Der Mörder mit der schönen Handschrift von Pierre Magnan

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1986 unter dem Titel Les courriers de la mort, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Fischer.
Ort & Zeit der Handlung: Paris / Provence, 1970 - 1989.

  • Paris: Denoël, 1986 unter dem Titel Les courriers de la mort. 416 Seiten.
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2006. Übersetzt von Jörn Albrecht. 421 Seiten.

'Der Mörder mit der schönen Handschrift' ist erschienen als

In Kürze:

Kommissar Laviolette lebt im Ruhestand in Digne, wird aber durch seinen Freund, den Untersuchungsrichter Chabrand, immer wieder in Fälle hineingezogen. So auch in den der anonymen Briefe, die an die Erben der Familie Melliflore gehen und jedes Mal einen Mord nach sich ziehen. Auffällig ist die schöne Handschrift auf den Briefumschlägen, die in Barles, einem Dorf in den Bergen nördlich von Digne, abgestempelt wurden. Aufgegeben hat sie jedoch der örtliche Briefträger, der sie unter einem defekten Briefkasten auf dem Friedhof unfrankiert fand und durch die ordnungsgemäße Zustellung zunächst selbst in Verdacht gerät. Aber wer deponiert tatsächlich mehrmals diese Todesbotschaften auf dem Friedhof von Barles? Seine Ermittlungen führen Kommissar Laviolette zur Familiengeschichte der Melliflores und auf die Spur eines über hundert Jahre alten Schatzes, den der Mörder offenbar noch im Besitz der Nachkommen vermutet …

Das meint Krimi-Couch.de: »Provence, Poesie und ein tief verwurzeltes Verbrechen« 78°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

»Der Mörder mit der schönen Handschrift« überbringt seine Todesbotschaft in einem kaputten Briefkasten auf dem Friedhof von Barles, wo der pensionierte Postzusteller Emile Pencenat gerade sein eigenes Grab aushebt.
Mit dieser bizarren Szene beginnt Pierre Magnan seinen außergewöhnlichen Krimi, der in der Region Basse Alpes der Provence spielt, einer eigentümlichen Gegend, aus der der Autor selbst stammt.

Dieser Kriminalroman ist der Siebte mit dem hier pensionierten Kommissar Laviolette als Ermittler, einem eigenbrötlerischen Typ, der von seinem Freund, dem Untersuchungsrichter Chabrand, immer wieder in ungewöhnliche Fälle hineingezogen wird.Laviolette ist ein stiller, bedächtiger Mann mit gesundem Appetit, der seine Zigaretten selbst in der Maschine dreht und einen alten grünen Ford Vedette fährt . Er ist ein scheinbar harmloser, etwas skurriler Zeitgenosse, den man, was kriminalistisches Gespür und Menschenkenntnis angeht, allerdings nicht unterschätzen sollte.

Die gleiche Todesbotschaft für drei reiche Damen, die ein altes Familiengeheimnis hüten

Der ehemalige Postzusteller Emile Pencenat fühlt sich immer noch verpflichtet, Briefe ordnungsgemäß zu zustellen. So nimmt er den Briefumschlag, der durch den kaputten Briefkasten auf den Boden gefallen ist, an sich, bewundert die besonders schönen, exakt geschriebenen Buchstaben darauf und gibt ihn auf dem Postamt in Barles auf. Wenig später wird die Adressatin dieses Briefes, eine Nachfahrin der Familie Melliflore mit einem Bajonett erstochen aufgefunden. Veronique Champourcieux hat ihren Mörder erwartet, sie saß mit einem Damenrevolver in ihrem Haus in Digne am Klavier und spielte Brahms, der Brief steckte in den Notenblättern. Warum nur hat der Mörder den Klavierhocker mitgenommen?

Ein weiterer Brief in kunstvoller Schrift wird auf dem Friedhof in Barles abgegeben und wieder leitet der ehemalige Postzusteller ihn weiter, diesmal an Ambroisine Larchert, die Cousine der zuvor ermordeten Veronique. Auch sie erwartete den Besuch des Mörders und versuchte gerade einen Gegenstand im Brunnen verschwinden zu lassen, als der schwere Deckel ihr das Genick brach.Veronique Champourcieuxs Schwester Violaine Maillard macht keinen Hehl daraus, dass sie die Alleinerbin ihrer ungeliebten Verwandten ist. Nach beiden Morden taucht sie unvermittelt auf und deutet auf Nachfrage, den beiden Ermittlern gegenüber an, sie habe »eine Kinderei« in Sicherheit gebracht. Aber auch Violaine erhält einen in Schönschrift adressierten Brief.

