Milano Criminale von Paolo Roversi

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Milano criminale, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Ullstein.

  • Mailand: Rizzoli, 2011 unter dem Titel Milano criminale. 425 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2013. Übersetzt von Esther Hansen. ISBN: 978-3-550-08875-9. 464 Seiten.
  • [Hörbuch] Hamburg: Hörbuch Hamburg, 2013. Gesprochen von Markus Boysen. 6 CDs.

'Milano Criminale' ist erschienen als Hardcover Hörbuch

In Kürze:

Der 27. Februar 1958: Ein ganz normaler Tag in der Via Osoppo, mitten in Mailand. Aus dem Nichts tauchen sieben Bewaffnete auf. Sie rauben vor Aller Augen einen Geldtransporter aus. Und landen den größten Coup in der Geschichte Italiens. Die Menschen feuern die Räuber an. In diesen Zeiten, in denen Armut und Hunger herrschen, sind die Männer Helden, weil sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Unter den Zuschauern befinden sich zwei Jungen, Roberto und Antonio. Angesichts dieser unglaublichen Tat trifft jeder für sich eine Wahl, die sein Leben für immer verändern wird. Ihre Geschichte beginnt in diesem einen Moment. Roberto wird einer der meistgesuchten Gangster Italiens. Eine Legende. Antonio wird Polizist. Ein Jäger, der die größten Verbrecher Italiens – auch Roberto – fassen und dafür alles riskieren wird.

Das meint Krimi-Couch.de: »Panorama der Mailänder Kriminalgeschichte« 70°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

An einem Februar-Tag im Jahre 1958 findet in der Mailänder Via Osoppo der bis dahin größte Raubüberfall in der Geschichte Italiens statt. Sieben bewaffnete Männer rauben einen Geldtransporter aus. Sie werden dabei sogar von den zuschauenden Menschen angefeuert. Die Räuber nehmen in den schweren Zeiten ihr Schicksal in die eigenen Hände, das imponiert den Mailändern. Zwei Jungen – Roberto und Antonio – beobachten den Überfall, und ziehen ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen daraus. Während sich Antonio für den Beruf des Polizisten entscheidet, wird Roberto wenige Jahre später einer der meistgesuchten Verbrecher in ganz Italien. Ihre Wege werden sich in den nächsten Jahren mehrfach kreuzen. Roberto geht konsequent und ohne Rücksicht auf Verluste seinen kriminellen Weg, Antonio dagegen braucht einige Zeit, um in den Reihen der Polizei auszusteigen. Bis es zum Showdown zwischen den beiden kommt, ereignen sich in Mailand noch zahlreiche Morde, spektakuläre Überfälle und schlagzeilenträchtige Festnahmen.

Milano Criminale ist kein Kriminalroman im herkömmlichen Sinne. Es geht nicht um ein Verbrechen und dessen Aufklärung. Paolo Roversi hat vielmehr in seinem lesenswerten Roman eine Art Geschichte der Kriminalität in der norditalienischen Metropole geschrieben. Es geht dabei vor allem um die 1960er Jahre, und den rapiden Wandel in der Art der Kriminalität und dem Auftreten der Verbecher. Im Blickpunkt stehen die zwei Jungen, die durch das gleiche Ereignis in ihrer Jugend geprägt werden. Am Beispiel ihrer Entwicklung zeichnet Roversi ein spannendes Bild der Mailänder Geschichte im Allgemeinen und der politischen Entwicklung im Besonderen – stets eng verknüpft mit den kriminellen Machenschaften verschiedener Banden. In dieser Nachkriegszeit sind die Menschen finanziell nicht auf Rosen gebettet, aber die Tresore der Banken sind trotzdem gut gefüllt. Daraus resultiert die zunächst überraschende Bewunderung der Menschen für die Gangster, die zunehmen dreister werden bei ihren Überfällen.

Der Autor reiht in seinem Buch zahlreiche spannende Episoden aneinander, und schildert so die Entwicklung seiner zwei Hauptprotagonisten. Der sympathische Antonio führt nur scheinbar ein bürgerliches Leben, denn seine Frau sympathisiert mit revolutionären Bewegungen und wirft ihm ständig sein Eintreten für die Staatsmacht vor. Roberto dagegen geht bei routinierten Verbrechern in die Lehre, und nutzt selbst Aufenthalte im Gefängnis, um seine Kenntnisse in kriminellen Methoden zu erweitern. Verblüffend ist dabei, wie er sich bereits als junger Mann unter 20 einen Ruf in der Verbrecherwelt erarbeitet. Er versucht, seine Überfälle weitgehend unblutig zu gestalten, und erwirbt so auch einen gewissen Sympathie-Bonus beim Leser. Beide Protagonisten sind wirklich interessante Figuren – gerade aufgrund ihrer Gegensätzlichkeit.

