Scare me! von Richard Jay Parker

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel Scare me, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Festa.

  • Nottingham: Exhibit A/Angry Robot, 2013 unter dem Titel Scare me. 361 Seiten.
  • Leipzig: Festa, 2015. Übersetzt von Eva Bauche-Eppers. ISBN: 978-3865524379. 480 Seiten.

'Scare me!' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Wann hast du dich das letzte Mal selbst gegoogelt?

Der erfolgreiche Geschäftsmann Will Frost wird mitten in der Nacht von einem anonymen Anrufer geweckt, der ihm genau diese Frage stellt. Als Will online geht, stößt er unter seinem Namen auf eine Website mit den Silhouetten von sieben Häusern. Im ersten Haus hat sich gerade ein bestialischer Mord ereignet …und im letzten wohnt er selbst.
Will wird von dem Unbekannten im Rahmen einer makabren Schnitzeljagd von Tatort zu Tatort gehetzt – bis sich die Frage stellt, wer ist eigentlich das Opfer, und wer der Täter.

Ein erschreckender Blick auf die moderne Welt. Das Internet als Instrument des Bösen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Online-gesteuerte Global-Hatz mit echten Leichen« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

William Frost ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, glücklich verheiratet und bald Großvater, denn Tochter Libby ist schwanger. Vor der Geburt unternehmen sie und Ehemann Luke eine ausgedehnte Asienreise. Die besorgten Eltern sind nicht glücklich darüber – die ferne Fremde ist immer verdächtig -, und ihre düsteren Vorahnungen bewahrheiten sich: Libby und Luke werden gekidnappt und verschleppt.

Vater Will erfährt davon nicht durch eine Lösegeldforderung. Er und Gattin Carla sind Opfer einer perfiden Verschwörung, die dem Zweck dient, beide in Todesangst zu versetzen. Will wird eine Webadresse zugespielt. Dort zeigen Fotos ein Haus, das er binnen einer knapp gesetzten Frist betreten soll, um dort ein bestimmtes Objekt zu bergen; es wird Will zu einem weiteren Ort weisen, wo er entsprechend handeln soll: Sieben solcher Stationen wird der Leidensweg schließlich umfassen, den Will nun gehen muss. Die Polizei darf selbstverständlich nicht benachrichtigt werden.

Der Ernst der Lage wird Will klar, als er sein erstes Ziel erreicht und dort die Leichen der grausam niedergemetzelten Hausbewohner entdeckt. Er zappelt im Netz der Psychopathin Poppy, die ihn erbarmungslos dorthin dirigiert, wo weitere Anweisungen und Opfer Will erwarten. Perfide hält Poppy den Zeitplan so straff, dass Will ihm nur folgen kann. Carla hält daheim die Stellung am Telefon. Sie bemüht sich zu ermitteln, wer hinter der Heimsuchung stecken könnte: ein verärgerter Geschäftspartner vielleicht? Kandidaten gäbe es mehrere.

Mit teuflischem Vergnügen hetzt Poppy Will durch die USA und lotst ihn weiter nach Asien. Längst ist die Polizei aufmerksam auf die bestialischen Morde geworden. Will wurde an den Tatorten gesehen; die Fahndung beginnt sich auf ihn zu konzentrieren. Außerdem hat sich Reporter Pope auf seine Spur gesetzt. Der wittert die Story seines Lebens, wobei gleichgültig ist, ob Libby ihr Martyrium überlebt. So muss sich Will seinen Verfolgern entziehen, Pope hinhalten, Poppys Vorgaben gehorchen und ihr endlich zuvorkommen, denn er ahnt, dass Poppy Libby auf keinen Fall freilassen wird …

Höher als der Preis des eigenen Lebens

Ein Unschuldiger gerät in eine Krisensituation, auf die er nicht vorbereitet ist und die ihn permanent überfordert. Der Preis für das eigentlich höchstwahrscheinliche Versagen ist schlimmer als der Verlust der eigenen Freiheit oder sogar des Lebens, denn im Zentrum der Gefahr stehen geliebte Familienangehörige: Diese Konstellation weckt ungeahnte Kräfte und ist deshalb eine ideale, immer taugliche Basis für spannende Geschichten. Den Regisseur Alfred Hitchcock (1899-1981) faszinierte die Frage, wie hoch ein Mensch über sich selbst hinauswachsen kann, so sehr, dass er sich über Jahrzehnte in immer neuen Film-Variationen damit beschäftigte.

Das Konzept ist simpel und funktioniert wie jede gute Idee gerade deshalb reibungslos: Auf der einen Seite steht der Kampf gegen eine lange unsichtbare Macht. Er wird stets unter Zeitdruck geführt und beschwört Zwischenfälle und Zufälle herauf, die einen erfolgreichen Abschluss der Krisenmission verhindern wollen. Gleichzeitig existiert eine emotionale Ebene, denn nie fehlt in solchen Thrillern das Dreiecksverhältnis Jäger – Gejagter – Opfer/Geisel. Immer gibt es Szenen, in denen der Gejagte mit den Jägern um Gnade und mehr Zeit feilscht, und stets sieht man das oder die Opfer/Geiseln in stetig zunehmender Lebensgefahr, was den Druck auf den Gejagten wiederum steigert.

