Reise in die Nacht von Gianrico Carofiglio

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2002 unter dem Titel Testimone inconsapevole, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Bari, 1990 - 2009.
Folge 1 der Guido-Guerrieri-Serie.

  • Palermo: Sellerio, 2002 unter dem Titel Testimone inconsapevole. 288 Seiten.
  • München: Goldmann, 2006. Übersetzt von Claudia Schmitt. ISBN: 978-3-442-31099-9. 288 Seiten.
  • München: Goldmann, 2007. Übersetzt von Claudia Schmitt. ISBN: 978-3-442-46429-6. 285 Seiten.

'Reise in die Nacht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch E-Book

In Kürze:

Avvocato Guido Guerrieri, frisch geschieden und geschüttelt von einer tiefen Lebenskrise, übernimmt einen fast aussichtslosen Fall: Er verteidigt einen des Mordes angeklagten Immigranten aus dem Senegal, der ohne seine Hilfe verloren wäre. Es beginnt ein nervenzerreißender Kampf gegen rassistische Vorurteile, eine voreingenommene Justiz und eine erdrückende Last von Indizien …

Das meint Krimi-Couch.de: »Selten wurde eine Hauptfigur so differenziert, ehrlich und glaubwürdig charakterisiert« 75°

Krimi-Rezension von Eva Bergschneider

Reise in die Nacht (im Original Testimone inconsapevole) vom Gianrico Carlofiglio ist der Auftakt einer Serie von Gerichtskrimis mit Avvocato Guido Guerrieri, der im süditalienischen Bari, der Hauptstadt Apuliens, seine Klienten und Fälle vor Gericht vertritt. Der Leser kann von dieser Serie ein besonders hohes Maß an Authentizität erwarten, denn der Autor ist selbst als Richter im Bereich der Mafiaprozesse tätig gewesen und kennt sich daher besonders gut im italienischen Rechtssystem aus. Man darf gespannt sein, ob es Gianrico Carlofiglio gelingen wird, eine interessante und vielschichtige Hauptfigur zu schaffen, das italienische Rechtssystem glaubwürdig und kritisch darzustellen und zugleich über spannende Rechts- und Kriminalfälle unterhaltsam zu erzählen.

Der smarte Anwalt in einer Lebenskrise

Avvocato Guido Guerrieri kann mit sich und seinem Leben durchaus zufrieden sein, er besitzt eine gut gehende Anwaltskanzlei, ist verheiratet und sein gesellschaftliches Leben ist in Ordnung. Seine Arbeit ist moralisch nicht immer ganz einwandfrei und er gönnt sich hin und wieder eine Affäre, was ihn aber keineswegs belastet, er ist nicht besser oder schlechter als andere Männer, die auf die vierzig zugehen.

Bis eines morgens die Ankündigung seiner Frau Sara: »Guido, ich möchte, dass wir uns scheiden lassen.« seinem gesicherten Leben einen Stoß versetzt. Der Avvocato zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und glaubt, alles bestens im Griff zu haben, auch wenn er nun ein ausschweifendes Single-Leben mit hohem Alkohol- und Zigarettenkonsum zelebriert.Bis auf einmal Angst und Panikattacken dem smarten Anwalt das Leben zur Hölle machen. Es beginnt mit der Angst vor Fahrstühlen, steigert sich zu chronischer Schlaflosigkeit und endet in unkontrollierbaren Heulkrämpfen. Der Gang zum Therapeuten fällt Guido Guerrieri nicht leicht, die verschriebenen Psychopharmaka entsorgt er in der Toilette, nachdem er auf dem Beipackzettel die Nebenwirkungen studiert hat.

Stattdessen geht er zum Boxen, ein Sport, den er in seiner Jugend mit Begeisterung getrieben hat. Langsam und schrittweise beginnt Guido, sich in seinem neuen Leben zurecht zu finden und wird schließlich mit einem Fall konfrontiert, der seine Sicht der Dinge für immer verändern wird.

