Im weißen Kreis von Oliver Bottini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 bei DuMont.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland, 1990 - 2009.
Folge 6 der Louise-Bonì-Serie.

  • Köln: DuMont, 2015. ISBN: 978-3832196998. 350 Seiten.

'Im weißen Kreis' ist erschienen als Taschenbuch E-Book

In Kürze:

Louise Bonì, Hauptkommissarin der Kripo Freiburg, erhält von einer Informantin den Hinweis, dass ein Mann zwei Waffen bei russischen Kriminellen gekauft habe. Louise geht der Sache nach, um ein mögliches Verbrechen zu verhindern. Ihre Ermittlungen führen sie in die Neonazi-Szene, und durch einen Zeitungsartikel stößt sie auf ein »perfektes Opfer«: Ludwig Kabangu, ein Ruander, der von der Universität Freiburg die Gebeine eines Ahnen zurückfordert. Deutsche Wissenschaftler hatten diese hundert Jahre zuvor zum Zweck der Rassenforschung nach Freiburg gebracht. Um ihn zu schützen, begleitet Louise Kabangu und tatsächlich werden sie kurz darauf von zwei bewaffneten Männern überfallen. In höchster Not greift überraschend ein Sondereinsatzkommando ein und tötet die Angreifer ein Einsatz, der offenbar vom Innenministerium in Stuttgart angeordnet wurde. Doch weshalb und in wessen Auftrag handelten die Täter? Als wenig später Louises Informantin ermordet wird, ist klar, dass die Gefahr für Ludwig Kabangu noch nicht vorbei ist …

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Klukluxer unter uns« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Im weißen Kreis, der sechste Roman der Louise-Boni-Reihe, erschien im Herbst letzten Jahres. Autor Oliver Bottini hatte sich für seine Krimi-Reihe eine Auszeit von fünf Jahren genommen und sich zwei Solo-Projekten (Der kalte Traum, 2012 – Ein paar Tage Licht, 2014) gewidmet. Eine Krimi-Serie über eine längere Zeit ruhen zu lassen, kann manchmal sinnvoll sein, birgt aber auch Risiken. Allgemein ist zu beobachten, dass die Qualität von Krimi-Reihen – bei wenigen Ausnahmen – mit zunehmender Folgenzahl abnehmen kann. Das liegt unter anderem daran, dass Autoren unter Druck stehen, mindestens einmal im Jahr für Nachschub zu sorgen, wie wir Leser, aber auch die Verlage es erwarten. Eine Pause bietet dem Autor die Chance, sich zu konsolidieren, fokussieren oder sich anders zu orientieren. Aber in der heutigen schnelllebigen Zeit besteht auch die Gefahr, die Aufmerksamkeit der Leserschaft zu verlieren, wenn neues Lesefutter zu lange ausbleibt.

Die Louise-Boni-Freunde mussten insoweit nicht darben, als dass es fürs Fernsehen fantastische Verfilmungen der Romane Mord im Zeichen des Zen und Jäger in der Nacht mit der charismatischen Melika Foroutan in der Hauptrolle gab.

Für Hauptkommissarin Louise Boni von der Freiburger Kripo gab es keine Pause. Wir schreiben das Jahr 2006. Ganz Deutschland bereitet sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft in eigenen Lande vor. Louise Boni macht einen stabilen Eindruck. Ihre Alkoholkrankheit hat sie weiterhin im Griff, obwohl sie den Tod eines eng befreundeten Kollegen und das wahrscheinliche Ende einer Liebesbeziehung verarbeiten muss. Während die Nation dem Großereignis entgegen fiebert, das im Nachhinein als »Das Sommermärchen« in die Geschichte eingehen wird, sieht sich die Kommissarin mit »Dunkel-Deutschland« konfrontiert.

Von einem Undercover-Agenten bekommt Louise den Hinweis, dass eine seiner Informantinnen einen Waffendeal beobachtet habe. Keine große Sache: Zwei Pistolen sowjetischer Bauart mit Schalldämpfer haben den Besitzer gewechselt. Die Zeugin kann den Käufer nur vage beschreiben, hat sich aber Modell, Farbe und Teile des Kennzeichens seines Autos merken können. Per Ausschlussverfahren in der Kfz-Datenbank kann der Halter zweifelsfrei ermittelt werden. Es handelt sich um den 84-jährigen Friedrich Krüger, der, wie man später feststellt, Mitglied der SS und Wachmann in Auschwitz gewesen war. Krüger hat aber ein wasserdichtes Alibi, nur sein Auto nicht. Über einen gewissen Ricky Janisch, Angehöriger der »Brigade Südwest«, einer regionalen, rechtsradikalen Gruppierung, führt die Spur zu weiteren Personen mit Alt- oder Neo-Nazi-Hintergrund. Louise fürchtet einen fremdenfeindlichen Anschlag.

