Stumme Hechte von Rainer Wittkamp

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 bei Grafit.
Folge 4 der Martin-Nettelbeck-Serie.

  • Dortmund: Grafit, 2016. ISBN: 978-3-89425-469-8. 256 Seiten.

'Stumme Hechte' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Jedes Jahr machen die vier hochrangigen Polizeibeamten Lutz Büchler, Max Hartl, Steffen Reifenberg und René Walcha eine Woche Männerurlaub. Aber der findet dieses Mal ein jähes Ende, als nach einer durchzechten Nacht einer der vier tot aufgefunden wird. Für Kommissar Nettelbeck spricht vieles für Selbstmord, doch plötzlich mauern die überleben den Freunde bei der Befragung. Fingerspitzengefühl ist gefragt, schließlich handelt es sich um einflussreiche Kollegen. Als dann noch die kleine Tochter seiner Lebensgefährtin entführt wird, liegen Nettelbecks Nerven blank.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wenn Top-Bullen ihre Männerfreundschaft pflegen« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Am Krossinsee, ganz im Südosten von Berlin, findet die Campingplatz-Betreiberin eine Leiche. In Sichtweite des Toten schlummern drei hochrangige Polizisten in ihren Schlafsäcken. Seit der gemeinsamen Zeit auf der Führungsakademie machen Lutz Büchler, Max Hartl, Steffen Reifenberg und René Walcha regelmäßig zusammen Urlaub – und nun liegt Walcha erschossen im Wasser. Kommissar Martin Nettelbeck und sein Team gehen angesichts der Umstände und der ersten Aussagen der drei Polizeidirektoren zunächst von Selbstmord aus, ermitteln aber dennoch auch in andere Richtungen. Als die Polizei erste Spuren findet, die doch auf einen Mord hindeuten, beginnen die drei Überlebenden zu mauern.

Nettelbeck will den Fall unbedingt aufklären, muss aber vorsichtig sein, da es sich bei den drei Verdächtigten um einflussreiche Polizisten handelt. Dramatisch wird es für den ehrgeizigen Ermittler, als zu allem Überfluss auch noch die Tochter seiner Lebensgefährtin Philomena entführt wird. Nettelbeck und seine Kollegen müssen alles geben, um die mehr als spezielle Situation zu bewältigen.

Rasanter Erzählstil ohne überflüssiges Beiwerk

Stumme Hechte ist für Rainer Wittkamp bereits der vierte Fall um den Berliner Ermittler Martin Nettelbeck. Der Einstieg in die Serie ist offensichtlich problemlos möglich, ohne die Vorgänger-Bände gelesen zu haben, jedenfalls habe ich das bei der Lektüre so empfunden. Wie bei einem Drehbuch-Schreiber nicht anders zu erwarten, erzählt Wittkamp seine Geschichte sehr dynamisch und flüssig. Er schafft es, 86 Kapitel in die 219 Seiten seines Romans zu packen. Das wird nicht jeder Leser mögen, mir hat dieser rasante Erzähl-Stil allerdings außerordentlich gut gefallen. Der Roman ist dadurch frei von überflüssigem Beiwerk, daran können sich manche Autoren mit ihren ausufernden Beschreibungen von Land und Leuten gerne ein Beispiel nehmen.

Rainer Wittkamp nimmt daher auch keinen langen Anlauf, sondern geht gleich in die Vollen. Neben dem Mord am Krossinsee wird dem Leser bereits zu Beginn eine leicht verschrobene Kleinkriminelle präsentiert, die ihrer Freundin dabei half, deren Mann zu töten. Da die Entführung der Tochter von Nettelbecks Lebengefährtin bereits auf der Buchrückseite angekündigt wird, ahnt der Leser schnell, welche Rolle die frisch aus dem Gefängnis entlassene Nadine Lemmnitz spielen wird.

Sarkastische Untertöne sorgen für gute Unterhaltung

Das gesamte Szenario des Romans ist in meinen Augen hochinteressant. Drei Polizeidirektoren als Verdächtige in einem Mordfall, bei dem ihr bester Freund das Opfer ist. Ein Ermittler, der mit seiner Patchwork-Familie so richtig gut zu Berlin passt – und durch die Entführung in eine echte Krise schlittert. Und dann noch die Kulissen am Rande und in den Nischen der Hauptstadt, die kurz und knapp, aber dennoch authentisch beschrieben werden. Man merkt bei der Lektüre, dass sich der Autor in Berlin bestens auskennt, und die Hintergründe für seinen Plot akribisch recherchiert hat. Sarkastische Untertöne sorgen – neben aller Spannung – für gute Unterhaltung. Alles zusammen führt dazu, dass der Leser von der Geschichte von Beginn an gefesselt wird, und wissen will, wie es in den verschiedenen Handlungssträngen weiter geht.

