Blut und rote Seide von Qiu Xiaolong

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Red Mandarin Dress, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Zsolnay.
Ort & Zeit der Handlung: China / Shanghai, 1990 - 2009.
Folge 5 der Oberinspektor-Chen-Serie.

  • New York: St. Martin´s Minotaur, 2007 unter dem Titel Red Mandarin Dress. 384 Seiten.
  • Wien: Zsolnay, 2009. Übersetzt von Susanne Hornfeck. ISBN: 978-3-552-05461-5. 384 Seiten.
  • München: dtv, 2011. Übersetzt von Susanne Hornfeck. ISBN: 978-3423212748. 376 Seiten.

'Blut und rote Seide' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Auf einer Verkehrsinsel mitten in Shanghai wird im Morgengrauen die Leiche einer Frau gefunden. Sie trägt ein enges rotseidenes Kleid, einen »qipao«, wie er während der Kulturrevolution verpönt war und erst jetzt wieder in Mode kommt. Wenig später entdeckt man eine zweite und bald darauf eine dritte Frauenleiche, ebenfalls in jenem altmodischdekadenten Gewand, ohne Schuhe und Strümpfe, in aufreizender Pose. Die Spuren scheinen ins Rotlichtmilieu zu weisen, ein Problem für die chinesische Polizei, da so etwas nach offizieller Parteidoktrin nicht existiert. Auch Serienmorde, die es angeblich nur im Westen gibt, hat man durch gezielte Berichterstattung bisher vertuscht. Oberinspektor Chen, der als Einziger weiß, wie man das psychologische Profil eines Serienmörders erstellt, ist mit einem Immobilienskandal befasst und will außerdem seine Literaturstudien endlich mit einem akademischen Abschluss krönen. Inzwischen begibt sich seine junge Kollegin als Lockvogel auf eine gefährliche Mission…

Das meint Krimi-Couch.de: »Mit Charme und großer Anteilnahme, spannend, analytisch und eloquent geschrieben « 88°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Vor dem Shanghaier Konservatorium entdeckt der verdiente Arbeiter Huang an einem Freitag die Leiche einer jungen Frau. Bekleidet lediglich mit einem roten Qipao, jenem tailliert geschnittenen Seidenkleid, das in China lange Zeit als Zeichen westlich orientierter Dekadenz galt, andernorts aber als Sinnbild asiatischer Eleganz gesehen wird, liegt sie dort wie ausgestellt. Eigentlich ein Fall für Oberinspektor Chen. Doch der hat sich gerade freistellen lassen, um seine literarischen Studien fortzuführen und eine Arbeit über die Rolle der femme fatale in der chinesischen Literatur zu schreiben. So ermittelt in erster Linie sein Kollege Hauptwachtmeister Yu. Auch als zwei weitere Frauenleichen jeweils Freitags an öffentlichen Plätzen auftauchen, hält sich Chen bedeckt und ermittelt nur im Hintergrund. Erst nach einem Nervenzusammenbruch und dem Auftauchen der vierten Toten nimmt er die Ermittlungen explizit in die Hand. Und sein Literaturstudium erweist sich dabei als durchaus hilfreich.

Ein Serienmörder versetzt Shanghai in Angst und Schrecken. Was im dekadenten Westen gang und gäbe ist, ist im sozialistischen China ein Unding. Aber es ist nun mal Fakt, dass etwas nicht wahrzunehmen nicht heißt, dass es nicht existiert. Vor allem wenn Parteifunktionäre die Wahrnehmung bestimmen. Qiu bringt das im bewegenden Finale unverblümt zur Sprache: »Jemand [...] hat mir erzählt, dass wir im Zeitalter sich wandelnder Perspektiven leben. Und aus jedem Blickwinkel stellen sich die Dinge anders dar. Er vergaß jedoch hinzuzufügen, dass derjenige, der die Macht hat, auch die Sichtweise festlegt.«
Was den Ausgangspunkt der Handlung angeht, unterscheidet sich Blut und rote Seide nicht von Dutzenden anderer Romane, die das blutige Werk eines Serienmörders verfolgen.

