Eileen von Ottessa Moshfegh

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel Eileen, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Liebeskind.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Neuengland, 1950 - 1969.

  • New York: Penguin, 2015 unter dem Titel Eileen. 260 Seiten.
  • München: Liebeskind, 2017. Übersetzt von Anke Caroline Burger. ISBN: 978-3954380817. 336 Seiten.

'Eileen' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Eine Kleinstadt in Neuengland, Weihnachten 1964. Die vierundzwanzigjährige Eileen Dunlop hasst sich und die Welt. Sie muss für ihren paranoiden, alkoholkranken Vater sorgen, einen ehemaligen Cop, mit dem zusammen sie in einem heruntergekommenen Haus lebt. Ihren mageren Lohn verdient sie sich als Sekretärin in einer Vollzugsanstalt für jugendliche Straftäter. Als die schöne Harvard-Absolventin Rebecca Saint John ihren Dienst als Erziehungsbeauftragte des Gefängnisses antritt, ist Eileen sofort Feuer und Flamme. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als zu sein wie diese selbstbewusste, unabhängige Frau. Doch die Freundschaft von Rebecca Saint John hat einen hohen Preis. Eileen wird in ein grauenhaftes Verbrechen hineingezogen …

Das meint Krimi-Couch.de: Eileen – Eine Woche voller dunkler Wunder 92°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Klappentexte sind oft eine Sache für sich, wenn aber John Banville, auf diesen Seiten als Benjamin Black unterwegs, als einziger Schreiber dafür verantwortlich zeichnet, kommt etwas Zitierfähiges dabei heraus: »Hätte Jim Thompson sich mit Patricia Highsmith zusammengetan, wäre dabei \'Eileen’ herausgekommen. Nachtschwarz, eiskalt und großartig erzählt.«

Mister Banville ist ein kluger Mann. Bezogen auf die Atmosphäre des Romans trifft er ins Nachtschwarze. Doch Ottessa Moshfegh ist mehr als ein gelungenes Konglomerat aus Highsmith und Thompson, sie besitzt eine ganz eigene Stimme. Dass diese nach dem fiebrig brodelnden »McGlue« eine leicht verspätet ablaufende Coming Of Age-Geschichte erzählt, scheint überraschend. Doch auch in Eileen Dunlop lodert es, ab einem bestimmten Punkt ist sie bereit zu verbrennen. Am Ende wird es andere Opfer geben, und Eileen bekommt 50 Jahre später die Gelegenheit, die Geschichte der entscheidenden Woche ihres Lebens selbst zu erzählen.

Dirty Old Town*

1964 lebt Eileen mit ihrem alkoholkranken Vater, einem Ex-Cop, in der Kleinstadt X-ville. Eine Kreation Eileens, genau wie die »Moorehead«-Jugendstrafanstalt, in der sie arbeitet und die sie nach einem (späteren) unangenehmen Vermieter benennt. Eileen zeichnet sich bewusst selbst als Mauerblümchen, lässt aber immer durchschimmern, dass sie um ihre Optionen weiß, sich aber erst einmal verkriecht und auf die Lauer legt, bis es soweit ist, in Erscheinung zu treten. Sie ist ihrem Vater in einer Art Hassliebe verbunden, kümmert sich um ihn, was bedeutet, sie sorgt dafür, dass genug zu Trinken im Haus ist. Später wird sie seine Pistole in Verwahrung nehmen, damit er damit keinen Schaden anrichten kann. Dabei ist Eileen die wesentlich gefährlichere Person.

Doch vorerst führt Eileen ein geregeltes, aber dreckstarrendes Leben. Das gemeinsame Haus verkommt, das Familienauto ist eine Todesfalle, in der man an Kohlenmonoxidvergiftung stirbt, wenn man bei geschlossenem Fenster fährt. Wozu eigentlich zu raten ist, denn der Winter ist kalt in X-ville.

Eileen steckt das weg, ebenso wie Anfeindungen am Arbeitsplatz und innerfamiliäre Schmähungen. Sie genießt es beinahe, denn dadurch nährt sich ein Hass auf ihre Umgebung, die den kommenden Ausbruch erst möglich macht.

Genauer ausgedrückt: Eileen richtet sich ein zwischen Unbehagen und Sehnsucht, wird zur Stalkerin ihres begehrten Kollegen Randy. Wäre sie ein paar Jahre jünger, nicht so kühl berechnend und explizit in ihren Wunschvorstellungen, könnte man das als jugendliche Schwärmerei abtun, doch wie bei fast allem, was Eileen, die kluge Beobachterin ihres eigenen Lebens, unternimmt, haftet auch diesem Begehren etwas Dunkles, Zerstörerisches an, das sich in Gedankengängen äußert, nicht aber in deren Umsetzung. Dort bleibt sie distanziert. Vorerst. Bis Rebecca Saint John auftaucht.

Rebecca, born sweetly into sin**

Rebecca ist die neue und erste »Erziehungsbeauftragte« in Moorehead, und eine Frau, die alles repräsentiert, was Eileen sich selbst verweigert: Sie ist schön, unabhängig, schlagfertig und wild. So scheint es Eileen jedenfalls, die sich mit Rebecca anfreundet. Der feuchte Traum Randy verschwindet umgehend in der Versenkung. Eileen blüht auf an Rebeccas Seite. Willig lässt sie sich manipulieren. Bis zu einem gewissen Punkt. An dem klar wird, dass Eileen längst die Zügel in der Hand hält und über Leben und Tod entscheidet.

