Tanz der Toten von Richard Montanari

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel The Doll Maker, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: USA, Philadelphia, 2010 - heute.
Folge 8 der Byrne-und-Balzano-Serie.

  • London: Sphere, 2014 unter dem Titel The Doll Maker. 576 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2016. Übersetzt von Karin Meddekis . 576 Seiten.

'Tanz der Toten' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Mit einer formellen Einladung zu einem »thé dansant«, einem Tanztee, lockt er Jugendliche zu sich.Doch nicht, um mit ihnen zu tanzen, sondern um sie zu töten. Kevin Byrne und Jessica Balzano jagen ihn, den Mörder, der bald schon drei Menschenleben auf dem Gewissen hat: ein Mädchen und zwei Zwillingsbrüder. Den Ermittlern bleiben sieben Tage, bevor Mr. Marseille erneut zum Tanz bittet …

Das meint Krimi-Couch.de: »Leichen zu Puppen: ein Psycho/Serien-Thriller« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Bizarre Leichenfunde halten die Mordkommission der US-Großstadt Philadelphia und hier die vor allem die zuständigen Detectives Jessica Balzano und Kevin Byrne in Atem. An exponierten Stellen werden die Leichen von Kindern und Jugendlichen gefunden, die ihr Mörder mit großer Sorgfalt wie Puppen ausstaffiert und zur Schau gestellt hat. Stets liegt am Tatort eine Karte, die zum Tanztee einlädt; das angegebene Datum ist identisch mit dem Tag des nächsten Mordes. Die Schädel der Toten sind mit Nummern markiert, was unterstreicht, dass der Täter einem Plan folgt und seine Opfer mit Bedacht auswählt. Doch wie viele Morde sieht dieser Plan noch vor?

Die Ermittlungen ergeben lange keinerlei Beziehungen zwischen den Opfern. Deshalb ist es unmöglich, weitere Morde zu verhindern, was den Druck auf die Polizei nachhaltig verstärkt. Zwar ist auf einigen Überwachungskameras ein gut gekleideter, offenbar junger Mann zu sehen, der die späteren Opfer anspricht oder in Märkten jene Utensilien kauft, mit denen er die Tatorte inszeniert. Dummerweise ist das Gesicht nie zu erkennen, und Spuren hinterlässt der Mörder nicht.

Private Probleme sorgen für Ablenkung. Den Balzano-Haushalt drücken Schulden, und Byrne wird von einem Dämon seiner Vergangenheit heimgesucht: Nachdem sie Jahre in der Todeszelle verbracht hat, soll Valerie Beckert jetzt hingerichtet werden. Nie wollte sie verraten, wo sie die Leichen der von ihr umgebrachten Kinder versteckt hat. Byrne, der Beckert einst verhaftet hat, geht dieser Fall immer noch nahe. Er kauft sogar das Haus der Mörderin, um dort nach möglichen Indizien zu suchen. Dass der alte Fall mit den Tanztee-Morden zusammenhängt, erkennt Byrne erst, als er und dadurch Balzano ins Visier des Killers geraten …

Irrsinn & Genialität – oder umgekehrt

Oh ja, es wird deutlich, dass es Richard Montanari allmählich schwerfällt, seine altgedienten Serienhelden Balzano und Byrne mit kriminellen Schwergewichten zu konfrontieren, die den entsprechenden Standards entsprechen: Sie dürfen nicht einfach durch die Stadt laufen und Pechvögel killen, sondern müssen dabei a) bestimmten, möglichst bizarren Ritualen folgen und b) so schlau sein, die Ermittler mehrere hundert Seiten an den Nasen herumzuführen, um sie c) final in Lebensgefahr zu bringen.

In dieser Hinsicht haben unzählige Autoren ein Feld abgegrast, das ohnehin recht klein ist: Serienmord schließt zumindest Genialität eigentlich aus. Zudem sind die dabei vollzogenen Rituale vergleichsweise kümmerlich – wen wundert’s, sind Serienkiller in der Realität doch jämmerliche Gestalten, die ihrem bösen Handwerk unauffällig frönen, um nicht erwischt zu werden: Ein Aufwand, wie ihn Mr. Marseille» im hier vorgestellten Thriller treibt, ist faktisch die beste Methode, möglichst rasch ins Netz zu gehen.

Je raffinierter ein Plan ist, desto mehr potenzielle Fallstricke zeichnen ihn aus. Murphy’s Law gilt auch für Kapitalkriminelle: Was schiefgehen kann, wird schiefgehen. In diesem Punkt hält Montanari das Heft in der Hand: So wie steter Tropfen den Stein höhlt, kommen Balzano & Byrne trotz zahlreicher Irrtümer, Sackgassen und Misserfolge dem eben nicht so perfekten Täter langsam aber sicher näher. Ermittlungsarbeit ist zeitaufwändig, was Medien, Politiker oder der (vor allem bezüglich des Schädelinhalts) durchschnittliche Bürger gern ignorieren, wenn sie auf umgehende Aufklärung weitgehend spurenarm begangener Verbrechen pochen.

