Nachtschatten von Pentti Kirstilä

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1977 unter dem Titel Jäähyväiset rakkaimmalle, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Grafit.
Ort & Zeit der Handlung: Finnland / Tampere, 1970 - 1989.
Folge 1 der Lauri-Hanhivaara-Serie.

  • Porvoo: WSOY, 1977 unter dem Titel Jäähyväiset rakkaimmalle. 256 Seiten.
  • Dortmund: Grafit, 2005. Übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara. ISBN: 3-89425-548-X. 256 Seiten.

'Nachtschatten' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein bizarres Schauspiel im nächtlichen Tampere: Ein Mann und eine Frau reden miteinander, plötzlich tritt der Mann hinter die Frau, schlitzt ihr mit einem Messer die Kehle auf und verschwindet im Dunkel. Ein Schock für den Zeugen, der die Tat beobachtet hat, denn er erkennt in Täter und Opfer zwei Bekannte: Antti Koski und seine Exfrau Annikki. Anstatt die Polizei zu informieren, beschließt der heimliche Beobachter, sein Wissen für eigene Zwecke zu nutzen. Am nächsten Tag sucht er den vermeintlichen Mörder in dessen Wohnung auf und muss sich fragen: War es wirklich Antti, den er gesehen hat? Indes beginnen Kommissar Lauri Hanhivaara und seine Kollegen, im Umfeld der Toten zu ermitteln. Hanhivaara verdächtigt den Exmann, der jedoch ein Alibi präsentiert. Auch Pentti Seppänen, Annikkis Liebhaber, gerät ins Visier des Kommissars. Oder haben Antti und die Journalistin Taina Sipilä, deren Affäre damals der Grund für die Scheidung gewesen war, den Mord gemeinsam begangen? Doch alles wird in Frage gestellt, als Antti Koski erschossen in seiner Wohnung aufgefunden wird.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Fall für die Dunkelziffer« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Es ist zwar schon rund 30 Jahre her, dass Pentti Kirstilä den ersten Roman aus der langen Reihe der Kommissar-Hanhivaara-Fälle geschrieben hat, aber hier bewahrheitet sich einmal mehr die Erkenntnis, dass die wirklich guten Krimis auch über Jahre und Jahrzehnte nichts an Unterhaltungswert einbüßen. »Nachtschatten« ist ein dank einer sehr geistreichen Konzeption und eines überraschenden Endes sehr nachhaltig wirkender und beeindruckender Kriminalroman.

Der Roman ist in drei Teile gegliedert:
Im ersten Teil beschreibt ein Zeuge, wie er einen Mord beobachtet. Er glaubt den Mörder zu erkennen und aus der puren Lust, Macht ausüben zu wollen, will er den vermeintlichen Täter erpressen.

Teil Zwei beschreibt die Arbeit der Polizei von Tampere, insbesondere Kommissar Hanhivaara. Der Kommissar ist insbesondere damit beschäftigt, die der toten Frau nahe stehenden Personen zu interviewen und daraus seine Schlussfolgerungen zu ziehen. Sein Verdacht trifft zunächst Antti Koski, den Ex-Mann der Ermordeten, doch der hat ein Alibi. Indizien verdichten sich, dass mindestens eine andere Person, die beiden hätte töten können. Die Verhaftung eines Verdächtigen erfolgt schließlich anhand von Indizien und der Leser ahnt aufgrund von Teil Eins, dass entweder die falsche Person verhaftet wurde oder im ersten Teil gelogen worden ist.
Abschließend wird im dritten Teil in Briefform die Lösung des Rätsels verraten – und die jagt dem Leser einen kalten Schauer den Rücken runter.