Bundesweit waren die Behörden zu besonderer Aufmerksamkeit vergattert worden, alles zu verhindern, was vor, während und nach der Fußball-WM das Image Deutschlands als gastfreundliches Land schaden könnte. Die Ermittler in Freiburg rätseln darüber, wer ein potenzielles Opfer eines Anschlags mit den illegalen Waffen werden könnte. Louise wird von einer Kollegin auf das Bild eines Schwarzafrikaners in einer Tageszeitung aufmerksam gemacht. In einem kurzen Artikel dazu heißt es, dass Ludwig Kabangu aus Ruanda in Freiburg weile, um von der Uni Freiburg die Rückgabe eines Totenschädels zu fordern. Besagter Schädel sei Anfang des 20. Jahrhunderts von den deutschen Besatzern in Ostafrika im Rahmen einer Studie zur Rassenhygiene widerrechtlich aus einer Grabstätte entfernt worden.
Im Gegensatz zu Kollegen und Vorgesetzten ist für Louise Kabangu das perfekte Opfer. Sie versucht, einen freiwilligen Rund-um-die-Uhr-Schutz für ihn zu organisieren. Dabei läuft einiges schief, nicht zuletzt, weil der alte weise Mann aus ganz persönlichen Motiven heraus gar nicht geschützt werden will.

Der Rechtsextremismus in Deutschland ist ein komplexes Thema, über das schon etliche Bücher geschrieben worden sind und noch geschrieben werden können. Allein schon was im Rahmen der Aufarbeitung der NSU-Morde über verschiedenste Neonazi-Gruppierungen, die fragwürdigen Aktivitäten der V-Leute und das Versagen der Geheimdienste und Polizeibehörden bekannt geworden ist, wirft eine Unmenge an Fragen auf. Blickt man zurück in die Geschichte, kann man feststellen, dass die sogenannte Entnazifizierung nach dem 2. Weltkrieg nicht funktioniert hat. Es ist bekannt, wieviel braune Gesinnung sich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens festgesetzt hat. Deren Gedankengut stirbt nicht mit ihnen, sondern hat sich längst verbreitet und infiziert die Köpfe junger Menschen. In diesem Zusammenhang muss man sich nicht über Angriffe auf Asylanten-Unterkünfte, PEGIDA-Demonstrationen oder Abschottungsparolen gegenüber Flüchtlinge wundern.

Ein Kriminalroman, das weiß auch Oliver Bottini, kann nur begrenzt Aufklärungsarbeit leisten, aber er kann Denkanstöße geben. Bemerkenswert neben den vielen Aspekten zur Rechten Szene sind die Hinweise auf die Aktivitäten des Ku-Klux-Klans in Deutschland. Ein dramatischer Höhepunkt des Romans ist eine nächtliche Kreuzverbrennung durch die Aktivisten des Rassistenbundes.

Oliver Bottinis Schaffenspause hat der Louise-Boni-Reihe gut getan. Der Stil des Autors ist prägnanter geworden. Kleinteilige Ermittlungsschritte und ausführliche Beschreibung des Settings sind bis auf das Notwendige reduziert. Der Schwerpunkt liegt jetzt eindeutig auf den Dialogen, was zu einem dicken Plus an Tempo und Spannung führt. Man müsste den Autor mal fragen (wir werden es tun), ob er bei der Arbeit an diesem Roman schon an eine mögliche Verfilmung gedacht hat. Davon abgesehen gehört Im weißen Kreis zum Besten, was Krimi in Deutschland zu bieten hat.