Auch Richard Jay Parker greift auf diesen Plot zurück. Dabei versucht er gar nicht erst, das Rad neu zu erfinden, sondern bemüht die erfolgreiche Alternative, das Spannungsspiel durch Variation und Verschärfung des Bekannten und Bewährten zu beleben. Das Ergebnis fällt durchwachsen aus, wobei der Autor zunehmend an Boden gewinnt, sobald er sich im letzten Drittel seines Romans auf das böse Spiel konzentriert und die bisher zu intensiv zelebrierten Abschweifungen unterlässt.

Schnitzeljagd über einen klein gewordenen Globus

Die Größe unserer Erde wird heutzutage gern unterschätzt. Spätestens seit dem Siegeszug des Internets scheint sie geschrumpft zu sein. Selbst abgelegene Winkel sind relativ rasch zu erreichen. Gleichzeitig haben alte Sünden bzw. Vorurteile mit der Globalisierung Schritt gehalten: »Fremd« ist ein Synonym für »verdächtig« und »gefährlich« geblieben. Darauf kann Autor Parker setzen, wenn er einen nicht gerade weltgewandten Mann dorthin schickt, wo ihm Geld und Ruf nicht nützen.

Scare Me! erzählt von einer Schnitzeljagd. Heute werden keine auf Papier niedergeschriebenen Hinweise mehr hinterlegt. Nicht grundlos spricht man vom »World Wide Web«, weshalb der geplagte Will Frost stets eine Hand frei halten muss, um das überallhin mitgeschleppte Laptop zu bedienen. Der Handlungsfaden ist identisch mit der Route dieser online vorgegebenen Hatz über mehrere Kontinente. Da Parker einfallsreich genug ist, sich Zwischenfälle und fiese Tücken auszudenken – wobei letztere stellvertretend von der bösen Poppy umgesetzt werden -, sorgt er für Tempo und Spannung.

Allerdings dauert es eine ganze Weile, bis diese im Vordergrund stehen Die beiden ersten Drittel dieses Romans fordern vom Leser eine hohe Frustrationsschwelle. Immer wieder nimmt Parker den Fuß vom Gas, um eine Rückblende einzuschalten. Auf diese Weise möchte er uns u. a. die Familie Frost vorstellen, um sympathische Nähe zu den positiven Hauptfiguren aufzubauen. Dabei verliert er sich in Wiederholungen und Details, die niemand wirklich interessieren, zumal es Parker übertreibt und sich in Klischees flüchtet. Auf diese Weise gelingen ihm keine Figuren, die uns tatsächlich ans Herz wachsen. Will, Clara, Libby, die zahlreichen Nebenrollen: Sie bleiben flach und ausdrucksarm. Das schließt Poppy ein, die zu allem Überfluss im Finale rasant von der dämonischen Heimsuchung zur Drama-Queen degeneriert.

Höllische Hatz mit Verzögerungen

Hinzu kommen Nebenstränge, die der Handlung nur Länge aber keine Tiefe verleihen. In Singapur wird ein Slum-Kind namens Tran in die Entführung verwickelt, wobei sich nie eine echte Verbindung zum Zentralgeschehen ergibt. Irgendwann schaltet sich ein genretypisch ebenso ausgebrannter wie skrupelloser Sensationsjournalist ein, der mit Ereignisdetails gefüttert werden will, ständig damit droht, mit seiner »Story« an die Öffentlichkeit zu gehen, aber letztlich doch durch die Entdeckung eines Gewissens langweilt.

Mindestens einhundert Seiten könnte dieses Buch problemlos verlieren. Das letzte Drittel belegt, wie viel besser es dadurch würde: Endlich greift sich Parker den Handlungsfaden und beginnt ihn zu straffen, nachdem er ihm bisher vor allem Länge gegeben hat und ihn durch hochkompliziert eingefädelte Splatter-Morde auf Geisterbahn-Niveau würzen wollte. Im Stil eines »Hit-&-Run«-Games gesammelte Informationssplitter werden allmählich zusammengesetzt. Die sich daraus ergebende Auflösung ist keineswegs originell aber im Rahmen der Vorgeschichte unerwartet und funktionstüchtig. Zudem gelingt Parker ein Finaltwist, der nicht nur die (bereits entstehende) Fortsetzung vorbereitet, sondern in der Tat einen Sinn ergibt.

Ungeachtet der holprigen Handlungsführung kann Parker also punkten. Im aktuellen Meer ähnlich gestrickter Thriller treibt Scare Me! dennoch eine Handbreit unter der Oberfläche: Da gibt es eindeutig spannender konstruierte, besser getimte und geschmeidiger geschriebene Pageturner!

Michael Drewniok, Mai 2016

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