London Killing von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel The hollow man, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Blessing.
- London: Jonathan Cape, 2011 unter dem Titel The hollow man. 374 Seiten.
-
München: Blessing, 2012.
Übersetzt von Wolfgang Müller.
ISBN:
978-3896674388. 480 Seiten.
'London Killing' ist erschienen als
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In Kürze:
Es sieht nicht gut aus für Detective Nick Belsey: Er hat einen Haufen Schulden – verursacht durch zwei hartnäckige Exfrauen und einen ausschweifenden Lebenswandel –, kein Dach mehr über dem Kopf und ein Disziplinarverfahren am Hals. Fieberhaft überlegt er, wie er sich aus dem Staub machen könnte. Da landet ein Fall auf seinem Schreibtisch: Ein russischer Oligarch aus dem reichsten Stadtteil Londons, Hampstead Heath, ist spurlos verschwunden. Belsey fängt an, auf eigene Faust zu ermitteln, denn in ihm reift ein Plan – die Identität des Vermissten könnte ihm dabei helfen, sich heimlich abzusetzen und ein neues Leben anzufangen. Als er bemerkt, dass jemand vor ihm bereits dieselbe Idee gehabt hat, hält ein zielsicherer Auftragskiller bereits die ganze Stadt in Atem. Belsey steckt mittendrin in einem Strudel aus Korruption und Finanzbetrug und versucht abzutauchen, bevor er untergeht …
Das meint Krimi-Couch.de: »Zocker, Killer und ein Anti-Held«
Krimi-Rezension von Andreas Kurth überspringen
In seinem Erstlingswerk präsentiert Oliver Harris den Lesern einen echten Anti-Helden. Nick Belsey ist ein Großstadt-Polizist, wie ihn das schlimmste Klischee zeichnen würde. An diese ambivalente Figur muss man sich beim Lesen also erst mal gewöhnen. Über diesen von Alkoholismus und Spielsucht getriebenen Detective wird es geteilte Meinungen geben, man wird individuell entscheiden müssen, wie man so eine Figur einordnet und beurteilt. Auf alle Fälle versteht es Harris hervorragend, seinem Protagonisten problemlos die Rolle des gejagten Underdogs auf den Leib zu schneidern, der ein gewisses Mitleid seitens der Leserschaft verdient. Bei allen Defiziten, auch in Sachen Vorschriften und korrektes Verhalten, ist Belsey offensichtlich kein böser Bube, sondern einfach ein Kind der Verhältnisse. Er kennt sich in London und den für ihn relevanten Teilen der Unterwelt bestens aus, aber im Laufe der Handlung trifft er nicht immer die besten Entscheidungen.
Er will sich ins Ausland absetzen, und dafür das Geld des toten Russen nutzen. Ein nachvollziehbare Entscheidung - aber der smarte Detective wird dann von den Ereignissen förmlich überrollt. Dabei wird er ständig in die Defensive gedrängt, was ihn für den Leser wiederum durchaus sympathischer macht. Die beharrliche Art von Oliver Harris, seinen Protagonisten als eigentlich guten Kumpel darzustellen, dem das Schicksal einfach etwas zu heftig auf die Füße tritt, hat auch bei mir im Zuge der Lektüre dazu geführt, dass ich Nick Belsey beim Lesen gewissermaßen die Daumen gedrückt habe, er möge seine Sachen wieder auf die Reihe bekommen. Der Autor jubelt dem Leser seinen Anti-Helden irgendwie als liebenswerte Person unter, und das macht er außerordentlich geschickt.
Die Rolle des russischen Oligarchen, der scheinbar nach London gekommen ist, um hier Geschäfte zu machen, und dann Selbstmord beging, bleibt für Leser und Protagonist lange Zeit völlig im Dunkeln. Als Belsey heraus findet, dass einige Menschen hinter dem Russen her waren, muss er zweigleisig fahren und sein Verschwinden unter neuem Namen organisieren, gleichzeitig aber auch herausfinden, was hinter den neuen Interessen des russischen Geschäftsmannes in der britischen Hauptstadt genau steckte. Das vom Autor inszenierte Verwirrspiel ist überaus interessant, etwas mehr rasante Action oder Spannung hätte Oliver Harris für meinen Geschmack jedoch durchaus einbauen können. Die Geschichte lebt weitgehend von den vielen Fragen, die der Protagonist hinter jeder neuen Antwort findet. Das verzwickte Rätsel ist im Grunde wirklich gut erzählt und vermag den Leser zu fesseln, aber einige Wendungen kommen dann doch zu vorhersehbar daher.
Positiv fällt allerdings auf, dass der Autor sich nicht in langweiligen Schilderungen der Verhältnisse in London verliert. Die Beschreibung seiner Schauplätze beschränkt er auf das notwendige Maß, das Bild der geldgierigen City wird eher von den handelnden Figuren geprägt. London Killing ist das erste Buch von Oliver Harris, gut recherchiert und wirklich lesbar geschrieben. In England wurde das Werk gefeiert, aber in die oberen Ligen der Autoren ist es für Harris noch ein langer Weg. Erfreulich ist auf jeden Fall, dass es mit Nick Belsey weitere Romane geben soll. Wenn der Autor dabei an seinen Schwächen arbeitet, dürfte die Reihe recht interessant werden.
Andreas Kurth, April 2012
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