»Der Neger, der das Kind in Monopoli ermordet hat«

Ein neunjähriger Junge wurde zwei Tage von seinen Großeltern vermisst und schließlich auf dem Grund eines Brunnens aufgefunden. Spuren von Gewaltanwendung wurden nicht gefunden, aber ein Schuldiger wird schnell benannt. Der Senegalese Abdou Thiam, ein Immigrant der am Strand von Monopoli gefälschte Markenartikel verkauft, wird beschuldigt, den Jungen getötet zu haben. Es liegen lediglich Indizienbeweise vor, die den ehemaligen Lehrer allerdings schwer belasten: im Verhör verstrickte er sich in Widersprüche, er gibt an zur Tatzeit in Neapel gewesen zu sein, weigert sich aber, dafür Zeugen zu benennen. Außerdem sagt ein Barbesitzer aus, ihn zur fraglichen Stunde am Strand gesehen zu haben. Obwohl der Senegalese angibt, den Namen des Jungen nie gehört zu haben, findet die Polizei ihn Thiams Wohnung ein Polaroidfoto des Jungen. Eine gründliche Beweisführung erscheint der Polizei unnötig, Abdou Thiam wird kurzerhand verhaftet und des Mordes angeklagt.

Abdou streitet alle Vorwürfe ab. Er habe den Jungen nur unter seinem Spitznamen Ciccio gekannt und das Foto von ihm persönlich erhalten. »Ich habe Ciccio nicht umgebracht. Er war mein Freund.« Niemand glaubt dem vorbestraften Senegalesen, nur Guido Guerrieri fühlt sich irgendwie mit ihm verbunden, hat er doch gerade selbst erfahren, dass auch sein Leben nicht vor Problemen und Krisen gefeit ist. Er übernimmt die Verteidigung des jungen Mannes und steckt sehr schnell in der Auseinandersetzung um rassistische Vorurteile, eine voreingenommene Justiz und um schlampige Polizeiarbeit. Verzweifelt versucht er Entlastungszeugen zu finden, belastende Zeugenaussagen zu widerlegen und die Fehler in der Ermittlungsarbeit aufzudecken.

Wie kann Guerrieri, ohne einen strafmindernden Deal mit der Staatsanwaltschaft auszuhandeln, gegen die ganze Härte der italienischen Gerichtsbarkeit ankämpfen und einen Freispruch für seinen Mandanten erreichen ?

Vom Winkeladvokaten zum Kämpfer für die Gerechtigkeit

Der Avvocato Guido Guerrieri überzeugt am Anfang der Geschichte nicht gerade durch Redlichkeit, wie am Beispiel dieses Falles nur zu deutlich wird:

Ich überlegte mir, dass ich es eigentlich verdient hätte, seine Würstchen (die eines Klienten, dessen Grill beschlagnahmt worden war, weil die hygienischen Zustände denen der Abwasserkanäle entsprachen) zu Abend zu essen und danach mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Dort würde dann schon Doktor Carassi auf mich warten. Doktor Carassi war Oberarzt der Notaufnahme und hatte unlängst eine Einundzwanzigjährige an Blinddarmentzündung sterben lassen, weil er auf Regelbeschwerden getippt hatte. Sein Anwalt – ich – hatte auf Freispruch plädiert und diesen auch erwirkt, ohne das der gute Mann auch nur einen Arbeitstag oder eine Lira Lohn verlor.

Selten wurde eine Hauptfigur so differenziert, ehrlich und glaubwürdig charakterisiert, wie dieser Avvocato Guerrieri. Seine Entwicklung zu einem nachdenklichen und ernsten Menschen, der lernt, sein Leben zu reflektieren, sich zu verändern und seinen Beruf wieder ernsthaft zu betreiben, wird genauso glaubwürdig beschrieben, wie anfänglich der unseriöse Rechtsverdreher. Der Leser erlebt ihn schließlich als einen Rechtsbeistand, der die italienische Justiz moralisch hinterfragen und zugleich geschickt ausnutzen kann.

