Joint Adventure von Peter J. Kraus

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 bei Conte.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Kalifornien, 1990 - 2009.

  • Saarbrücken: Conte, 2010. ISBN: 978-3941657168. 218 Seiten.

'Joint Adventure' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als ein Toter im Redwoodbaum über Jimmys Plantage hängt, gibt’s Ärger mit der Bundespolizei. Der ehemalige Radio-DJ und Rastamann muss aber den Verlust der Plantage kompensieren, wenn er als Cannabisanbauer nicht den Boden unter den Füßen verlieren will. Jimmy nimmt sich den Stoff kurzerhand woanders her. Es ist der Stich in ein Wespennest. Jimmys Welt in Nordkaliforniens Humboldt County gerät aus den Fugen. Die Solidarität in seinem kleinen Netzwerk aus »Ollie« Oliphant, dem Sheriff, Jesus, dem schwulen Barkeeper, Madame Yvonne, der Wahrsagerin und dem Immobilienhai Robbie aus Arcata zerbricht. Als ein Polizeihubschrauber mit FBI Leuten von einer Rakete abgeschossen wird, taucht Jimmy weiter im Süden unter. In Garberville lässt er sich mit Conchita ein, der Chefin vom Starlight Motel. Doch auch sie sieht nur ihren eigenen Vorteil. In einer unaufhaltsamen Spirale aus Misstrauen und Gewalt rast Jimmy immer schneller dem Endpunkt entgegen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Don’t bogart that Joint« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Hat Rasta Jimmy nur garstiges Gras geraucht, oder sollte es ihm das gesamte Karma verhagelt haben? Erst fällt ihm eine Leiche in einen Baumwipfel am Rand seiner Marihuana-Plantage, was das FBI auf den Plan ruft, dann wird er zur Zielscheibe der mexikanischen Konkurrenz und schließlich geht auch noch der korrupte Sheriff (und Quasi-Geschäftspartner) Ollie Oliphant auf Distanz.

Da kommt die schöne Motelbesitzerin Conchie gerade recht, den ehemaligen Radio-Moderator und jetzigen Marihuana-Züchter auf der Flucht, unter ihre Fittiche zu nehmen. Dass sie es faustdick hinter den hübschen Ohren hat, dämmert Jimmy erst, als die ersten von ihm selbst produzierten Leichen den Wegesrand pflastern. Seine Flucht vor der Polizei, konkurrierenden Drogisten und dem eigenen Gewissen entwickelt sich mehr und mehr von einem schlechten Trip zu einem Riesenfiasko…

Peter J. Kraus lebt in Kalifornien, schreibt (auf Deutsch) über Musik und Welten, in denen Sex, Crime, Drugs & Rock’n Roll jene Bedeutung bekommen, die ihnen zustehen: Hauptrolle oder zumindest »best supporting actor/actress.«

Das hat viel nostalgischen Charme; die kompakt hingehauenen Sätze, all das Zögern und Zaudern, das Rasta-Jimmy befällt, bevor er endlich zu Pötte kommt. Ein Mann mit Gewissen und einem kleinen, religiösen Komplex, seiner urchristlichen Erziehung geschuldet, dazu Bob Marleys »Kaya« – man wartet geradezu, dass Sonny Crocket im weißen Leinen-Anzug, apricotfarbenes T-Shirt drunter und Slipper an den sockenlosen Füßen, mit der Machete voran aus dem Marihuana-Gestrüpp stürmt. Doch nichts da: der Marihuana-Anbau hat sich vom romantischen Flirt mit dem Verbotenen zur veritablen, trotzdem illegalen, Geschäftsidee gemausert und zieht neben Augen zudrückenden Gesetzeshütern auch grenzüberschreitende Konzerne des Verbrechens an. Die Globalisierung macht auch vor der Kriminalität nicht halt…

Skrupulöse Vertreter einer libertinären Gesellschaft mit freier Drogenwahl stehen auf dem Abstellgleis. Oder liegen gar auf der Schlachtbank. Es ist der ewige Kampf des Kleinunternehmers gegen multinationale Konsortien, der Im Falle dieses in der Illegalität spielenden Geschäftsbereichs mit Toten und Beschaffungskriminalität en masse einhergeht.

