Tödliches Wasser von Qiu Xiaolong

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Don't cry, Tai lake, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: China / Shanghai, 1990 - 2009.
Folge 7 der Oberinspektor-Chen-Serie.

  • New York: Minotaur, 2012 unter dem Titel Don't cry, Tai lake. 262 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2011. Übersetzt von Susanne Hornfeck. ISBN: 978-3-552-05535-3. 301 Seiten.
  • München: dtv, 2013. Übersetzt von Susanne Hornfeck. 301 Seiten.

'Tödliches Wasser' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Oberinspektor Chen macht Urlaub in einem Erholungsheim, das am berühmten See Taihu liegt. Doch der Eindruck einer verträumten, friedvollen Gegend trügt: Der Teich ist nur noch ein stinkendes, algenverseuchtes Gewässer. Dank der Industriefabriken gibt es in der Gegend ein enormes Wirtschaftswachstum, doch die giftigen Abwässer fließen ungeklärt in den See. Kurz darauf wird der Direktor der größten Chemiefabrik ermordet. Chen untersucht undercover den Mord an dem reichen Industriellen und bringt hinter der vermeintlichen Idylle einen Umweltskandal ans Licht.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Welt erlangt erst Bedeutung, wenn man ihr welche verleiht« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Oberinspektor Chen Cao hat Urlaub. Anstelle des verhinderten »Genossen Parteisekretär« Zhao darf er eine riesige Villa in einem »Erholungsheim für Kader« in Wuxi beziehen. Was gleich bei Chen für Verwunderung sorgt. Denn der Pomp und Luxus des Erholungsgebietes weist eher auf westliche Dekadenz hin, denn auf eine Gesellschaft, die auf Gleichheit beruht. Und die Geschichte dieser Sonderbehandlung für »hohe Kader«, die fein von normalen Touristen getrennt ihren Urlaub verleben, ist mehrere Jahrzehnte alt.

Hier zeigt sich schon das Hauptthema, das Qiu Xialongs sechsten Roman um den Polizisten und Literaturdozenten Chen Cao beherrscht: Der  auch äußerliche  Wandel Chinas zu einer kapitalistischen Gesellschaftsform. In ihrer radikalsten Ausprägung.

Chen fühlt sich nicht sonderlich wohl in seinem Palast und beginnt Wuxi zu durchstreifen. Da, wie schon im Vorgänger, Essen, neben Literatur und Verbrechen, eine wichtige Rolle im Leben des Oberinspektors einnimmt, wird das kleine Lokal »Onkel« Wangs zu seiner Zufluchtsstätte.

Hier lernt er die Umweltbeauftragte der »Chemiefabrik Nr. 1 Wuxi« Shanshan kennen und verliebt sich in sie. Shanshan zeigt und erklärt ihm wie hoch der ehemals klare Taihu-See mit Schadstoffen belastet ist, und dass gerade das, dem Börsengang entgegen strebende, Werk, in dem sie als Umweltbeauftragte angestellt ist, einer der Hauptverschmutzer ist. Shanshans Bemühungen um Umweltschutz werden hingegen, besonders von ihrem direkten Vorgesetzten Liu, munter torpediert.

Als dieser ermordet wird, gerät Chens Schwarm prompt unter Mordverdacht. Sehr zur Erleichterung Chens verliert sein Urlaub dadurch den Schrecken drohender Langeweile. Inkognito »begleitet« er die Ermittlungen, unterstützt vom jungen Wachtmeister und Verehrer seiner Person, Huang.

Einmal mehr ist Qiu Xialong ein scharfsinniger und scharfer Kritiker seines Geburtslandes. Er lässt seinen Oberinspektor Chen Cao auf die Spur eines Umweltskandals kommen, der bis auf ein paar Umweltaktivisten und Anwohner rund um den Taihu-See, niemand interessiert. Im Gegenteil, die Menschen, die sich gegen die zerstörerischen Machenschaften der »Chemiefabrik Nr. 1 Wuxi« wenden, werden überwacht, schikaniert oder stehen wie Shanshan, trotz offiziellen Auftrags, als Störfaktor kurz vor der Entlassung. Denn noch immer gilt Deng Xiaopings Leitsatz: »Fortschritt ist die oberste Priorität.« Außer Lippenbekenntnissen und Scheinaktivitäten, um vor allem das Ausland und seine Presse zu beruhigen, bleibt kein Platz für Umweltschutz.

