Das fünfte Paar (Herzbube) von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1992
unter dem Titel All That Remains,
deutsche Ausgabe erstmals 1994
bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1990 - 2009.
Folge 3 der Kay-Scarpetta-Serie.
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München: Droemer Knaur, 1992 unter dem Titel All That Remains.
ISBN:
3-426-19316-7. 398 Seiten. - New York: Scribner, 1992. 373 Seiten.
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München: Knaur, 1994 Herzbube.
ISBN:
3-426-67060-7. 398 Seiten. -
München: Droemer Knaur, 1997 Herzbube.
ISBN:
3-426-60730-1. 398 Seiten. - Augsburg: Bechtermünz, 2000 Herzbube. 398 Seiten.
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München: Hoffmann & Campe, 2003 Das fünfte Paar.
ISBN:
3-455-01022-9. 335 Seiten. -
München: Goldmann, 2004 Das fünfte Paar.
ISBN:
3-442-45807-2. 380 Seiten. -
Augsburg: Weltbild, 2005 Das fünfte Paar.
ISBN:
3828978185. 365 Seiten. -
München: Goldmann, 2007 Das fünfte Paar.
ISBN:
978-3-442-46471-5. 380 Seiten. -
Hamburg: Hoffmann & Campe, 2010 Das fünfte Paar.
ISBN:
978-3-455-40163-9. 352 Seiten. -
München: Goldmann, 2011 Das fünfte Paar.
ISBN:
978-3-442-47386-1. 384 Seiten.
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[Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2003 Das fünfte Paar.
Gesprochen von Franziska Pigulla.
gekürzt.
ISBN:
3-455-30336-6. 5 CDs. -
[Hörbuch] Augsburg: Weltbild, 2005 Das fünfte Paar.
Gesprochen von Franziska Pigulla.
gekürzt.
ISBN:
3828987036. 5 CDs. -
[Hörbuch] Hamburg: Hoffmann & Campe, 2010 Das fünfte Paar.
Gesprochen von Franziska Pigulla.
gekürzt.
ISBN:
3-455-30680-2. 5 CDs.
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ISBN 3-442-45807-2, 384 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Amerikanischen von Georgia Sommerfeld
Am letzten Augusttag, einem Samstag, begann ich schon vor Morgengrauen zu arbeiten. Ich bekam nicht mit, wie die Sonne den Tau vom Gras leckte und der Himmel strahlend blau wurde. Den ganzen Vormittag kam Leiche nach Leiche auf die Stahltische, und der Raum besaß keine Fenster: Das Labour-Day-Wochenende hatte in Richmond mit einer Anhäufung von Verkehrsunfällen und Schießereien begonnen.
Es war zwei Uhr nachmittags, als ich endlich in mein Haus im West End zurückkam. Schon an der Tür hörte ich Bertha, die jeden Samstag bei mir sauber machte, in der Küche herumwirtschaften – und das Telefon begann zu klingeln. Bei ihrer Einstellung hatte ich sie angewiesen, Anrufe zu ignorieren.
»Hallo«, begrüßte ich sie. »Ich bin nicht da.«
Bertha hörte auf mit Bodenwischen. »Es hat vor ’ner Minute schon mal geklingelt«, berichtete sie. »Und ein paar Minuten davor auch schon. Jedes Mal derselbe Mann.«
»Ich bin nicht zu Hause«, wiederholte ich.
»Wie Sie meinen, Dr. Kay.« Der Schrubber kam wieder in Bewegung.
Ich öffnete die Kühlschranktür und versuchte, die körperlose Nachricht des Anrufbeantworters, die in die sonnendurchflutete Küche drang, zu überhören. Wo war der Geflügelsalat? Auf den Signalton folgte eine vertraute männliche Stimme: »Doc? Hier spricht Marino ...«
Hilf, Himmel!, dachte ich, griff mir den Geflügelsalat und schloss die Kühlschranktür mit einem Hüftschwung. Detective Pete Marino vom Morddezernat Richmond war seit Mitternacht im Dienst gewesen, und ich hatte ihn vorhin kurz gesehen, als er bei mir im Obduktionsraum vorbeischaute, wo ich gerade die Kugeln aus einem seiner Fälle entfernte. Eigentlich hatte er den verbleibenden Rest des Wochenendes mit Angeln am Lake Gaston verbringen wollen – und ich freute mich auf anderthalb faule Tage.
