Im Namen des Kreuzes von Peter Probst

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: , 1990 - 2009.
Folge 3 der Anton-Schwarz-Serie.

  • München: dtv, 2012. ISBN: 978-3423213509. 256 Seiten.

'Im Namen des Kreuzes' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Nach dem tragischen Selbstmord des jungen Priesteramtskandidaten Matthias wird der – besonders bei Jugendlichen – beliebte katholische Pfarrer Heimeran erhängt aufgefunden. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen liegt nahe – aber welcher? Wie eng war die Beziehung zwischen dem Geistlichen und dem vaterlos aufgewachsenen Jungen? War Heimerans Tod womöglich gar kein Selbstmord? Widerstrebend nimmt Anton Schwarz Ermittlungen auf und gerät in einen Sumpf aus Machtmissbrauch, sexueller Gewalt und Vertuschung, der ihn an seine persönlichen Grenzen bringt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Aufrüttelnd, schonungslos und menschlich, spannend – unbedingt lesen und darüber reden« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Reinhard Berndt

»Haus der Gnade« – ein Name, der Hoffnung zu verheißen scheint für Menschen, die keinen anderen Ausweg mehr haben. Hier landet Patrick, ein minderjähriger Straftäter, der mehr auf dem Kerbholz hat als mancher erwachsene Kriminelle. Eltern, Lehrer, Erzieher – selbst die Polizei, haben ihn aufgegeben. Noch aber ist etwas in ihm, das ihm sagt, versuch es noch ein letztes Mal, bevor du endest wie dein Bruder.Pater Anselm könnte sein Helfer auf diesem Weg sein. Vielleicht ist Beten gar nicht so albern und nutzlos, wie er denkt.

Patrick’s Schicksalstage im Kloster Steinsberg sind die Klammer des spannenden Krimis von Peter Probst aus der Reihe mit dem Untertitel »Schwarz ermittelt«. Mathias Sass, ehemaliger Ministrant mit dem Ziel Priester zu werden, hat sich das Leben genommen. Die polizeilichen Ermittlungen sind eingestellt. Doch die verzweifelte Mutter hat ein Indiz gefunden, das in ihr den Verdacht auf eine sexuelle Beziehung zu Pfarrer Heimeran und vielleicht sogar Missbrauch weckt. Anton Schwarz, Ex-Polizist und Privatermittler, wird von ihr engagiert, der Sache noch einmal nachzugehen. Doch auch er gelangt zu dem Schluss, dass der Junge vielleicht an einer homosexuellen Liebe zerbrochen ist, mehr scheint nicht mehr zu ermitteln zu sein. Frau Sass will letztlich den Pfarrer Heimeran zur Rede stellen. Doch da wird dieser erhängt unter einer Brücke gefunden. Es sieht nach Selbstmord aus, oder soll so aussehen. Jetzt kommt Schwarz die Sache doch mysteriös vor. Er ermittelt weiter, nun will er auch selbst die Wahrheit wissen. Dabei stößt er auf Pastoralreferent Rainer Weber, der ihm nach anfänglicher Zurückhaltung einige brisante Informationen gibt. Weber scheint Angst zu haben. Schwarz erkennt, dass hier eine andere Dimension im Spiel ist. Und immer wieder führen Hinweise zum Kloster Steinsberg, dem »Haus der Gnade«. Noch bevor er Weber ein weiteres Mal treffen kann, wir der brutal ermordet.

Jetzt geht es nicht mehr ohne die Zusammenarbeit mit seinen Ex-Kollegen von der Münchner Kriminalpolizei. Aber auch die Kirche scheint plötzlich an der Aufklärung der Vorfälle interessiert zu sein. Sie schaltet den Privatermittler Perfall ein, der versucht, mit Schwarz zusammenzuarbeiten. Doch bei dem wird Schwarz erst richtig misstrauisch. Zu viele Ungereimtheiten. Ist er wirklich vom Erzbischof gerufen worden? Und wer steht hinter dem Geheimorden »Sancta Militia Jesu«, dem das Kloster Steinsberg gehört? Was geht dort eigentlich hinter hohen Mauern vor?

