleich rächt und ihn zu einem brandgefährlichen Spiel zwingt, mit dem er die Gangster gegeneinander ausspielen will …
Krimi als Handwerk
In den 1950er Jahren war die Welt in den USA noch in Ordnung. Den Krieg hatte man gewonnen, die Roten hielt man in Schach, und die Atombombe war ein notwendiges Instrument, dessen Existenz nur Verrätern, Defätisten und anderen Schlappschwänzen Angst einjagte. Es war eine gute Zeit, in der die Autos in jedem Modelljahr einen halben Meter länger wurden und die ´Mädchen´ immer jünger und hübscher – die Zeit für Kerle wie Shell Scott, den der Krieg in Sachen Gewalt zum Mann gemacht hatte, während er mental auf der Stufe eines spät pubertierenden Jünglings stehen geblieben war – wobei dies eine Interpretation aus dem 21. Jahrhundert ist, in dem vor allem die chauvinistischen Späße des Shell Scott eher kritisch betrachtet werden.
Mit der Realität hatten die Abenteuer dieses ´Detektivs´ freilich nie wirklich viel am Hut. Scott 'lebte’ und wirkte in einer Welt, die wirklich wirkte aber nicht war. »Blaue Bohnen zum Frühstück« erzählt eine rasante, in der Handlung künstlich komplizierte, auf Serientauglichkeit getrimmte Geschichte, die gelesen und für spannend befunden aber anschließend sogleich vergessen werden konnte. Ins Gedächtnis graben sollten sich nur die Namen des Autors und seines Helden, denn der nächste Shell-Scott-Krimi kam bestimmt und sollte gekauft werden.
Unter dieser Prämisse erstaunt es nicht, dass der Plot von Blaue Bohnen ... fern jeder Raffinesse entwickelt wird. Er funktioniert – so halbwegs, denn die Geschichte dieses Gangsterkriegs en miniature ist reichlich abgehoben. Das ist Nebensache, denn die Umsetzung macht einen Scott-Thriller aus. Man kann Prathers Bücher durchaus als gedruckte Vorgänger der späteren TV-Krimi-Serien betrachten, in denen jede Woche ein scheinbar unlösbarer Fall binnen 45 Minuten zum Abschluss gebracht wurde.
Folgerichtig lebt Blaue Bohnen ... von der Handlung, die niemals zum Stillstand kommt, selbst wenn Scott gefesselt seinen Verfolgern gegenüber sitzt. Er wird einen Weg finden, die Fesseln zu sprengen, und als Leser darf man sich darauf verlassen, dass dies nicht ohne Prügel und Schüsse geschieht. Ansonsten lässt Verfasser Prather Stichworte wie »Mafia«, die im Kopf des Lesers eine eigene Gedankenkette in Bewegung setzen und auf die deshalb nicht weiter eingegangen werden muss, ins Geschehen einfließen und arbeitet mit Standardsituationen und Bildern – der Held wird in seinem Büro von einem Schläger bedroht, Gauner verhören und prügeln ihn, in einem brennenden Haus spielen Detektiv und Mörder Katz und Maus …
Zeitloser Spaß an altmodischer Action
Es ist nicht so erstaunlich, dass etwa zweieinhalb Jahrzehnte jährlich zwei Shell-Scott-Reihe erschienen und die Reihe angeblich allein in den USA eine Gesamtauflage von mehr als 40 Millionen Exemplaren erreichte: Richard S. Prather hatte die Bedürfnisse und Erwartungen der lesenden Masse sehr genau erfasst und lieferte Action, Gewalt und Sex in den vom Gesetz jeweils gestatteten Dosen: Während Blaue Bohnen ... als dritter Band der Serie noch sehr harmlos wirkt, ging es in den Scott-Romanen der späten 1960er und 70er ungleich härter und deutlicher zur Sache.
Nein, das eigentlich Erstaunliche ist, dass die Shell-Scott-Krimis trotz ihrer schematischen Konstruktion auch heute lesbar geblieben sind. Die ursprünglichen Attraktionen – harte Jungs und leicht bekleidete Mädchen – ziehen natürlich längst nicht mehr. Man durchschaut Prathers Tricks, aber man genießt sie trotzdem, denn in seiner auf Tempo und Krawall gebürsteten Nische verstand er sein Handwerk und übte es nie verbissen aus. Auf ihre Art sind die Scott-Romane heute so nostalgisch wie die Whodunits des Golden Age geworden, obwohl sie qualitativ sicherlich eher in die Kategorie Erle Stanley Gardner als Agatha Christie oder Ellery Queen fallen.
