Schwarz auf rot von Qiu Xiaolong

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel When Red is Black, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: China / Shanghai, 1990 - 2009.
Folge 3 der Oberinspektor-Chen-Serie.

  • New York: Soho Press, 2004 unter dem Titel When Red is Black. 300 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2005. Übersetzt von Susanne Hornfeck. 300 Seiten.
  • München: dtv, 2007. Übersetzt von Susanne Hornfeck. ISBN: 978-3423209649. 300 Seiten.

'Schwarz auf rot' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Oberinspektor Chen erhält ein Angebot, dem er nicht widerstehen kann: Für den Großkapitalisten Gu soll er die Projektbeschreibung zu einem riesigen Neubaukomplex in Shanghai ins Englische übersetzen. Doch kaum wendet sich Chen dem lukrativen Auftrag zu, geschieht ein Mord. Die Ermordete galt als Dissidentin, die einen zur Landarbeit verbannten Dichter geliebt und nach dessen Tod einen viel beachteten und rasch verbotenen Roman geschrieben hatte. Das bringt Chen auf eine literarische Fährte …

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine politisch zufriedenstellende Lösung« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Shikumen-Häuser sind in China traditionelle Bauten aus grauem Backstein mit schwarzlackierten Türen und Türrahmen aus braunem Stein mit kleinen Innenhöfen, mehreren Flügeln und hölzernen Wendeltreppen.

Wohnraum in den chinesischen Millionenstädten ist knapp und eigenständige Wohnungen mit mehreren Zimmern nur den Reichen vorbehalten. So drängen sich in einem Shikumen-Haus schon mal fünfzehn oder mehr Familien, die jeweils meist ein Zimmer bewohnen und eine Gemeinschaftsküche nutzen, in der die Kohleöfen Reihe an Reihe stehen. In einer kleinen Kammer eines solchen Hauses lebte auch die Schriftstellerin Yin Lige. Die ehemalige Rotgardistin galt als Dissidentin und war bei den Mitbewohnern unbeliebt. Nun ist sie in den frühen Morgenstunden ermordet worden. Die Eingänge des Hauses waren verschlossen und kein Fremder wurde beobachtet, so dass der Täter zwangsläufig unter den Hausbewohnern zu finden sein muß.

Gaumenfreuden wie in einem italienischen Kriminalroman

Als »Oberinspektor Chens dritter Fall« wird Schwarz auf rot auf dem Titel angekündigt. Dies ist so nicht ganz richtig, denn eigentlich hätte es »Hauptwachtmeister Yus Fall« heißen müssen, da Oberinspektor Chen aus privaten Gründen Urlaub genommen hat. Chen, der etliche autobiografische Züge des Autors aufweist, hatte eigentlich Schriftsteller werden wollen und ist nur zufällig bei der Polizei gelandet. So schreibt er auch weiterhin in seiner Freizeit Gedichte und übersetzt Kriminalromane ins Englische. Nun hat er von dem Geschäftsmann Gu einen Übersetzungsauftrag für ein Geschäftspapier bekommen, der ihm weitaus mehr Geld einbringt als der Arbeitsaufwand gerechtfertigt. Dazu wird ihm auch noch eine »kleine Sekretärin« gestellt, die ihm alle einfachen Arbeiten abnimmt und für sein leibliches Wohl sorgt. Ein Angebot, das er einfach nicht ablehnen kann.

Beim Thema Gaumenfreuden braucht sich Qiu Xiaolong übrigens vor keinem italienischen Krimiautor zu verstecken. Ich verweise dabei insbesondere auf Seite 106, wo die kleine Sekretärin Weiße Wolke wahre Kostbarkeiten zubereitet, die zugegebenermaßen nicht jedermanns Geschmack sein dürften.

Hauptwachtmeister Yu auf Wohnungssuche

Chens Urlaub passt Parteisekretär Li überhaupt nicht, da der Mord an der Schriftstellerin Yin aus politischen Gründen sofortige Aufklärung verlangt. Notgedrungen muß er den Fall also an Hauptwachtmeister Yu übergeben. Dieser ist zwar stolz wegen des in ihn gesetzen Vertrauens, hat jedoch ganz andere Probleme, ist er doch am grübeln, ob die Arbeit als unterbezahlter Polizist das Richtige für ihn ist. Eine Wohnung war ihm fest zugesagt worden. Doch nun wurde die Wohnung ganz plötzlich anderweitig gebraucht. Auch hier ist die Ursache Politik. Ein enormer Gesichtsverlust für Yu, da bereits alle Freunde und Verwandte von der neuen Wohnung wussten. Nun muss Yu weiter mit seiner Frau Peiqin und seinem Sohn in einem Zimmer eines Shikumen-Hauses wohnen.