Die Wahrheit ist erschütternd und aufrüttelnd. Peter Probst erzählt gradlinig und mit wachsender Spannung. Dabei bleiben aber die menschlichen Ereignisse in Anton Schwarz’ Umfeld nicht auf der Strecke. Die kauzige Mutter, Jüdin, die im späten Alter zur ihrer Identität gefunden hat, lässt die LeserInnen oft schmunzeln. Und natürlich ist da seine Liebe zu der viel jüngeren Eva, die als Opfer einer Amok-Fahrt im Rollstuhl sitzt. Sie wird immer mehr in die Ermittlungen involviert. Probst beschreibt diese Beziehung in ihrem Auf und Ab der Gefühle mit warmen Worten. Er holt sie aus der Nebenhandlung behutsam ins Geschehen hinein. Am Ende arbeiten beide eng zusammen und ohne Eva hätte es für Schwarz anders ausgehen können …

Apropos Ende. Das Finale des Buches bringt Dinge zutage, die erschrecken und nachdenklich stimmen.

Ausleben von Machtgelüsten und Gewalt gegen Schwächere begleiten die ganze Menschheitsgeschichte. Auch die katholische Kirche war und ist davor nicht gefeit. Hinter ihren Mauern, Strukturen und Ritualen bleibt vieles im Verborgenen. Hier werden wir an aktuelle Ereignisse und Enthüllungen erinnert bis hin zu den Praktiken in »staatlichen Erziehungsanstalten« der ehemaligen DDR.

Peter Probst hat ein Thema aufgegriffen, das in der Gesellschaft unterschwellig präsent ist und über das in der »heilen Welt« auch nur zu gern hinweggesehen wird. Es ist einfach zu unvorstellbar und zu grausam. Kindesmisshandlung und systematische Zerstörung von Persönlichkeiten sind ein Abgrund im 21. Jahrhundert. Gut, dass Menschen darüber sprechen, so wie Probst, ohne Sensationsgier und Pathos, über dunkle Seiten des Lebens, doch ohne Resignation.

Reinhard Berndt, Mai 2012

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Krimitante zu »Peter Probst: Im Namen des Kreuzes« 21.09.2012
ein "spannendes" thema, gut recherchiert,
sensibel und glaubhaft geschildert. sprachlich in ordnung. die richtige prise humor. aber dies ist auch ein krimi und die spannung fehlt. leider ist das der schwächste band, was das angeht, der reihe. fazit: ein gutes buch, aber leider kein guter krimi. trotzdem hat oxfam diesmal keine chance.
Jannis Plastargias zu »Peter Probst: Im Namen des Kreuzes« 22.03.2012
In der Spiegel Online ist am 18.3. ein Artikel über den katholischen Missbrauchsbeauftragten Stephan Ackermann. Obwohl er angeblich eine „Null-Toleranz-Linie“ in dieser Funktion verfolgt, schont er in seinem Bistum Trier sieben als pädophil aufgefallene Pfarrer. Einer von ihnen soll sexuelle Beziehungen zu einem Schüler gehabt haben, zwei weitere sind wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt, sagen die Quellen von Spiegel Online. Die katholische Kirche scheint, so wird dies in dem Artikel angedeutet, eher daran interessiert zu sein, möglichst gut dazustehen. Der Schutz der Opfer und vor allem von potenziellen Opfern steht wohl nicht an oberster Stelle. Dabei ist die Gefahr, die von diesen Männern ausgeht, immens hoch. Mittlerweile sind einige Fälle von jahzehntelangem sexuellen und psychischen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in großen katholischen Institutionen bekannt geworden. Das Canisius Kolleg in Berlin oder die Odenwaldschule hier in Hessen sind da zu nennen, sie sind aber wohl nur die Spitze des Eisbergs.
Dieses Themas hat sich nun Peter Probst in seinem Roman „Im Namen des Kreuzes“ angenommen, der dritte Roman in der Privatermittler Schwarz-Serie. Nach dem tragischen Selbstmord des jungen Priesteramtskandidaten Matthias wird der katholische Pfarrer Heimeran erhängt aufgefunden. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen liegt nahe - aber welcher? Wie eng war die Beziehung zwischen dem gerade bei Jugendlichen beliebten Geistlichen und dem vaterlos aufgewachsenen Jungen? War Heimerans Tod womöglich gar kein Selbstmord? Widerstrebend nimmt Anton Schwarz Ermittlungen auf und gerät in einen Sumpf aus Machtmissbrauch, sexueller Gewalt und Vertuschung, der ihn auch an seine persönlichen Grenzen bringt.
Der Privatermittler Anton „Toni“ Schwarz ist ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Immer ein bisschen am Granteln, ein Morgenmuffel, einer, der auch gerne einmal faul ist, sicherlich ein bisschen empfindlich und mit dem Verkehr und der ewigen Gentrifizierung in München hat er es auch nicht so. In den ersten zwei Teilen der Krimireihe wurde er damit konfrontiert, dass seine Mutter eine Jüdin ist, was er jahrzehntelang nicht wusste, aber vor allem wurde er auch von seiner geliebten Frau verlassen. Und in diesem dritten Teil muss er sich seiner Homophobie stellen, die einen tieferen Grund hat, wie wir später erfahren. Doch Eva Schwarz, die er bei seinem ersten Fall in „Blinde Flecken“ kennenlernte, die 25 Jahre jünger als er ist und außerdem im Rollstuhl sitzt, treibt ihn immer wieder an. So wird er mit einer Welt konfrontiert, die ihm nicht ganz geheuer ist. Und wie sich bald zeigt: völlig zu Recht nicht.
Es gibt viele homosexuelle Männer in der Kirche, das ist nicht nur ein Gerücht, sondern mittlerweile vielfach belegt und von offizieller Seite zugegeben. Wieso dies so ist, könnte man sich fragen: Weil die Kirche ein Männerbund ist vielleicht? Weil man in ihrem Schoß häufig Gelegenheiten bekommt, seine Sexualität geheim und unbeobachtet auszuleben? Weil das Zölibat einem die Möglichkeit gibt, einen bestimmten Schutzraum zu erhalten, weil keine Fragen über das Heiraten, eine Freundin oder überhaupt Sexualität aufkommen? Oder begünstigt dieses ständige Unter-Männer-sein die eigene Homosexualität? geht einem plötzlich ein Licht auf und es wird einem bewusst, dass man diese Gefühle hat, wenn man sich mit anderen austauscht? Der Pfarrer Heimeran war schwul, dieser Verdacht kommt Anton Schwarz ganz schnell, doch ist er auch pädophil? Hat er sich seines Zöglings Matthias auf diese Weise angenommen, ihn verführt? Und was hat der ebenfalls schwule Pastoralreferent Weber mit der ganzen Situation zu tun? Sehr bald verschieben sich die Rollen, vermeintliche Täter werden ganz schnell erkennbar zu Opfern in einer Geschichte, die sehr viel tragischere Hintergründe hat...
Der Autor Peter Probst geht mit seinen Figuren und den aufgeworfenen Themen sehr sensibel um. Nicht nur, dass er offensichtlich gut recherchiert und mit vielen Betroffenen geredet hat, er schafft es immer wieder die Kontrolle über den Stoff zu behalten. Kein leichtes Unterfangen, wenn man die Vermischung verschiedener Problematiken bedenkt. Da ist Homosexualität in der Kirche einerseits, Pädophilie und sexuelle Gewalterfahrung in einer Machthierarchie-Konstellation andererseits. Gerne wird dies ja in einen Topf geworfen. Da kann sich Peter Probst sehr gut abgrenzen. Seine Kriminalromane sind gesellschaftskritisch und brechen stets eine Lanze für mehr Zivilcourage. Seine Figuren sind charakterstark, mutig und man schließt sie sofort in sein Herz. Jahrelang hat er Drehbücher geschrieben, unter anderem zur Detektivserie „Der Fahnder“. Auch der Roman „Im Namen des Kreuzes“ bietet sich für eine spannende Verfilmung an. Seine Dialoge sind authentisch und spritzig, vor allem hat er ein sehr gutes Gespür für Stimmungen und Konflikte, die er sehr beredt in Szene setzt. Man fühlt mit den Personen mit, fiebert mit ihnen, wünscht ihnen, dass alles gut ausgeht. Mehr Emotion geht nicht in einem Roman.
Im Namen des Kreuzes von Peter Probst ist ein sehr spannender Roman über ein ebenso aktuelles wie hochsensibles Thema.
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