Operation Zagreb von Philip Kerr

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The lady from Zagreb, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Wunderlich.
Folge 10 der Bernhard-Gunther-Serie.

  • London: Quercus, 2015 unter dem Titel The lady from Zagreb. 2017 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Wunderlich, 2017. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3805251037. 2017 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2018. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3-499-27209-7. 512 Seiten.

'Operation Zagreb' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Als er für Nazi-Minister Goebbels eine schöne Schauspielerin »heim ins Reich« locken soll, gerät Ex-Polizist Gunther in die Balkan-Wirren des Zweiten Weltkriegs und in die nur scheinbar neutrale Schweiz, was ihn jeweils in Gewissensnot und Lebensgefahr bringt... – Nach serientypisch gewordenem Muster verschlägt es Bernie Gunther in seinem 10. Abenteuer »zufällig« stets dorthin, wo gerade Geschichte geschrieben wird; weltschmerzschwere Sprüche suggerieren Tiefgründigkeit, doch bleibt die Historie weitgehend Kulisse für einen immerhin spannendes Krimi-Abenteuer.

Das meint krimi-couch.de: Unkontrollierter Irrsinn in einer Zeit systematischen Mordes 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ex-Kriminalbeamter Bernhard Gunther, der gegen seinen Willen in den »Sicherheitsdienst« der nazideutschen SS übernommen wurde, gilt als ebenso zuverlässiger Ermittler wie parteikritischer »Volksgenosse«. Mächtig gewordene Mitläufer des NS-Regimes bedienen sich seiner gern für heikle Aufgaben, weil sie bei einem Scheitern einen Sündenbock vorweisen können.

Im Sommer des Jahres 1942 arbeitet Gunther für General Nebe, früher ebenfalls ein Kriminalist, der es im Nazi-Reich zu Ansehen und Macht gebracht hat, und – vorerst – eine schützende Hand über den ehemaligen Kollegen hält. Leider hat auch Propagandaminister Joseph Goebbels, für den er schon mehrfach gefährliche Aufträge übernehmen musste, Gunther keineswegs aus den Augen verloren, und zwingt ihn zu einem neuen »Gefallen«: Goebbels, der »Bock von Babelsberg«, begehrt die Schauspielerin Dalia Dresner, die er zudem zur »neuen Greta Garbo« für den deutschen Film aufbauen will. Sie ziert sich und schiebt familiären Kummer vor: Dalias Vater ist auf dem Balkan verschollen. Sie möchte ihn unbedingt wiedersehen. Deshalb schickt Goebbels Gunther nach Kroatien. Er soll den Vater aufspüren – eine lebensgefährliche Mission, denn in Südosteuropa nutzen die mit Deutschland verbündeten Volksgruppen die Gelegenheit, mit alten Feinden abzurechnen.

Gunther bereist ein Land, deren Bewohner sich gegenseitig massakrieren. Auch Dalias Vater hat sich in einen Massenmörder verwandelt, den selbst Goebbels nicht in Deutschland sehen will. Deshalb wird Dalia die Wahrheit verschwiegen. Voller Gram über den angeblichen Tod des Vaters zieht sie sich in die neutrale Schweiz zurück. Der verärgerte Goebbels schickt ihr abermals Gunther hinterher, der keineswegs protestiert: Längst unterhält er eine Liebesbeziehung zu Dalia, die streng vor dem eifersüchtigen und rachsüchtigen Goebbels geheim gehalten werden muss …

Kreuz und quer durch das Nazi-Reich

Zum zehnten Mal reist Bernie Gunther durch eine von Nazis besetzte oder unterwanderte Welt. Die Serie folgt keiner strikten Chronologie, obwohl Autor Kerr auf eine stringente Kernhandlung achtet. Trotzdem muss sich der Leser stets vor Augen führen, wo Gunther sich gerade aufhält, mit wem er verbandelt ist oder wer ihm (immer noch) im Nacken sitzt: Wer die Serie regelmäßig verfolgt, ist eindeutig im Vorteil.

Auch bandintern verzichtet Kerr auf eine zeitlich verdichtete und in ihren Einzelereignissen miteinander verknüpfte Handlung. Er folgt damit vorgeblich der Realität, die bekanntlich nicht unbedingt die Reihenfolge A – B – C – etc. einhält. Tatsächlich erzählt Kerr in »Operation Zagreb« zwei Geschichten, die er recht mühsam miteinander verklammert; hinzu kommt eine Rahmenhandlung, die Jahre nach dem Primärgeschehen spielt.