Dass der Tonfall von Joint Adventure mit der gloriosen Vergangenheit des Noir, bzw. Hardboiled-Romans liebäugelt, soll nicht verdecken, dass Kraus’ Thema hochaktuell ist. Nicht umsonst wird gerade jetzt dem in Kalifornien heiß diskutierten »Vorschlag 19«, der den Verkauf von Marihuana zu »Erholungszwecken« legalisieren will, eine reelle Chance auf Verwirklichung eingeräumt.

Selbst der nicht gerade als Freigeist bekannte Gouverneur Kaliforniens, Arnold Schwarzenegger, ist ein vorsichtiger Verfechter der Legalisierungs-Kampagne. Und somit dürfte eigentlich jedem klar sein, dass der Kampf gegen die (noch) kriminellen Machenschaften horrende Summen an Staatskapital verschlingt. Wenn man sparen und Menschenleben retten kann, dürfte einem positiven Abschluss eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Eigentlich.

Doch leider hat das Verbrechen seine Lobby. Und Peter J. Kraus lässt keinen Zweifel daran, dass gewisse Interesen mit aller Konsequenz verfolgt werden. Das führt zu einer bitterbösen Schlusspointe, die dem klassischen Symbol der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt eine eigenständige Interpretation hinzufügt.

Bis dahin ist Joint Adventure die gelungene Transkription der Abenteuer eines Simplicissimus ins Reich der schwarzen Serie, in der es von verschlagenen Cops, durchtriebenen Weibern und unheilschwangeren Schattenkreuzen im Rücken des Anti-Helden nur so wimmelt. Kraus Personal ist ein buntes Sammelsurium der Populär- und Untergrundkultur der letzten 70 Jahre. Während Rasta Jimmy eine Mischung aus spätem Robert Crumb- und frühem Michael Mann-Entwurf sein könnte, fühlt Conchie sich bei James M. Cain wohl sowie der unattraktive Sheriff Oliphant bei Jim Thompson. Derartige Verweise sind vielfältig erweiterbar. Man sollte den Roman aber nicht darauf reduzieren. Denn Joint Adventure bleibt bis zum hinterlistigen – nicht gänzlich unerwarteten – Schlusssatz ein unterhaltsames, beständig gewalttätiger werdendes Vergnügen, das real existierenden Zuständen einen leicht verzerrten, aber trotzdem bodennahen Spiegel vorhält.

Einen Fehler begeht Kraus möglicherweise. Den man, ohne massivst zu spoilern, allerdings nicht verraten kann. Nur so viel: es werden Gatter geschlossen, wo eigentlich Scheunentore offen stehen sollten. Vielleicht sollte man solch eine, in der Story angelegte, Konsequenz auch anerkennend begrüßen. Traurig stimmt’s trotzdem.

Jochen König, Dezember 2010

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Stefan83 zu »Peter J. Kraus: Joint Adventure« 09.02.2011
Ich bin ganz ehrlich. Auf die Frage, um wen es sich bei Peter J. Kraus handelt, hätte ich wohl vor gut einem Jahr noch mit einem unbedarften Schulterzucken geantwortet. Das hat sich dann aber spätestens nach Kollege Königs lobender Rezension zu „Joint Adventure“ erledigt, mit der mich dieser nicht nur auf den in Amerika lebenden Krimiautor, sondern gleichzeitig auch insgesamt auf den Conte-Verlag aufmerksam gemacht hat. (Tut mir leid, lieber d.p.r., für diese Wissenslücke) Und wie schon beim „Geheimtipp“ John Farrow, so liege ich auch diesmal mit Jochen Königs Geschmack vollkommen auf einer Wellenlänge, denn „Joint Adventure“ ist ein Vertreter des rabenschwarzen und rasanten Hardboiled, der einfach nur Laune macht und den Vergleich mit etablierten Größen wie James Lee Burke oder James Crumley nicht scheuen muss. Ganz im Gegenteil. Eine solche Gegenüberstellung, besonders mit ersterem, bietet sich sogar oft im Buch an und man mag es zwischenzeitlich eigentlich kaum glauben, dass hier ein deutscher Schriftsteller am Werk gewesen ist. Auch weil die Handlung kaum amerikanischer sein könnte:

Das Leben ist chillig für Rasta Jimmy, den ehemaligen Radio-DJ, der in den dichten Wäldern im Norden Kaliforniens im großen Stil Marihuana anbaut und sein Produkt auch gern selbst konsumiert. Mit der Ruhe ist es allerdings an dem Tag vorbei, als eine Leiche in den Wipfeln eines Redwoodbaums in der Nähe seiner Plantage gefunden wird. Das FBI rückt an und Jimmy kann nur in allerletzter Sekunde entkommen. Doch was tun? Der eingeplante Gewinn durch den Verkauf des Stoffs ist Futsch und da Erntezeit ist, sind die umliegenden Plantagen bestens bewacht. Besonders mit der mexikanischen Konkurrenz will er sich eigentlich nicht anlegen. Soll er im wahrsten Sinne des Wortes Gras über die Sache wachsen lassen? Nein, um den Verlust seiner Ware zu kompensieren muss er auf Risiko spielen. Auch weil sein guter Freund und heimlicher Geschäftspartner, der korrupte und von allen Seiten geschmierte Sheriff „Ollie“ Oliphant, auf Distanz zu ihm geht, um nicht selbst ins Visier der Bundespolizei zu geraten.

Jimmy setzt alles auf eine Karte. Mit vorgehaltener Waffe klaut er sich Stoff bei zwei unaufmerksamen Erntehelfern. Blöd nur, dass die ihr Marihuana nicht einfach so hergeben wollen. Wenn man die Finger schon am Abzug hat, kann man auch abdrücken, denkt sich Jimmy und schickt einen der beiden mit einem Bauchschutz ins Jenseits. Während sich der ehemalige Rastafari (die zwanzig Jahren lang gepflegten, arschlangen Dreadlocks hat er sich zur Tarnung abgeschnitten) ins Walddickicht übergibt, nimmt der andere Erntehelfer Reißaus. Da zudem ein Hubschrauber mitsamt FBI-Agent über dem nahe liegenden Indianer-Reservat abgeschossen worden ist, und man auch dafür Rasta Jimmy verantwortlich macht, hat dieser jetzt richtig Ärger am Hals. Es beginnt eine atemlose Flucht von einem Versteck ins nächste, die erst in den Armen der scharfen Motelbesitzerin Conchita ein zwischenzeitliches Ende findet. Aber ist ihre Sorge für ihn wirklich echt? Als Jimmy die Wahrheit aufgeht, ist es fast zu spät … und statt zum Joint muss er nun zur Waffe greifen.

Die Leserunden mit Autoren hier im Forum der Krimi-Couch sind dank Bio-Fans Engagement ja mittlerweile schon so etwas wie eine feste Institution. Dennoch haben mich fehlende Zeit und die Tatsache, dass ein Buch immer peu a peu in Abschnitten gelesen und besprochen wird, bisher davon abgehalten selber daran teilzunehmen. Peter J. Kraus' „Joint Adventure“ war nun meine Feuertaufe. Und soviel kann vorab gesagt werden: Ein besseres Buch hätte ich für den Einstieg sicher nicht finden können, denn der zweite Kriminalroman des Wahlamerikaners bietet auf 209 Seiten ein kurzes, aber auch kurzweiliges und stilistisch geschliffenes Lesevergnügen. „Joint Adventure“ ist eines dieser Bücher, das keinerlei Anlauf braucht, um in Gang zu kommen, sondern den Leser gleich von der ersten Zeile an packt, in den Schalensitz wirft und die Tachonadel in den roten Bereich jagt. Wer also entspanntes Reggae-Flair oder Kiffer-Lässigkeit erwartet, wird von dieser knallharten Geschichte sicherlich überrascht werden. Überhaupt beweist Kraus ein sicheres Händchen, wenn es darum geht uns Leser auf die falsche Fährte zu locken und falsche Vorstellungen zu wecken.