Harter Brocken mit Sinn für Anstand
Die Figurenzeichnung trägt dazu den größten Teil bei. Mit einer Mischung aus Ignoranz und Unschuld, wie man sie so ausgeprägt wohl nur in den 1950er Jahren an den Tag legen konnte, gestaltete Prather seinen Shell Scott als Teufelskerl und Frauenhelden. Die Scott-Romane richteten sich vor allem an männliche Leser, und diese bekamen, was sie sich anscheinend wünschten – in Maßen jedenfalls, denn das Auge des Gesetzes las mit!
Shell Scott ist schon äußerlich ein ´ganzer Kerl´ mit seinen 1,90 m Größe und einem Kampfgewicht von 185 Pfund. Seine Nase ist gebrochen, was seine latente Gefährlichkeit signalisiert ihn aber gleichzeitig noch attraktiver auf die Damenwelt wirken lässt. Um ihn noch unverwechselbarer zu machen, ließ Autor Prather ihm schneeweißes Haar und Augenbrauen wachsen, obwohl Scott erst 30 Jahre alt ist – älter wurde er übrigens nie.
Wie jeder echte Mann liebt Scott schnelle Autos. In Blaue Bohnen ... fährt er noch einen rubinroten Cadillac; später wechselt er zu einem kanariengelben Modell dieses Herstellers. In seinem Büro steht ein großes Aquarium mit tropischen Zierfischen, was seine Nonkonformität unterstreichen soll.
Als Detektiv ist Shell Scott bei aller Flapsigkeit der klassische Unbestechliche: Übernimmt er einen Auftrag, bringt er ihn zu Ende, selbst wenn ihm dabei der Wind ins Gesicht bläst, Fäuste und Kugeln fliegen und sich die Polizei unfreundlich gibt. Obwohl er sich hart und unsentimental gibt, ist Scott ein altmodischer Ritter, der notfalls honorarfrei arbeitet, wenn es jemanden zu retten gibt.
Frauen sind Mädchen, Gangster sind dumm
Das gilt primär dann, wenn eine Jungfrau in Not gerät, wobei ´Jungfrau´ vielleicht die falsche Bezeichnung ist, denn Prather-Frauen scheinen stets über einschlägige ´Erfahrungen´ zu verfügen. Scheinen, denn zur Beweisführung schreiten sie nie – in dieser Hinsicht sind sie tatsächlich keine Frauen, sondern ´Mädchen´, wie der Verfasser sie notorisch bezeichnet. Shell Scott ist eher Maul- als Frauenheld. Genüsslich beschreibt er seine knapp gekleideten und sich lasziv auf horizontalen Möbelstücken rekelnden Gespielinnen, doch steht dann die Umsetzung seiner feuchten Träume an, geschieht garantiert etwas, das dem Spaß ein Ende bereitet – das Telefon läutet und ruft Scott an den Schauplatz des nächsten Verbrechens, Gangster stürmen das Schlafzimmer, oder der von seinem kriminalistischen Tun geschwächte Detektiv schläft wie im Finale von »Blaue Bohnen ...« in den Armen gleich zwei schöner und williger Frauen einfach ein.
Gangster sind eindimensionale Gestalten, die wie Bösewichte aus einem Märchen wirken. Sie gliedern sich in Bosse und Handlanger. Erstere wirken intelligent und geben sich vornehm, sind aber wie letztere dumm, feige und brutal; ihre Genialität bleibt Behauptung, und am Ende bekommen sie, was sie verdienen – den Knast oder die Kugel: ein weiterer Beleg dafür, wie bieder und dem Zeitgeist verhaftet die vorgeblich lockeren Scott-Romane eigentlich sind.
Genießbar durch den nötigen Schuss Selbstironie
Auch hier gilt indes, dass Prather nicht mechanisch sein Garn abspult. Für eine Überraschung ist er stets gut. In »Blaue Bohnen ...« bleibt die völlig verrückte Mrs. Sader im Gedächtnis, die sogar dem unerschrockenen Scott manchen Schauder über den Rücken jagt; gerät der arme Kerl an Frauen, die nicht seinem Beuteschema entsprechen, d. h. alt und/oder hässlich oder gar des selbstständigen Denkens fähig sind, weiß er ohnehin nicht, wie er sich verhalten soll …Solche Anachronismen wirken heute beinahe politisch unkorrekt, was das Vergnügen an solcher verstaubter Lektüre zusätzlich fördert, zumal Scott jederzeit durchblicken lässt, dass man ihn und seine Sprüche nicht allzu ernst nehmen sollte.
Nicht schrecken lassen darf man sich vom deutschen Titel; in den 1960er und 70er Jahren gab es offenbar eine Legion schmalhirniger Kalaueristen, die übersetzte Krimis mit schwachsinnigen Aufschriften versehen mussten.
mid, April 2008
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