Dem Autor gelingt eine ganz besonders menschliche Charakterisierung und ein sehr gelungenes Portrait seiner Hauptfigur. Auch die anderen Charaktere sind überzeugend und lebensnah gezeichnet.

Humorvoll – Ehrlich – Emotional – Engagiert

Gianrico Carofiglio trifft in jeder Phase seiner Geschichte genau den richtigen Ton. Er schreibt zu Anfang sehr witzig und ironisch, später aber auch melancholisch-ernst und zum Schluss in einem kämpferischen, beinahe etwas pathetischen Stil. Letzteres gilt für das Plädoyer des Anwaltes vor Gericht, das etwas zu ausschweifend und langatmig geraten ist, aber vielleicht gerade in dieser Art besonders authentisch wirkt. Dem Autor ist es sogar gelungen, eine Liebesgeschichte unaufdringlich und doch bezugsnah in das Geschehen zu integrieren, ein Handlungsstrang, der dem Leser neben der manchmal etwas langwierigen juristischen Untersuchung etwas italienischen Esprit bietet.

Am Ende geht diesem Gerichtskrimi etwas die Luft aus

Der Plot wird zwar logisch überzeugend zu Ende erzählt, gerät aber doch etwas sehr unspektakulär, es fehlt so etwas wie der entscheidende Showdown. Leider blendet Carofiglios Gerichtskrimi jegliche kriminalistische Ermittlung komplett aus, die der Geschichte insgesamt mehr Spannung Würze verliehen hätte. Daher kann Reise in die Nacht als Krimi nicht ganz überzeugen, als Gerichtsroman allerdings umso mehr, denn Carofiglio kann selbst über Prozesse und Debatten nicht nur authentisch, sondern sehr interessant und mitreißend erzählen.

Ihre Meinung zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht«

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celavie zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 05.08.2014
Mein Lieblingsatz war: Ich habe immer gedacht ich bin der Einzige, der den Autor Bill Bryson kennt.

Warum? Weil ich genau denselben Satz immer wieder zu Bill Bryson gedacht hatte: Ich bin die einzige in Europa, die diesen Autor liest. Und jetzt sind wir schon zwei.

Ich habe den Roman verschlungen, er hat mich sehr bewegt, allerdings habe ich zu keinem Zeitpunkt erkennen können, dass es genug Beweise für eine Verurteilung gegeben hätte und ich kann mir nicht vorstellen, dass das Rechtssystem in Italien so löchrig ist, dass es auf die Aussage eines Barkeepers hin, ein lebenslänglich verhängt. Ohne DNA, ohne echte Indizien. Nur weil irgendwer mal nicht seinem normalen Weg gegangen ist, ist er ein Mörder, das war mir nicht glaubwürdig genug. Aber bis auf diese Konstuktonsschwche, ist es eine tolle authentische Schreibe, ich werde mir das nächste Buch besorgen.
Wolfgang zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 06.05.2014
Ein ungewöhnliches Buch. Ich bin Krimifan und muss sagen, dass ich zunächst skeptisch war, ob so ein Gerichtskrimi mich überhaupt fesseln kann - er konnte. Der Plot - eigentlich mehr in der amerikanischen Krimikultur verankert - ist gelungen und obwohl das Buch mehr oder weniger zu 80% aus Gerichtsdarstellungen besteht blieb ich wie gebannt am Ball. Ich habe das Buch gleich meinem Freund geliehen und auch der hat es binnen 4 Tagen "verschlungen". Übrigens fand ich auch die Persönlichkeit des Anwaltes sehr glaubhaft weil irgendwie nachvollziehbarer und nicht so ein soziales Wrack wie die Protagonisten in so vielen anderen Kriminalromanen.
tedesca zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 23.07.2010
Untypischer Krimi mit Lokalkolorit.
Aus der Sicht eines Mannes geschrieben, der eine ernsthafte Lebenskrise durchmacht, kommen Einblicke in sein Seelenleben nicht zu kurz und machen eigentlich die Essenz der Geschichte aus. In den Szenen rund um die Verhandlung gegen den Senegalesen, der ein Kind ermordet haben soll, gibt es für mich einige Unschlüssigkeiten, aber die spielen eigentlich keine Rolle, da es weniger um die Aufklärung eines Verbrechens geht, sondern vielmehr um die Willkür der Justiz und die Beeinflussung der menschlichen Wahrnehmung. Im Grunde kann man dieses Buch garnicht als "Krimi" bezeichnen, auch als reines "Gerichtsdrama" geht es nicht durch. Es ist wohl eine Mischung aus beidem und dem Psychogramm eines Mannes, der zum ersten Mal sein Leben hinterfragt und reinen Tisch mit den Sünden seiner Vergangenheit macht. Der Schluss weckt auf jeden Fall die Neugier auf den nächsten Teil der Serie.