Jürgen Priester, Mai 2016

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leseratte1310 zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 02.01.2016
Louise Bonì wird von einem ehemaligen Kollegen, der nun undercover ist, auf ein illegales Waffengeschäft aufmerksam gemacht. Alles deutet darauf hin, dass die rechte Szene eine Mord plant. Nun gilt es herauszufinden, wer das Ziel ist. Es stellt sich heraus, dass Ludwig Kabangu aus Ruanda das Opfer sein könnte. Er ist in Deutschland, um die Knochen des Großvaters seiner Frau nach Afrika zu holen. Diese wurde während der Kolonialzeit Anfang des 20. Jahrhunderts nach Deutschland gebracht, um daran Forschungen zu betreiben.
Obwohl es nicht unbedingt erforderlich ist, die Vorgängerbände des Buches „Der weiße Kreis“ zu lesen, wäre es dennoch sinnvoll gewesen, diese Bände zu kennen. Einiges hätte sich vielleicht eher erschlossen beziehungsweise wäre deutlicher geworden.
Louise Bonì ist eine Vollblutpolizistin, daher kennt sie keinen Feierabend und geht mutig, manches Mal sogar leichtsinnig in die Ermittlungen. Sie verlässt sich oft auf ihr Bauchgefühl und lässt Anordnungen oder Befehle außer Acht. Bei Befragungen geht sie oft sehr ruppig vor und auch bei Kollegen ist nicht sonderlich rücksichtsvoll. Auch in ihrem Privatleben gibt es einige Baustellen, Ihre Alkoholsucht hat sie zwar überwunden, aber mangelnde soziale Kontakte machen ihr zu schaffen.
Louise will einen Mord auf alle Fälle verhindern. Daher übernimmt sie auch einige Male selbst die Überwachung von Kabangu, der es der Polizei wirklich nicht leicht macht. Bei den Ermittlungen kommen immer mehr radikale Gruppierungen ins Spiel, so dass man leicht den Überblick verlieren konnte. Aber auch andere Sicherheitsbehörden torpedieren die Ermittlungen.
Ganz nebenbei erfuhr man auch noch einiges über den Völkermord in Ruanda.
Dieser anspruchsvolle Krimi präsentiert interessante und komplexe Charaktere. Das undurchsichtige Umfeld ist sehr realistisch geschildert. Dieses Buch kommt ohne reißerische Action aus und ist trotzdem sehr spannend.
dubh zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 06.12.2015
Spannung mit einem brisanten, realistischen Hintergrund

Hauptkommissarin Louise Bonì erhält in ihrem sechsten Fall von einem Kollegen, der als verdeckter Ermittler arbeitet, den Hinweis, dass ein Mann zwei Pistolen im kriminellen russischen Milieu erstanden hat. Demnächst steht die Fußballweltmeisterschaft an und so folgt Bonì der Spur der beiden Waffen, um einen möglichen Anschlag oder ein anderes Verbrechen zu verhindern. Einigermaßen überrascht muss sie feststellen, dass sie bei ihren Nachforschungen wiederholt auf rechtes Gedankengut stößt: nicht nur der Besitzer des Wagens, mit dem die Schusswaffen aus Baden-Baden abgeholt wurden, ist ein alter Nazi, sondern auch der Fahrer des Autos am fraglichen Abend ist als Neonazi aktiv. Bei der folgenden Observierung stellt sich die Frage, wie tief andere Teile der rechten Szene in den Pistolenkauf verstrickt ist und was hier geplant wird...

Bonì ist gewohnt engagiert, was die Suche nach dem Plan, der hinter dem Waffenkauf steckt, und einem möglichen Opfer angeht. Dabei geht sie bisweilen etwas ruppig vor und man merkt auch sonst recht schnell, dass sie kein einfacher Mensch ist. Sie verarbeitet noch den Verlust ihres ehemaligen Vorgesetzten Bermann und ist eigentlich noch nicht reif für dessen Nachfolger, den 'zugereisten' Leif Enders, der erstaunlich dicht an seiner Ermittlerin ist und sie ab und an bei Befragungen begleitet. Doch die beiden harmonieren recht gut - und Bonì kommt auch so zu ihren riskanten Alleingängen. Die Hauptkommissarin hat ihre Alkoholsucht im Griff, nun wäre es noch wünschenswert, dass sich ihr Privatleben etwas zu ihren Gunsten ordnet.

Oliver Bottini hat mit "Im weißen Kreis" einen brandaktuellen, sehr gut recherchierten Krimi vorgelegt, der die ein oder andere deutlich erkennbare Parallele zur jüngeren deutschen Geschichte aufweist. Sei es der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn, die sogenannten 'Dönermorde', bei denen die einseitigen Ermittlungen noch heute äußerst beschämend sind oder aber auch etwas länger zurückliegende rassistische Forschungen, deren Zeugen noch heute in einigen deutschen Universitäten zu finden sind...