Ein stimmiger Plot und ganz viel Spannung

Ein Mord in hochrangigen Polizeikreisen und eine Entführung in der Familie des Ermittlers – das ist schon eine starke Kombination. Traditionelle Polizeiarbeit ist gefragt, bei aller Emotionalität, der sich Martin Nettelbeck natürlich nicht entziehen kann. Falsche Spuren und Verwirrungen heizen die Spannung noch zusätzlich an. Das Finale hat Rainer Wittkamp – wie bei einem Drehbuch-Profi zu erwarten – noch deutlich rasanter und dramatischer gestaltet. Ein bemerkenswerter Haupt-Protagonist, interessante und ungewöhnliche Neben-Figuren, ein stimmiger Plot und viel Spannung – diesen Kriminalroman legt man erst aus der Hand, wenn der Fall gelöst ist. Fazit: Überaus lesenswert.

Andreas Kurth, Juli 2016

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leseratte1310 zu »Rainer Wittkamp: Stumme Hechte« 11.06.2016
Vier Polizeibeamte im gehobenen Dienst unternehmen immer wieder etwas gemeinsam. Doch bei der Radtour läuft dieses Mal etwas völlig falsch. Einer der vier wird nach einer durchzechten Nacht in der Nähe ihres Campingplatzes tot aufgefunden. Einiges deutet auf Selbstmord hin, daher freuen sich Martin Nettelbeck und sein Kollege Wilbert Täubner, dass der Fall so schnell abgeschlossen werden kann. Doch die drei Kollegen mauern und das scheint verdächtig. Aber Nettelbeck muss sich auch noch mit einer alten Geschichte herumschlagen, den die kleine Tochter seiner Lebensgefährtin Philomena wird entführt.
"Stumme Hechte" ist der vierte Band einer Reihe um Kommissar Nettelbeck. Es ist nicht unbedingt erforderlich, die Vorgängerbände zu kennen.
Da ich bereits zwei der Vorgängerbände gelesen habe, war ich natürlich sofort in der Geschichte drin. Viele der Protagonisten sind mir schon sehr vertraut. Alle Charaktere sind gut und authentisch beschrieben. Auch in diesem Band gibt es wieder einige originelle Personen, allen voran Campingplatzleiterin Rosa Engelbusch.
Die Handlung ist spannend bis zum rasanten Ende und immer wieder wird man als Leser durch unverhoffte Wendungen in die Irre geschickt. Aber es gibt durchaus auch humorvolle Abschnitte.
Nettelbeck ist dieses Mal persönlich betroffen, da Efua Marie entführt wird. Dass ihn das nervlich sehr mitnimmt, ist verständlich.
Dieser spannende Krimi hat mich wieder sehr gut unterhalten.
Baerbel82 zu »Rainer Wittkamp: Stumme Hechte« 19.05.2016
Die Früchte des verbotenen Baumes

„Stumme Hechte“ ist bereits der vierte Fall für den Berliner Kult-Kommissar Martin Nettelbeck. Dennoch handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte, die ohne Vorkenntnisse lesbar ist. Worum geht es?
Rainer Wittkamp geht gleich in medias res: Eine Kugel, die einen Schädel durchschlägt! Mord oder Selbstmord? Vier hohe Tiere bei der Polizei machen Männerurlaub. Nun liegt einer von ihnen tot im Morast und die anderen werden verdächtigt, ihren Kollegen getötet zu haben. Wo liegt das Motiv?
Nettelbeck ist total verschnupft, zudem hat er mit privaten Problemen zu kämpfen: Die kleine Tochter seiner Lebensgefährtin Philomena wurde entführt. Der Leser fiebert mit Efua Marie mit, ob sie gerettet wird. Nettelbeck hingegen möchte man zurufen: Lass das mal die Frauen machen! Denn nicht nur Irina Eisenstein, die Freundin von Nettelbecks Partner Wilbert Täubner, ist wieder mit dabei, sondern auch Kriminalrätin Jutta Koschke ist zurück im Dienst.
Lange stoßen Nettelbeck und sein Team auf eine Mauer des Schweigens. Angeblich war der Tote durch und durch korrupt. Zudem soll er ein Verhältnis mit der Frau eines Kollegen gehabt haben. Es wird ermittelt, manch falsche Fährte begangen, überraschende Nebenwege tun sich auf und führen schließlich auf Umwegen zum Ziel, der sogenannten Wahrheit. Im Fall der kleinen Efua Marie führt die Spur zurück in die Vergangenheit. Zum Glück erinnert sich Nettelbeck rechtzeitig…
Entführung, Mord und Selbstmord. Viel Lokalkolorit und Atmosphäre. Die Figurenzeichnung ist glaubhaft und durchdacht. Nettelbecks Privatleben nimmt wieder einen breiten Raum ein. Doch das Thema Posaune, war mir diesmal etwas ‚too much‘. Auch die fein dosierte Bissigkeit aus „Kalter Hund“ und „Frettchenland“ kommt hier für meinen Geschmack ein bisschen zu kurz.