Ich hab das Buch nicht gelesen, sondern als Exklusivausgabe von audsible.de gehört. Erick Räuker liest wie immer souverän und unglaublich angenehm, ich könnte ihm tagelang zuhören.
fuchsgraben97318 zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 21.07.2010
Klasse! Mal was ganz anderes, der Schreibstil ist einfach köstlich. Schwarzer Humor und Selbstironie und nach ca. 50 Seiten wirds auch noch spannend.
Das ist mein erstes Buch und sicher nicht meine letztes von ihm.
Schön geschildert ist das typisch italienische Alltagsleben!
Wer Paul Cleave mag ist hier gut aufgehoben!
vaneea zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 18.02.2010
Mit viel Gefühl wird hier aus der Sicht der Hauptperson, Avvocato Guido Guerrieri, Zerrissenheit und Verzweiflung beschrieben. Ein ganz untypischer Krimi, denn er hat tatsächlich gar nichts mit Verbrechen mit brutalen Details zu tun. Trotzdem ist er wunderbar zu lesen. War mein erstes, aber definitiv nicht mein letztes Buch von Carofiglio!!
Addicted-to-read zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 31.01.2010
Habe gestern mit "Reise in die Nacht" begonnen und habe es gestern auch beendet. Es hat mich sehr beeindruckt!

Die Charakterisierung der Personen ist mit so viel Liebe geschrieben, der Stil ist berührend, oft fragil und auch teilweise humoristisch. Eigentlich ist die Verteidigung des Klienten reiner Nebenschauplatz und der Haupterzählstrang ist die Geschichte des Protagonisten, seine innere Zerissenheit, seine Gefühle. Daher ist "Reise in die Nacht" auch keine herkömmliche Kriminalgeschichte, denn Herr Carofiglio verzichtet komplett auf viele Leichen, Blut, Psychopathen und schnelle Actionsequenzen.
Es ist eine wunderschön geschriebene, spannende und sehr menschliche Geschichte.