So steht für mich auch nicht die vielleicht etwas sperrige Hauptfigur im Vordergrund, sondern die Handlung an sich, die deutlich macht, wie unrühmlich der deutsche Staat (bzw. einige seiner Behörden) auf den Terror der NSU reagiert hat. Zudem zeigt der Autor hier sehr gekonnt das rechte Netzwerk, dass nicht nur aus offensichtlichen Parteien und ihren Organisationen besteht, sondern auch aus Freien Kameradschaften, Autonomen Nationalisten, einem Ableger des US-amerikanischen Ku-Klux-Klans, etc. Hier haben mich auch die vielen Details, die Oliver Bottini einbaut - wie beispielsweise die Tendenz der Autonomen Nationalisten, sich optisch den Antifas anzupassen - überzeugt, da sie deutlich machen, dass der Autor viel Ahnung von der Materie hat.

Auch die Sprache Oliver Bottinis hat mich beeindruckt. Eher ungewöhnlich, diese kurzen, reduzierten Sätze, die so treffsicher erzählen - aber für mich haben sie alles transportiert, was ich für einen intelligenten, politischen und packenden Roman benötige und somit war ich schon nach wenigen Seiten überzeugt. Dabei vernachlässigt der Autor den Spannungsbogen keinen Augenblick und findet einen realistischen wie beängstigenden Schlusspunkt.

Für mich eine Leseempfehlung, weil dieses Buch so viel mehr als nur ein richtig guter Krimi ist. Manche Spannungsromane können mit den richtigen kritischen Fragen mehr bewirken als eine einzelne Nachrichtensendung - "Im weißen Kreis" ist genau so ein Beispiel. Weshalb ich dem Autor und seinem Werk eine große Leserschaft wünsche!
SusanneL. zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 29.11.2015
Inhaltsangabe:

Ein illegales Waffengeschäft ruft die Freiburger Hauptkommissarin Louise Bonì auf den Plan. Ist etwa ein Anschlag geplant? Bonìs Ermittlungen führen in die Neonazi-Szene – und auch schnell in eine Sackgasse. Doch dann taucht Ludwig Kabangu auf – aus Ruanda stammend und in einer heiklen Mission unterwegs. Könnte er das Ziel des Anschlags sein? Louise und ihre Kollegen bekommen bald zu spüren, dass in diesem Fall die Fäden von sehr weit oben gezogen werden ...

„Im weißen Kreis“ ist der 6. Band um Louise Bonì.

Meine Meinung zum Buch:

Mit „Im weißen Kreis“ hat Oliver Bottini einen weiteren packenden Krimi mit sehr aktuellen Bezügen geschrieben.

Die Geschichte ist spannend aufgebaut: ein kurzer Prolog erleichtert den Einstieg und stellt das erste Rätsel des kommenden Falles. Die folgende Ermittlungsarbeit von Louise Bonì wirkt sehr authentisch und ich hatte das Gefühl, dass die alltägliche Polizeiarbeit genauso ablaufen könnte. Doch es geht nicht nur um die großen Fische, auch bei den „kleinen“ Ermittlungstätigkeiten wird das Lesen nicht langweilig, die Spannung hält sich die ganze Zeit auf einem hohen Niveau. Die Auflösung erscheint mir glaubwürdig und ich habe das Ende der Geschichte als rund empfunden. Natürlich bleiben ein paar Fragen offen – aber so ist es nun mal im wahren Leben auch.

Louise Bonì ist eine interessante Figur, der ich gerne durch die Geschichte gefolgt bin. Da dies schon der sechste Band der Reihe ist, hat sie schon einiges erlebt und trägt ihr Päckchen mit sich, aber gerade das macht sie spannend. Ich mag es, wenn Figuren nicht ganz so glatt sind, sondern ein paar Ecken und Macken haben.

Auch Bonìs Kolleginnen und Kollegen sind gut charakterisiert, ich konnte sie mir immer gut vorstellen und sie auch später noch wiedererkennen. Genauso ging es mir bei den „Bösen“ in der Geschichte – und ich fand es beeindruckend, wie das unterschwellig Böse auch in scheinbar einfachen Dialogen durchschimmern konnte. Das war wirklich großartig gemacht – ein paar Figuren machten mir Gänsehaut.

Sprachlich ist das Buch sehr prägnant, die Sätze sind eher kurz, aber das passt ganz genau zu der Geschichte und den Charakteren.

Insgesamt hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es hat mich gefesselt und ich werde auch nach dem Ende noch eine Weile über die Geschichte nachdenken müssen. Das Buch lässt den Leser nicht so einfach los.