Neben den Karrieren von Antonio und Roberto in Polizei und Unterwelt werden auch ihre privaten Entwicklungen ausführlich dargestellt. Der Autor macht es den Lesern zuweilen jedoch schwer, der Handlung zu folgen. Roversis Schreibstil ist nicht wirklich flüssig, er macht gerne einige gedankliche Umwege, die bei der Lektüre hinderlich sind. Zudem wechselt er bei seinen Personen zwischen Vor- und Nachnamen, was nicht gerade zu besserem Überblick beim Leser führt.

Der Auftakt des Buches beruht übrigens auf einer historischen Begebenheit, den Überfall am 27. Februar 1958 hat es wirklich gegeben, die Beute betrug damals 600 Millionen Lire. In einem Interview hat Paolo Roversi erklärt, ihn hätten die Menschen zu diesem Buch inspiriert, die Polizisten und Verbrecher der 60er Jahre. Diese Faszination hat der Autor durchaus in die Geschichte hinein transportiert. Trotz der leisen Kritik ein interessanter Roman, deutlich anspruchsvoller als die gängige Kriminalliteratur. Allerdings sollte man als Leser ein gewisses Interesse für Italien in dieser Zeit mitbringen – dann wird man auf jeden Fall gut und kurzweilig unterhalten, und bekommt auch genug Stoff zum Nachdenken.

Andreas Kurth, März 2013

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Marius zu »Paolo Roversi: Milano Criminale« 16.06.2013
Die rote Stadt

„Milano Criminale“ stammt vom jungen Mailänder Kimiautoren Paolo Roversi, von dem bislang zwei Krimis um den gewieften Hacker Enrico Radeschi im List-Verlag veröffentlicht wurden („Die linke Hand des Teufels“ und „Tödliches Requiem“). Nett zu lesen waren beide Krimis, doch nun entschied sich der Ullstein-Verlag, ein anderes Werk des Italieners zu publizieren:
„Milano Criminale“ ist die Lebensgeschichte zweier Rivalen und ein Bild der chaotischen 68-Jahre in Mailand, die als Ligera in die Annalen der Geschichte eingehen werden.
Antonio und Roberto sind Weggefährten im Mailand der 60er Jahre, aufgewachsen in den Straßen und Gassen der Arbeiterstadt – doch schon bald bewegen sich ihre Viten diametral auseinander.
Während sich Roberto der Unterwelt Mailands andient beschließt Antonio sein Leben in den Dienst der Verbrechensbekämpfung zu stellen. Er wird Mitglieder Polizei Mailands und macht fortan Jagd auf die Verbrecher der Stadt – und schon bald wird sich sein Lebensweg wieder mit dem von Roberto kreuzen …

Es ist eine klassische Ausgangslage, die Paolo Roversi in „Milano Criminale“ zum Aufhänger seines Buches benutzt. Zwei Männer auf den gegenüberliegenden Seiten des Gesetzes. Das wäre so eine gute Idee, doch das Buch gewinnt seinen Reiz aus der Tatsache, dass der Kampf der beiden Charaktere Teil eines noch viel größeren Plots ist.
Roversi erzählt von verschiedenen Verbrechern und Polizisten, von Studentenprotesten, die den deutschen 68er-Revolten gar nicht so unähnlich sind, und vom Weg in den zielgerichteten Terror, der den Studentenaufständen erwuchs. Dies packt Roversi in 460 kurz getaktete Kapitel, die durch das verwendete Präsens vorwärtspreschen und dem Leser ein umfassendes Bild der chaotischen Jahre in der roten Stadt Mailand vermitteln.
Leser, die an dem Film „Carlos – der Schakal“ oder den Bücher James Ellroys Gefallen gefunden haben, dürfte auch „Milano Criminale“ zusagen.

Ein starkes Stück Kriminalliteratur, dass sein Finale auch wirklich erst auf den letzten Seiten erlebt und das den Leser teilhaben lässt an den tödlichen Geschehnissen in der roten Stadt Milano – sehr lesenswert!
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