Laviolette recherchiert ein mehrere Generationen umspannendes Unrecht

Der Untersuchungsrichter Chabrand bittet Laviolette nach dem Mord an Veronique Champourcieux um Hilfe, weil er keinen Anhaltspunkt für ein Motiv finden kann. Um das herauszufinden, bedarf es jemanden, der genau weiß, wie die Menschen in diesem Teil der Haute Provence ticken. Bei seinen Recherchen, in dem Dorf Barles stößt Laviolette erst mal auf eine Mauer eisigen Schweigens und kreativer Ausflüchte. Doch der Kommissar im Ruhestand weiß, wie man mit diesem verschrobenen, maulfaulen Typus umgeht, denn er ist nach den langen Dienstjahren in Digne inzwischen einer von ihnen. Die Dorfbewohner tun alles, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten, denn das Leben ist an einem so isolierten, einsamen Orten nicht gerade einfach. Dunkle Geheimnisse im Verborgenen zu belassen, ist zur festen Gewohnheit geworden. Schließlich findet Laviolette einen hochbetagten ehemaligen Arzt, der einiges über die dunklen Hintergründe alteingesessener Familien in Barles zu sagen hat. Er wird seine Geschichte nicht mehr zu Ende erzählen können, da er plötzlich verstirbt. Laviolette deckt nach und nach ein über Generationen vererbtes Unrecht auf. Chabrand hat zunehmend Mühe, diese Informationen aus seinem Freund heraus zu bekommen, denn der ehemalige Kommissar scheint immer weniger Interesse daran zu haben, den mehrfachen Mörder zu überführen und der Justiz zu über stellen.

Extravagante, literarisch hochwertige Kriminalliteratur, die vom Leser Geduld erfordert

Der Tathergang scheint ewig zu dauern. Kein Schritt des Mörders, kein Gedanke oder Gefühl des Opfers wird dem Leser vorenthalten. Mancher Leser mag sich bei dem Gedanken ertappen: »Wann erledigt er sie endlich?«, das Tempo ist besonders auf den ersten 100 Seiten nahezu quälend langsam. Und trotzdem lohnt sich das Durchhalten, denn am Ende wird mancher Leser feststellen, dass »Der Mörder mit der schönen Handschrift« ein ungewöhnlich tiefgründiges, zum Ende beinahe unerträglich spannendes Werk und ein wahrer literarischer Leckerbissen ist. Der Spannungsbogen nimmt einen exponentiellen Verlauf, die Steigerung ist zunächst kaum wahrnehmbar und erhöht sich schließlich rasant.
Der Autor bemüht sich nicht darum, dem Leser seine Geschichte einfacher zugänglich zu machen oder ihn mit Spannungselementen bei Laune zu halten. Pierre Magnans außergewöhnliches literarisches Spektrum ermöglicht ihm, in einem sehr widersprüchlichen Stil zu schreiben, romantisch und melancholisch-grotesk, chauvinistisch, bizarr, voller Poesie und mit feinsinnigem Humor.

»Diese Verbrechen«, schreibt der Autor, »und Kommissar Laviolette sind für mich ein Mittel, um eine Stimmung einzufangen, eine Abenddämmerung, ein Morgengrauen über dieser kargen, einsamen, tragischen Landschaft der Haute Provence.«

»Der Mörder mit der schönen Handschrift« wird nicht jeden Krimi-Liebhaber begeistern. Der Nicht-Frankreichkenner hat mit vielen Zitaten, Namen und Orten, die zum großen Teil auch nicht übersetzt werden, so seine Schwierigkeiten. Wer dennoch Zugang zu diesem extravagantem Werk findet, erlebt fesselnde Unterhaltung auf höchstem Niveau und eine faszinierende Reise in die Seele der Haute Provence.

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Marthe König zu »Pierre Magnan: Der Mörder mit der schönen Handschrift« 08.07.2011
Für mich ist das große Literatur gekoppelt mit einem interessanten Krimisujet.
Ich habe hintereinander alle verfgügbaren (booklooker), hier genannten Bücher, weil ins Deutsche übersetzt, gelesen.
Ich habe mir eine Ferienwohnung mitten im Winter in FORCALQUIER gemietet. Es soll ja da ganz besonders hat sein. Das will ich wissen.
Jakob Benedikt zu »Pierre Magnan: Der Mörder mit der schönen Handschrift« 18.04.2007
Wie gewohnt, verlaufen die Ermittlungen des hier bereits pensionierten Laviolette recht gemächlich. Der Band ist dicker als die anderen Laviolette-Fälle, was darauf zurückführt, dass besonders die Landschafts- und Stimmungsbilder viel Raum einnehmen. Leider wird dies aber mit der Zeit auf etwas fade - der Leser ist versucht, ohne sich tiefer auf das geschriebene Wort einzulassen und sich die Stimmungen einzuverleiben, darüber hinweg zu lesen. Dies liegt sicherlich daran, dass Magnan zwar ohne Zweifel ein respektabler Krimiautor ist aber leider nicht zu den großen Literaten gehört. Trotz alledem machte mir die Geschichte große Freude; die Charaktere wie auch die Auflösung überraschen und gefallen.
Constance Blocker zu »Pierre Magnan: Der Mörder mit der schönen Handschrift« 10.10.2006
Mich hat dieser Kriminalroman trotz des eher gemächlichen Verlaufs der Handlung gefesselt. Das mag daran liegen, dass ich in den Sommerferien in dieser Gegend war und mir die Landschaft, auch im düsteren Herbst, gut vorstellen konnte. Das Eintauchen in die Welt einer eigenbrötlerisch lebenden Dorfgemeinschaft in der Haute-Provence ist faszinierend und ein wenig melancholisch beschrieben, dabei jedoch nie langweilig. Die beteiligten Personen sind sehr skurrile, in ihren Eigenarten jedoch interessante Typen. Man kann sie sich durch ihre von Magnan erzählten Geschichten und Gedanken gut vorstellen. Äußerlich vielleicht weniger skurril als in ihren Handlungen könnte man ihnen in einer Kneipe oder in dem einen oder anderen Städtchen durchaus begegnen und fände nichts Wunderliches an ihnen. Erst der Blick hinter die Fassade, den der Kommissar mit Einfühlungsvermögen und Lebensweisheit ermöglicht, deckt die wundersamen Entwicklungen menschlicher Lebensläufe auf.
Lesern, die Krimis nicht nur wegen der "action" lesen mögen, sondern denen Atmosphäre und Menschenbetrachtung wichtig sind, ist dieses etwas melancholische, dabei aber auch humorvolle Buch sehr zu empfehlen.
Ulrich zu »Pierre Magnan: Der Mörder mit der schönen Handschrift« 07.06.2006
Ich bin noch mittendrin in diesem Buch, das ich jeden Abend als Betthupferl genieße. Und in meinen Augen ist es nicht nötig, dieses Buch bis zum Ende gelesen zu haben, damit man sich ein Urteil darüber machen kann. Bis auf den Band mit den Erzählungen besitze ich alle anderen 5 Magnan-Bücher, die eine Art Sonderstellung im Regal einnehmen. Denn sie heben sich von den anderen Krimis in besonderer Art ab. Besonders bei dem Mörder mit der schönen Handschrift gibt es immer wieder "gruselige" Abschnitte, die die ganze Atmosphäre der Landschaft, der Leute der Geschehen unterstreichen.
Überhaupt meine ich immer, in einer anderen Zeit zu sein; vielleicht in der meiner Großeltern? Da gibt es noch Gerätschaften und Kleider, Sitten und Modeerscheinungen, die mit dem Zeitalter der Informationstechnik nichts gemein haben. Hier wird eine Ruhe und Gelassenheit beschrieben, die ich so erstrebenswert finde und um die ich frühere Generationen ein wenig beneide. Oder ist es nur diese Gegend, in der die Menschen noch heute so leben wie bei uns vor zwei-drei Generationen?
Die Sensibilität für die Natur, ihre Gerüche, ihr "Verhalten", macht mich Halt machen, um ähnlich zu empfinden. Ein weises Denken steckt hier in vielen Sätzen. Und manchmal träume ich davon, in dieser beschriebenen Welt zu leben.
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