Das dunkle Herz der Wüste von Richard Rayner

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel The Devil´s Wind, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Nevada / Las Vegas, 1950 - 1969.

  • New York: HarperCollins, 2005 unter dem Titel The Devil´s Wind. 370 Seiten.
  • München: dtv, 2006. Übersetzt von Lutz-W. Wolff. ISBN: 978-3423245692. 370 Seiten.

'Das dunkle Herz der Wüste' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Maurice Valentine ist ein ehrgeiziger Architekt, und Las Vegas ist sein El Dorado. Ein Hotel nach dem anderen zieht er in der Stadt des Glücksspiels und der leichten Liebe hoch, und dass sein Auftraggeber die Mafia ist, stört ihn nicht im geringsten. Man schreibt das Jahr 1956, und während draußen in der Wüste Atompilze aufsteigen und das Komitee für Unamerikanische Umtriebe in Hollywood nach Kommunisten sucht, winkt dem zynischen jungen Mann eine große Karriere. Man will ihn zum Senator machen. Da kreuzt eine kühle und zugleich leidenschaftliche Frau seinen Weg. Er hält sie für eine leichte Beute, aber erst als er mit einer Schussverletzung im Krankenhaus liegt, wird ihm klar, dass er ein Spiel auf Leben und Tod spielt. Ein atmosphärisch dichter, romantischer Thriller aus der tiefschwarzen Serie: Der Held sitzt in der Falle, getrieben von Ehrgeiz und Angst, er ist unfähig, Schuld von Unschuld zu unterscheiden, echte und falsche Identität verschwimmen vor seinen Augen, das Böse ist bedrohlich und faszinierend zugleich.

Das meint Krimi-Couch.de: »Das dunkle Herz pulst unwiderstehlich« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Frank A. Dudley

»Eigentlich habe ich es ja immer gewusst, dass die Macht auf einer geheimen Verschwörung beruht, dass die wirklichen Entscheidungen von Männern gefällt werden, die nicht immer gut und auch keineswegs immer gewählt sind.« Trotz dieser Erkenntnis begibt sich der Architekt Maurice Valentine, Erzähler der Geschichte, nur allzu gern in die Gesellschaft mächtiger Männer. Nachdem er während des Zeiten Weltkriegs mit zahlreichen Orden ausgezeichnet wurde, hat er die Tochter eines US-Senators geheiratet und ist jetzt, im Jahr 1956, einer der Stararchitekten in Kalifornien. Nicht zuletzt ein Ergebnis seines karriereorientierten Opportunismus, hat er doch den antikommunistischen Hexenjägern der McCarthy-Gremien seinen Partner ausgeliefert. Eine Haltung, die ihm auch zahlreiche Aufträge von der Glückspielmafia einbringt, für die er im aufstrebenden Las Vegas zahlreiche Hotels baut.

Während er also an seinem Aufstieg feilt und auch auf einen Senatorenposten schielt, tänzelt die kapriziöse und geheimnisvolle Mallory Walker in sein Leben, Mitte 20, platinblond und reich. Selbst Architekten, plant sie offensichtlich, den 40-jährigen Valentine als Karrieresprungbrett zu nutzen. Trotz gewichtiger Zweifel lässt Valentine auf eine Affäre mit der jungen Frau ein und nimmt sie mit nach Las Vegas zu einem Treffen mit Mafiaboss Paul Mantilini, seinem Auftraggeber. Den wiederum beeindruckt Mallory Walker nicht nur wegen ihres Aussehens, sondern auch mit Entwürfen für neue Hotels – die allerdings nicht an ihrem eigenen Zeichenbrett entstanden sind.

Recht schnell nach diesem Treffen überschlagen sich die Ereignisse: Während Valentine mit Mallory ebenso wie zahlreiche Hollywoodstars sonnenbebrillt von einem Hotelpenthouse einen oberirdischen Atomwaffentest bewundern (»gleichzeitig wunderschön und schrecklich«), geraten sie in eine Schießerei. Direkt danach stirbt Valentines Geliebte bei einem Verkehrsunfall. Der Architekt beginnt zu zweifeln, ob Mallory ihm alles über sich erzählt hat, ob sie nicht noch mehr als er selbst ein Geschöpf ihrer Karrieresucht gewesen ist, als er selbst. Nur gefährlicher.

Heiß und trocken

Die Musik von Frank Sinatra, große Autos mit Haifischflossen am Heck, die dunkle Verquickung von Politik und Kriminalität – fehlt nur noch der hartgesottene Privatdetektiv, dann wäre Richard Rayners Roman noir par excellence. Aber auch ohne einen Marlowe pulst Das dunkle Herz der Wüste so unwiderstehlich, versteht es der Autor, das Las Vegas der 50er Jahre derart verführerisch heraufzubeschwören, dass man sich ihm gerne und ganz hingibt. Vor dem Hintergrund der neonleuchtenden Spieleroase lässt Rayer seinen zwar etwas naiven, aber nicht unsympathischen Helden eine Geschichte erzählen, in der niemand den einmal in Bewegung gesetzten Ereignissen ausweichen kann. Am nachhaltigsten wirkt die Kaskade von Entdeckungen, die Valentine über Mallory macht, die scheinbare Femme Fatale. Ein schwarzer Roman über Macht, Intrigen und Lebensgier, mit einem unvorhersehbaren Finale so heiß und trocken wie der Wüstenwind Nevadas.