So nimmt es auch nicht Wunder, das ausgerechnet Shanshan als eine der ersten Tatverdächtigen gilt, bevor sich die »Innere Sicherheit« auf den Umweltaktivisten Jiang stürzt, um ihm den Mord an dem Fabrikdirektor Liu anzulasten.

So gibt es für Chen alle Hände voll zu tun, um Shanshan vor den behördlichen Häschern zu schützen. Legt Lius betrogene Ehefrau doch ein seltsames Verhalten an den Tag und auch der geplante Börsengang, der Liu eine Menge Aktien und damit erheblichen Reichtum bescheren würde, ruft Neider auf den Plan.

Qiu zeigt einmal mehr ein Land, dessen kommunistisches Manifest längst eine Hohlformel geworden ist. Es regiert die reine Profitgier, die ein schnelles Wirtschaftswachstum um jeden Preis propagiert. Hohe Parteikader, Vetternwirtschaft und die rigide Abteilung der »Inneren Sicherheit« machen es redlichen Polizisten schwer, ihre Arbeit zu tun. So weiß Chen genau, dass er sich auf einem schmalen Grat bewegt, immer in Gefahr, irgendwann herunter zu fallen. Noch hat er den Ermittlungserfolg und seinen Gönner, den integeren Parteisekretär Zhao, auf seiner Seite. Doch das ist ein fragiles Gefüge, und Chen erkennt am Ende resigniert an, dass er, bei aller Erschütterung über die konsequente Vernichtung der Natur und ihrer Ressourcen, sein Polizistendasein für den engagierten Kampf gegen das politische System und seine Machenschaften, nicht aufs Spiel setzen würde. Was Tödliches Wasser zu einer melancholischen, modernen Casablanca-Version werden lässt, in der sich Humphrey Bogarts chinesisches Alter Ego eingestehen muss, dass er seine Autarkie längst verloren hat, und der tragische Antiheld nicht weit von der tragikomischen Witzfigur entfernt ist. Glücklicherweise hat Chen, der ja nicht nur Polizist, sondern gleichfalls angesehener Literat und Übersetzer ist, immer ein Gedicht parat, um Trost zu finden.

Ein wenig übertreibt es Qiu Xialong mit der Belesenheit seiner Hauptfigur, die alle naselang die Spruchweisheit eines altehrwürdigen Dichters auf den Lippen hat, und nicht nur Ross, sondern auch Reiter benennen kann. Und dies auch gnadenlos tut. Wenn er nicht gerade selbst ellenlange Gedichte schreibt. Aber Chen ist verliebt und so ist plausibel, dass seine poetische Ader über die Maßen sprudelt. Womit er die Menschen um ihn herum, insbesondere Shanshan, regelmäßig beeindruckt. Als Leser sollte man einen Hang zu poetischer Durchdringung und chinesischem Gedichtgut besitzen, um Tödliches Wasser durchgehend genießen zu können. Tiefen Respekt für die Arbeit der Übersetzerin Susanne Hornfeck. Die Bücher Qius dürften eine Herausforderung sein.

Tödliches Wasser ist ein bisschen wie seine Hauptfigur: beredt, ruhig, abgeklärt, klug, charmant und von hintergründigem Witz beseelt. Manchmal ein wenig zu sehr in die eigene Gelehrtheit und Erklärungswut verliebt, aber immer interessant, nachdenkenswert und von einer sanft fließenden Spannung, die bis zum Ende bei der Stange hält.

Auch wenn Chen in der Ferne weilt  eine gute Zugstunde von Shanghai immerhin – bekommen dankenswerterweise Chens Kollege Yu und seine resolute Frau Peiqin ihren Auftritt, und der Leser einen unaufdringlichen und vergnüglichen Einblick in den Alltag einer chinesischen Großstadt, der zudem wesentliches zur Klärung des Mordfalles beiträgt.

Wenn auch Tödliches Wasser nicht restlos an Spannung und Kunstfertigkeit seines Vorgängers Blut und rote Seide heranreicht, bleibt Qiu Xialong ein höchst lesenswerter Autor von ganz eigener Qualität, der uns hoffentlich in dieser Form noch lange erhalten bleibt.

PS.: Ein Roman, der in China spielt und Konfuzius, Edgar Allan Poe, Sherlock Holmes, Casablanca und Ludwig Wittgenstein integriert, ohne aufgesetzt zu wirken  das macht Herrn Qiu so schnell keiner nach.

Jochen König, April 2011

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Gospelsinger zu »Qiu Xiaolong: Tödliches Wasser« 12.03.2015
Hohe Kader haben es gut in China. Das erfährt Oberinspektor Chen am eigenen Leib, als Parteisekretär Zhao ihm seinen Platz im Erholungsheim überlässt. Eine ganze Villa steht Chen nun zur Verfügung, direkt an dem beliebten See Taihu und mit umfassenden Service.
Als Chen in einem Imbiss dann auch noch eine sympathische junge Frau kennenlernt, scheinen alle Voraussetzungen für einen erholsamen Aufenthalt erfüllt zu sein. Aber weit gefehlt.
Die junge Shanshan entpuppt sich als Umweltbeauftragte, die in einem Chemiekonzern eingesetzt ist, der gern einmal die Umweltvorschriften vergisst und seine Abwässer ungeklärt in den See lässt. Wie auch die anderen umliegenden Betriebe. Kein Wunder, dass der See zu einer Kloake verkommen ist, und dass dessen Fische nicht mehr gegessen werden können.
Das ist die Kehrseite des rasanten Wirtschaftswachstums Chinas. Umweltschutz spielt keine Rolle. Früher war er ein Luxus, den man sich angesichts der hungernden Bevölkerung nicht leisten konnte, und heute steht er dem zunehmenden Kapitalismus im Weg.
Kein Wunder, dass Shanshan, die sich vehement für ein Umdenken einsetzt und damit den Börsengang des Konzerns gefährdet, bedroht wird.
Als der leitende Manager des Konzerns ermordet wird, gehört sie zusammen mit einem Umweltaktivisten zu den Hauptverdächtigen. Gut, dass Chen vor Ort ist und undercover ermitteln kann. Zum Glück ist der örtliche Ermittler ein regelrechter Fan von Chen, und Chen kann daneben auch noch seine Kontakte in höhere Kreise nutzen. Erholen kann er sich so allerdings nicht.
Mir gefällt diese Serie mit ihrem sympathischen Protagonisten, der gern Gedichte zitiert, sehr gut. Und auch dieser Band bietet wieder einen hautnahen Einblick in ein mir sehr fremdes Land und dessen wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung. Die Charaktere sind authentisch und sympathisch, die Krimihandlung ist spannend und setzt auf Köpfchen statt Brutalität. Mir gefällt auch der ruhige und genau beobachtende Schreibstil von Qiu Xiaolong.
Ich habe dieses Buch an einem Abend gelesen und hoffe, dass diese Serie noch sehr viele Fortsetzungen erfährt.
Uwe Huntenburg zu »Qiu Xiaolong: Tödliches Wasser« 25.07.2013
Dies ist mit Abstand der wichtigste Krimi, den er geschrieben hat.
Abgesehen von der unvergleichlich chinesisch-schönen Liebesszene zwischen OI Chen und Shan Shan hat die Schlussbemerkung, in der alle Tugenden und Untugenden der heutigen chinesischen Gesellschaft, Partei und Wirtschaft geradezu visionären Charakter, was die gesellschaftliche Entwicklung in China "ab sofort" auf internationales Niveau und allgemeine Anerkennung durch die übrigen Staaten der Welt, soweit sie sich zu Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit bekennen, betrifft.
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