Das Haus an der Klippe von Reginald Hill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Arms and the Women, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei Europa.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 19 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • London: HarperCollins, 2000 unter dem Titel Arms and the Women. 391 Seiten.
  • Hamburg; Wien: Europa, 2001. Übersetzt von Sonja Schuhmacher & Thomas Wollermann. ISBN: 382897127X. 511 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2003. Übersetzt von Sonja Schuhmacher & Thomas Wollermann. 511 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2003. Übersetzt von Sonja Schuhmacher & Thomas Wollermann. ISBN: 3-426-61983-0. 603 Seiten.

'Das Haus an der Klippe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Als Ellie nur um Haaresbreite einem Entführungsversuch entkommt, vermutet Chief Inspector Peter Pascoe den Grund für das Attentat in der Tatsache, dass Ellie mit einem Polizisten verheiratet ist. Doch schon bald stellt sich heraus, dass der Anschlag tatsächlich seiner Frau galt und wahrscheinlich in Verbindung mit deren Engagement bei der Organisation Liberata steht, die sich weltweit für Frauen einsetzt, die aus politischen Gründen inhaftiert wurden. Während Peter Pascoe und Detective Superintendent Andy Dalziel versuchen, die Hintergründe des Falls zu entwirren, stoßen sie in ein Wespennest aus politischen Intrigen, Kokainschmuggel und Waffenhandel.

Leseprobe

Das meint Krimi-Couch.de: »Trügerisch betulicher Landhaus-Krimi, der abrupt in einen burlesk-dramatischen Agententhriller mündet.« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Polizisten leben bekanntlich manchmal gefährlich, denn manchmal stößt ein Strolch, der sich anschickt, seine gerechte Strafe anzutreten, hässliche Drohungen gegen den aus, der ihn hinter Gitter brachte. Chief Inspector Peter Pascoe von der Kriminalpolizei des kleinen Städtchens Mid-Yorkshire in der gleichnamigen englischen Grafschaft geht daher sogleich in Gedanken die Liste seiner möglichen Feinde durch, als Ellie, seine Gattin, von einem zwielichtigen Pärchen beinahe entführt wird. Nur ihrem nach langen Jahren an der Seite eines Polizisten entwickelten Instinkt verdankt sie ihr Entkommen.

Die Lage ist ernst, zumal der Anschlag besorgniserregend professionell eingefädelt wurde. Noch deutlicher wird dies, als nur kurze Zeit darauf eine zweite Attacke folgt. Verständlicherweise nutzt Pascoe seinen Einfluss, um die Ermittlungen zu beschleunigen. Dabei muss er keine besonderen Widerstände überwinden, denn sein Chef, der exzentrische Detective Superintendent Andrew Dalziel, ist ein enger Freund der Familie. Dasselbe gilt für den tüchtigen Detective Sergeant Edgar Wield. Noch relativ neu in der Runde ist Constable Shirley Novello, die aus dem Trio ein Quartett macht.

Ex-IRA-Terrorist macht nun in Waffenhandel

Bald schon zeitigen die Ermittlungen erste Erfolge, die indes von Pascoe und seinen Gefährtin zunächst nicht verstanden werden. Dass Patrick »Popeye« Ducannon in die Angelegenheit verwickelt ist, muss allerdings als Grund zur Besorgnis gelten. Der ehemalige IRA-Terrorist hat sich von der irischen Untergrund-Organisation losgesagt und ist ins Waffengeschäft eingestiegen. Doch er hat sich ausgerechnet PAL als »Geschäftspartner« ausgesucht – die kleinste, aber radikalste Guerilleragruppe Kolumbiens. Ihr Anführer, der im Kampf um die Macht zu allem entschlossene Fidel Cubillas, genannt Chiquillo, reist persönlich nach Europa, um den Handel mit Ducannon abzuwickeln. Doch die Übergabe endet in einem Fiasko: Chiquillo, der selbst unter den Rebellen seines Landes nicht unumstritten ist, wurde ein kolumbianisches Killer-Kommando hinterher geschickt. Allerdings geraten die Mörder an die Falschen – ihre Opfer können der Falle entkommen. Während der Ducannon verletzt zurück bleibt, macht sich Chiquillo mit den Waffen und einer großen Menge Kokain, das der Bezahlung dienen sollte, aus dem Staub.

Nun setzt eine mörderische Jagd ein. Ducannon denkt nicht daran, sich betrügen zu lassen. Die ihm eigene Rücksichtslosigkeit und seine alten Verbindungen machen ihn zu einem höchst gefährlichen Mann. Freilich mischen sich noch andere Parteien ein: Chiquillos Rebellen-Kollegen müssen ihren Konkurrenten unbedingt ausschalten, bevor es ihm gelingt, womöglich mit den Waffen nach Kolumbien zurückzukehren.