»Ich habe schon mehrfach versucht, Sie zu erreichen. Konnte nicht länger warten. Jetzt bin ich schon unterwegs. Benton hat mich gerade noch erwischt ...«
Das klang dringend. Ich nahm den Hörer ab. »Was gibt es?«
»Gott sei Dank! Mann, wie ich diese Anrufbeantworter hasse! Ich habe schlechte Neuigkeiten: Man hat wieder mal ein verlassenes Auto gefunden. In New Kent County – auf einem Rastplatz an der Sixty-Four. In westlicher Fahrtrichtung.«
»Heißt das, dass wieder ein Pärchen verschwunden ist?« Ade, Faulheit.
»Fred Cheney, weiß, neunzehn. Deborah Harvey, weiß, neunzehn. Zum letzten Mal gesehen gestern Abend gegen acht, als sie vom Haus der Harveys in Richmond nach Spindrift aufbrachen.«
»Und der Wagen steht auf dem Rastplatz Richtung Westen?«, fragte ich verdutzt: Spindrift, North Carolina, liegt etwa dreieinhalb Stunden östlich von Richmond.
»Richtig. Sieht so aus, als hätten sie in die Stadt zurückgewollt. Ein Trooper hat den Jeep Cherokee ungefähr vor einer Stunde entdeckt. Keine Spur von den beiden.«
»Ich fahre sofort los«, erklärte ich.
Bertha hatte zwar weitergeputzt, aber ich wusste, dass ihr kein Wort entgangen war. »Ich schalte die Alarmanlage ein, wenn ich gehe«, versprach sie.
»Okay. Vielen Dank.« Furcht kroch in mir hoch, als ich mir meine Handtasche schnappte und aus dem Haus hastete.
Bis jetzt waren es vier Paare – alle vermisst gemeldet und schließlich tot aufgefunden. In einem Achtzig-Kilometer-Umkreis von Williamsburg.
Die Fälle, die in der Presse unter der Bezeichnung »Pärchen-Morde« liefen, waren rätselhaft. Niemand hatte eine Erklärung oder eine wenigstens halbwegs einleuchtende Theorie – nicht einmal das FBI und sein Violent Criminal Apprehension Program – kurz VICAP -, dem eine landesweite Datenbank zur Verfügung stand, die über einen Computer lief, der in der Lage war, vermisste Personen nicht identifizierten Leichen zuzuordnen und Serienverbrechen aufzuzeigen.
Als vor mehr als zwei Jahren das erste Paar gefunden worden war, hatte man ein VICAP-Regionalteam um Hilfe gebeten. Es bestand aus FBI Special Agent Benton Wesley und dem »alten Hasen« Pete Marino. Ein weiteres Paar verschwand. Und noch eines. Und ein viertes. In allen vier Fällen waren die vermissten Teenager tot und verwesten irgendwo in einem Waldstück, ehe die Meldung VICAP erreichte, ja noch ehe NCIC – das National Crime Information Center – ihre Beschreibungen an sämtliche Polizeistationen der USA hatte durchgeben können.
Ich erreichte die I-64 East und beschleunigte. In meinem Kopf tauchten Erinnerungen auf an Stimmen, Knochen, verrottete Kleidungsstücke unter faulenden Blättern, hübsche junge Gesichter von Vermissten in Zeitungen, kummervolle Eltern bei Fernsehinterviews – und an meinem Telefon.