Wie immer – aber bitte ohne Veränderungen!

Die spannende Darstellung anfänglicher Fehlschlüsse ist eine Herausforderung, der sich Montanari glücklicherweise gewachsen sieht. Bis ins letzte Drittel hinein legt er diverse Falschfährten, die den Leser über Identität und Beweggründe des Schurken im Ungewissen halten, ohne Frustration oder Langeweile aufkommen zu lassen, wenn abermals eine Spur versandet.

Generell greift Montanari auf bewährte Methoden zurück, denn er muss schließlich regelmäßig einen neuen Balzano-&-Byrne-Thriller vorlegen. Dieses Mal schaltet er beispielsweise immer wieder zu «Mr. Marseille» um, der neue Gruselstreiche plant und sich dabei möglichst mysteriös benimmt. Um diesen Aspekt zu unterstreichen, denkt der Autor ihm eine Marotte an: Die Opfer werden nicht einfach umgebracht, sondern die Leichen anschließend ausgestellt. Dafür wird ein Aufwand getrieben, der «Mr. Marseille» eigentlich rund um die Uhr beschäftigen müsste. Diese Tatsache thematisiert Montanari klugerweise nicht, sondern holt aus dem Requisit «Puppe" das Optimale heraus.

Neu ist das wahrlich nicht, aber man muss dem Verfasser zugestehen, dass er keine Literatur schreibt, sondern Unterhaltungslektüre produziert. Die muss dem Leser = Käufer gefallen. Gelingt dies nicht, wird der Kunde zu anderer Ware greifen, die ihm bietet, was er fordert – in diesem Fall die Aufklärung wunderlicher Verbrechen im Wettlauf mit der Zeit. Der Variationsspielraum ist eng, Veränderungen müssen behutsam vorgenommen und dem Publikum vorsichtig angekündigt werden. Hier ist es Balzanos Entscheidung, den aktiven Polizeidienst zu verlassen und Juristin zu werden. Dies wird sich auf die Dynamik des Erfolgsteams Balzano & Byrne auswirken, was nicht jedem Leser der Serie gefallen dürfte.

Durch Augen aus Glas

Doch Montanari muss sich ein wenig Luft verschaffen, denn so wie bisher kann es nicht weitergehen. Tanz der Toten bietet weiterhin Spannung mit Tempo, aber es wird noch deutlicher als im Vorgängerband, dass der Autor sogar die ohnehin fiktive Realität erheblich biegen muss: Die Bruchgrenze kommt in Sicht, wenn Byrne ein Mordhaus kauft und Visionen dort begangenen Untaten bekommt. Sein Verhalten ist irrational, was Montanari nicht zufriedenstellend zu erklären vermag.

Hinzu kommt die Verklammerung des nur scheinbar kalten’ Beckert-Falls mit der aktuellen Mordserie. Hier wird der Zufall – genreüblich, muss man anmerken – überstrapaziert. Auch die finale Auflösung wirkt zäh, weil viele eher willkürliche Aspekte zu einem Gesamtbild verwoben werden wollen. Als es soweit ist, fragt man sich außerdem, wie »Mr. Marseille« dem zelebrierten »Puppenwahn« verfallen konnte: Seine Motive ergeben selbst in dem Mikro-Universum seines Wahns nicht zwingend einen Sinn. Das müssten sie freilich, um aus plakativem Irrsinn bedrohlichen Wahn zu machen.

Stattdessen wird der Puppen-Aspekt vor allem als Grusel-Effekt genutzt, der oft nur Geisterbahn-Niveau erreicht. Puppen können unheimlich sein, wenn ihr Schöpfer bestrebt ist, sie möglichst lebensecht zu gestalten: Genau dann sind sie besonders erschreckend in ihrer leichenhaften Starre, was durch leere »Gesichtszüge« auf die Spitze getrieben wird. Nicht grundlos gibt es zahlreiche Horrorgeschichten und -filme, in denen Puppen »lebendig« werden und mit unbewegten Mienen entsetzte Opfer malträtieren.

Zwar ist gestattet, was den Leser bei Laune hält. Tricks werden problemlos akzeptiert und sogar gutgeheißen, solange sie nicht allzu offensichtlich als mechanisches Mittel zum Zweck des Handlungsvortriebs erkannt werden. Bei Montanari ist es soweit. Ob ihm das klar ist oder es ihn interessiert? Die nächsten Bände der »Balzano-&-Byrne«-Serie liegen im Original bereits vor; sie erschienen pünktlich in Jahresabständen, was nicht auf tiefgreifende Veränderungen hindeutet.

Michael Drewniok, Dezember 2016

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