Eines weiß ich mit absoluter Sicherheit: dies war nicht mein letzter Carofiglio!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Schrodo zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 16.11.2009
Wollen Sie einen Krimi mit vielen Leichen, einem brutalen Mörder, harte emotionslose Beschreibungen, blutrünstiges Gemetzel? Dann sollten sie dieses Buch nicht lesen.
Als Leser erleben sie die Geschichte aus der Sicht des Avvocato Guido Guerrieri, der momentan eine schwere persönliche Krise erlebt. Seine Frau hat ihn verlassen und das stürzt ihn in eine tiefe Depression. Für ihn selbst unverständlich übernimmt er einen nahezu aussichtslosen Fall. Er verteidigt den Immigranten Abdou Thiam der des Mordes an einem kleinen Jungen angeklagt ist.
Mit oftmals sehr ironischer Sprache erzählt uns der Herr Carofiglio die Geschichte des Kampfes gegen einen rassistischen Justizapparat bei dem das Urteil von Anfang an festzustehen scheint. Das Ganze geschickt gemischt mit dem zweiten Erzählstrang, der Selbstfindung des Helden. Wie er die Scheidung, seine immer wiederkehrenden Panikattacken und seine Antriebslosigkeit überwindet…natürlich mit Hilfe seiner attraktiven Nachbarin…war für mich die eigentliche Geschichte des Buches.
Durch den interessanten Plot befindet man sich sofort mitten im Geschehen, liest Seite um Seite und kann das Ding einfach nicht mehr aus der Hand legen. Es ist so toll erzählt, dass die erwartete Spannung gar nicht fehlt. Teilweise musste ich lauthals Lachen, denn wie der gute Cianrico über belanglose Dinge erzählen kann, ist der absolute Hit.
BZKKAI zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 29.09.2009
Auf der Suche nach guten europäischen Krimiautoren bin ich bei Gianrico Carofiglio hängen geblieben. Er schreibt erfrischend und sein erstes Werk lässt sich gut lesen. Auch gibt er Einblicke in die Welt der wahren italienischen Gerichtsbarkeit. Und wenn die Polizei mal nicht so gut weg kommt, dann entstammt das der Realität. Zu kurz komt auch nicht die private Welt des Hauptprotagonisten. Insgesamt ein gelungenes Werk.
Ich werde weitere Romane von ihm lesen um zu sehen, ob er sich noch gesteigert hat. Meine Wertung liegt bei 70 Punkten
Stefan83 zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 11.05.2009
Um im heutigen Einheitsbrei noch Bücher zu finden, die sich mit einem intelligenten und eigenständigen Plot von der Masse abheben, muss man meist lange suchen. In diesem Fall ist mir der Titel quasi direkt in den Schoß gefallen, was mehr als glückliche Fügung war, denn Gianrico Carofiglios Autorendebüt "Reise in die Nacht" ist zweifelsohne ein absoluter Volltreffer. Der Autor, seit vielen Jahren Staatsanwalt in seiner Heimatstadt Bari und Vorreiter im Kampf gegen die dortige Mafia, schafft es auf Anhieb, sich mit seiner ihm eigenen Stimme einen Platz im Genre zu erobern. Und lässt dabei sicherlich ein nicht unerhebliches Maß an eigenen Erfahrungen in die Geschichte mit einfließen. Die Story sei schnell angerissen:

Der Leser erlebt die Geschichte aus der Sicht des Ich-Erzählers Avvocato Guido Guerrieri, der gerade eine schwere persönliche Krise durchlebt. Seine Frau hat ihn verlassen und ohne es sich eingestehen zu wollen, schliddert er in eine tiefe Depression. Die psychischen Probleme drohen ihn handlungsunfähig zu machen. In dieser Zeit bekommt er ein neues Mandat, das auf den ersten Blick nur wenig Überraschungen verspricht. Guerrieri soll den Senegalesen Abdou Thiam vertreten, dem ein Kindesmord zur Last gelegt wird. Dabei spricht die klare Beweislage in allen Punkten gegen ihn. Obwohl es aussichtslos scheint, bringt der Avvocato auf Wunsch seines Mandanten den Fall vors Schwurgericht. Eine lebenslängliche Freiheitsstrafe droht nun bei Verurteilung, doch je länger der Prozess dauert, umso mehr gewinnt Guerrieri den Eindruck, dass sein Mandant tatsächlich unschuldig ist. Vor Gericht entwickelt sich der Fall schließlich zu einem Justizdrama, bei der der von eigenen Problemen gebeutelte Avvocato seine ganze Erfahrung mit in die Waagschale werfen muss...

Was wie ein typischer John Grisham klingt, hat auf den zweiten Blick so gar nichts mit ihm gemeinsam. Ein Unterschied? Carofiglio ist besser. Obwohl gerade kurze 288 Seiten lang, fesselt das Buch vom Deckblatt bis zur Rückseite, und das obwohl wir es hier nicht mit einem klassischen Krimiaufbau zu tun haben. Einen Mord gibt es nämlich nur am Beginn und polizeiliche oder detektivische Ermittlungsarbeit fehlt gänzlich. Stattdessen liegt das Hauptaugenmerk allein auf der Figur Guerrieri, die dem Leser unwillkürlich in der kurzen Zeit ans Herz wächst.