Bestes Beispiel ist da allen voran die Hauptfigur Rasta Jimmy, die bei Freunden der Coen-Brüder unweigerlich Bilder vom „Dude“ zum Leben erweckt, der aber, und diese Pille muss man im weiteren Verlauf der Handlung bitter schlucken, mit diesem weniger gemein hat, als es anfangs den Anschein hat. Wie Bio-Fan in der Leserunde sehr treffend bemerkt, ist mit dem Verlust der Dreadlocks auch Jimmys friedliche Lebenseinstellung passé, welche sowieso, das wird mehr und mehr klar, bereits lange Zeit eine bröckelnde Fassade gewesen ist. Auch wenn die ersten, auf sein Konto gehenden Leichen noch starkes Unwohlsein hervorrufen, so tötet der Marihuana-Genießer doch bald immer kaltblütiger. Und dabei bedient er sich eines Waffenarsenals, das, in verschiedensten Verstecken platziert, ausreichen würde, um einen kleinen Krieg zu führen. Der tobt, wenn auch in der Finsternis der Wälder und gedeckt von der Polizei, schon seit längerem. Und mit seiner Eskalation verliert auch Rasta Jimmy jegliche Skrupel.

„Joint Adventure“ ist ein schwarzer Trip, der in Stil, Ton und vor allem in Punkto Besetzung an die frühen Größen des Genres gemahnt, ohne diese schlicht zu kopieren. Vielmehr hat Kraus gezielt typische Elemente (der korrupte Bulle, die Femme-Fatale, der kleine Gauner auf der Flucht) aufgegriffen und geschickt in die Neuzeit katapultiert, wobei ein gewisser nostalgischer Charme auch dieser modernen Geschichte erstaunlicherweise zu Eigen ist. Als Identifikationsfigur taugt in dieser Gesellschaft von Kriminellen niemand. Selbst der eifrige FBI-Agent gewinnt keine Sympathiepunkte. Sein rückwärtsgewandtes Denken sowie die an Liebe grenzende Treue zum verstorbenen J. Edgar Hoover hat Kraus mit schelmischen und äußerst ironischem Witz skizziert, womit er einmal mehr deutlich macht, dass unter den „Guten“ meist noch die größten Arschlöcher zu finden sind.

Was die Sprache angeht, gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Ganz im Gegenteil: Kraus' knockentrockene Schreibe passt wunderbar zur Handlung und glänzt durch die völlige Abwesenheit unnötiger Ausschweifungen. Stattdessen treiben kurze Kapitel und knappe Dialoge das Tempo voran, wobei die Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Parteien zunehmend brutaler werden und die beruhigende Hanfbrise nach und nach dem penetranten Kordit-Geruch weicht. Allein das viele Herumkurven Rasta Jimmys macht auf Dauer etwas mürbe, zumal man den vielen Kehren, Kreuzungen und Feldwegen als Nicht-Ortskundiger nur noch dank Google Maps zu folgen weiß. Die herrlich bildreiche und stimmungsvolle Sprache von Kraus, welche mich geistig direkt vor Ort katapultiert hat, kann jedoch auch das noch teilweise ausgleichen. Zudem wird der Leser mit einem klasse in Szene gesetzten Ende belohnt, das voll auf die Magengrube zielt und gleichzeitig auch zum Nachdenken darüber anregt, ob eine Legalisierung mancher Droge nicht doch sinnvoller wäre bzw. mehr Gutes bewirken würde, als deren aufwendige und verlustreiche Bekämpfung.

Insgesamt ist „Joint Adventure“ ein kurzweiliger Trip in die Wälder Kaliforniens, der einen bitteren Geschmack hinterlässt und dem Anbau von Marihuana jegliche bisher empfundene Hippie-Romantik nimmt. Peter J. Kraus ist ein toller Wurf gelungen, dem man möglichst viele Leser und gerne auch ein paar Nachfolger aus selbiger Feder wünscht.
3 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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