Fazit: Eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Gut, für mich aber nicht das beste Buch aus dieser Reihe!
mabuerele zu »Rainer Wittkamp: Stumme Hechte« 13.05.2016
„...Es reicht doch wohl, das wir uns wegen des Flughafens auf Jahrzehnte hinaus zum Affen machen...“

Auf dem Campingplatz am Krossinsee findet man am Morgen einen Toten. Der äußere Anschein spricht für Selbstmord. Brisant wie der Fall dadurch, dass es sich um einen hohen Polizeibeamten handelt. Zusammen mit drei langjährigen Freunden aus der Zeit des Studiums wollte Renè an einem Kongress teilnehmen. Auch die Freunde haben auf dem Campingplatz übernachtet. Der Fall kommt in die Hände von Kommissar Martin Nettelbeck.
Der Autor hat einen fesselnden Kriminalroman geschrieben, der sich zügig lesen lässt. Dafür sorgt nicht nur die abwechslungsreiche Handlung, sondern auch die kurzen Kapitel.
Neben der Aufklärung des Todesfalls gibt es einen zweiten Handlungsstrang. Nadine, eine junge Frau, die wegen Mordes einsaß, ist seit kurzem wieder in Freiheit. In der Haftanstalt musste sie mit ansehen, wie ihre Freundin Petra an einem Hirntumor starb. Schuld dafür gibt sie den Kriminalbeamter, der kurz vor dem Ausbruch der Krankheit mit Petra gesprochen hatte. Nadines Rachegedanken bestimmen ihr Handeln.
Der Schriftstil des Buches ist abwechslungsreich. Schon im ersten Kapitel fällt der fein dosierte Sarkasmus auf. Gut herausgearbeitet wird das schwierige Verhältnis zwischen Martin Nettelbeck und Jutta Koschke, seiner Vorgesetzten, die nach der Pflege ihres Mannes und dessen Tod gerade wieder zum Dienst angetreten ist. Im Laufe der Handlung zeigt sich, dass es Kleinigkeiten sind, die aus der These Selbstmord eine Mordermittlung werden lassen. Die exakte und detaillierte Arbeit der Beamten wird gut beschrieben. Fundierte Dialoge treiben das Geschehen voran. Manche stecken voller Ironie, so das Gespräch zwischen Hartl und Büchner, den Freunden des Toten. Geschickte Anspielungen auf politische Unzulänglichkeiten finden sich ab und an. Obiges Zitat ist ein Beispiel dafür. Zwischendurch gibt es immer wieder Kapitel, die Nadines irrationalen Gemütszustand wiedergeben. Gleichzeitig versteckt der Autor in seinem Krimi gekonnt kleine Erzählungen, die der Geschichte eine zusätzliche Lebendigkeit geben. Sehr gut werden die Emotionen der Protagonisten dargestellt. Angst und die Ohnmacht, weil man in schwierigen Situationen nur Beobachtender und nicht Handelnder sein darf, ist ein Beispiel dafür. Hinzu kommt, dass der Autor in Nebenrollen Protagonisten kreiert, die schwer zu durchschauen sind, mit ungewöhnlicher Tätigkeit ihr Geld verdienen und letztendlich doch liebenswert sind. Der eigentliche Kriminalfall führt nach Leipzig in die Baubranche. Korruption und Gerissenheit bestimmen die Motivlage.
Das Cover mit dem Spiegelbild im See strahlt Ruhe aus, aber auch eine gewisse Düsternis.
Das Buch hat mir ausgezeichnet gefallen. Ein hoher Spannungsbogen, überraschende Wendungen und nachvollziehbare Ermittlungsarbeit haben dazu beigetragen. Über den Erzählstrang mit Nadine möchte ich nichts weiter sagen. Dessen Feinheiten darf der zukünftige Leser selbst herausfinden.
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