Mit klarer, schöner, oftmals sehr ironischer Sprache, unterhält uns Carofiglio, und kann dabei auf ein Actionfeuerwerk oder gestapelte Leichenberge komplett verzichten. All dies wird für den Spannungsaufbau nicht benötigt, der seine Kraft aus dem intelligenten Plot zieht: Ein Anwalt der ohne viel Getöse und falsche Political Correchtness gegen einen rassistischen Justizapparat kämpft und dabei einen Spagat zwischen Gerechtigkeitskampf und privatem Glück zu vollziehen versucht. Seit langem ist mir nicht mehr ein solcher Sympathieträger begegnet, der angenehm erfrischend aus der Reihe tanzt und sich im Allerlei der Serienhelden seinen eigenen Platz erobert. Das der aussichtslose Fall am Ende mit einem genialen, wiewohl beeindruckenden Plädoyer abschließt, setzt dem gelungenen Erstling die Krone auf.

Insgesamt ist "Reise in die Nacht" ein echter Hingucker mit neuer, engagierter Stimme, der Fans von Gerichtskrimis ohne Zweifel beeindrucken und gefallen wird. Unbedingte Kauf- und Leseempfehlung!
11 von 14 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Heiko zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 05.01.2009
Ich bin eigentlich mit den 75° Wertung zufrieden. Das Buch ist wirklich sehr spannend zu lesen, und der Humor - vor allem bei den inneren Dialogen - hat mir sehr gut gefallen. Allerdings finde ich den Schluß zu glatt, zu gekünstelt. Plädoyer mit Einstein? Hmmm... Und natürlich bleibt am Ende die Frage: Wer denn nun...??? Das finde ich nicht ganz korrekt gegenüber dem Leser. Also ich gebe auch 75° und lese gerne weitere Romane von Carofiglio.
Sabrina zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 14.10.2008
Also ich konnte das Buch auch kaum aus der Hand legen, obwohl es für mich kein typischer Krimi ist, ich finde es geht hier mehr um ethische Aspekte wie Rassismus und Gudio Guerrieri als Anwalt sowohl als Mensch der anfänglich mit den Nachwirkungen seiner gescheiterten Ehe kämpft und sich anschliessend neu in seine Nachbarin verliebt.
Am besten fand ich jedoch sein Schlussplädoyer, wie er die Tatsache ans Licht bringt, dass man sich gut einbilden kann sich an Dinge zu erinnern, die man in Wirklichkeit gar nie erlebt hat. Carofiglio ist mein neuer Held!
Gobli zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 07.07.2008
Ein absoluter Volltreffer. Das Buch reißt einen von der ersten Seite an mit. Mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Hauptperson kommt einem dabei immer näher. Der Fall selbst ist nicht wirklich super spannend und trotzdem wird man immer mehr hineingezogen. Bis zum Ende konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Gerade beim Schlussplädoyer merkt man dem Autor die eigene Erfahrung an. Und auch die private Seite des Ermittlers ist absolut glaubwürdig und fesselnd dargestellt.
Ruth zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 10.04.2008
Diese Buch möchte ich meinem Mann in die Hand drücken. Ein gebrochener Rechtanwalt mit Panikattacken und wie er sich wieder erholt. Leider nur angedeutet die Szene, in der er seiner Frau berichtet, was er ihr alles zu schulden glaubt, in der Ehe, die 10 Jahre lang hielt.
Shrike zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 07.02.2008
Dies Buch ist wirklich mehr als nur ein Krimi, da kann ich meinem Vorschreiben nur recht geben.
Der Protagonist, der Anwalt Guerrieri, wird einen, in diesem ersten Fall, sehr sympathisch vorgestellt. Dies dünne Buch ist viel zu schnell am Ende. Dies und die weiteren Bücher von Carofiglio sind gut, flüssig uns sehr menschlich geschrieben.
Absolute Leseempfehlung!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thomas71 zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 05.02.2008
