Girl on the Train von Paula Hawkins

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The Girl on the Train, deutsche Ausgabe erstmals 2015 bei Blanvalet.

  • London: Doubleday, 2015 unter dem Titel The Girl on the Train. 448 Seiten.
  • München: Blanvalet, 2015. Übersetzt von Christoph Göhler. ISBN: 978-3-7645-0522-6. 448 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2015. Gesprochen von Christiane Marx Britta Steffenhage, Rike Schmid. Gekürzte Lesung. ISBN: 3837131424. 448 CDs.

'Girl on the Train' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Jeden Morgen pendelt Rachel mit dem Zug in die Stadt, und jeden Morgen hält der Zug an der gleichen Stelle auf der Strecke an. Rachel blickt in die Gärten der umliegenden Häuser, beobachtet ihre Bewohner. Oft sieht sie ein junges Paar: Jess und Jason nennt Rachel die beiden. Sie führen – wie es scheint – ein perfektes Leben. Ein Leben, wie Rachel es sich wünscht.

Eines Tages beobachtet sie etwas Schockierendes. Kurz darauf liest sie in der Zeitung vom Verschwinden einer Frau – daneben ein Foto von »Jess«. Rachel meldet ihre Beobachtung der Polizei und verstrickt sich damit unentrinnbar in die folgenden Ereignisse …

Das meint Krimi-Couch.de: »Düster aber spannend, spannend aber düster« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg

Vermutlich macht es jeder von uns: Gehen wir an hell beleuchteten Fenstern vorbei, gönnen wir uns einen kürzeren – oder längeren – Blick in das dahinter liegende Zimmer. Bei Zugfahrten werfen wir auch gerne ein Auge darauf, was sich in den am Bahndamm liegenden Häusern tut und meistens sehen wir nur Leute beim Frühstücken oder Fensterputzen oder eine Ansammlung von Personen während einer Party.

Im Falle von Rachel ist die Sache etwas komplexer: Rachel fährt jeden Tag mit dem Zug zur Arbeit. Das sagt sie. Rachel hat ihren Alkoholkomsum im Griff. Das sagt sie auch. Rachel kommt mit ihrem Leben zurecht. Das zumindest sagt sie nicht, denn das wäre so offensichtlich gelogen, dass tatsächlich jeder es durchschauen würde. Tatsächlich fährt Rachel nach London, um eine Freundin, bei der sie nach ihrer Scheidung eingezogen ist, glauben zu machen, dass sie immer noch einen Job hat. Ihr Alkoholkonsum ist schon längst aus den Fugen gerate und ihr Leben liegt in Trümmern. Das sind die hässlichen Tatsachen.

Wen wundert’s, wenn Rachel gerne Bilder aus der »heilen« Welt empfängt, wenn sie durch das Zugfenster glückliche Paare beobachtet, ihnen Namen gibt und sich sogar kleine Geschichten zu ihnen ausdenkt. Die Idylle wird jedoch getrübt, als sie eines Tages sieht, wie eine ihrer Phantasie-Heldinnen jemanden küsst, der offensichtlich nicht den »regulären« zweiten Teil des Paares darstellt. Noch beunruhigender entwickelt sich die Geschichte, als die »Fremdküsserin« am Tag danach verschwunden ist.

Klug wäre jetzt die Frau, die einen kurzen Besuch beim Polizeirevier macht und ihre Beobachtungen kurz und schmerzlos zu Protokoll gibt und es damit auf sich beruhen lässt. Aber tief in Rachels Gedächtnis schlummern noch vage Erinnerungen an eigenartige Erlebnisse aus einer Vollrauschnacht und so steigt sie tiefer in die Geschehnisse ein, als möglicherweise gut für sie ist.