»Liberata Trust´s« mit Sitz in Mid-Yorkshire

Wie der Zufall so spielt, hat Chiquillo eine Schwester, die ebenfalls in der Opposition tätig war und dafür lange Zeit in einem Regierungsgefängnis einsaß, das für seine Unmenschlichkeit bekannt ist. Diese werden im Westen von diversen Menschenrechts- Organisationen angeprangert. Niemand ist dabei so aktiv wie die Gruppe »Liberata Trust´s« der verschrobenen Aktivistin Serafina »Feenie« Macallum, die ihren Sitz in Mid-Yorkshire hat. Ellie Pascoe ist hier Mitglied, und Bruna, Chiquillos Schwester, wurde ihr »zugeteilt«. Doch nachdem das einzige Kind der Pascoes lange auf Leben und Tod krank darnieder lag, hat sich Ellie kaum mehr um die Belange von »Liberata Trust´s« gekümmert. Deshalb ist ihr entgangen, dass Bruna inzwischen frei gekommen und sogleich untergetaucht ist. Chiquillas Feinde, die gern die Schwester finden würden, um mit ihrer »Hilfe« den Bruder zu fangen, setzen sich auf die einzige Spur, die sie haben – und die führt ausgerechnet zu Ellie Pascoe, der immer noch nicht bewusst ist, dass ein kolumbianische Rebellenkommando sie für die europäische Verbündete ihres ärgsten Feindes hält.

Die Situation eskaliert, als auch der rachedurstige Ducannon auf die Chance aufmerksam wird, des betrügerischen Chiquillos über die Pascoes habhaft zu werden – und dann mischt sich auch noch der britische Geheimdienst ein, bis in einer dunklen, stürmischen Nacht alle Beteiligten in einem vom Sturz ins Meer bedrohten alten Haus zusammentreffen …

Sanfte Hügel als Schauplatz eines Drogen- und Waffenschmuggler-Krieges

Die sanften Hügel des idyllischen Yorkshire als Schauplatz eines mörderischen Drogen- und Waffenschmuggler-Krieges – willkommen in der Welt des Reginald Hill, der im 17. Band seiner Pascoe/Dalziel-Serie erneut mit traumwandlerischer Sicherheit die Balance zwischen Spannung, Dramatik und britischem Humor zu halten weiß.

In »Das Haus an der Klippe« – im Original sehr viel treffender als »Waffen und (die) Frauen« betitelt, denn die weiblichen Figuren ziehen dieses Mal die Fäden – hat sich die Hillsche Perspektive bei der Figurenzeichnung leicht verschoben. Weiterhin stehen die Polizisten Pascoe, Wield, neuerdings Shirley Novello und natürlich der unvergleichliche Andy Dalziel im Mittelpunkt der Handlung. Doch »Das Haus...« ist auch die Geschichte von Ellie Pascoe. Sie, deren Aufgabe es bisher eher war, Peter Pascoe als Ehemann und Vater »menschlicher« wirken zu lassen, gewinnt hier ein endgültig ein eigenes Profil.

Freilich war sie auch bisher nie das treusorgende Heimchen am Herd, sondern ein sehr eigenwilliger und eigenständiger Charakter, der sich auch vom dicken Dalziel nicht ins Bockshorn jagen ließ. Dennoch schwang immer ein wenig Slapstick mit, wenn Hill Ellie Pascoe als Aktivistin darstellte, die sich in den Kampf für Feminismus oder Dritte Welt und wider Unterdrückung oder Umweltverschmutzung stürzte und es dabei in der Regel mit dem Engagement übertrieb, was im Rahmen der Krimi-Handlung immer für humorvolle Einlagen sorgte. Doch nun nimmt sie Hill eindeutig ernster und erzählt auch die Geschichte einer Frau, die erkennen muss, dass sich die Ideale ihrer Jugend, denen sie so viel Kraft gewidmet hat, überlebt bzw. sogar in eine sehr reale Gefahr verwandelt haben. Die von vielen wohlmeinenden Gutmenschen-Gruppen propagierte Einteilung der Welt in Böse (= imperialistische, ausbeuterische, umweltzerstörende Industriestaaten; besonders die USA und ihr/e Geheimdienst/e sowie selbstverständlich die globalen Konzerne dieser Welt) und Gut (= die unterdrückten, um ihre politische, wirtschaftliche und soziale Selbstständigkeit ringenden Länder der Dritten Welt, die tapfer trotz aller Schwierigkeiten ihre hehren Ideale von Gleichheit, Solidarität & Gerechtigkeit in die Tat umsetzen) lässt sich in der Realität einfach nicht aufrecht halten. Das ist eine unangenehme Wahrheit, und lange war es politisch keineswegs korrekt, unverblümt auszusprechen, dass die Verdammten dieser Erde nicht per se Heilige, sondern auch nur Menschen sind.

Der Thriller als engagierte Gegenwartsliteratur

Man merkt: Hill legt erneut keinen »reinen« Krimi vor, sondern baut sacht eine Botschaft und vielleicht sogar eine Moral ein. Dabei legt er seine Karten offen auf den Tisch, und weil er sein Handwerk versteht, verärgert er sein Publikum auch nicht. »Das Haus an der Klippe« gewinnt auf diese Weise eine zusätzliche Dimension – der Thriller als engagierte Gegenwartsliteratur. Zudem wandelt Hill erneut auf unerwarteten humoristischen Pfaden; wer hätte gedacht, dass Pascoe und Dalziel sich in einem früheren Leben als Äneas und Odysseus schon einmal über den Weg gelaufen sind...?

Demgegenüber fällt die Zeichnung der gegenwärtigen Figuren dieses Mal ein wenig ab. Andy Dalziel mutiert gar zu sehr zum leutseligen Weihnachtsmann, weil ihm Hill seine Ecken und Kanten genommen hat. Sergeant Wield legt ein weiteres Stück auf seinem Weg zum edlen Vorzeige-Schwulen ohne Fehl und Tadel zurück. Constable Novello kämpft rund um die Uhr gegen den überall lauernden männlichen Chauvinismus in der englischen Polizei. Peter Pascoe, scharfsinniger Polizist, treuer Ehegatte und liebevoller Vater, bleibt der farblose Charakter, dem nur die Nebenfiguren ein wenig Leben einhauchen können.

Auch ein durchschnittlicher Hill ragt über vieles turmhoch hinaus

Aber vielleicht dämpft ja hauptsächlich die Erinnerung an Das Dorf der verschwundenen Kinder, jenes eindrucksvolle 16. Pascoe/Dalziel-Abenteuer (ebenfalls im Europa-Verlag erschienen; vgl. das Loblied Ihres Rezensenten), das die dramatische Wucht einer antiken Tragödie entwickelte, die Begeisterung am »Haus an der Klippe«. Das sollte aber keinesfalls den Eindruck aufkommen lassen, hier habe man es mit einem mittelmäßigen Werk zu tun. Selbst ein durchschnittlicher Hill-Thriller ragt (das abgegriffene Bild sei mir hier verziehen) immer noch turmhoch über das hinaus, was regelmäßig in den Regalen der Buchläden abgeladen wird.

Natürlich ist »Das Haus...« wieder ein feines Stück Buchdruck- und Buchbindehandwerk, wie man es vom Europa-Verlag gewöhnt ist. Die sorgfältige Übersetzung rundet das Lektüre-Vergnügen ab, und so bleibt als letzte Anmerkung erneut nur der Wunsch, dass auch die nächsten Fälle der Polizei von Mid-Yorkshire in diesem Haus erscheinen werden.

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Martina zu »Reginald Hill: Das Haus an der Klippe« 03.08.2004
Im Großen und Ganzen hat mir das Buch auf jeden Fall gefallen. Aber es dauert ziemlich lange bis es spannend wird und so manch ungeduldiger Leser hat bis dahin das Buch vielleicht schon als langweilig abgeschrieben. Also, ein bisschen Geduld!
kuerten zu »Reginald Hill: Das Haus an der Klippe« 01.07.2003
Wer das "Dorf der verschwundenen Kinder" kennt, wird vom "Haus an der Klippe" wohl ziemlich enttäuscht sein. Beinahe mag man den Eindruck erhalten, Hill habe sich ein wenig selbst beweihräuchern müssen. Er kann erzählen, sehr gut sogar, auch in diesem Roman. Aber was er mit dem "Haus an der Klippe" abgeliefert hat, ist weit von meisterhafter Spannung entfernt.

Ein kleiner Unfall und der Entführungsversuch auf den ersten gut 50 Seiten, dann passiert erst mal gut 300 Seiten nichts. Man erhält lediglich die Erkenntnis, dass der Geheimdienst seine Hände im Spiel hat. Äußerst lästig sind die Unterbrechungen in Form der "sybillinischen Blätter" und einer Kurzgeschichte über antike griechische Halbgötter, die Ellie Pascoe während des Laufes der Handlung verfasst und nun wirklich überhaupt null mit der restlichen Handlung zu tun hat.

Das Ende des Buches als burlesk-dramatisch zu bezeichnen, darauf muss man erst mal kommen. Die Kulisse wirkte auf mich zu phantastisch, die geballte Frauenpower war vielleicht eine Portion zu dick aufgetragen. Für mich ein schwächerer und kein durchschnittlicher Hill-Roman, aufgeblasen und künstlich in die Länge gezogen.
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