Wow. Was für ein Buch! Ein Krimi? Auch, aber nicht wirklich. Ein Roman über einen Anwalt in einer Krise? Auch, aber nicht nur. Eine Beschreibung der heutigen italienischen Gesellschaft? Auch das. Also gleich drei Bücher auf einmal? Das geht nun wirklich nicht! Das geht nun wirklich nicht? Geht doch! Gianrico Carofiglios "Reise in die Nacht" ist der Beweis. Das Büchlein, mit 288 Seiten eher kurz, fesselt von der ersten Silbe bis zum letzten Satzzeichen.
Der Protagonist Guido Guerrieri, 38, frisch geschieden, mit psychischen Problemen belastet, die ihn fast handlungsunfähig machen, bekommt den Auftrag, einen Farbigen zu verteidigen, der des Mordes an einem 9jährigen Jungen verdächtigt wird. Eigentlich ein Fall, der gar nicht zu gewinnen ist, haben sich doch Polizei, Justiz und öffentliche Meinung schon auf Abdou Thiam als Täter eingeschossen. Doch Avvocato Guerrieri hat das sichere Bauchgefühl, dass sein Mandant unschuldig ist. Also lässt er sich auf einen Kampf um die Gerechtigkeit ein, bei dem er auch eine lebenslängliche Freiheitsstrafe für den Angeklagten riskiert, sollte er den Kampf verlieren.
Ein Krimi mit einem Mord am Beginn, einem vermeintlichen Täter und der anschliessenden Gerichtsverhandlung als Hauptteil der Geschichte, ohne polizeiliche oder detektivische Ermittlungsarbeit? Geht so etwas überhaupt? Ja. Carofiglio, schafft es vom ersten Kapitel an, durch einen manchmal ironischen, oft auch lakonischen Schreibstil, den Leser zu unterhalten. Verfolgungsjagden, Schiessereien und Mordanschläge benötigt der Autor nicht, um die Geschichte spannend zu halten. Abdou Thiam und vor allem Guerrieri sind von Beginn an trotz ihrer Schwächen und Fehler Sympathieträger, Guerrieris Kommentare und Gedanken zu den Geschehnissen sind einfach lesenswert. Dazu eine packende, realistische Handlung und der Verzicht auf den klassischen amerikanischen Showdown machen aus "Reise in die Nacht" eines der bemerkenswertesten Bücher der letzten Zeit. Ein Buch zwar, das aus der Reihe fällt, aber dennoch (oder gerade deshalb) ein echter Hit. Für mich ist das Buch so heiss, dass man sich beinahe die Finger daran verbrennt. Bei mir bekommt Carofiglios Erstling glatte 94 Grad.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Günter R. zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 30.10.2007
Das Buch ist einfach großartig. Es fällt als Krimi sicher aus der Reihe. Man möchte es definitiv nicht mehr aus der Hand legen bis es zu Ende gelesen ist - ging meiner Frau genauso.
Maria Chiara zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 20.06.2007
Habe die drei Bücher mit Guerriere bereits auf Italienisch gelesen und kann sie allen wärmstens empfehlen. Ich warte bereits auf den nächsten Band!!
Was mir an den Geschichten von Carofiglio gefällt ist, dass er die menschlichen Werte wieder aufs Wesentliche reduziert. Die ganze Schweinwelt von TV und Promis, die in Italien gross in Mode ist, kommt hier nicht vor. Es geht um Freundschaft, Krisen, Ängste, Trennungen, Liebe und Einsamkeit.
Unbedingt lesen.
MC
Simone L. zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 19.06.2007
Toller, flüssig zu lesenderer Gerichtskrimi mit einem überaus sympathischen Anwalt. Die Geschichte wird in der Ich-Form aus Sicht des Anwalts (Guido Guerrieri) erzählt, dadurch hat man das Gefühl Guido persönlich zu kennen. Dieses Buch erzählt eigentlich zwei Geschichten, einmal die momentane Lebenssituation von Guido und die eigentliche Tat (der Tod eines Jungen) - dadurch wird die Geschichte nie langweilig und langatmig. Man kann sich zwar denken, wie es wohl ausgehen wird, was aber die Lesefreude keineswegs trübt. Ich bin echt begeistert, dies ist ein Krimi der aus der Reihe fällt - im positiven Sinn!
Phänomenal fand ich auch das Schlussplädoyer!