Paula Hawkins macht es ihren Lesern weiß Gott nicht leicht, ihre Heldin Rachel auch nur ansatzweise zu mögen. Diese Frau hat ihr Leben im Großen und Ganzen vor die Wand gefahren: Der Ehemann Tom – weg, der Job – weg, die Wohnung – weg, bis auf eine kleines Zimmer bei Freundin Cathy, der Freundeskreis – weg. Gesteuert wird Rachel in erster Linie von einem eigenartigen Gewirr von Emotionen und alkoholbedingten Spontanentscheidungen, die den Leser regelmäßig wünschen lassen, er könnte sie einmal packen und richtig durchschütteln. Dennoch ist die Protagonistin nicht das einzige eigenartige Frauenbild, das hier vorgestellt wird. Da wäre noch Anna, die kühl berechnende neue Frau an Toms Seite, deren Gewissen offensichtlich gut mit Teflon ausgekleidet wurde, gleitet doch alles von ihr ab. Da wäre noch Megan, die beobachtete »Fremdküsserin«, in deren Leben sich schon so viele Dramen ereignet haben, dass ihre Seele nur noch in Fetzen daliegen kann und nicht zuletzt in einer Nebenrolle Cathy, die duldende Freundin und Vermieterin, die regelmäßig auf eine vollgekotzte Wohnung und hastig abgestreifte, bepisste Unterwäsche im Flur trifft, aber es nicht fertig bekommt, Rachel auf die Straße zu setzen. Insgesamt: Eine düstere Versammlung von gestörten Personen.

Dennoch ist es Paula Hawkins gelungen, diese seelischen Schäden in einen glaubhaften Plot einzufügen. Rachels Handlungen wirken wirr und unlogisch, dennoch ist es durch ihren vorher geschilderten Alkoholkonsum und auch durch die Verletzungen, die sie generell erfahren musste, nachvollziehbar, warum sie so agiert. Der Leser möchte sich manchmal die Haare raufen, dennoch erscheinen die Verwicklungen des Romans nicht an solchen herbeigezogen. Gut konstruiert ist auch die Erzählstruktur dieses Whodunnit: Die drei weiblichen Hauptpersonen Rachel, Anna und Megan wechseln sich als Ich-Erzählerinnen aus unterschiedlichen Perspektiven ab. Die eine berichtet aus der Vergangenheit, die anderen beiden decken dagegen aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Gegenwart ab. Dennoch empfiehlt es sich hier, die über den Kapiteln angegebenen Datumsangaben im Auge zu behalten, um sich hier nicht im Gewirr der Erzählstränge zu verirren.

Auch die Auflösung des Romans ist – wenn auch zumindest für die Verfasserin dieser Zeilen vorhersehbar – gut gelöst und bis auf den letzten Meter spannend. Interessant ist hier auch, dass sich nicht nur eine Person als des Mordens willig und fähig entpuppt, sondern auch noch andere ihre egoistischen Untiefen offenbaren. Als kleines Manko und als Meckern auf hohem Niveau kann allenfalls angeführt werden, dass Rachels Ermittlungen – wenn man das meistens angeschickerte Herumgetappse der Heldin als solche bezeichnen will – wesentlich eher weiter geführt hätten. Hier wurden zugunsten des Spannungsbogens vielleicht ein paar Schleifen zuviel konstruiert. Dennoch können auch diese Bögen noch glaubhaft vermittelt werden, gibt doch sicherlich niemand gerne zu, dass er sich wegen eines alkoholbedingten Blackouts nicht mehr an wichtige Geschehen erinnern kann.

Bei aller Spannung ist Girl on the train aber keine leichte Lektüre, da einfach zu düster und zu trist angelegt. Denen, die im unmittelbaren Familien- oder Freundeskreis erfahren mussten, wie die Alkoholsucht Leben und Beziehungen zerstören kann, sei sogar von der Lektüre abgeraten. Zu gut hat die Autorin das »nasse« Gerede von Alkoholabhängigen getroffen, das von »ich schaffe das nur, wenn ich ein kleines Glas trinke« bis zu »ab sofort trinke ich nichts mehr« in verschiedenen Varianten wiedergegeben wird. Dennoch lässt sich bei aller Düsternis nicht von der Hand weisen, dass Paula Hawkins eine spannende Lektüre gelungen ist, die einen bis zuletzt fesselt.

