Der Teufel in dir von Richard Montanari

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel The killing room, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Bastei Lübbe.
Folge 6 der Byrne-und-Balzano-Serie.

  • London: William Heinemann, 2012 unter dem Titel The killing room. 358 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2013. Übersetzt von Karin Meddekis. 400 Seiten.

'Der Teufel in dir' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein nackter Mann sitzt blutüberströmt auf einem Stuhl. Rostiger Stacheldraht verursacht tiefe Wunden in seinem Fleisch. Dampf steigt aus den Verletzungen auf, als sein warmes Blutes auf die eisige Februarluft trifft. Er lebt noch, als Jessica Balzano und Kevin Byrne am Tatort eintreffen. Aber nicht mehr lange. Seine letzten Worte sind: »Er lebt.« Danny bleibt nicht das letzte Opfer des Killers. Und bei der Jagd auf ihn werden die beiden Detectives selbst zum Spielball.

Das meint Krimi-Couch.de: »Unheilige Allianzen und teuflische Morde« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Jessica Balzano, Ermittlerin der Mordkommission in der US-Großstadt Philadelphia, erfährt durch das Telefon von ihrem neuen Fall. Der Täter selbst setzt sie davon in Kenntnis, dass er den ersten von mehreren Morden begangen hat. Da er wie jeder moderne, d. h. geniale und irre Serienkiller weiß, was er seinem Publikum schuldig ist, hinterlässt er kryptische Hinweise, die entschlüsselt seine Identifizierung ermöglichen könnten.

Allerdings ist eine Aussage wie »Ein Gott, sieben Kirchen« nicht gerade ermittlungshilfreich. Deshalb sammeln sich im städtischen Schauhaus bald grausig zugerichtete Leichen, die jeweils in den Kellern alter, längst aufgegebener Kirchen gefunden werden. Die katholische Kirche der Stadt drängt deshalb auf baldige Klärung, während die Medien der Mordserie ein langes Leben wünschen. Vor allem der skrupelfreie »Enthüllungsjournalist« Shane Adams bleibt Balzano und ihrem Partner Kevin Byrne auf der Suche nach blutigen Fakten und Ermittlungsfehlern hart auf den Fersen.

Der offensichtlich christliche Hintergrund der Taten sorgt für Hinweise, die Balzano und Byrne das Wiedersehen mit einem alten aber unangenehmen Bekannten bescheren: »Reverend« Roland Hannah, einem Psychopath und Mörder, der sich hinter der Maske eines frommen Predigers verbarg, haben sie selbst das Handwerk gelegt (s. »Lunatic«). Zwar hat Hannah damals das Augenlicht verloren, was ihn aber nicht darin hindert, auch im Gefängnis geschickt seine Mitmenschen zu manipulieren. Hannah weiß mehr, als er preisgeben möchte. Dank eines geschickten Anwalts wird sein Fall wegen angeblicher Verfahrensfehler gerade neu aufgerollt. Womöglich wird man Hannah freilassen  ein Albtraum für Balzano und Byrne, die alles daran setzen, dies zu verhindern und den Mörder zu fassen, ohne zu ahnen, dass sie damit dem Killer in die Hände arbeiten …

Serienmord ist Mainstream geworden

Noch vor einem Jahrzehnt hätte Autor Richard Montanari mit Der Teufel in dir die Tugendbolde verschreckt und die Splatter-Freunde entzückt. Fünf Menschen werden auf möglichst krude Weise umgebracht; es dauert lange und ist in der Ausführung bizarr. Heute sieht sich Montanari freilich im Thriller-Mainstream angekommen. Selbst Hannibal Lecters blutiges Treiben beginnt in seiner Anthony-Hopkins-Inkarnation vor dem zu verblassen, was Mads Mikkelsen seit 2013 in der »Hannibal«-Fernsehserie anrichten darf.

Das Publikum gewöhnt sich an alles. Was gerade noch für wohliges Entsetzen sorgte bzw. den Untergang der menschlichen Zivilisation einläutete, ist wenig später Blutschnee von gestern. Wieder muss die Schraube einige Windungen angezogen werden. Ihre Länge ist beachtlich, denn weiterhin sind Steigerungen möglich. Allerdings wird die Luft dünn auf dem Metzel-Gipfel. Längst wurde die spitze Feder gegen den Quast ausgetauscht: Serienkiller sind heutzutage Overkiller; sie töten ihre Opfer nicht einfach, sondern schinden und zerwirken sie mit einer Intensität, um die sie jeder mittelalterliche Folterknecht beneidet hätte.

Dieser Wettlauf muss irgendwann verloren gehen. Viele Autoren laufen trotzdem weiterhin unverdrossen dem blutigen Kaninchen hinterher. Richard Montanari hat nach einem Kompromiss gesucht und ihn gefunden. Er dürfte zudem gemerkt haben, dass im sechsten Teil einer Reihe in Sachen Gewalt keine Steigerungen mehr möglich sind. Zudem möchte der Autor sie fortsetzen und muss sich deshalb Spielräume freihalten.

Alte Bekannte mit abgerundeten Ecken

Montanari erfreut noch mit anderen »Verstößen«, die seine Werke eigentlich aus der Bestseller-Kurve tragen müssten. So gibt es zwischen den beiden Hauptfiguren keine Liebesbeziehung  nicht einmal eine tragisch verkappte. Jessica Balzano ist glücklich verheiratet, Kelvin Byrne nicht in sie verliebt. Die beiden sind »nur« beste Freunde und aufeinander eingeschworene Polizei-Partner. Auf diese Weise entzieht Montanari seiner Serie jenen Zwischenboden, auf dem weniger skrupulöse Autoren gern Seelenschmalz turmhoch häufen, bis darunter der eigentliche Kriminalfall zu ersticken droht.

Menschliche und zwischenmenschliche Aspekte kommen keineswegs zu kurz. Montanari hält in dieser Hinsicht jedoch die Zügel angenehm straff. Ein Serienkiller geht um und wird gejagt. Das ist die Handlung, auf die der Verfasser sich konzentriert. Montanari stellt sich der Herausforderung, die Spannung der Ungewissheit über 400 Seiten aufrecht zu erhalten, auf klassische Weise: Der Teufel in dir ist ebenso Thriller wie Rätsel-Krimi.

Bei der Suche nach dem Täter schaut der Leser den Figuren quasi über die Schultern. Wie es sich gehört, streut Montanari versteckte Hinweise auf den Killer ein. Sie sind freilich mit Vorsicht zu genießen, da der Autor zwar fair spielt aber dennoch gern falsche Fährten legt. Mehrfach glaubt man bereits zu wissen, wer da Leichen in alten Kirchen hinterlässt. Auch das Motiv scheint festzustehen. Aber Montanari schlägt im letzten Handlungsviertel gleich mehrere Haken.

»Anonym« ist nicht gleich »genial«

Üble Taten im Umfeld der (katholischen) Kirche erfreuen sich großer Beliebtheit. Das war schon vor Dan Brown so, hat aber seit »Illuminati« selbstverständlich zugenommen. Die Verlockung einer uralten, grundsätzlich dem Guten geweihten Institution, deren Angehörige sich im Laufe von Jahrhunderten allzu gern unlauteren bis kapitalkriminellen Methoden bedienten, um vorgeblich im Dienst der guten Sache ihre Macht zu mehren, ist unwiderstehlich.

Auch Montanari scheint diesen Kurs einzuschlagen  ein weiterer Irrtum, denn die Auflösung des bibelschwangeren Mysteriums ist denkbar profan. Damit entgeht der Autor einer bekannten Falle: Rätsel werden von Menschen gestellt, die in der Regel nicht über den Stein der Weisen und auch sonst über keine kosmischen Weisheiten verfügen. Hinter aufwendigen Chiffren kommen letztlich Banalitäten zum Vorschein. Macht, Geld, Rache  der scheinbar geniale Super-Schurke entpuppt sich als armes, rachedurstiges, gestörtes Würstchen.

Der Autor ist gehalten, diese Erkenntnis nicht zur Enttäuschung gerinnen zu lassen. Auch deshalb zündet Montanari Nebelkerzen. Sehr beliebt und wirkungsbewährt ist die scheinbare Verwicklung einer Hauptfigur in kriminelle Machenschaften. Dieses Mal trifft es Byrne  gleich mehrfach, damit die leserliche Gewissheit, dass es eine Zentralfigur doch sicher nicht erwischen wird, so richtig ins Wanken gerät.

Sauberes Handwerk schlägt Krimi-Kunst

Der Teufel in dir ist Band 6 einer Reihe. Wirklich Neues kann der Leser nicht mehr erwarten. Ein guter Teil des Publikums wünscht es auch nicht. Serien leben auch vom Gewohnheitseffekt. Der Leser weiß, was ihn erwartet. Veränderungen sind riskanter als die Gefahr, das Figurenpersonal erstarren zu lassen. Die Variation stellt den Serien-Leser vollauf zufrieden. Deshalb kann Montanari problemlos in Erinnerungen schwelgen und alte, bereits beschriebene Fälle von Balzano und Byrne erwähnen: Sein Stammpublikum teilt diese fiktive Vergangenheit, in der die ebenfalls fiktive Gegenwart eine Stütze findet.

Hinzu kommt eine kritikresistente Sachlichkeit dort, wo sich Montanari dem modernen Polizeialltag widmet. Ohne die »Police-Procedural«-Details zu übertreiben, lässt er sie dort ins Geschehen einfließen, wo sie ihm nützen, es vorantreiben oder erläutern. Die Mischung mag nicht gerade innovativ sein, doch sie sorgt für weiterhin schmackhafte Krimi-Kost. Mit seiner Rezeptur kann (und wird) Richard Montanari Balzano und Byrne noch manchen schrägen Fall spannend lösen lassen.

Michael Drewniok, Februar 2014

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