Kerr ist ein sehr fleißiger Autor, der neue Bücher inzwischen in immer geringeren Abständen herausbringt. Die Qualität leidet darunter. Von dem Niveau, das die erste Bernie-Gunther-Trilogie aufweist, können die Leser der neueren Bände nur noch träumen. Dem Erfolg scheint das keinen Abbruch zu tun, was darauf hindeutet, dass Kerr seine »Masche« gefunden hat, die ihm eine unendliche Folge von Gunther-Thrillern ermöglicht.

Kleines Rädchen, großes Maul

Das Rezept ist simpel: Das von den Nazis beherrschte Europa bietet mehr als genug Schauplätze. »Zufällig« gerät Gunther immer dann irgendwohin, wenn sich dort etwas abspielt, das später in die Geschichtsbücher kommt. Meist sind es schmutzige Nazi-Geheimnisse, die realiter erst lange nach Kriegsende aufgedeckt wurden und für ein Aufsehen sorgten, das Kerr sich zunutze macht.

»Politisch korrekt« ist das wohl nicht, aber darüber haben sich vor allem angelsächsische Autoren zumindest in der Unterhaltungsliteratur nie gekümmert. Entsprechend unbekümmert geht Kerr mit der Historie und ihren Figuren um. Eine Goebbels-Figur, wie er sie zeichnet, würde hierzulande auf Missfallen stoßen – zu Recht, denn unter einer dünnen Tünche moderner Erkenntnisse lässt Kerr die altbekannten »Nazi-Krauts« aufleben, deren Reihen er mit Mitläufern durchsetzt, die den kritischen Gunther gern wissen lassen, dass er a) zwar durchaus im Recht ist, sich b) mit seiner zur Schau getragenen Regimekritik jedoch vor allem selbst schadet.

Dies ist der Sinn der plakativen Sache: Kerr schildert Gunther als »guten« Deutschen, der die Augen nicht vor dem allgegenwärtigen Unrecht verschließt oder schweigt. Da Gunther nur ein Rädchen im Getriebe des Nazi-Reiches ist, kann er sein Heldentum nur im Verborgenen blühen lassen, dabei oft scheitern und trotzdem überleben: Kerr liebt es tragisch, was Bernie zudem die Gelegenheit gibt, sich wortreich in weltschmerzreichen Tiraden zu ergehen.

Papagei auf Goebbels Schulter

Keine Buchseite vergeht, ohne dass Gunther die Nazis verdammt. Erstaunlicherweise findet er nicht nur Gehör, sondern auch Zustimmung. Wer wie Goebbels verständlicherweise anderer Meinung ist, achtet Gunther immerhin und überlässt ihm sogar die Schlüssel zum privaten Mercedes-Cabrio, mit dem Bernie durch Berlin braust, um die vom Minister ins Visier genommene Filmschönheit zu beschlafen. Das ist – gelinde gesagt – hanebüchen bzw. so unglaubwürdig, dass es selbst in dieser populärliterarischen Mischung aus Thriller und Abenteuergeschichte störend auffällt.

Die Balkan-Episode ist für das Krimi-Geschehen belanglos. Kerr erzählt Gruselgeschichten aus einem Völkermord, der sich in den 1990er Jahren wiederholt hat – eine historische Parallele, auf der Kerr ausgiebig herumreitet, ohne über Killing-Field-Horror und vordergründige Erschütterung über die Sinnlosigkeit organisierten Mordens hinauszukommen.

Ergiebiger ist die Schweiz-Sequenz. Hier klinkt sich Kerr erfolgreich in ein Geschehen ein, das in der Tat Krimi-Qualitäten besitzt. Seit jeher profitiert die Schweiz von ihrem Neutralitätsstatus. Nicht einmal die Nazis planten ernsthaft eine Eroberung dieses nützlichen Landes, das ihnen ein ansonsten verschlossenes Portal zum Rest der Welt bot. Kerr schildert die Schweiz als Treffpunkt alliierter Geheimdienstler und nazideutscher Emissäre, die jenseits der offiziellen Politik miteinander verhandeln. Hinzu kommen für einheimische Kriegsgewinnler schmutzige aber einträgliche Geschäfte, die nur oberflächlich betrachtet legal und auf jeden Fall moralisch verwerflich sind.

In diesem Umfeld entwickelt sich schließlich doch eine spannende Story. Bernie hat zeitweise so viel zu tun, dass ihm weniger Zeit für schlaue Sprüche bleibt. Natürlich endet die Auflösung für ihn tragisch – so wünscht es der Autor, der wiederum Klischees abspult, die sich ins Gesamtbild eines Historien-Thrillers fügen, der unter einer Serien-Routine leidet, die andererseits das Muster für weitere Fortsetzungen vorgeben.

Michael Drewniok, August 2017

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Anja S. zu »Philip Kerr: Operation Zagreb« 19.10.2017
Ich bin bekennender Fan von Bernie Gunther, auch wenn eindeutig ist, dass er sich mit seiner Art neimals im Dritten Reich so hätte benehmen können.
auch sein turbulentes Liebesleben...nun ja, auch in diesem Buch erscheint es nicht so ganz realistisch.
Davon abgesehen sind so ziemlich alle "Bernies" spannend und gut zu lesen (bis auf das allerneueste, welches in den 50ziger Jahren spielt und noch nicht übersetzt wurde).
über die Rolle des Balkans im 2. Weltkrieg ist nicht so viel der Öffentlichkeit bekannt (ja es gab auch im früheren Jugoslawien mit Jasenovac ein Vernichtungslager, was seinen osteuropäisch-deutschen Konterparts in Nichts nachsteht). Daher ist es gut, dass auch einmal darüber geschrieben wird, auch wenn es "nur" Bernie Gunther ist.
Georg Oliver Hruschka zu »Philip Kerr: Operation Zagreb« 06.05.2017
Nicht der beste Roman der Serie, aber in jedem Fall spannend und lesenswert. Und: Endlich wieder vernünftig übersetzt. Die beiden Vorgänger "Böhmisches Blut" und "Wolfshunger" waren hundsmiserabel und lieblos übersetzt, ständig wurden dort den handelnden Nazis Anglizismen wie "OK", "Level" oder "Job" in den Mund gelegt. Absolut unglaubwürdig. Auch hat sich übrigens nie ein Nazi als solcher bezeichnet - das war schon damals eine abfällige Kurzform - es wurde immer die Langform "Nationalsozialist" genutzt.
Solch grobe Schnitzer gibt es in "Operation Zagreb" kaum noch. Entsprechend authentischer und dadurch unterhaltsamer ist die Geschichte, wenn auch bei weitem nicht auf der Höhe der frühen Bernie-Günter-Stories, allen voran dem unerreichbaren Höhepunkt der Serie "Die Adlon Verschwörung"...
andreas wagner zu »Philip Kerr: Operation Zagreb« 08.02.2017
Das Buch ist im Gegensatz zu vorausgehenden Bänden um Berni Gunther schlecht recherchiert und dementsprechend ist auch das Korrekturlesen ausgefallen: Oberst Dragan war nie Mitglied der Ustascha sondern Offizier bei den Tschetniks, den Königstreuen. Jasenovac wurde von Dinko Sacic "geleitet" und der einzige ehemalige Mönch in Leitungsposition war Miroslav Filipowic - Masjtorovic (Lager III). Eigentlich schade bei einer so speziellen Materie.Mit freundlichen GrüßenAndreas Wagner
Chris Kriegner zu »Philip Kerr: Operation Zagreb« 19.01.2017
Auch hier wieder vorweg, Bernie muss man nehmen, wie Kerr ihn erfunden hat, nämlich als unlogische Kunstfigur und dann ist auch dieses Buch lesenswert. Es streift einen der weniger bekannten Seiten des 2. Weltkrieges = die Ereignisse auf dem Balkan mit allem, was dazu gehört. Natürlich dürfen bekannte Nazi Größen nicht fehlen - hier Göbbels und seine Vorliebe für weibliche UFA Stars. Angestoßen wird auch die damals komplizierte Beziehung zwischen Deutschland + der Schweiz. Das Buch scheint mir nicht ganz so detailverliebt wie andere aus der Serie, was der Sache guttut, denn dann ist auch der Maßstab für historische Genauigkeit nicht ganz so hoch.Auf jeden Fall - wieder - absolut unterhaltend.
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