Vier Frauen werden getötet, auf Aufsehen erregende Weise drapiert und in der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Der Täter scheint sexuell motiviert und psychisch gestört. Doch damit enden alle Gemeinsamkeiten. Nicht nur, dass Psychoanalyse fast einem Schimpfwort gleich kommt und erst langsam Einzug in die Arbeit der chinesischen Polizisten findet (so ist der »Ödipuskomplex« für Hauptwachtmeister YU völlig unbekanntes Terrain). Auch lässt sich die Deformation, die den Ausgangspunkt der Mordserie darstellt, zurück verfolgen bis in die finstersten Zeiten der chinesischen Kulturrevolution. In den 60ern konnten die beflissenen Schergen Mao Ze Dongs, unter dem Deckmantel des Klassenkampfes, brutalste Verbrechen nach eigenem Gusto begehen, ohne (vorerst) Strafe befürchten zu müssen.

So entsteht das Bild eines sich ständig wandelnden Chinas, in dem persönliche Zusammenbrüche oft politisch begründet und nur allzu nachvollziehbar sind. So bekommt der Täter ein Gesicht, eine Biographie und am Ende sogar gelindes Verständnis. Das ist mehr, als ihm auf westlicher Seite gemeinhin zugestanden wird.

Das »verstehen wollen« von Zusammenhängen ein wichtiger Bestandteil des Romans. Schon angelegt im außergewöhnlichen Polizisten Chen Cao, der seiner Polizeikarriere die Literaturwissenschaft entgegensetzen möchte, damit sich sein Yin und Yang komplettieren. Erfolgreich ist er in beidem und im Verlauf der Ermittlungen stellt er fest, dass beide Welten bisweilen untrennbar miteinander verbunden sind. Geradezu klassisch lädt er den Hauptverdächtigen zu einer letzten Konfrontation ein, um ihm ein Geständnis zu entlocken. Dabei benutzt er sein literarisches Ansehen als Lockmittel und nicht seine Polizeibefugnisse.

Die Geschichte des Mörders wird zur Diskussionsgrundlage über Wahrnehmung, politisches Kalkül und die Wunden, die die Strafaktionen eines drakonischen Unrechtsregimes hinterlassen. Begleitet von einem »grausamen« Mahl – dessen Zusammenstellung manch zartbesaiteter Seele leicht auf den Magen schlagen kann -, drängt Chen seinen Verdächtigen in eine Ecke, aus der es kein Entkommen gibt; und verschafft ihm trotzdem die Möglichkeit einer Lösung, die alle Beteiligten das Gesicht wahren lässt. So verweigert sich Qiu Xialong auch im Finale der Anwendung plumper Mittel. Es gibt keinen blutigen Showdown, keine hasstriefende Verurteilung, sondern ein Ende mit Würde.

Mit Blut und rote Seide hat Qiu Xialong einen spannenden, analytischen und eloquent geschriebenen Einblick in komplexe Zusammenhänge verfasst. Denn mit und neben dem Hauptstrang der Erzählung gibt es kluge Anmerkungen und Einsichten in den politischen und kulturellen Wandel Chinas der letzten fünfzig Jahre. Qiu gelingt dies ohne oberlehrerhafte Attitüde oder moralisch erhobenen Zeigefinger, er führt seine Figuren mit Charme und großer Anteilnahme durch den Roman, so dass am Ende deutlich wird, dass sowohl die Kulturrevolution wie der parteilich geförderte Kapitalismus eins gemein haben: es gibt zu viele Opfer, die auf der Strecke bleiben. Dank Chen Cao, seinen Freunden und Mitarbeitern wird aber wenigstens ein paar von ihnen Gerechtigkeit widerfahren.