»Es tut mir Leid wegen Ihrer Tochter.«
»Bitte sagen Sie mir, wie meine Kleine gestorben ist. O mein Gott, hat sie leiden müssen?«
»Die Todesursache steht noch nicht fest, Mrs. Bennett. Mehr kann ich Ihnen im Augenblick nicht sagen.«
»Soll das heißen, Sie wissen es nicht?«
»Es sind nur noch Knochen übrig, Mr. Martin. Wenn das Gewebe fehlt, sind damit auch die Hinweise auf oberflächliche Verletzungen verschwunden, und es ist äußerst schwierig ...«
»Ich denke, Sie haben Medizin studiert – also sagen Sie mir, was meinen Jungen umgebracht hat. Die Cops haben was von Drogen gefaselt. Hören Sie das, Lady? Er ist tot, und die wollen einen Junkie aus ihm machen!«
Chief Medical Examiner ratlos: Dr. Kay Scarpetta unfähig, Todesursache zu nennen.
Rätselhaft.
Acht junge Menschen waren tot, und ich hatte keine Ahnung, woran sie gestorben waren. Jeder forensische Pathologe stößt hin und wieder auf unklare Fälle, aber diese Massierung war höchst ungewöhnlich – und sie schienen auch noch alle miteinander in Zusammenhang zu stehen.
Ich öffnete das Schiebedach, und das schöne Wetter hob meine Stimmung. Es war um die achtundzwanzig Grad warm, und bald würde sich das Laub färben. Nur im Herbst und im Frühling vermisste ich Miami nicht. Die Sommer in Richmond waren genauso heiß, doch es fehlte der Meereswind – und die Luftfeuchtigkeit war grauenhaft. Und auch im Winter litt ich, denn ich verabscheue Kälte. Aber Frühling und Herbst fand ich herrlich hier. Geradezu berauschend.
Der Rastplatz an der I-64 in New Kent County lag, wie sich herausstellte, genau fünfzig Kilometer von meinem Haus entfernt und sah aus wie alle Rastplätze in Virginia: Picknicktische, Grills, Holztonnen für Abfall, gemauerte Toilettenhäuschen, Speisen- und Getränkeautomaten und junge Bäume – aber nirgends waren Urlaubsreisende oder Trucks zu sehen. Dafür wimmelte es von Polizeiwagen.
Ein preußischblau uniformierter Trooper kam mit ernster Miene auf mich zu, als ich vor der Damentoilette anhielt. »Tut mir Leid, Ma’am.« Er beugte sich zu meinem offenen Fenster herunter. »Dieser Rastplatz ist heute geschlossen. Ich muss Sie bitten, weiterzufahren.«
»Dr. Kay Scarpetta, Chief Medical Examiner«, stellte ich mich vor und zog den Zündschlüssel ab. »Ich bin auf Ersuchen der Polizei hier.«
»Zu welchem Zweck, Ma’am?«
»In meiner amtlichen Eigenschaft als staatliche Leichenbeschauerin.«
Er musterte mich skeptisch: Ich sah tatsächlich nicht sehr danach aus. In meinem stonewashed Jeansrock, dem pinkfarbenen T-Shirt mit »Oxford«-Aufdruck und den Sportschuhen war ich bar jeden Statussymbols, und mein Dienstwagen stand zwecks neuer Bereifung in der Werkstatt. Auf den ersten Blick wirkte ich wohl eher wie ein nicht mehr ganz taufrischer Yuppie.
»Können Sie sich ausweisen?«
Ich kramte meine Blechmarke aus der Handtasche und gab ihm zusätzlich meinen Führerschein. Er betrachtete beides eingehend und wurde sichtlich verlegen.
»Lassen Sie Ihren Wagen ruhig hier stehen, Dr. Scarpetta. Die Leute, die Sie suchen, sind dahinten.« Er deutete in die Richtung des Parkareals für Trucks und Busse. »Schönen Tag noch«, fügte er mit routinemäßiger Höflichkeit hinzu und trat zurück, um mich aussteigen zu lassen.