Konzeption besonders hervorzuheben

Kirstilä ist zu jeder Zeit Herr der Lage, dabei gelingt ihm ein vielschichtiger Krimi, der insbesondere dank des Perspektivbruchs nach dem ersten Teil eine durchweg hohe Qualität aufweist. Durch diesen Kunstgriff gelingt es dem Autor, nicht nur durch die Suche seines Ermittlers nach dem Mörder, sondern auch die heimliche Suche der Leserschaft nach der Figur des Erpressers zu steuern. Hier hat der Leser dem Ermittler Hanhivaara gegenüber einen deutlichen Vorteil, denn er weiß, dass es überhaupt einen Erpresser gibt und er wird mit der Schlussfolgerung von Hanhivaaras Vorgesetzten ebenso unglücklich sein wie der grüblerische Kommissar.

Auch die Figur Hanhivaara hat Klasse. Der Autor präsentiert seine Hauptfigur als besonders zurückhaltenden Einzelgänger, der jedoch das kriminalistische Gespür von ganz großen Ermittlern besitzt. Die Figur profitiert davon, dass ihr Schöpfer ihr einen sehr vertrauenserfüllten Chef vor die Nase gesetzt hat, der vollstes Verständnis für die Alleingänge seines Mitarbeiters hat und der ihm auch die Befragungen der wesentlichen Verdächtigen ganz allein überlässt. Hanhivaara zeichnet sich hier durch geschickte Fragestellung und schnörkellose Gesprächsführung aus. Desöfteren überlegt der Kommissar, mit welcher Geste er sein gegenüber so beeinflussen kann, dass derjenige ihm offen und ehrlich die gestellten Fragen beantwortet. Hier zeigt sich die Erfahrung eines Ermittlers, der bei seiner Arbeit keine Überraschungen mehr erwartet. Und auch wenn der erste Fall von Hanhivaara nicht so endet wie ein typischer Kriminalroman, so hat Kirstilä ihm die Wesenszüge eines Serienhelden mitgegeben. Es ist ihm gelungen, eine Figur zu schöpfen, mit der sich die Leser anfreunden können.

Fast 30 Jahre hat es gedauert, bis der erste Hanhivaara-Krimi von Pentti Kirstilä auf Deutsch erschien. Zu seiner Zeit musste er in Skandinavien konkurrieren mit den Krimis von Sjöwall/Wahlöö. Vielleicht lag es daran, dass »Nachtschatten« damals nicht in Deutschland angekommen ist. Im Gegensatz zu den Krimis der Schweden fehlt es ihm nämlich an der beißenden Sozialkritik. An seiner Qualität insgesamt kann es aber nicht gelegen haben, denn da ist »Nachtschatten« nicht nur den Krimis der Schweden, sondern auch vielen anderen eine Nasenspitze voraus.

Thomas Kürten, August 2007

Ihre Meinung zu »Pentti Kirstilä: Nachtschatten«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Rolf.P zu »Pentti Kirstilä: Nachtschatten« 31.03.2009
“Nachtschatten“ lässt sich flüssig lesen, ist aber dennoch nur ein durchschnittlicher Polizei-Krimi.
Alle Charakteren, auch die der Hauptfigur Lauri Hanhivaara, sind mit Distanz, emotionaler Kühle und wenig Sympathie skizziert. So findet der Leser kaum Zugang zu den Akteuren.
Insgesamt habe ich den Erzählstil als ziemlich zäh empfunden. Das Ende war tatsächlich überraschend, die ganze Geschichte jedoch stark überkonstruiert.
Dem Buch fehlt das gewisse Etwas, welches einem eine Geschichte noch längere Zeit im Kopf herumschwirren lässt.

Ein Krimi, den man zwar nicht unbedingt gelesen haben muss.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
heinz zu »Pentti Kirstilä: Nachtschatten« 18.03.2009
Gut das dieses Buch erst jetzt auf Deutsch erschien, denn vor 30 Jahren
hätte ich es wahrscheinlich gar nicht
gelesen und werde sicher jedes weitere
dieses Autors lesen. Es ist gänzlich anders aufgebaut als alles was ich bisher
las. Allein die amüsanten und bissigen Dialoge sind jede Minute mit diesem
Buch wert.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Ihr Kommentar zu Nachtschatten

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: