Kettenacker von Rainer Gross

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Pendragon.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 2 der Hermann-Mauser-Serie.

  • Bielefeld: Pendragon, 2011. ISBN: 978-3865322715. 352 Seiten.

'Kettenacker' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

In Kettenacker, einem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb, entdeckt der pensionierte Lehrer Mauser ein Skelett. Kommissar Greving nimmt die Ermittlungen auf. Schon bald stellt sich heraus, dass es sich um die Leiche eines Mädchens handelt, das in den 1930er Jahren spurlos verschwand. Nur mit Mausers Hilfe kommt der Kommissar gegen die Mauer des Schweigens der Dorfbewohner an. Was soll hier vertuscht werden? Und welche Rolle spielt Mausers eigene Familie­ in dieser Geschichte? Der Fall lässt Mauser nicht mehr los. Bis er letztlich feststellen muss, dass die Schatten der Vergangenheit länger sind als gedacht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Er hat es wieder getan. Knapp 13 Jahre nach den Ereignissen in und um Grafeneck stößt Herrmann Mauser beim Höhlenforschen wieder auf eine Leiche. Diesmal auf die skelettierten Überreste eines jungen Mädchens. Vergewaltigt und ermordet 1933 wie sich bald herausstellt. Kommissar Greving, den Mauser schon aus dem früheren Fall kennt, beginnt zu ermitteln. Ebenso der pensionierte Lehrer Mauser, dem schnell klar wird, dass seine Schwester Mutz, die im Rahmen des T4-Projektes 1944 (in Rainer Gross´ literarischem Zeitfenster) umgebracht wurde, eng mit dem Tod des Mädchens verbunden ist. Mauser wird erneut in seinen Grundfesten erschüttert, was umso schwerer wiegt, da ihm die Umzugspläne seiner Freundin Veronika schwer zu schaffen machen. Immerhin findet sich der von Selbst- und Gotteszweifeln geplagte Polizist Greving als Freund in so dunklen wie redseligen Stunden ein. Zwei ungleiche und doch so ähnliche Männer, die einen gemeinsamen Feind haben: das Böse. Wobei sie eigentlich mehrere gemeinsame Feinde besitzen. Dummheit, Ignoranz, Lüge und bigotte Selbstherrlichkeit gesellen sich in vertrauter Runde noch dazu.

Kettenacker ist ein Roman über die Provinz. Aber kein spannungsheischendes Werk, in der Polizisten und üble Täter durch heimelige Auen und Täler torkeln, um beim Bäcker vor Ort Gerechtigkeit in penibel gebackener und ausgewogener Brötchenform zu finden. Mauser und Greving steigen in die Abgründe der menschlichen Provinz, in der das Empfinden, das Denken und Handeln nur den gerade herrschenden Zeitläuften und eigenen bequemen Befindlichkeiten gehorcht. In denen man fußballspielender Gemütsmensch sein kann, der ruhigen Gewissens damit leben kann, Menschenleben mutwillig missachtet und bewusst zerstört zu haben. Nur ein Scherz. Hier darf die Geistlichkeit dunklen Gelüsten frönen und sühnend in die abgeschlossene Welt eines Klosters fliehen. Verständnis wird zwar gesucht, bleibt aber minimal, zu viele Leben sind durch die Verfehlungen eines kleinen Mannes, der große Töne spuckt, auf der Strecke geblieben.

»Gott ist ein Arschloch«

So lautet die ernüchternde Bilanz eines betrunkenen Kommissars. Eigentlich ein gläubiger Christ, dem sowohl Gottes- wie Menschenpläne immer undurchschaubarer werden.

Gott hat sich einfach vergriffen, als er uns zu seinem geliebten Geschöpf erwählt hat. Er hätte sich etwas Intelligenteres aussuchen sollen, Delfine vielleicht, die sollen ja so schlau sein, ja, Jesus hätte als Delfin auf die Welt kommen sollen…!

Gemeinsam mit Herrmann Mauser versucht er nicht nur Tätern auf die Spur zu kommen (die vor keinem irdischen Gericht mehr landen werden), sondern auch dem alten und nie gelösten Rätsel, warum ein liebender Gott so viel Unrecht geschehen lässt. Gerade an seinen hilflosesten Schäfchen. Mauser und Greving werden tief in die Eingeweide dieses Themas getrieben, doch ob eine (Er)lösung in Aussicht steht, ist fraglich. Stattdessen Wut und Entsetzen über das, was Menschen anderen Menschen antun. Herrmann Mauser, der sich ewig eifersüchtig emotional im Schatten der behinderten Mutz sah, erfährt, dass die Geschichte der älteren Schwester einer ganz anderen Deutung bedarf. Der Schrecken wird dadurch nicht geringer, im Gegenteil. Aber Erkenntnis ist die größte Chance ähnliches Grauen zukünftig zu vermeiden. So gibt die veränderte Position und Ausrichtung der Wissenschaft Mauser erst die Chance, überhaupt an Untersuchungsergebnisse aus der Vergangenheit zu gelangen. Kleine Erfolge, vage Hoffnungsschimmer.

Die Alb schimmert auch. Gross versucht nicht nur dem Bösen ein Gesicht zu geben, sondern auch der Landschaft, den Menschen und ihren Lebensräumen. Seine Sprache ist klar, bedächtig gewählte Worte, die einen eigenen Sog erzeugen, in dem man sich nur allzu gern hineinziehen lässt. Nichts aufgesetztes, kein biederes und schlecht ausgearbeitetes »dem Volk auf’s Maul geschaut«-Gewese. Gross geht auf seine Charaktere ein, gibt jedem eine eigene Stimme. Das macht er großartig. Eine bildreiche Sprache, die nie den intellektuellen Horizont ihrer Sprecher sprengt und nicht in saumseligen Heimatbühnen-Jargon verfällt.

Am Ende wird es nicht darum gehen, ob Schuld und Strafe zustande kommen, sondern wie man im Angesicht der vielfältigen Erscheinungsformen des Bösen weiterleben und –kämpfen kann. Inmitten einer Provinz, in der Schönheit und Schrecken dicht beieinander liegen – wie überall sonst auch. Bleibt nur zu hoffen, dass sture, wutvolle Dickköpfe weiterhin dafür sorgen, dass wenigstens Vergessen und Verschweigen schwerer gemacht werden.

Die »Welt« ist nicht nur ein physikalischer Raum, der von Düsenflugzeugen durchmessen wird und der voller Menschen ist, die in alle Richtungen rennen. Sie ist ein Komplex von Verantwortlichkeiten und Optionen, der sich aus der Liebe, dem Hass, den Ängsten, Freuden, Hoffnungen, der Gier, Grausamkeit, Freundlichkeit, dem Glauben, Vertrauen und Misstrauen aller zusammensetzt.
(Thomas Merton, »Sich für die Welt entscheiden«)

Kettenacker liegt mitten in dieser Welt.

Jochen König, September 2011

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Klaus Alofs zu »Rainer Gross: Kettenacker« 27.10.2013
Mauser ist zurück.13 Jahre später.Ein neuer Fall für das Dreamteam Mauser/Greving.
Nach dem ich mich schon durch den ersten Fall quälen musste, war die Vorfreude auf Teil 2 nicht wirklich groß.
Ich gebe zu; langsam gewöhne ich mich an die Schreibweise des Autors. Immer.Wieder.Kurze.Sätze.Ich frage mich nach wie vor, warurm dieses Buch überhaupt hier bei krimicouch.de landet.Es ist nicht wirklich ein Krimi.Es geht um deutsche Geschichte.Es geht um Religion.Und ich gebe weiterhin zu, daß Mauser 2 etwas interessanter ist als Teil 1.Denn der Leser ist wie Mauser durchaus interessiert daran, was damals wirklich passiert ist.Und das wird er auch erfahren, der Mauser und der Greving und der Leser.
Aber warum bloss in dieser Art und Weise? Dieser Heimatroman ist wahrlich Nichts für wahre Krimifreaks.Vielleicht aber für andere Leser.Gibt es heimatcouch.de oder religioncouch.de ?
Trotzdem besser als Teil 1. 49 Grad von mir :-)
Anja S. zu »Rainer Gross: Kettenacker« 22.10.2011
Auf die Fortsetzung des großartigen Debütromans "Grafeneck" habe ich mit viel Aufmerksamkeit gewartet. Heraus gekommen ist ein sehr nachdenklich machendes Buch mit philosophischen Ansprüchen, welches die bereits in dem Vorläuferbuch behandelte Tragödie um die Schwester des Helden in einem neuen, noch viel entsetzlicheren Licht erscheinen läßt.
Dieses Buch ist als Krimi nur mäßig spannend, wer Unterhaltung im Stil von Karin Schlächterin sucht, ist hiermit schlecht beraten. Wer jedoch anspruchsvolle(re) Literatur liebt, dem sei das Buch ans Herz gelegt.
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