Die im Dunkeln sieht man nicht

Nach dem literarischen Malstrom »McGlue« ist Ottessa Moshfegh wieder ein faszinierender Roman gelungen, der nur scheinbar ein frostiges Gegenstück zur halluzinogenen Mordfantasie bei stürmischer See darstellt. Denn es rumort unter der schmutzigen Oberfläche, die von der 74-jährigen Erzählerin Eileen so minutiös wie analytisch ausgebreitet wird. Mit fast freudig erregtem Masochismus wird eine Woche der einschneidenden Veränderungen aufgearbeitet. Eileen geht mich sich selbst und ihrer Umgebung schonungslos ins Gericht, eindrücklich beschreibt sie ihr trostloses Leben in einem ranzigen Haus, das sich in einem noch ranzigeren Kaff befindet. Da Ottessa Moshfegh ihr Handwerk meisterlich beherrscht, verkommt der Stoff nie zu einer Etüde selbstgefälligen Jammerns.

Ihr reichen kleine Skizzen, beiläufige Bemerkungen und Schlüsse aus genauen Beobachtungen. Was sarkastisch wirkt, bietet doch immer unaufdringliche Einblicke in Funktionsweisen der Spezies Mensch (und verweist wie zufällig auf aktuelle Politik): »Obwohl ihm die Dummheit im Gesicht stand, fand ich ihn anziehend. Jeder Anflug von Macht beeindruckte mich.«

Anflüge von Opfer-Empathie sind selten in Eileen Dunlops Erzählung, gerade was ihren deprimierenden Arbeitsplatz abgeht, gibt sie sich meist als unbeteiligte Chronistin. Umso nachhaltiger wirkt es, wenn sie diese Position dann doch einmal verlässt: »Alle waren geschädigt. Alle litten. Jede dieser trauernden Mütter trug eine Narbe am Leib – ein Schmerzensmal, Ausdruck ihres gebrochenen Herzens, weil ihr Kind, ihr eigen Fleisch und Blut im Gefängnis aufwuchs. Ich versuchte, über nichts davon nachzudenken. Wenn ich nicht verrückt werden und meine stoische Gemütsruhe bewahren wollte, musste ich das tun.«

Die Geschichte des Missbrauchs

Erst Rebecca, die sie mitten in eine Geschichte des Missbrauchs und der aktiven Duldung, die in einem Mord münden, hineinzieht, lässt die Mauern der selbst auferlegten Zurückhaltung brechen. Doch selbst dabei bleibt Eileen ihrem Wesen treu; es erfolgt kein wütender Amoklauf, sondern eine kühl kalkulierte Strafaktion, an deren Ende Eileens Abkehr von X-ville steht. Kein Spoiler, da die gewählte Erzählperspektive den Ausgang von Beginn an offenlegt.

Zu viele Kriminalromane haben Kindesmissbrauch zur simplen, auf emotionale Effekte aufbauende Alibifunktion für spätere Serienkiller verkommen lassen. Davon ist »Eileen« weit entfernt. Gerade weil es nicht ins Zentrum rückt, sondern nur eine, wenn auch bedeutende, Episode am Rande ist. Die Fassungslosigkeit und das Grauen des Missbrauchs speisen sich daraus, dass Rebeca die Worte fehlen, um der, in diesem Fall, völlig unbedarften Eileen überhaupt begreiflich zu machen, worin der körperliche Akt des Missbrauchs zwischen Vater und Sohn überhaupt besteht. Eileen, die durch die Polizeiarbeit und die gewalttätigen Wahnideen ihres Vaters eine recht dezidierte Vorstellung von dem hat, was Menschen einander antun können, ist außerstande zu verstehen, zu welchen Grausamkeiten Eltern ihren Kindern gegenüber fähig sind.

Dies erhält eine weitere Dimension, da der Text vermuten lässt, das Eileens Vater ihrer Schwester ähnliches angetan hat und sie selbst nur in Ruhe lässt, weil er sie nach eigenem Bekunden zu hässlich und mager findet. Was Eileen ihrer Schwester, die das gemeinsame Heim längst verlassen hat, übel nimmt und jeden Kontakt abbricht. Das ist wie viel zu oft: Die Opfer werden ein weiteres Mal bestraft oder bestrafen sich selbst, die Täter kommen fast ungeschoren davon.

Moshfegh arbeitet hier, wie sie es auch an anderen Stellen gut und gerne tut, mit einer Spiegelung: Das Zuhause der Dunlops ist ein kleineres, selbst gestaltetes Abbild des Jugendgefängnissees, das Eileen »Moorehead« nennt.

Eine hervorragende Autorin etabliert sich

»Eileen« ist kein finsteres Nachtstück für zwischendurch, sondern ein komplexer Roman, der mit dieser Komplexität aber nicht hausieren geht, sondern sie mittels der ungemein geschickten Dramaturgie, seiner Ambivalenz, gerade was die Zeichnung der Charaktere angeht, spannend und gelegentlich voller hinterhältiger Komik aufbereitet. Sprachlich ein Genuss, der in der feinen Übersetzung Anke Caroline Burgers erhalten bleibt. Ein Roman, wie geschaffen zum mehrfachen Lesen. Selbst eine Beschäftigung mit »Eileen« unter rein psychopathologischen Gesichtspunkten wäre eine lohnende Angelegenheit. Was »McGlue« mit Macht andeutete, festigt »Eileen« eindrücklich: Ottessa Moshfegh ist eine großartige Autorin, die hoffentlich gekommen ist, um zu bleiben.

* David Byrne, ** Laura Marling

Jochen König, Oktober 2017

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