Das Haus an der Klippe von Reginald Hill

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Arms and the Women, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei Europa.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / Yorkshire, 1990 - 2009.
Folge 19 der Dalziel-&-Pascoe-Serie.

  • London: HarperCollins, 2000 unter dem Titel Arms and the Women. 391 Seiten.
  • Hamburg; Wien: Europa, 2001. Übersetzt von Sonja Schuhmacher & Thomas Wollermann. ISBN: 3203780151. 511 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2003. Übersetzt von Sonja Schuhmacher & Thomas Wollermann. 511 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2003. Übersetzt von Sonja Schuhmacher & Thomas Wollermann. ISBN: 3-426-61983-0. 603 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

ISBN 3-426-61983-0, 620 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Droemer Knaur*

Leseprobe

Aus dem Englischen von Sonja Schuhmacher und Thomas Wollermann

»Scheiße«, sagte Ellie Pascoe.
Durch das offene Fenster der Abstellkammer, der sie die Bezeichnung »Arbeitszimmer« verweigerte, hatte sie ein Auto in die kurze Einfahrt einbiegen hören.
Sie tippte »mir so viel Zeit nehmen, wie du willst«, speicherte ab und trat ans Fenster.
Ein Mann und eine Frau stiegen aus einem Auto und gingen auf die Eingangstür zu.
»Hallo«, rief Ellie.
Ihre von oben kommende Stimme ließ die Besucher zusammenfahren wie ertappte Kinder, und der Frau fielen die Autoschlüssel aus der Hand.
Vielleicht glauben sie, es ist die Stimme Gottes, dachte Ellie.
Oder vielleicht (ein Gedanke führt zum nächsten) denken sie, sie seien die Stimme Gottes.
»Falls Sie Zeugen Jehovas sind«, rief sie, »dann sage ich Ihnen gleich, dass hier nur kommunistische Satanisten wohnen. Ich würde Ihnen aber gerne ein paar von unseren Schriften geben.«
»Mrs. Pascoe?« sagte die Frau. »Mrs. Ellie Pascoe?«
Sie sah nicht aus wie eine Zeugin Jehovas. Und die Zeugen Jehovas fahren auch nicht im dicken BMW vor.

Zwei Vermutungen, so haltlos wie Hottentottentitten (diesen Satz entnahm sie ihrer Sammlung der Aussprüche von Andy Dalziel), aber nach Beweisen suchen wir, wenn uns die Intuition im Stich läßt (eine ihrer eigenen Weisheiten, eine Provokation für jeden Polizisten).
»Sekunde. Ich komme runter«, sagte sie.
Als sie schließlich unten ankam und die Haustür öffnete, hatten die beiden sich wieder gefaßt. Jetzt wirkten sie einfach nur besorgt.
»Mrs. Pascoe?« sagte der Mann, er war schlank, in den Dreißigern, sah gar nicht übel aus und trug einen gutsitzenden Glencheck-Anzug, der von einem Schneider aus der Savile Row hätte stammen können. Peter würde er bestimmt noch besser stehen. »Sie sind Mrs. Pascoe?«
»Ich dachte, das hätten wir schon geklärt.«
»Mein Name ist Jim Westcombe. Ich bin vom Sozialdienst der Schulbehörde. Es geht um Ihre Tochter Rose. Sie besucht doch die Edengrove Junior, oder?«
»Ja, aber heute haben sie Wandertag und sind im Freizeitpark von Tegley Hall …bitte, worum geht es?« fragte Ellie.
Die Besucher wechselten einen Blick, dann erklärte der Mann:
»Machen Sie sich keine Sorgen, es geht ihr gut, Sie können ganz beruhigt sein, wirklich -«
»Wie bitte?«

Es gibt nur wenige Dinge, die eine Mutter mehr in Unruhe versetzen können als die Versicherung, sie brauche sich nicht zu beunruhigen, ganz besonders, wenn diese Mutter noch wenige Wochen zuvor an einem Krankenhausbett gewacht und nicht gewußt hat, ob ihre Tochter sich von einer Hirnhautentzündung erholen würde oder nicht.

Die Frau warf ihr einen Blick zu, in dem sich Mitgefühl und Ärger über das Ungeschick ihres Begleiters mischten.
»Jim, halt den Mund«, sagte sie. »Mrs. Pascoe, der Bus, der die Kinder nach Tegley Hall bringen sollte, hat eine Panne. Ein Ersatzbus ist unterwegs, aber offenbar fühlt sich ihre kleine Tochter nicht so gut. Also hat der Schulleiter beschlossen, sie lieber nach Hause zu schicken, aber er konnte Sie telefonisch nicht erreichen ...«

Ellie drehte sich um und griff nach dem Flurtelefon. Die Leitung war tot. Im Spiegel über dem Telefon blickte sie ein nicht völlig unbekanntes Gesicht an, dessen Blässe durch die Sommerbräune schimmerte wie ein Totenlicht durch ein Musselintuch. Das war es. Das war die Strafe, die sie verdiente. Das hatte sie sich selbst eingebrockt. Schlimmer noch, Rosie …und Peter.

» …also hat er versucht, Ihren Mann zu erreichen, aber ohne Erfolg, dann hat er bei der Schulbehörde angerufen, und da Jim und ich sowieso hier vorbeifahren mußten, haben wir versprochen, vorbeizuschauen und nachzusehen, ob Sie zu Hause sind.«
»O mein Gott«, sagte Ellie.
Mir wird schwindlig, dachte sie. Ich höre nicht richtig.

Sie lehnte sich Halt suchend gegen den Türrahmen, die Frau legte die Hand auf ihren Arm und sagte: »Wirklich, Mrs. Pascoe, es ist alles in Ordnung. Sie wissen ja, wie das ist, am Ende des Schuljahres, die Kinder sind aufgeregt, rennen wie verrückt herum. Ich habe auch zwei, ich weiß, wie sie einen auf Trab halten können, glauben Sie mir. Es geht nur darum, rauszufahren und die Kleine abzuholen. Haben Sie einen Wagen? Jim kann mit Ihnen fahren, er weiß, wo der Bus liegengeblieben ist. Ich habe einen dringenden Termin, aber Jim hat ein, zwei Stunden Zeit, stimmt’s, Jim? Er kann Sie auch fahren, wenn Ihnen das lieber ist.«
»Natürlich«, sagte der Mann. »Kein Problem. Fahr’n am besten gleich los, was? Je eher wir uns auf den Weg machen, desto schneller haben Sie Ihre Kleine wieder.«

Ellie holte tief Luft. Es war nicht genug. Noch einmal. Es war, als würde man Öl auf eine verrostete Mechanik geben. Sie konnte regelrecht hören, wie die Zahnräder in ihrem Gehirn knirschten, als sie alles noch einmal durchging, was man zu ihr gesagt hatte.
»Entschuldigung. Darauf war ich nicht gefaßt. Normalerweise bin ich nicht so langsam. Es hat mir einen kleinen Schock versetzt. Ich dachte, Sie wollten mir sagen, es hätte einen Unfall gegeben ...«
»Aber nicht doch«, erwiderte die Frau. »Wirklich nicht.«
»Haben Sie selbst mit Mr. Johnson, dem Direktor, gesprochen? Hat er Ihnen gesagt, dass es keinen Grund zur Sorge gibt?«
»Ja, ich habe persönlich mit Mr. Johnson gesprochen«, sagte die Frau bestimmt. »Eine leichte Übelkeit, hat er gemeint. Aber sie will lieber nach Hause, als den ganzen Tag im Bus durchgerüttelt zu werden.«
»Aber für den Fall, dass es doch was Ernsteres ist, dann wär’s doch besser, wir fahren gleich raus, was?« sagte der Mann freundlich.
»Jim, ich bitte dich!« tadelte ihn die Frau.
»Nein, er hat ja recht«, sagte Ellie, trat einen Schritt vor und lächelte den Mann an. »Es ist immer gut, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Sind Sie vorbereitet, Mr. Westcombe?«
Dann stieß sie ihm, so fest sie konnte, das Knie zwischen die Beine.
Es tat ihr gut, dass er so bleich wurde, wie sie selbst es war.

Nun ließ sie ihren rechten Arm mit Schwung auf den Hals der Frau niedersausen. Der Schlag hätte sie wahrscheinlich zu Fall gebracht, doch ihre Gegnerin war flink und duckte sich, aber nicht tief genug. Ellies Handkante traf sie an der Schläfe über dem rechten Auge, immerhin noch so fest, dass sie rücklings in den Pompon de Paris taumelte, der sich links der Veranda an einem Pfosten emporrankte.

Als Ellie ihn gekauft hatte, hatte Peter gemurrt, man könne doch heutzutage bestimmt eine etwas weniger stachlige, benutzerfreundlichere Rose bekommen, doch sie hatte es nicht bereut. Ihr Vater hatte die kleinen rosafarbenen Pompon-Blüten sehr geliebt, bevor ihm die Alzheimer Krankheit auch diese Freude genommen hatte. Und als sie jetzt die Frau aufschreien hörte, wußte Ellie, dass sie von nun an auch die Dornen lieben würde.

Sie flüchtete ins Haus und schlug die Tür zu. Mit Wucht ließ sie die Riegel einschnappen, da spürte sie einen Schmerz im rechten Handgelenk, und als sie mit dem Rücken gegen die Tür zu Boden sank, auch in ihrem rechten Knie. Heftig atmend saß sie da, so als wäre sie gerade hundert Meter einen steilen Hügel hinaufgelaufen. Draußen hörte sie Autotüren schlagen, ein Motor sprang an, der Wagen entfernte sich im Rückwärtsgang.

Sie saß ganz still. Nichts war zu hören außer ihrem eigenen heftigen Atem, und als er sich beruhigt hatte, erhob sie sich, ging zu einem Fenster im oberen Stockwerk und schaute auf die leere Einfahrt hinunter.

Was immer auch passiert war, es war vorbei. Warum hatte sie trotzdem das Gefühl, dass es jetzt erst anfing?

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