Frank A. Dudley, Januar 2007

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Nadir36 zu »Richard Rayner: Das dunkle Herz der Wüste« 09.02.2010
Im Sog der femme fatale

»Die Rache einer gedemütigten Frau«, steht riesengroß auf der Rückseite und das verheißt bei Richard Rayner nichts Gutes für den männlichen Helden.
Beim grandiosen Debüt-Roman »Planlos in L.A.« hatte der Held seine sichere Stelle bei einer Londoner Tageszeitung aufgegeben, um einer untalententierten
blonden Schauspielerin nach Hollywood hintherzureisen. Seine Ankunft im Land der Surf-Nazis ist der Anfang einer Serie von Pannen und Peinlichkeiten, in der sich nicht nur der eigentlich unerwünschte Gast aus England nicht gerade mit Ruhm bekleckert, Las Vegas steht auch auf dem Reiseplan von L.A. without a Map, der spontanem Ringetausch im Paradies der schnellen Eheschließung gehört ebenfalls dazu. Und als Ehemann wird seine Lage danach noch prekärer. Aber wenigstens kämpft er nicht um sein Leben oder Überleben wie Maurice Valentine, der im Vegas der Mafia-Ära als vermeintlicher Agent in eigener Sache gegen seine Interessen ermittelt.

Der Archtiekt des Vorzeigehotels El Sheik, das dem Mafiaboss Mantellini gehört, ist zu Beginn schon verheiratet und (offizieller) Vater von zwei Söhnen. Und er zieht in jeder Hinsicht seine Vorteile daraus, dass er seinen Namen für den Erstgeborenen hergegeben und nie dumme Fragen gestellt hat. Schwiegervater Joe ist Drahtzieher bei den Demokraten und bietet Maurice einen Sitz im Senat für Nevada an, da Amtsinhaber Boss Booth auch ohne Nachhilfe nicht mehr lange leben wird. Doch sobald die Platinblonde Millionenerbin und Archtitektin Mallory Walker in seinem Büro auftaucht und von ihm eine Villa will, lässt er alles stehen und liegen und nicht viel später liegen die beiden im selben Strandhaus, das er für sich und seine Kinder gebaut hat. Bei nächster Gelegenheit schleppt er sie oder eher sie ihn in sein Hotel-Apartment im Sheik, wo er sie Mantellini vorstellt, der auch hin und weg ist, ehe er in der reizenden Jungen Dame, die ihm permannent widerspricht seine Ex-Geliebte Beth Dyer wiederzuerkennen glaubt. Und da Rayner in die 1956er-Handlung immer wieder Kapitel aus der düsteren Jugend einer Beth Dyer eingeschmuggelt hat, weiß zumindest der Leser, dass es sich bei Valentines Herzensdame um eine Hochstaplerin handeln muss. Dem schwant wenigstens, dass es sich bei ihren brillanten Entwürfe samt und sonders um jene Mappe handeln muss, die sein Lehrmeister Luis, der sie ihm zuerst vorgestellt hat, so sehr vermisst. Als Mallory ihn auch noch versetzt, sieht sich Maurice gezwungen, Mantellini darauf hinzuweisen, dass sein Mitbringsel die hinreißenden Entwürfe in ihrer Mappe samt und sonders seinem Ex-Partner Luis gestohlen hat. Als ihn Mallory in der Nacht darauf niederschießt, hält Maurice ihren Akt für eine überzogene Rache für seinen Verrat.

Vertigo lässt schön grüßen

Als der niedergeschossene Kandidat für den Senat wieder zu sich kommt, ist nicht nur sein Schwiegervater über die Nacht vor dem Schuss auf dem laufenden, sondern auch seine Frau, die aber nur zu bereit ist, dem gemeinsamen Ziel Washington alles andere unterzuordnen. Zumal der Porsche der Unglücksschützin aus dem Lake Mead geborgen wurde, samt bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Überresten. Doch als Luis mit der Ankündigung von Mallory Walkers Hochzeit hereinschneit, beginnt der eigentliche Krimi. Warum Maurice sämtliche Rücksichten vergisst wird so wenig klar, wie die Fasziniation, die von Beth Dyer ausgeht, deren Lebensweg bis Anno 1951 in weiteren Kapiteln eingestreut werden, ehe Maurice auf die ersten gemeinsamen Bekannten trifft.
Auf seinem Weg zur Wahrheit muss er sich nämich etlichen Leuten stellen, die er seinem Erfolgskonzept geopfert hat, um am Ende festzustellen, dass er selbst nur ein williges Element in den Plänen anderer gewesen ist, bis es beinahe zu spät dafür ist. Der zweite Teil ist deutlich besser und könnte sogar atemberaubend sein, hätte Rayner nicht zwei Kapitel eingestreut, in denen die Bösen unter sich sind und alles besprechen. Eine Todsünde bei einem Roman mit einem Ich-Erzähler-Anteil von über 80%, eine überflüssige allemal, da es zu einem dramatischen Showdown kommt, der trotzdem genügend Spielraum für eigene Intelligenzleistungen der betroffenen Personen gelassen hätte.Aber vielleicht gehen diese seltsamen Einschübe auch auf das Konto des zuletzt gelobten Lektor Dan Conaway.