Als ich um das Häuschen herumgegangen war, sah ich weitere Polizeifahrzeuge, einen Abschleppwagen mit blinkender Lichtleiste und mindestens ein Dutzend Beamte in Uniform und Zivil. Den braunen Jeep Cherokee bemerkte ich erst, als ich fast schon davor stand – etwa auf halber Strecke der Auffahrt, ein gutes Stück von der Fahrbahn entfernt in einer leichten Senke, mit der Nase an einem Baum, dessen Blätter ihn teilweise verdeckten. Ich trat näher heran und schaute durch das Fenster auf der Fahrerseite: Der mit beigefarbenem Leder ausgestattete Innenraum war sehr gepflegt, das Gepäck auf dem Rücksitz ordentlich verstaut. Die Scheiben waren halb heruntergekurbelt. Der Zündschlüssel steckte. Als seien die Insassen des Wagens nur kurz ausgestiegen. Gespenstisch. Die Reifenspuren hatten sich tief in den grasbewachsenen Boden gegraben.
Marino sprach mit einem schlanken blonden Mann, den er mir als »Jay Morrell von der Staatspolizei« vorstellte. Er schien die Aktion zu leiten.
»Kay Scarpetta«, ergänzte ich, als Marino mich lediglich als »Doc« einführte.
Morrell richtete seine dunkle Sonnenbrille auf mich und nickte. In seinem Straßenanzug und mit dem Schnurrbart, der wie der erste Versuch eines Teenagers wirkte, männlich auszusehen, vermittelte er nicht gerade den Eindruck eines erfahrenen Beamten, und auch sein Eifer deutete mehr auf ein »Greenhorn« hin.
»Viel wissen wir noch nicht«, erklärte er in einem Ton, als teile er mir damit etwas ungeheuer Wichtiges mit. »Der Jeep gehört Deborah Harvey. Sie und ihr Freund – äh – Fred Cheney verließen das Haus der Harveys gestern Abend gegen acht. Sie wollten nach Spindrift, wo die Harveys ein Strandhaus haben.«
»War Deborahs Familie zu Hause, als die beiden abfuhren?«, fragte ich.
»Nein, Ma’am.« Die Brillengläser starrten mich an wie Insektenaugen. »Die anderen waren schon vorausgefahren. Deborah und der Junge nahmen ihren Wagen, weil sie am Montag wieder zurückwollten: Sie studieren im zweiten Jahr in Carolina.«
»Bevor sie aufbrachen« – Marino zog seine Zigaretten aus der Tasche – »sagten sie in Spindrift Bescheid, dass sie zwischen Mitternacht und ein Uhr früh da sein würden. Den Anruf nahm einer von Deborahs Brüdern entgegen. Als sie um vier noch immer nicht eingetroffen waren, rief Pat Harvey die Polizei an.«
»Pat Harvey?« Ich starrte Marino ungläubig an.
»O ja«, antwortete Officer Morrell statt seiner. »Diesmal haben wir es mit der Prominenz zu tun. Mrs. Harvey ist bereits auf dem Weg hierher. Vor ungefähr« – er schaute auf seine Uhr – »einer halben Stunde hat ein Hubschrauber sie abgeholt. Ihr Mann – äh -, Bob Harvey, ist geschäftlich in Charlotte. Er wollte irgendwann morgen zurückkommen. Soviel ich weiß, hat man ihn noch nicht erreichen können.«
Pat Harvey war der Kopf der staatlichen Anti-Drogen-Politik, was ihr bei den Medien die Bezeichnung »Drogen-Zarin« eingebracht hatte. Vom Präsidenten persönlich eingesetzt und vor kurzer Zeit auf der Titelseite des Time Magazine abgebildet, war sie eine der mächtigsten und bewundertsten Frauen Amerikas.
»Was ist mit Benton?«, fragte ich Marino. »Weiß er, dass Deborah Harvey Pat Harveys Tochter ist?«
»Keine Ahnung – gesagt hat er nichts. Aber wir haben auch nur ganz kurz miteinander gesprochen. Als er anrief, war er gerade in Newport News gelandet und wollte sich schnellstens einen Mietwagen besorgen.«
Damit war meine Frage beantwortet: Das FBI würde Benton Wesley nicht einfliegen, wenn ihm nicht bekannt wäre, um wessen Tochter es sich bei dem vermissten Mädchen handelte. Merkwürdig, dass er es Marino gegenüber nicht erwähnt hatte – immerhin war er sein VICAP-Partner. Ich versuchte, in Marinos Gesicht zu lesen, wie er dieses Verhalten empfand. Vergeblich. Lediglich seine spielenden Kiefermuskeln deuteten darauf hin, dass er unter Spannung stand. Auf der beginnenden Glatze über dem vollen Gesicht glänzten Schweißperlen.
»Ich habe zunächst mal jede Menge Männer herbeordert, um den Verkehr fern zu halten«, resümierte Morrell. »Wir haben die Toilettenhäuschen überprüft und uns ein bisschen umgesehen, um ausschließen zu können, dass die jungen Leute sich in der unmittelbaren Umgebung befinden. Sobald die Hunde eintreffen, nehmen wir uns den Wald vor.«
Unmittelbar hinter der Kühlerhaube des Jeeps begann ein Gewirr aus Unterholz und Bäumen, das so dicht war, dass man nur eine Blätterwand sah. In einiger Entfernung zog ein Habicht seine Kreise über den Wipfeln. Obwohl Einkaufszentren und Wohnviertel sich immer weiter an der I-64 entlangzogen, war dieser Streifen zwischen Richmond und Tidewater noch unberührt. Die schöne Gegend wirkte heute trotz des Sonnenscheins düster und bedrückend.
»Scheiße!«, fluchte Marino inbrünstig, als Morrell sich entfernt hatte.
Wir begannen, langsam nebeneinander herzugehen.
»Tut mir Leid um Ihren Angelausflug«, sagte ich.
»Na ja – so geht’s doch immer, stimmt’s? Ich habe den verdammten Trip schon seit Monaten geplant. Wieder nichts. Wie üblich.«
»Mir ist etwas aufgefallen«, wechselte ich das Thema. »Wenn man die I-64 verlässt, teilt sich die Abfahrt sofort in zwei Spuren: Die eine führt hierher, die andere zum vorderen Teil des Rastplatzes, der für Pkw reserviert ist. Mit anderen Worten: Es sind Einbahnstraßen. Wenn man sich einmal entschieden hat, welches Areal man ansteuern will, kann man es nicht mehr rückgängig machen, ohne eine beträchtliche Strecke in falscher Richtung zu fahren und Gefahr zu laufen, mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammenzuprallen – und gestern Abend war hier bestimmt massenhaft Betrieb: Immerhin ist Labour-Day-Wochenende.«
»Richtig. Der Jeep ist mit Sicherheit absichtlich zu seinem jetzigen Standort gebracht worden. Wahrscheinlich war unserem großen Unbekannten auf dem vorderen Parkplatz zu viel los. Also nahm er die Zufahrt für Trucks und Busse. Hier stand sicher kaum jemand – und so konnte er sich unbemerkt absetzen.«
»Und offenbar wollte er vermeiden, dass der Jeep schnell gefunden würde – weshalb hätte er ihn sonst dort drüben abstellen sollen?« Marino starrte in Richtung Wäldchen. »Ich werde allmählich zu alt für dieses Geschäft«, knurrte er.
Er war ein notorischer Meckerer und erschien am Schauplatz eines Verbrechens stets mit angeblichem Widerwillen. Wir arbeiteten schon so lange zusammen, dass ich mich daran gewöhnt hatte – doch diesmal war seine üble Laune echt. Das konnte nicht allein von dem verpatzten Angelausflug herrühren. Vielleicht hatte er Krach mit seiner Frau.
»Sieh da, sieh da«, murmelte er, als sein Blick zufällig zu dem Toilettenhäuschen wanderte. »Der einsame Rächer ist eingetrudelt.« Ich wandte mich um und sah die schmale, vertraute Gestalt Benton Wesleys aus der Herrentoilette auf uns zukommen. Sein »Hallo« konnte man nur ahnen. Die silbergrauen Schläfen waren nass und die Revers seines blauen Anzugs wasserbespritzt, als habe er sich das Gesicht gewaschen. Er zog eine Sonnenbrille aus der Brusttasche und setzte sie auf.