Sabine Bongenberg, August 2015

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Leselöwin zu »Paula Hawkins: Girl on the Train« 01.11.2015
Dieser spannende Thriller wird oft mit Hitchcocks " Fenster zum Hof" verglichen. Ich dachte eher an den beklemmenden Film "One hour foto" mit dem großartigen Robin Williams, der sich über die Fotos, die er entwickelt, eine perfekte Familie zusammenträumt. Eines Tages findet er Fotos, die beweisen, dass einer seiner Traum-Eheleute Ehebruch begeht. Ähnlich geht es Rachel hier im Roman, und auch sie verliert nun total den ohnehin schon schwankenden Boden unter den Füßen. Es ist beinahe unerträglich, über Rachels Alkoholexzesse und die darauf folgenden schrecklichen Demütigungen zu lesen, derartig realistische Schilderungen habe ich nur bei Fallada und Upton Sinclair gefunden.
Und nein, liebe Rezensentin, es ist durchaus nicht schwer, Rachel zu mögen, im Gegenteil. Man leidet richtig mit, zumal jeder weiß, dass Alkoholismus eine Krankheit ist, die nicht mit Sprüchen wie :"Reiß Dich doch zusammen." etc. geheilt werden kann.
Mit dem Roman "Gone girl" hat dieses Buch überhaupt nichts gemeinsam- mit Ausnahme der Bezeichnung "girl", die für eine Mittdreißigerin in beiden Fällen reichlich unpassend ist.
Peter Faesi zu »Paula Hawkins: Girl on the Train« 19.10.2015
Rachel fährt jeden Tag von Ashbury nach Euston, und wenn der Zug vor einem defekten Signal hält, dann beobachtet sie andere Personen. Später steigt sie dann auch aus und tigert durch die Blenheim Road, und der Leser erfährt mehr und mehr über Scott, Cathy, Anna, Megan, Tom und Kamal und ihre maroden Charaktere, ihre labilen Beziehungen und ihre schlüpfrigen Aktivitäten. Alles schön und gut, aber warum so lang? Warum muss der Leser an die hundert Mal die Blenheim Road auf und ab gehen? Warum bekommt er jedes Detail aus zwei- oder dreifacher Sicht erzählt? Der Roman wirkt auf den Leser wie eine endlose Bahnfahrt, bei der er einfach nicht mehr weiss, wie er im Coupé sitzen soll (resp. das Buch halten soll). Und die Auflösung am Schluss ist auch nicht so brillant, dass sie die 446 (!) Seiten rechtfertigen würde. Wie im richtigen Leben: Endlich aus dem Zug aussteigen und das Buch entsorgen.
annetine62 zu »Paula Hawkins: Girl on the Train« 28.09.2015
Ich gebe dem vorigen Kritiker recht, dass das Buch seine Längen hat. Aber ich finde es sprachlich ausgesprochen gelungen, ich habe mich in die Handlung hineinziehen lassen und vor allem Rachels Erzählung gleichzeitig faszinierend und abstoßend gefunden. Dass nicht alles so ist, wie es scheint - oder wie man es gern sehen möchte, dass die Vorstadtidylle auf den zweiten Blick überhaupt keine ist - mir hat dieses Buch sehr gut gefallen! Mich erinnert es an Ruth Rendell.
Michael Engelbrecht zu »Paula Hawkins: Girl on the Train« 11.09.2015
den Müll geschmissen habe, liegt daran, dass ich es als Hörbuch in meinem Postkasten vorfand, als Besprechungsexemplar. Und so liess ich mich auf langen Autofahrten von drei Frauenstimmen begleiten, die mir alsbald ähnlich auf die Nerven gingen wie die Story selbst. Hanebüchen von vorne bis hinten. Ich dachte, da kommt noch was, aber da kam nur stets das gleiche, und gewiss kein einziges Überraschungselement. Entwickelt wird alles aus drei weiblichen Erzählperspektiven. Es geht um drei marode Beziehungen, um eine verschwundene Frau, und um eine Alkoholikerin, die ganz langsam aus ihrem Dämmer erwacht, und einem mutmasslichen Verbrechen auf die Spur kommen möchte. Jeder Leser mit einem IQ ab 99 wird nach etwa der Hälfte der Buches den Mörder erkennen, nebenbei ist das Buch unendlich zähflüssig geschrieben, dreht sich endlos um eine Handvoll Erinnerungslücken und zunehmend sich ankeifende Lebenspartner. Wieso ist so ein billig konstruiertes Buch ein Mega-Bestseller? Selbst die Filmrechte sind schon verkauft. Bad taste sells. Hier werden Rachefantasien ausgelebt, unterdrückte Frauen laufen in dem Roman zu grosser Form auf, und peinigen den Mörder am Schluss noch ganz perfide. Eine Frau ist meistens besoffen, eine traumatisiert, und eine vorrangig naiv. Ein geistesschwaches Machwerk, gegen das die Durbridgekrimis der 60er Jahre wahre Psychoschocker waren
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