Hellas Channel von Petros Markaris

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1995 unter dem Titel Nychterino deltio, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Diogenes.
Ort & Zeit der Handlung: Griechenland / Athen, 1990 - 2009.
Folge 1 der Kostas-Charitos-Serie.

  • Athen: Ekdoseis Gabriēlidēs, 1995 unter dem Titel Nychterino deltio. 463 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2000. Übersetzt von Michaela Prinzinger. ISBN: 3-257-06241-9. 463 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2001. Übersetzt von Michaela Prinzinger. ISBN: 3-257-23282-9. 463 Seiten.
  • Zürich: Diogenes, 2008. Übersetzt von Michaela Prinzinger. ISBN: 978-3-257-23711-5. 463 Seiten.

'Hellas Channel' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Er liebt es, Souflaki aus der Tüte zu essen, dabei im Wörterbuch zu blättern und sich die neuesten Amerikanismen einzuverleiben. Seine Arbeit bei der Athener Polizei dagegen ist kein Honigschlecken. Besonders schlecht ist Kostas Charitos auf die Journalisten zu sprechen, und ausgerechnet auf sie muß er sich einlassen, denn Janna Karajorgi, eine Reporterin für ´Hellas Channel´, wurde ermordet. Wer hatte Angst vor ihren Enthüllungen? Um diesen Mord ranken sich die wildesten Spekulationen, die Kostas Charitos´ Ermittlungen nicht eben einfach machen. Aber es gelingt ihm, er selbst zu bleiben – ein hitziger, unbestechlicher Einzelgänger, ein Nostalgiker im modernen Athen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine weitgehend anspruchslose Abendlektüre« 58°

Krimi-Rezension von Wolfgang Weninger

Herr Charitos ist ein Beamter, der sich in langer und mühsamer Kleinarbeit unter verschiedensten Regierungsformen, von der Junta bis zur Demokratie griechischer Vorstellung, zum Leiter des Morddezernates im Bezirk Attika hoch gearbeitet hat. Ein richtiger Durchschnittsbeamter mit Einheitswohnzelle Marke »Neubau«, mit Einheitsehe Marke »Es gibt Schlimmeres, aber nicht viel«, mit Einheitsbildung Marke »Was brauchen wir das?« und mit Einheitseinstellung »Wir sind wir, nach oben buckeln, nach unten draufscheißen, das war schon immer so, also bleibt es«. Das Einzige, was diesen Durchschnittsgriechen mit seiner durchschnittsrassistischen und durchschnittsmachomäßigen Lebenseinstellung auszeichnet, ist ein wenig Bauernschläue, mit der er den Profilierungsattacken seiner Vorgesetzen entgehen kann und nach langjähriger Berufserfahrung verfügt er auch über einen sechsten Sinn, der ihm sagt, wenn es irgendwo kriminalistisch zu stinken beginnt.

Normalerweise wäre der Fall bei den Akten gelandet. In einem Elendsquartier wird ein albanisches Pärchen massakriert. Natürlich sind die beiden illegal eingereist, nirgendwo gibt es Geld, Papiere oder sonstige Hinweise. Was soll´s? Ein Mord unter vielen. Ein kleines Presseinterview und danach ruht die Aufklärung der Schandtat bis in alle Ewigkeit, wie so viele ungeklärte Fälle. Wäre da nicht eine junge Sensationsreporterin des Fernsehsenders »Hellas Channel«, die hinter diesem Verbrechen mehr vermutet und dies auch öffentlich kundtun will, doch auch sie ereilt das Schicksal aller Krimileichen, sie wird vorher an die Gestade des Hades gerufen.

Charitos hasst Journalisten. Besonders Fernsehjournalisten, die ihm mit ihrer Sensationsgier beständig ins Handwerk pfuschen. Demzufolge führt er sich bei seinen Ermittlungen im Sender mehr als rüpelhaft auf und die Ernüchterung in Gestalt seines Vorgesetzten Gikas folgt auf dem Fuße. Mangelnde Diplomatie im Umgang mit Presse und Politikern kann man diesem Polizeiwindhund nicht vorwerfen, aber er kann gar nicht anders, als den ständig ins Fettnäpfchen tretenden Charitos an die Leine zu nehmen, was dem armen, geplagten Kommissar psychosomatische Funktionsstörungen verursacht.

Als die Nachfolgerin der Journalisten ebenfalls ins Gras beissen muss, wird unser biederer Kommissar allerdings nicht nur immer bärbeißiger, sondern auch zielstrebiger. Er lässt alte Juntakontakte wieder aufleben und beginnt in den Akten zu graben und beißt sich immer tiefer in die Materie, in der es bald von Kinderschändern, Menschenschmugglern und noch schlimmerem Gesocks nur so wimmelt. Und hinter jedem Handgriff lauert die Meute der Journalisten, um dem Kommissar als Aushängeschild des Polizeiapparates eines über die Rübe zu ziehen.

Natürlich verrate ich nicht das Ende des Krimis und all die überraschenden Wendungen, die Kommissar Charitos im Laufe der Handlung erlebt und erleidet.

Vor »Hellas Channel« hatte ich Nachtfalter gelesen, den Nachfolger. Hätte ich allerdings dieses Buch vor dem zweiten Band gelesen, bin ich mir nicht sicher, ob ich mir den zweiten Band angetan hätte.

Petros Markaris zeichnet das Bild eines Mannes, das in vielen Details auch dem Mann von der Strasse in Wien, Köln, Berlin oder sonst wo entspricht. Obwohl der Roman mit sehr viel Lokalkolorit aufwarten kann und Herr Markaris seinen Titelhelden quer durch sämtliche Gassen Athens Jagd auf die Täter machen lässt, wäre es nicht notwendig gewesen, alle Gassen auch namentlich zu erwähnen, vor allem, weil der Fiat Mirafiori des Kommissars ohnehin den halben Fall lang nur in den Staus der griechischen Hauptstadt steckt. Und wenn er dies nicht tut, dann hängt er seinen Gedanken über die Trostlosigkeit seines Alltags nach, die gekennzeichnet sind vom schmächtigen Beamtensold und schwellenden Familienkonflikten.

Der Spannungsaufbau des Kriminalromans lässt besonders im letzten Drittel einiges zu wünschen übrig. Während die Szenarien und Handlungsabläufe auf den ersten 200 Seiten durchaus schlüssig sind, wird am Schluss die Lösung eher an den Haaren herbei gezogen. Zu sehr erledigen sich die Dinge von selbst und die Quintessenz des Falles hat mich im Endeffekt nicht befriedigt, obwohl der Mörder natürlich gefasst wird.

Der Schmöker kann mit anderen gängigen Kommissaren, wie Montalbano oder Van Veeteren durchaus mithalten. Lokalkolorit und menschliche Unzulänglichkeit prägen das Bild eines Alltagszynikers, aber irgendwo fehlt dieser Funken, durch den man mit dem Titelhelden Sympathie empfindet. Das Buch lässt sich von der Sprache her relativ leicht lesen, auch wenn man des öfteren den Anhang mit der Personenliste benötigt, um sich zu orientieren. Aber dies liegt sicherlich an der Eigenheit der örtlichen Namensgebung. Vier von fünf Sternen ist der Roman allemal wert und ich klassifiziere ihn als leichte Urlaubskost. Auch wenn her Markaris ganz offensichtlich ein gebildeter und mit den Klassikern vertrauter Schriftsteller und Drehbuchautor ist, sind ihm außer den Zitaten aus diversen Wörterbüchern keine besonders galanten sprachlichen Wendungen eingefallen, er suhlt sich eher im Proletenjargon, den man im Umkreis der Lebensgewohnheiten von Herrn Charitos gewöhnt ist.

Ganz kann ich die Lobgesänge der Presse zu diesem Buch nicht nachempfinden, doch wer eine weitgehend anspruchslose Abendlektüre sucht, ist mit diesem Buch recht gut bedient.

Das meinen andere:

»Selten wurde ein derart widerwärtiges Machwerk wie dieser abscheuliche Krimi geschrieben.« (ORF)

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mylo zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 16.10.2011
Ich habe dieses erste Buch gelesen, nachdem ich bereits einige andere, spätere Bücher gelesen hatte und die Figuren bereits deutlich an Profil gewonnen hatten und Charitos wird mit jedem Buch sympathischer und wächst ans Herz.
Zu dem Buch, als Beginn der Serie mit einer zumindest im oberen Durchschnitt bezüglich der Story und der Spannung an zu siedeln. Hinzu kommt die Lehrstunde in griechischer Mentalität - gerade zu Zeit der Schuldenkrise auch ganz nützlich.
Kurzum auch im Wissen der Qualität der weiteren Folgen gebe ich 80 Punkte. Gute Krimikost
JaneM. zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 18.10.2010
Deutlich ist zu merken, dass "Hellas Channel" der erste Krimi mit dem Protagonisten Kommissar Charitos ist. Die Hauptfigur und z. B. die seiner Frau Adriani und seines Chefs Gikas müssen noch an Kontur gewinnen. Möglicherweise liegt es daran, dass Charitos nicht immer sympathisch rüberkommt. Ich gebe zu: ich bin ein großer Griechenlandfan und reise seit 20 Jahren dorthin. Damit hat Markaris von mir einen riesigen Extrabonus, denn es gibt kaum griechische Kriminalliteratur. Wolfgang Weninger war offensichtlich noch nicht (zumindest mit offenen Augen und Ohren) in diesem Land, sonst wären ihm die augenzwingernden Anspielungen nicht derart entgangen. Die Krimihandlung an sich ist guter Durchschnitt. Durchaus spannend, aber am Ende vorher sehbar. Aber darum geht es in diesem Krimi wohl auch gar nicht. Es ist die Unterhaltung, Gesellschaftskritik und Beschreibung einer Stimmung an sich, die hier eine Rolle spielt. Mein Fazit: wer Griechenland liebt, mag Markaris. Wer Markaris nicht nachvollziehen kann, lernt entweder Griechenland kennen oder liest was anderes.
vifu zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 28.05.2010
Die Griechenland-Krise brachte mich zum Solidaritätskrimi! Ich bin überrascht, nach einem etwas zähflüssigen Anfang, bekam der Handlungsstrang doch immer mehr Fahrt. Auch wenn einiges absehbar war, so
ist die Story um den Muffelskopf Charito sehr unterhaltsam.
Für mich, Griechenland/Athen-Fremdling, wurden viele Klischees bedient, aber ich freu mich schon auf den nächsten Fall mit Charito!
Volker zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 23.07.2007
Ich habe mich durchaus schwer getan auf den ersten hundert Seiten des Buches. Markaris tut alles, um seine Hauptfigur als veritablen Kotzbrocken in die Geschichte einzuführen. Wer also Krimis mag, bei denen man sich mit dem Ermittler identifiziert, sollte besser eine andere Wahl treffen.

Und in der Tat kommt die Handlung anfangs nur mühsam in Gang, viel zu sehr steht die konfliktbeladene Ehe des Ermittlers im Vordergrund. Doch mit Fortgang der Geschichte nimmt die Spannung zu, und letztlich bleibt der Schluss, dass Markaris eine packende Geschichte zu erzählen hat.

Dabei hat mir der Athener Lokalkolorit durchaus gefallen. Das Genörgele über die vielen Staus kann ich kaum nachvollziehen. Zwar ist dies als Running Gag nicht gelungen, andererseits fällt vielleicht alle 50 seiten ein Halbsatz über Staus...

Sehr gut gefallen hat mir die Person des Vorgesetzen von Charitos mit der ironischen Schlitzohrigkeit (die dem Rezensenten der KC wie einiges andere verborgen blieb - generell war mir die Rezension nicht hilfreich, und ich möchte mir angesichts der der Person Charitos' gar nicht vorstellen, welch Griechenlandbild der Rezensent verinnerlicht hat, indem er die Einschätzung trifft:"Durchschnittsgrieche mit seiner durchschnittsrassistischen und durchschnittsmachomäßigen Lebenseinstellung" ).

Insgesamt ein Roman mit Höhen und Tiefen. Am Anfang fragt man sich, warum man sich dieses Werk antut, danach bleibt die Frage im Raum und gleichwohl mag man den Roman nicht aus der Hand legen.
MP zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 13.02.2007
Habe das Buch auf Englisch gelesen (The Late Night News) und fand es sehr interessant. Da ich schon mehrmals in Griechenland Urlaub gemacht habe und auch schon öfters in Athen gewesen bin, kenne ich auch einige im Buch beschriebene Plätze und Straßen. Unausweichlich wird man dann auch mit der griechischen Mentalität vertraut gemacht, und man entdeckt viele Parallelen zum reellen griechischen Leben.
Meiner Meinung nach ist Costas Charitos ein typischer greichischer Polizeibeamter und der griechische Lebensstil wird dem Leser realitätsgetreu vermittelt.
Ich persönlich finde dieses Buch einfach toll und kann es nur weiterempfehlen.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
hoffmann9471 zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 18.09.2006
Ein Kommissar in Athen hatte mich neugierig gemacht. Aber mehrere Male wollte ich das Buch beenden: Ein nicht sympathisch werdender, extrem vulgärer und kaum von Rechtsethik durchdrungener Kriminalbeamter quält sich durch unendliche Verkehrsstaus... Dann zitiert er auch noch einige Male Maigret, mit dem er so unendlich wenig zu tun hat. Und doch: Man liest weiter und bis zum Ende, weil dem Autor eine interessante Geschichte (zumindest im 2.Teil) und Auflösung gelingt. Das sei ausdrücklich gelobt; denn gerade daran mangelt es vielen besser geschriebenen Krimis häufig. Insgesamt trotzdem nur höheres Mittelmaß.
gast zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 16.04.2006
ich habe alle 3 charitos-romane zu hause und gelesen, lese sie auch gern mehrmals. ich liebe die charitos-geschichten. seine komische und tolpatschige art, sowie die beschreibungen von athen. da fühle ich mich direkt wieder dorthin versetzt. ich wünschte es würde noch viel mehr charitos-krimis geben. toll. bitte weiterschreiben, herr markaris! ;-)
Allesleser zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 11.04.2005
Europa wächst zusammen. Endlich mal ein Buch in dem man die südländische Lebensweise aus sicht eines Südländers betrachten kann! Habe alle drei Abenteuer des Kommissar Charitos gelesen und finde alle drei realistisch und typisch für Südeuropa. Wären da nicht die typisch greichischen Namen, so könnte der Roman auch irgendwoanders in Südeuropa spielen...
HelgaR zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 30.12.2004
Ein Krimi, der, für meine Begriffe, sehr langsam anläuft, eher zu den "leisen" gehört und sich mit sehr vielen Detailbeschreibungen, vor allem mit Athens Straßennetz, aufhält.

Doch plötzlich wird alles sehr interessant und die Spannung nimmt zu. Man stellt seine Vermutungen an, verwirft sie wieder und fängt wieder mit neuen an.

Das sehr verzweigte Netz ist recht gut aufgebaut, mit gut gezeichneten Charakteren, einem kantigen, mit viel Kleinarbeit behafteten, aber trotzdem nicht ganz unsympathischen Protagonisten, und einem überraschenden Ende.

Ein guter erster Fall von Kommissar Kostas Charitos und ich werde sicher auch den nächsten lesen.
SEAHAWK zu »Petros Markaris: Hellas Channel« 07.11.2004
wir müssen das buch für den deutschunterricht lesen, aber was ich hier so lese, begeistert mich nicht gerade. ich hab gerade mal 100 seiten gelesen und muss auch sagen, dass der hauptcharakter eine komische, unsympathische figur ist. auch finde ich die ganzen vulgarismen in diesem buch sehr übertrieben. das hätte man auch anders machen können.
FAZIT: ich werde das buch nicht zu ende lesen.

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