Mein Fazit: Buchtipp!
manni zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 16.11.2015
Hochaktueller(NSU Prozess) Boni Krimi, toll geschrieben, spannend und zum Ende hin sehr emotional. Bottini schreibt aus einem Guss, ich hab ein Wochenende durchgelesen, es hal sich gelohnt. Auf knappen 300 Seiten beschreibt der Autor BRD Zustände(LKA, Verfassungsschutz), da wird mir Angst und Bange. Das er das fragile Profil von Boni noch schärfen kann spricht für das Können des Autors und ist auch ein Anlass die Serie von Beginn an zu lesen. 85°! Weiter so.
liva zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 04.11.2015
Die Protagonistin in diesem Roman ist die Kriminalkommissarin Louise Boni. Sie ist herrlich kompliziert mit einigen Ecken und Kanten. Unangepasst geht sie ihren eigenen Weg, lässt sich nicht gerne etwas sagen. Bei ihren Kollegen im Freiburger Dezernat gilt sie als stur und eigensinnig und ist für ihre Alleingänge bekannt. Aber Louise grübelt auch ab und an und obwohl sie “ihr Gedächtnis passabel auf Verdrängung eingestellt hatte“ (Zitat Seite 45), schleichen sich immer wieder Gedanken an die Toten in ihren Kopf. Gedanken an den lange verstorbenen Bruder und an ihren Mentor und früheren Chef Bermann. Sie scheint von Trauer und Einsamkeit umgeben und weil sie nicht mehr trinkt, damit alles besser zu ertragen ist, stürzt sie sich in die Arbeit.

In ihrem sechsten Fall, einem Fall, der am Anfang der Geschichte mitnichten einer ist, denn Louise hat lediglich den Hinweis eines verdeckten Ermittlers, dass zwei russische Waffen den Besitzer gewechselt haben, ermittelt sie zum ersten Mal unter dem neuen Chef Enders. Zunächst beschnüffeln sich beide, trauen sich noch nicht über den Weg, doch bald muss Louise Boni feststellen, dass sie auf einer Wellenlänge sind. Dennoch macht sie sich alleine auf den Weg. Die ersten Spuren führen zu einem Kreis von Neonazis. Was als schnöde Polizeiarbeit beginnt, wird bald zur Jagd auf ein überregionales rechtsextremistisches Netzwerk. Ganz schnell steigt die Zahl der Verdächtigen, doch keiner von ihnen lässt sich so richtig durchschauen. Louise Boni steht unklaren Aussagen, falschen Alibis und unglaublicher Arroganz und Überlegenheit gegenüber. Obwohl sie ein klares Bild vor Augen hat, auf wen der rechtsradikale Anschlag verübt werden soll, kann sie zunächst niemandem etwas beweisen. In ihr macht sich Machtlosigkeit und Ohnmacht breit. Man rät ihr zu Geduld, doch das ist nicht Louise Boni‘s Sache.

Oliver Bottini erzeugt mit seinen kurzen Sätzen in einem gewissen Stakkato-Stil eine unglaubliche Spannung. Er rast durch die Handlung, als fehle ihm die Zeit für einzelne kleine Worte. Und gerade das verdeutlicht den Hochdruck, mit dem die Ermittler hier arbeiten. Lediglich seiner Protagonisten lässt er alle Zeit für ihre Gedankengänge. Bottini labert nicht, redet nicht um die Dinge herum, sondern kommt mit jedem Satz auf den Punkt. Er hat etwas zu sagen. Sein Spiel mit Sprache und Ausdruck ist einzigartig!

Die gleiche Ohnmacht, wie sie die Protagonistin spürt, erfährt auch der Leser. Das Thema, gerade weil aktuell und allgegenwärtig, ist beängstigend, macht wütend und nachdenklich. Bottini trifft damit ins Schwarze macht aufmerksam auf die sich ausbreitende braune Gesinnung!