Während Yu nun versucht, zu rekonstruieren, wo sich die einzelnen Hausbewohner zur Tatzeit befanden, hilft ihm seine Frau auf andere Weise. Sie nimmt sich das einzige veröffentlichte Buch von Yin vor, in dem sie über ihre große Liebe zu dem inzwischen verstorbenen Schriftsteller Yang schreibt, denn sie vermutet den Schlüssel zur Lösung in der romantischen und verbotenen Beziehung zwischen Yin und Yang.

Parteitreues Verhalten ist wichtig

Natürlich kann sich auch Oberinspektor Chen auf Druck von Li nicht vollständig aus dem Fall heraushalten, da er weiß, wie wichtig auch für ihn parteitreues Verhalten ist. Doch ist er nicht total angepasst, sondern setzt seinen Willen auch mal durch und so belässt er alle Entscheidungsgewalt bei Yu, für den er sich verantwortlich fühlt und den er auch bei der Suche nach einer Wohnung unterstützen möchte.

Qiu Xiaolong zeigt dem Leser eine Kultur, die sich grundlegend von der Unsrigen unterscheidet. Man lernt eine Gesellschaft kennen, in der politische und soziale Komponenten eine bedeutende Rolle spielen und in der die Unterschiede zwischen verschiedenen Schichten enorm sind. Der Aufbruch vom Kommunismus zum Kapitalismus wird an einzelnen Beispielen aufgezeigt und verdeutlicht die aktuellen Probleme des Staates. In China kann man auch nicht einfach ein Verbrechen aufklären, so wie man das in der westlichen Welt macht. Nein, es muß eine Lösung gefunden werden, mit der man »politisch zufrieden« sein kann.

Der Kriminalfall ist nicht nur schmückendes Beiwerk

Schwarz auf rot ist mehr als ein gewöhnlicher Krimi. Es ist kein Buch für Leser, die Hochspannung und einen ausgeklügelten Krimiplot sowie eine Ermittlung mit Fakten und Beweisen erwarten, sondern ein Roman, in dem Literatur und Poesie eine wichtige Rolle spielen, in dem man die Zustände des Lebens in einer modernen chinesischen Großstadt kennenlernt und der Einblicke in die jüngere Geschichte des asiatischen Weltreichs gibt. Dennoch ist der eigentliche Kriminalfall nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern bietet eine übezeugende Auflösung, die nicht nur die Partei, sondern auch den Leser voll zufriedenstellt. Wie so oft aber mussten auch bei der Lösung des Falles die richtigen Beziehungen helfen. Und Chen muß erkennen, dass man nichts geschenkt bekommt, sondern dass für jeden Gefallen schließlich irgendwann eine Gegenleistung verlangt wird.

Zum Abschluss noch ein Lob an den Zsolnay-Verlag, dessen Buchausgaben einen einheitlich beschrifteten und ansprechend gestalteten Schutzumschlag aufweisen. Dass die Schrift nicht passenderweise schwarz auf rot, sondern rot auf schwarz ist, dürfte Zufall sein. Zudem liegt den Büchern ein thematisch passend gestaltetes Lesezeichen bei. Vorbildlich.

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Mistie zu »Qiu Xiaolong: Schwarz auf rot« 07.09.2013
Seit Oberinspektor Chen in mein Leben getreten ist, verspüre ich den immer stärker werdenden Wunsch nach China (besonders Shanghai) zu reisen um dort auf den Spuren der Krimi’s von Xialong Qiu zu wandeln. Oberinspektor Chen ist ein gebildeter und zurückhaltender Mann, ein schlauer und einfühlsamer Polizist, ein gewiefter Taktiker und guter Menschenkenner sowie ein großer Genießer guter Literatur und einheimischer Küche.

Anhand von Oberinspektor Chen’s und Hauptwachtmeister Yu’s Fällen führt der Autor den Leser behutsam in und durch die unbekannte Welt China’s, erklärt unbekannte Sitten und Gebräuche und führt die Leser so Buch um Buch etwas mehr in die chinesische Gesellschaft und deren Denkweise ein. Die meisten modernen Großstadt-Chinesen sind, allem Fortschritt zum Trotz, immer noch sehr den alten Traditionen und Gebräuchen verbunden und an diesem Punkt knüpft der dritte Band an.

Wir alle wissen wie rasant Shanghai in den letzten Jahren gewachsen ist. Nur noch wenige ältere Stadtteile haben ihr traditionelles Aussehen behalten. Einen Teil dieses “alten” China bilden die Shikumen-Häuser der Stadt, welche meistens von aberzähligen Familien bewohnt werden und die einen kleinen Kosmos für sich gebildet haben in welchem ein jeder die Gepflogenheiten und Gewohnheiten des Nachbarn kennt. Als in einen Shikumen-Haus die Schriftstellerin Yin Lige ermordet wird, muss Hauptwachtmeister Yu den Fall übernehmen und in einem teilweise skurrilen Umfeld ermitteln, denn sein Chef, Oberinspektor Chen, ist offiziell im Urlaub.