Blut und rote Seide ist ein Roman der weit über das Gerüst seiner Kriminalhandlung hinausweist. Ein scharfsinniger Exkurs über Tradition und Moderne, über das Leben in einer Metropole, die schneller wächst und sich verändert, als die Menschen, die sie bewohnen. Qiu Xialong zeigt, welche Wunden eine Gesellschaftsform reißt, die freie Entfaltung unterdrückt. Auf welche Weise auch immer.

Dass es beiläufig noch Wissenswertes über Filme, »K-Mädels«, chinesische Literatur und sehr spezielle Essgewohnheiten zu erfahren gibt, ist in gebratenen Spatzenzungen nicht aufzuwiegen.

Wir verneigen uns in Demut und bestätigen, was ein weiser Mann sagt: »Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als in einem Fallbericht stehen.«

Jochen König, März 2009

Ihre Meinung zu »Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide«

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tedesca zu »Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide« 07.06.2011
Der fünfte Teil der Oberinspektor- Chen-Reihe führt uns u.a. zurück in die Zeit der Kulturrevolution. Gleichzeitig bietet uns der Autor einen Einblick in die traditionelle chinesische Liebesgeschichte, indem er seine Hauptfigur eine Diplomarbeit zu diesem Thema schreiben lässt. Mit ihrer Hilfe erkennt Chen auch die Zusammenhänge in einer Reihe furchtbarer Serienmorde, deren Opfer mit einem zerrissenen Qipao bekleidet sind.

Mit viel Einfühlungsvermögen und Poesie beschreibt Xiaolong die Gräueltaten der Arbeiterarmeen in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts, und wie unterschiedliche Personen sie wahrgenommen und verarbeitet haben. Oder eben auch nicht.

Wirklich interessant, aber auch erschreckend, sind die Exkurse in die besonders feine chinesische Küche, in der Haifischflossensuppe noch als das geringste Übel (!) erscheint. Ebenfalls aufschlussreich finde ich die Beschreibungen der sich ständig verändernden Stadt Shanghai in den 90ern, mitten auf dem Weg zu einem in China akzeptierten Kapitalismus, der immer weniger mit den Prinzipien Maos in Einklang zu bringen ist.

Alles in allem eine stimmige Fortsetzung der Serie, die man unbedingt lesen sollte, wenn man Interesse für chinesische Literatur, Geschichte und Lebensart hat. Und wenn man weiter mitverfolgen möchte, in welche Richtung sich der sensible Oberinspektor entwickeln wird.
Mayk zu »Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide« 08.03.2011
Ein Wiedersehen mit alten Bekannten, ein Buch, dass die Geschichte vom Leben in dem einen Land mit zwei Systemen fortschreibt. Mehr als ein Kriminalroman im klassischen Sinne, Verwebung von Verbrechen der klassischen Art mit denen der "Kultur"revolution und zuätzlich (wie in den anderen Chen-Romanen) eine kostenlose Lektion über das Alltagsleben im Shanghai der 90er Jahre. Dass die (weitere) Ausschmückung der bekannten Figuren diesmal etwas hinter der zügigen Entwicklung der Story zurücksteht, tut dem Buch m.E. gut, die teilweise langen Zitate aus der klassischen chinesischen Literatur sind sicher Geschmackssache... Dem Autor vielen Dank für einen Einblick in eine uns weitestgehend unbekannte Welt, der mich persönlich teilweise (Rückblenden in die 60er) sehr betroffen machte. Der nächste Oberinspektor-Chen-Krimi ist bereits vorgemerkt. 82 Grad
manni zu »Qiu Xiaolong: Blut und rote Seide« 03.03.2011
Der vierte Band der Chen Serie liest sich
anders als seine Vorgänger, weniger Krimi,
umso mehr China/Politik/Soziales/Kulinarisches und Poetisches, alles in einer interessanten Kombination. Wie der Autor aber über ein altes Kleid den Täter entlarvt,
wie und wo er das macht, das ist präziese und lustvoll geschrieben, mit viel Liebe zum Detail und oftmals sehr markaber. Das Buch ist informativer als so manche Zeitungsberichte oder Geo Reportagen über ein uns so fremdes Land, sehr lesenswert!
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