Ich habe mir gleich den Nachfolge Band "In freiem Fall" gekauft, weil ich total begeistert bin.

Ich kann nur sagen Lesen, Lesen, Lesen
Volker zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 05.06.2007
Sehr gut lesbar, eine sympatische Hauptfigur eine originelle Story. Man muss allerdings Gerichtskrimis mögen: In Italien scheint der Strafprozess den angelsächsischen Verfahren ähnlich zu sein. Das bietet viel Raum für dramatische Verhandlungsschilderungen, dies wird auch weidlich genutzt. Der Roman lebt damit von den Eigenarten eines Rechtssystems, die er zugleich massiv kritisiert. Dies führt dazu, dass auch Guerrieri zwiespältig agiert. Natürlich kämpft er für die "gute" Sache, unterscheidet sich in der Wahl der Mittel nicht wesentlich von der Gegenseite.

In einer Hinsicht erschien mir die Story allerdings ein wenig dünn. Die Gründe, die laut Roman zur Anklage geführt haben, sind eher dürftig, dies wird aber im Roman bzw. vom Anwalt nicht aufgegriffen. Mag sein, dass das der authentischen Schilderung des italienischen Strafprozesses geschuldet ist - dann kann man sich umso mehr wünschen, dass diese Art von Strafprozess kein Vorbild für unser Rechtssystem wird...
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Penelope zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 21.05.2007
Ich bin begeistert - von der Figuer Guerrieri an sich und auch wie sie dieses Buch ausfüllt, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Wahrlich kein Krimi wie ihn vielleicht das Gros der Leserschaft erwartet, aber trotzdem ein Genuss! Ich hoffe auf Ausstrahlung der Verfilmung auch bei uns!!
Anja S. zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 21.04.2007
Dieses Buch ist kein Krimi im normalen Sinne, denn es geht nicht darum, wer den Mord begangen hat. Es geht um eine kluge Strategie der Verteidigung des Angeklagten von einem sympathisch und sehr menschlich beschriebenen Anwalt.
Der Autor muss sehr viel ueber die Arbeitsweise des menschlichen Gedaechtnisses gelesen haben und ueber die Moeglichkeiten, wie Erinnerungen manipuliert werden koennen, denn er beschreibt dies echt klasse, auch mit der Erwaehnung von einigen klassischen Experimenten der Gedaechtnisforschung. Bravo!!!
Joe crossword zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 03.04.2007
Ganz sicher ein Krimi, der aus der Reihe fällt!

Es stimmt das zwar mit dem fehlenden "entscheidenden" Showdown, da bleibt für den Leser amerikanischer Krimis etwas Unerfülltes zurück, dafür aber wird man rascher als bei diesen zum Nachdenken gebracht, z.B. über den Ersatz-Showdown (die offen gebliebene Rechnung), die ebenso großartig ist, die vielen kleinen Episoden mit Wiederbegegnungen kommen einem in den Sinn; sie waren so "nebenbei" zur Handlung erzählt worden, am Schluß aber lassen sie sich leicht konstruierenn, das Verständnis für den Lernprozess wird befördert! Dieser Autor ist auch ein feiner Psychologe!
Alles leicht erzählt, nicht psychologisierend schwierig, eben italienisch!

Sehr zu empfehlen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
John Rebus zu »Gianrico Carofiglio: Reise in die Nacht« 25.03.2007
75% für dieses Meisterwerk? Also bitte...

Das Buch ist ein Genuss! Sprachlich fantastisch! Atmosphärisch super! Spannend. Symphatischer Hauptdarsteller Guerrieri.

Ich freue mich schon auf die nächsten Bände.
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