Dieser nutzt den Urlaub allerdings um sein spärliches Gehalt aufzubessern und übersetzt für seinen Freund, den Geschäftsmann Gu, das Verkaufsprospekt für ein Großbauprojekt vom chinesischen ins englische um ausländische Investoren anzuwerben. Zufällig handelt es sich bei dem Projekt darum, hinter der Fassade alter Shikumen-Häuser neue moderne Wohnungen zu errichten und so hat Oberinspektor Chen eine ein gutes Argument sich des öfteren mit Wachtmeister Yu zu treffen und sich über den Fall auf dem Laufenden zu halten.

Die Geschichte um den Mord handelt aber von der unglücklichen Liebe der ehemaligen Rotgardistin Yin Lige zu dem bekannten Schriftsteller Yang. Diese Liebesgeschichte nutzt der Autor um dem Leser die schwierige innerpolitische Lage zu erklären, die es - hauptsächlich - intellektuellen Menschen schwer macht, sich mit der jeweiligen politischen Richtung zu arrangieren.

Trotz allem Lob das ich jetzt über das Buch geschrieben habe, fiel es meines Erachtens etwas von seinen beiden Vorgängern ab - das kann aber auch am Thema gelegen haben oder an meiner hohen Erwartungshaltung. Auf jeden Fall lege ich jedem, der gerne anspruchsvolle Krimis liest, Schwarz auf Rot an’s Herz!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mylo zu »Qiu Xiaolong: Schwarz auf rot« 04.10.2009
Das dritte Buch und immer neue Informationen über China und Shanghai aber auch über die hervorragende chinesische Küche.
Der Kriminalfall tritt fast etwas in den Hindergrund und wird fast nur zum Transporteur für die chinesische Geschichte wie die Kulturrefolution und die weitere Entwicklung.
Die schon fast lieb gewonnenen Figuren bekommen zunehmend mehr Profil.
Ich mag die Bücher und gebe hier 80 Punkte, aber es darf auch wieder etwas mehr Krimi sein im 4. Buch.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Mao Tso Lee Um zu »Qiu Xiaolong: Schwarz auf rot« 12.04.2008
Nachdem der erste Krimi dieser Reihe noch ein hervorragender Krimi ist, spannend und politisch, der zweite schon etwas flacher daher kommt, ist dieser dritte Fall von Kommissar Chen nur noch langweilig. Die Handlung kommt nicht in Gang und ein Großteil des Buches widmet sich der lukrativen Übersetzungstätigkeit des Kommissars. Hier erfährt man nichts Neues.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Falcon zu »Qiu Xiaolong: Schwarz auf rot« 27.04.2006
Wieder legt uns Qui Xiaolong einen Roman vor, der uns die Chinesische Kultur und Lebensweise in den blühensten Farben schildert.
Dieses ist beim 1. Buch faszinierend, beim zweiten interessant und beim drittten allenfalls noch informativ.
Zuweilen bekommt man den Eindruck einen Reiseführer für Shanghai, oder einen Chinesischen Literaturführer zu lesen. So z.B wenn Peiqin plötzlich zur Expertin über Yang's literarisches Werk wird, oder wenn alter Liang die Geschichte der Shikunen beschreibt.
Inzwischen wissen wir auch, dass die Kulturrevolution ein einschneidendes Kapitel in der Geschichte China darstellt.
Das alles ist intressant, trägt jedoch wenig zur Spannung bei.
Die grösste Spannung entsteht paradoxerweise dann, wenn Chen wieder mal eine hübsche Bekanntschaft macht und man darauf spekuliert ob er sich nun diesesmal ihr hingibt, oder ihm seine prdüde Erziehung eine andere Entscheidung aufzwingt.
Diese Momente sind sehr erotisch beschrieben, und zählen zumsammen mit den Weisheitszitaten zu den besten des Buches.

Qui Xiaolong's Bestreben uns seine Heimat und Kultur näher zu bringen sind legitim. Er täte jedoch gut daran dieses Schemata zu verlassen, ansonsten seine Figuren zu reinen Informationsträgern mutieren.
Das wiederum wäre schade, den diese beinhalten einige gute und spannende Ansätze.

Man darf gespannt sein auf seine weiteren Werke.

Empfehlen kann ich das Buch allen Xiaolong-Neueinsteigern und China-Interessierten.
3 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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