Ein nasses Grab von Reginald Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1975 unter dem Titel An April Shroud, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Droemer Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: , 1970 - 1989.
Folge 4 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • London: Collins, 1975 unter dem Titel An April Shroud. ISBN: 0002318423. 225 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2011. Übersetzt von Silvia Visintini. ISBN: 978-3-426-63331-1. 368 Seiten.

'Ein nasses Grab' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Nach einer Panne genießt ein unkonventioneller Kriminalbeamter im Urlaub die Gastfreundschaft einer exzentrischen Familie, die womöglich gerade den Hausherrn umgebracht hat &  Mit der ihm üblichen Freude am Spiel mit Kunst und Genre-Konventionen legt Reginald Hill nicht nur den vierten Band seiner großartigen Dalziel-&-Pascoe-Serie, sondern auch einen lupenreinen, spannenden und geistreichen Rätselkrimi vor.

Das meint Krimi-Couch.de: »Dieses Wasser ist tief aber nicht still« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ausgerechnet Andrew Dalziel, der ebenso bewunderte wie ob seiner Grobheit gefürchtete Detective Superintendent der Kriminalpolizei von Mid-Yorkshire, steckt in einer Lebenskrise. Die Heirat seines Untergebenen und Freundes Detective Inspector Peter Pascoe verdeutlicht ihm die private Einsamkeit. Dalziel beschließt die drohende Depression durch einen Urlaub zu verscheuchen. Dieser führt ihn in die ländliche Region der Grafschaft Lincolnshire und auf eine vom Dauerregen überflutete Straße.

Prompt fährt sich Dalziel fest. Seine Rettung erzwingt er von der Familie Fielding, die gerade Conrad, den Familienvorstand, zu Grabe getragen hat. Beim Versuch, Lake House, den von Verfall und Pleite bedrohten Stammsitz, in ein Restaurant zu verwandeln, stürzte Conrad von einer Leiter direkt in eine rasant rotierende Bohrmaschine  ein Unfall, der nicht nur Dalziel, sondern auch Detective Sergeant Cross von der örtlichen Polizei verdächtig vorkommt.

Haben die Fieldings, eine sehr exzentrische Sippe, den Hausherrn umgebracht? Dalziel beschließt, inkognito zu ermitteln. Bonnie, die reizende Witwe, hat daran keinen geringen Anteil. Zum ersten Mal seit langer Zeit beschleichen Dalziel Frühlingsgefühle, die allerdings durch die Erkenntnis verkompliziert werden, dass es bei Conrads Ende in der Tat nicht mit rechten Dingen zugegangen sein und Bonnie involviert sein könnte.

Dies vermutet auch der lästige Versicherungsdetektiv Alfred Spinx, bis er ertrunken im nahen See aufgefunden wird. Indizien für Betrug findet Dalziel in der Tat reichlich. Die Familienmitglieder belauern und fürchten einander, ihre Freunde tücken fleißig mit. Bei einer Leiche bleibt es nicht, und bald steckt Andrew Dalziel inmitten einer kruden Verschwörung, die er mit der gewohnten Klarsicht und Hinterlist sowie etwas Hilfe seitens des zufällig eintreffenden Peter Pascoe aufzudecken gedenkt &

Dalziel & Pascoe  die frühen Jahre

Seit 1970 ermitteln der geduldige Peter Pascoe und sein genialer (und ungehobelter) Chef Andrew Dalziel. Mehr als 20 Bände umfasst die Reihe inzwischen, die nicht nur ungewöhnlich lang läuft, sondern dabei ihre Qualitäten niemals eingebüßt hat. Das Spiel mit den Regeln des Kriminalromans, die Reginald Hill perfekt beherrscht, ermöglicht einen seltenen Seiltanz: Diese Krimis sind verspielt, irritierend, seltsam  und dabei spannend, fesselnd und ungemein witzig.

Ein nasses Grab gehört in die frühe Phase der Serie. In England bereits 1975 erschienen, wurde dieser Roman hierzulande dreieinhalb Jahrzehnte sträflich übersehen, bevor sich endlich der Knaur Verlag, derzeit deutscher Verleger von Hills Werken, dazu entschloss, ihn erstmals aufzulegen  schön übersetzt und angenehm wohlfeil als Taschenbuch.

Das Risiko der Veränderung

Lang laufende Reihen neigen zur Standardisierung. Die Fälle mögen sich ändern, doch die Personen bleiben vertraut. So wünscht oder fordert es jene Mehrheit der Leser, die grundsätzliche Änderungen schnell verärgern. Damit steckt der Verfasser in einer Sackgasse. Er muss den eingeführten Charakteren Rechnung tragen und gleichzeitig für frischen Wind sorgen  keine einfache Aufgabe.