»Mrs. Harvey schon da?«, fragte er.
»Nee«, antwortete Marino.
»Und die Presse?«
»Nee.«
»Sehr gut.« Wesley presste die Lippen aufeinander, wodurch seine scharfen Züge noch härter und unnahbarer wirkten als sonst. Neuerdings blockte er so meisterhaft ab, dass ich manchmal das Gefühl hatte, einem Fremden gegenüberzustehen. Früher einmal hatte ich ihn attraktiv gefunden, doch seine Distanziertheit nahm ihm jede Ausstrahlung.
»Wir wollen diese Sache so lange wie möglich geheim halten«, fuhr er fort. »Wenn sie bekannt wird, bricht die Hölle los.«
»Was wissen Sie über das Pärchen, Benton?«, fragte ich.
»Nur sehr wenig. Nachdem Mrs. Harvey die beiden als vermisst gemeldet hatte, rief sie den Director zu Hause an und der wiederum mich. Offenbar haben ihre Tochter und Fred Cheney sich auf dem College kennen gelernt und gehen seit dem ersten Studienjahr miteinander. Scheinen fleißig und anständig zu sein. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass sie sich mit schrägen Typen eingelassen hätten – jedenfalls sagt Mrs. Harvey das. Allerdings ist sie wohl nicht übermäßig angetan von der Beziehung – sie erscheint ihr zu eng.«
»Vermutlich der wahre Grund dafür, dass die beiden im eigenen Wagen ans Meer fahren wollten«, sagte ich.
»So sehe ich das auch.« Wesley warf einen Blick in die Runde. »Höchstwahrscheinlich war das der wahre Grund. Der Director vermittelte mir den Eindruck, dass die Aussicht, Deborahs Freund in Spindrift zu haben, Mrs. Harvey nicht gerade begeisterte: Die Tage sollten der Familie gehören. Mrs. Harvey wohnt die Woche über in D. C. und hat ihre Tochter und die beide Söhne während des Sommers kaum gesehen. In letzter Zeit gab es anscheinend Differenzen zwischen ihr und dem Mädchen. Vielleicht haben sie sich gestritten, bevor die Familie gestern früh nach North Carolina abfuhr.«
»Könnten die beiden durchgebrannt sein?«, fragte Marino. »Sie lesen Zeitungen, sehen Nachrichten. Letzte Woche lief die Sondersendung über die Pärchen-Morde. Wäre doch möglich, dass die sie auf die Idee gebracht hat zu verschwinden.«
»Möglich ist vieles«, antwortete Wesley. »Und auch deshalb möchte ich die Medien raushalten, solange es geht.«
Auf dem Weg zum Jeep gesellte sich Morrell zu uns. Ein blauer Kastenwagen kam herangefahren und hielt ein paar Meter von uns entfernt. Ein Mann und eine Frau in dunklen Overalls stiegen aus, öffneten die Heckklappe und ließen zwei japsende, schwanzwedelnde Bluthunde heraus. Sie hakten lange Leinen in ihre Gürtel und packten die Hunde an den Geschirren.
»Salty, Neptune – bei Fuß!«
Ich konnte nicht erkennen, welcher Name zu welchem Hund gehörte. Beide waren groß und beige und hatten faltige Gesichter und Schlappohren. Morrell streckte grinsend die Hand aus. »Wie geht’s denn, Kumpel?« Salty oder Neptune belohnte seine Freundlichkeit mit einem nassen Kuss und einem Stups ans Knie.
Die Hundebesitzer kamen aus Yorktown und hießen Jeff und Gail. Gail war ebenso groß wie ihr Partner und wirkte ebenso kräftig. Sie erinnerte mich an Farmersfrauen, die ich gesehen hatte: die Gesichter von harter Arbeit und Sonne gegerbt und eine stoische Ruhe ausstrahlend, die daraus resultierte, dass sie die Natur verstanden und ihre Geschenke und Bestrafungen gleichermaßen akzeptierten.
