Kommissar Gennat ermittelt von Regina Stürickow

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Elsengold.

  • Berlin: Elsengold, 2016. ISBN: 978-3944594569. 208 Seiten.

'Kommissar Gennat ermittelt' ist erschienen als Hardcover

Das meint Krimi-Couch.de: Ein genialer Kommissar in drei prägenden Epochen 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Ernst Gennat geriet ein wenig in Vergessenheit, doch seit einigen Jahren ist er wieder präsent. Zahlreiche Krimiautoren binden seine Figur direkt oder indirekt in ihre in Berlin spielenden Plots ein. Dass der als genial zu bezeichnende Ermittler wieder ins Bewusstsein gerückt wurde, ist vornehmlich der Verdienst von Dr. Regina Stürickow, die Gennat schon 1998 mit ihrem Buch Der Kommissar vom Alexanderplatz ein literarisches Denkmal setzte. Das vorliegende, 2016 erschienene Buch Kommissar Gennat ermittelt Die Erfindung der Mordkommission basiert auf dem Werk von 1998 und kann als überarbeitete Neuauflage bezeichnet werden. Mehrere Textstellen wurden ungekürzt übernommen, dennoch lohnt sich ein Erwerb des aktuellen Buches unbedingt. Auf knapp über 200 Seiten finden sich rund hundert Abbildungen, die allein den Kauf lohnen. Neu hinzugekommene Kapitel ergänzen den Vorgänger vorzüglich.

Spannender und informativer Einblick in drei unterschiedliche Epochen

Ernst Gennat wird am 1. Januar 1880 geboren, gibt nach acht Semestern sein Jurastudium auf und wechselt in den Polizeidienst. Am 1. August 1905 erfolgt seine Ernennung zum Kriminalkommissar. Es folgen über drei Jahrzehnte Polizeiarbeit in drei für dieses Land prägenden Epochen: Kaiserzeit, Weimarer Republik und Nationalsozialismus. So ist Kommissar Gennat ermittelt viel mehr als nur eine reine Biografie. Es vermittelt einen spannenden und informativen Einblick in die drei unterschiedlichen Epochen, spiegelt das (sozial)gesellschaftliche Leben und die damit einhergehende Kriminalitätsentwicklung jener Zeit und bietet nicht zuletzt eine unterhaltsam-informative Lektüre über die Entwicklung der Polizeiarbeit. Oder, wie es in dem Untertitel treffend heißt, es berichtet über die Erfindung der Mordinspektion.

In der Kaiserzeit sind die polizeilichen Ermittlungen alles andere als berauschend. Oftmals treten Mitglieder hochgestellter Familien den Dienst nur an, um ein gesichertes Einkommen mitzunehmen. In traditioneller preußischer Gründlichkeit werden zudem regelmäßig Tatorte von den Polizisten verunstaltet, in dem sie aufgeräumt werden. Man kann ja eine Leiche nicht so rumliegen lassen und bei der Flucht umgefallene Stühle gehören selbstredend wieder hingestellt. Ordnung muss sein, Pech für die Ermittler. Erst allmählich wird es besser, doch es wird noch bis zur Weimarer Republik dauern, bis sich geradezu revolutionäre Dinge ereignen.

1920er Jahre treiben die Polizeiarbeit in neue Dimensionen dank Gennat

Ernst Gennat ist mit seinem Beruf verheiratet, schläft oft im Büro und arbeitet die Nächte durch. Dank seiner Sekretärin Gertrud Trudchen Steiner ist seine Versorgung, insbesondere mit Kuchen und Torten, sichergestellt. Seiner fülligen Figur verdankt er seinen Spitznamen Buddha der Kriminalisten. Die 1920er Jahre sind sein Zeit. Gennat treibt die Ermittlungsarbeit in eine ungeahnte Dimension. So organisiert er eine Zentrale Mordkommission, in der er Einblick in alle laufenden Fälle erhält. Bis dato wurden Ermittlungsergebnisse verschiedener Mordkommissionen eher nicht ausgetauscht. 1926 präsentiert die Berliner Kripo dass von Gennat mitentwickelte Mordauto, einen umgebauten Maybach Zeppelin. Er erstellt zudem ein Arbeitschema für Todesermittlungsverfahren, welches noch heute Anwendung findet und lässt eine Kartei für Todesfälle anlegen, in der nicht nur Berliner Fälle erfasst werden, sondern Tötungsdelikte aus ganz Deutschland sowie dem Ausland. Auch die Öffentlichkeitsarbeit wird massiv ausgebaut, Gennat selber wird zu einer Art Medienstar.

In der praktischen Ermittlungsarbeit macht sich Gennat zunehmend rar

Gennat war nie Mitglied einer Partei, beruflicher Ehrgeiz in Hinblick auf die Karriereleiter war ihm verhasst. So wird er 1934 letztmalig befördert, zum Regierungsrat. Er war halt dran. 1935 wird er als Chef der Kriminalgruppe M zum stellvertretenden Leiter der Berliner Kripo ernannt, doch seine Weigerung, der NSDAP beizutreten, sorgt für Misstrauen. Gleichwohl will man auf seine Erfahrungen nicht verzichten. In der praktischen Ermittlungsarbeit macht sich Gennat zunehmend rar, seine Gesundheit ist angeschlagen. Mit der Ausstrahlung des ersten Fahndungsaufrufes im Fernsehen, diese war nur in speziellen Fernsehstuben zu sehen, setzt er noch mal ein Ausrufezeichen – und auch privat überrascht Gennat unmittelbar vor seinem Tod. Er heiratet, allerdings nicht die ihn verehrende Gertrude Steiner, sondern eine Kommissarin, die sich immerhin über eine ordentliche Witwenrente freuen durfte.

Wer sich für die genannten Epochen und/oder die Geschichte der Polizeiarbeit (nicht nur in Berlin) interessiert, kommt an diesem informativen und reichhaltig bebilderten Buch nicht vorbei.

Jörg Kijanski, Juli 2017

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