Reginald Hill bricht schon mit dem vierten Band ´seiner´ Serie aus. Obwohl er in den folgenden Jahrzehnten bewies, was sich aus der Beziehung Dalziel  Pascoe herausholen ließ, geht er mit Ein nasses Grab einen anderen Weg. Pascoe tritt zwar auf, bleibt aber Gaststar; auf den einleitenden Seiten heiratet er, und ein (strapazierter) Zufall führt ihn im Finale zurück in die Handlung. Auf mehr als 300 dazwischen liegenden Seiten glänzt er durch Abwesenheit.

Er wird freilich nicht vermisst. Kein Wunder, denn Hill erfüllt endlich einen Wunsch, den viele Leser schon längst gehegt haben: Pascoe ist ein netter Kerl, aber wir wollen endlich einmal den genial-verrückten Andy Dalziel als Hauptperson! Hill erhört uns und vollzieht den Rollentausch. »Ein nasses Grab« ist Dalziels One-Man-Show. Sie erfüllt die hochgesteckten Erwartungen. Damit dies geschehen kann, musste Hill einige Vorbereitungen treffen.

Dicker Mann zeigt dünnes Fell

Obwohl Dalziel neben Pascoe eine unverzichtbare Hauptfigur der Serie ist, setzt Hill sie behutsam ein. Pascoe ermittelt und repräsentiert dabei den eher alltäglichen Zeitgenossen mit auch privat entsprechenden Problemen. Dalziel ist eine Naturgewalt. Körperlich wie im Benehmen gibt er den Falstaff, den er freilich durch hohe Intelligenz und ein ausgeprägtes taktisches Geschick in den Schatten stellt. Er taucht dort auf, wo Pascoe auf der Stelle tritt, reißt die Handlung an sich und dominiert in einem Maß, das genau solche Auftritte zum zweischneidigen Schwert macht: So unterhaltsam und vergnüglich sie sind, sie tragen die Gefahr der Gewöhnung und den Druck der nur bedingt möglichen Effektsteigerung in sich.

Für Ein nasses Grab schaltet Hill deshalb das Dalziel-Mobil in einen niedrigeren Gang. Vor allem erweitert er jedoch das Persönlichkeitsspektrum einer Figur, die hier über das bekannte Poltern an Tiefe gewinnt: Dalziel wird zum Menschen mit einem Privatleben. Er ist einsam, und durch Pascoes Hochzeit wird ihm dies bewusst. Sein Urlaub ist zunächst eher Flucht als Erholung.

Hier lauern sofort jene Gefühlsduseligkeiten, die viel zu viele Krimis zur Seifenoper verkommen lassen. Aber Hill behält die Oberhand. Sentimentalität ist seine Sache nicht. Dalziel mag in einer Midlife Crisis stecken, doch diese drängt sich nie in den Vordergrund. Ein nasses Grab bleibt in erster Linie Kriminalroman.

Die üblichen Verdächtigen  nur noch verdächtiger

Was den Hill-Kenner ebenfalls in Erstaunen versetzt. Der Autor ist bekannt dafür, in seinen Kriminalromanen den Krimi mutwillig zu ignorieren. Vor allem die Spätwerke sprengen die Genre-Vorgaben; Hill lässt phantastische Elemente einfließen oder scheut nicht davor zurück, Dalziel wie einen angelsächsischen Brandner Kaspar mit dem Tod um sein Leben zu diskutieren. Geistreiche Wortspiele und das einfallsreiche Spiel mit der klassischen Literatur gewinnen passagenweise die Oberhand, während die ´reale´ Handlung ausgesetzt ist.

In Ein nasses Grab verzichtet Hill zwar nicht auf die Wortspiele. Stattdessen verblüfft er mit einem lupenreinen Rätselkrimi, den er mit der gebührenden Verwirrung des Lesers aber genrekonform über die gesamte Distanz bringt. Bereits das Ambiente ist englische »Whodunit«-Klassik in reinster Form: Lake House ist das abgelegene Landhaus, das zusätzlich nach einer Überschwemmung isoliert ist. Der oder die Mörder müssen sich aus den aktuellen Bewohnern rekrutieren.

Die schildert Hill ebenfalls üblich als nonkonformistische und dadurch erst recht verdächtige Gruppe. Skurrile Gestalten sind das Salz in der Rätselkrimi-Suppe. Hill verfügt über das Talent und den Witz, solche Figurenzeichnungen nicht ins übertrieben Lächerliche umkippen zu lassen. Hinter Tumult und Klamauk ist stets eine zweite Ebene sichtbar: Hier geht es um gleich mehrere Kapitalverbrechen.

Das große, absurde, tragische Finale

Sogar Dalziel droht  vielleicht  dem Charme seiner schrecklich netten Gastgeber-Familie zu erliegen. Die Hausherrin zerrt ihn in ihr Bett, was er sich gern gefallen lässt. Doch Dalziel ist nicht käuflich. Im großen Finale vergisst er alle Zurückhaltung und seine Träume auf eine glücklichere Zukunft. Der »Whodunit« fordert die Entlarvung des möglichst unschuldig wirkenden Täters, der wie gesagt dem Kreis der Verdächtigen angehört. Will Dalziel Polizist bleiben, kann er gar nicht anders, als eine seiner liebenswert kauzigen Figuren als Mörder zu outen.

Allerdings findet Dalziel noch manches Schlupfloch, um dem Recht auf seine Weise Geltung zu verschaffen. Er ist durchaus bereit, innerhalb eines gewissen Rahmens Polizist und Richter gleichzeitig zu sein. Anders als Pascoe kann er damit leben; Dalziel ist kein Vorbild, sondern eine schillernde Persönlichkeit.

Krimispaß mit gewaltiger Verspätung

Ein nasses Grab erschien in England bereits 1975 als vierter Band der Dalziel-&-Pascoe Serie. Diese erfuhr in Deutschland eine bemerkenswerte (und traurige) Veröffentlichungsgeschichte. Drei Verlage haben bisher Romane der Serie verlegt, ohne dabei auf die Serienchronologie Rücksicht zu nehmen. Das ist schade, denn es gibt durchaus rote, die Einzelbände übergreifende Handlungsfäden.

Zwischenzeitlich saß der deutsche Hill-Leser über Jahre gänzlich auf dem Trockenen. Obwohl nach und nach auch ältere Bände erscheinen, bleiben weiterhin Lücken  von den Schwierigkeiten, die es mit sich bringt, zum Teil seit Jahrzehnten vergriffene Titel zu finden, ganz zu schweigen. Nichtsdestotrotz bringt jede Erstveröffentlichung den Hill-Leser dem ersehnten Ziel  den Besitz der vollständig übersetzten Serie, die er selbst in die korrekte Reihenfolge bringen kann  einen Schritt näher.

Da Ein nasses Grab wie gesagt ein klassischer Rätselkrimi ist, bleiben die Verbindungen zur Realität des Jahres 1975 gering. Der Plot ist zeitlos, die Handlung spannend. Nur manchmal verraten Details das wahre Alter: Nacktfotos auf Papier sorgen heutzutage kaum mehr für Aufregung. Eine gute Geschichte wie diese findet dagegen immer noch ein zufriedenes Publikum.

Michael Drewniok, März 2011

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kianan zu »Reginald Hill: Ein nasses Grab« 18.11.2014
Der humorvolle Schreibstil ist wieder klasse, gerade wie der Autor Dalziel, aber auch die Bewohner von Lake House beschreibt. Das Pascoe nur am Anfang und Ende des Buches auftaucht, fand ich persönlich nicht störend.

Warum dann keine 5 Sterne? Zum einen gab es einige Längen in dem Buch, die einiges an Spannung nahm. Darüber hinaus hat sich am Ende mein Anfangsverdacht bestätigt, der Hintergrund der Tat/en fand ich jedoch dann einerseits ein wenig konstruiert oder aber zu schnell durchschaubar. Daher ergaben sich mir nicht so viele Überraschungsmomente.

Aber natürlich bleibe ich der Serie treu und werde definitiv weitere Fälle mit Dalziel und Pascoe lesen!
Gaspar zu »Reginald Hill: Ein nasses Grab« 12.02.2011
In England 1975 erschienen, wurde dieser Titel erst vor Kurzem ins Deutsche übersetzt. Das ist nicht ungewöhnlich bei den Romanen Hills. Den Vorgänger zu dieser Geschichte traf das gleiche Schicksal. Der Grund dafür könnte die Länge von deutlich über 300 Seiten sein, für die es in der Zeit der Taschenkrimis kaum einen Markt gab. Beim letzten Mal war Peter Pascoe im Urlaub und musste einen Fall am Urlaubsort lösen. Dieses Mal sind beide Ermittler im Urlaub, aber nur Andy Dalziel darf als ein einsamer Wolf einen Mordfall aufklären. Es verschlägt ihn "zufällig" in ein klassisches, britisches Landhaus, wo er nach einer Überschwemmung und daraus resultierenden Autopanne Aufnahme findet. Im wirklichen Leben würde ihn die Familie Fielding wohl kaum so herzlich aufnehmen, aber in der Welt des Krimalromans muss das anders sein. Dalziel ermittelt allein und wird dabei zu einem moderneren Poirot. Statt sich Wortgefechte mit seinem Untergebenen Pascoe zu liefern, gerät er hin und wieder ins Grübeln. Dennoch gibt es den Hillschen Humor und seine charakteristische Sprache. Die Tatsache, dass die Bewohner des ländlichen Anwesens mit Todesfällen locker umgehen, verschafft auch dem Leser Entspannung. Klischees gibt es nur im üblichen Rahmen der Landhaus-Lokalität. Anders als bei meinen letzten Krimis gab es keine Längen und keine Reise in irgendwelche Vergangenheiten. Vermutlich muss man die Person Dalziel mögen, um diesen Roman zu mögen.

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