»Wer Raymond Chandler schätzt, wird Richard Rayner lieben«, steht auf der Rückseite. Dieser Anhang zum Wolkenfänger ist aber etliche Jahrzehnte später entstanden und so authentisch wie ein Chrysler PT Cruiser, auch wenn nichts auslässt, was der gebildete Leser mit dieser Ära in Verbindung bringt. Maurice Valentine ist ein traumatisierter Flieger, der sich nach dem zweiten Weltkrieg neu erfunden hat. Lehrmeister Luis und Erstkunde Slominsky sind ebenso Opfer von Senator Mcarthy wie die Eltern von Beths bester Freundin. Ober-Mafioso Mantellini macht Geschäfte mit Jimmy Hoffa und dessen Teamster-Gewerkschaft. Und alle leben gut von der Atombombe, vor allem die Überlebenden. Mantellini gibt illustre Parties bei den Zündungen mit Panoramablick vom El Sheik und dessen Baumeister verdient noch mit, da er auch noch die Häuser baut, die dabei zu Bruch gehen sollen. Die zuletzt glücklich aufgeklärte Ursünde ist natürlich auch noch ein Verbrechen gegen die political correctness. Auch wenn die Auflösung letztendlich voll den Hardboiled-Standards entspricht, so sorgt diese unvermeidliche Zutat der Nachgeborenen doch dafür, dass dem Retro-Krimi dasselbe Gschmäckle anhaftet wie historischen Romanen, in denen sich die Edlen Ritter samt und sonders so verhalten, wie es derzeit gängigen Moralvorstellungen entspricht. Mit Zweiter Weltkrieg, Mcarthy-Ära, Atom-Bomben, Teamster-Mafia-Bünden und Rassentrennung lässt Rayner nichts aus, was für das Nachkriegsjahrzehnt historisch relevant ist. Es gleingt ihm sogar das meiste davon für seinen Plot und die Auflösung zu instrumentalisieren. Und immerhin handelt es sich dieses mal, im Gegensatz zu genialen Erstling »Planlos in L.A.«. um eine ganz hervorragende Schauspielerin, für die der zumeist unglücklich agierende Held alles auf Spiel setzt.
irgendwann sagt Mantellini zu Maurice, er habe bessere Architekten gekannt, kleiner Hinweis darauf, dass es bei »Das dunkle Herz der Wüste«, um das Sequel zum Wolkenfänger handelt, der mit einem großartigen Auftritt Mantellinis beginnt, der jede Seite im Nachfolgeroman so alt aussehen lässt, wie dieser Pate seit 1928 geworden ist. Hauptinhalt des doppelt so dicken Romans (524 enger bedruckte Seiten) um einen finnischen Archtiekten ist »die Obsession für die Russin Katerina Malysheva. Beide Passionen führen ihn nach New York, wo er als Architekt Karriere macht, aber im Grund nur von einem einzigen Gedanken besessen ist: die liebe seines Lebens zu erobern.« So steht es jedenfalls auf der Rückseite.
Leider gibt einem die Krimi-Couch keine Chance diesen Roman, das auch ein Krimi ist, vorzustellen.
Fazit: Rayner ist einmal mehr seiner Obsession erlegen. Aber natürlich scheitert er auf höherem Niveau als die meisten hier verhandelten Klischee-Farbrikanten, von daher bekommt er trotzdem 82 Grad
guidokoe@web.de zu »Richard Rayner: Das dunkle Herz der Wüste« 11.02.2008
das buch liesst sich bis zur mitte sehr flott, lebt von der athmosphäre des pulsierenden vegas der fifties, baut aber gegen ende hin immer mehr ab und das ende wird leider, leider vorhersehbar und nichtssagend. auch die ständigen wiederholungen, immer gleichen fragestellungen des helden gehen einen mit der zeit gewaltig auf den keks und ermüden ungemein ! es gibt auch einige stellen, die ich mir von der psychologischen seiten kaum noch denken konnte. dennoch hat das buch seine reize, aber ein treffer ist es dennoch nicht.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Martina Jost zu »Richard Rayner: Das dunkle Herz der Wüste« 07.07.2007
Ein faszinierendes Buch. Rayner versetzt den Leser in eine andere Welt. Die Charaktere sind glaubwürdig, weil vielschichtig, geschildert, und Puzzleteile fügen sich mehr und mehr zusammen.

Interessanterweise ist der "Held" kein Sympathieträger, was zur Abwechslung mal ganz erfrischend ist. Es ist schwer, dieses Buch aus der Hand zu legen und besonders einige deutsche Krimiautoren können von Rayner einiges lernen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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