http://buchlesetipp.blogger.de
Lienz zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 18.10.2015
IM WEIßEN KREIS offeriert eine Kommissarin mit gequälter Seele: „Sie ist Polizistin geworden, um den Tod in den Griff zu bekommen.“
Den Tod in den Griff bekommen – eine vielschichtige, tiefgründige Aussage. Die man wörtlich oder im übertragenen Sinne lesen kann.
Louise Bonì erinnert in ihrem Versagen an das Bild, das wir im Süden außerhalb Deutschlands von der Polizei häufig haben. Sie ist keine Heldin, fast denke ich an die Figuren eines Major Schäfer, ein wenig sogar an Montalbano. Jedoch ohne deren versteckten Charme.
Auf jeden Fall ist Bottinis Kommissarin ein kantiger Charakter. Kann nicht zuhören. Ist wie ein besessener Spürhund auf seiner Fährte. Hat kein Leben und achtet nicht auf ihren Körper. Eine Frau, die sehr viel von einem Mann in sich trägt. Sie hat durchaus kafkaeske Züge. „Ich bin alle zehn Plagen.“ Grundsätzlich ist das gut.
Die Handlung selbst erinnert mich in ihrer sehr realitätsnahen Ausgestaltung an die Hoffnungslosigkeit, die Damiano Damiani ab 1984 in „La piovra“ [dt. Titel „Allein gegen die Mafia“] zeigte.

Sprachlich zeigt Bottini große Finesse. Beispielsweise versteht er es, rhythmisch zu schreiben, beispielhaft sei S. 237 genannt: „Hörte sich, als das Telefon summte, an, was Leif Enders zu sagen hatte.“
Ebenso gelungen finde ich die Dialoge. Bottini führt zudem vor, was die allgemein als harsch und unmelodisch empfundene deutsche Sprache tatsächlich kann, indem er neue Wortverbindungen schöpft, neue Konnotationen bildet, Deutsch als Sprache zum Stimmungsträger macht. Dafür gebührt ihm großes Lob!

Ein Krimi, der sich vom Mainstream in beeindruckender Weise abhebt. Einzige Kritikpunkte: Die ständig vorhandenen Geister und die Darstellung des Kabangu. „Wir Afrikaner …“. Das passte m.E. nicht zum intelligenten Krimi.
Baerbel82 zu »Oliver Bottini: Im weißen Kreis« 13.10.2015
Das große Ganze

„Im weißen Kreis“ ist bereits der sechste Fall für die unkonventionelle Hauptkommissarin Louise Bonì aus Freiburg. Dennoch handelt es sich um eine eigenständige, in sich abgeschlossene Geschichte, die ohne Vorkenntnisse lesbar ist. Worum geht es?
Oliver Bottini hat der Geschichte einen Prolog vorangestellt, in dem 2004 in Karlsruhe zwei Polizisten einem Anschlag der rechten Szene zum Opfer fallen.
Zwei Jahre später in Freiburg: Wir lernen Louise Bonì kennen. Louise ist trockene Alkoholikerin, ihr Chef Bermann ist verstorben, ihr Freund Ben meldet sich nicht mehr und Kollege Kilian arbeitet undercover in Baden-Baden.
Von ihm erfährt sie, dass ein Mann zwei Pistolen bei einem russischen Kriminellen gekauft hat. Ist ein neuer Anschlag geplant? Wo und auf wen? Ludwig Kabangu aus Ruanda, der in Freiburg weilt, um die Gebeine eines Urahnen heim zu holen, scheint das perfekte Opfer zu sein.
Die Spur führt zu dem rechtsradikalen Neonazi Ricky Janisch. Er wird offenbar vom Staatsschutz überwacht. Und nun hat sich auch Louise an ihm festgebissen. Doch kurz darauf ist Janisch tot. War Janisch ein V-Mann? Wurde er ermordet, weil er zu viel wusste?
Oliver Bottini hat die Hintergründe bestens recherchiert und analysiert. Die Verstrickung von Polizei und Verfassungsschutz, die hier geschildert wird, scheint plausibel und beklemmend. Genau wie im wirklichen Leben wird gemauschelt und vertuscht, werden faule Kompromisse geschlossen und die Ermittler „von ganz oben“ zurückgepfiffen bzw. kaltgestellt.
„Im weißen Kreis“ ist eine düstere Geschichte über ein dunkles Kapitel deutsch-afrikanischer Vergangenheit. Aber es geht auch um Rechtsradikalismus, um Strukturen, die viele Parallelen zum tatsächlich existierenden Nationalsozialistischen Untergrund haben. Was ist Fiktion, was ist Realität?
Alles in allem ein solider Ermittlerkrimi in der rechtsextremen Szene. Nur mit Louise bin ich nicht wirklich warm geworden. Mit ihr konnte ich mich nicht identifizieren, ihr Handeln oft nicht nachvollziehen. Ihre Alleingänge werden ihr fast zum Verhängnis.

Fazit: Gelungene Mischung aus Dichtung und Wahrheit zum Thema Neonazi-Strukturen. Starker Stoff. So muss Krimi.
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