Der kalte Traum von Oliver Bottini

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 bei DuMont.

  • Köln: DuMont, 2012. ISBN: 978-3832196592. 448 Seiten.

'Der kalte Traum' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Rottweil, eine idyllische Stadt in Schwaben: Sasa Jordan steht vor dem Hof der Familie Bachmeier und wartet. Sie sehen ihn von drinnen. Aber er wartet ab. Er hat Zeit. Zeit ist alles, was er braucht, bis sie zermürbt sind  bis sie ihm freiwillig geben, was er will. Thomas Cavar war Deutscher. Gerade hatte er sein Abitur bestanden, die Zukunft wirkte vielversprechend. Doch dann kam der Krieg, der alles änderte: War nicht Kroatien seine richtige Heimat? Musste er nicht kämpfen für die Unabhängigkeit? Thomas Cavar kämpfte  und fiel. Jetzt, fünfzehn Jahre später, tauchen plötzlich Fragen zu seinem Tod auf: Yvonne Ahrens, Journalistin in Zagreb, stößt auf Hinweise zu kroatischen Kriegsverbrechen und auf einen Soldaten, der daran beteiligt gewesen sein soll. Richard Ehringer, Ex-Politiker, bittet seinen Neffen bei der Polizei in Berlin, mehr über Cavars Kriegseinsatz herauszufinden. Und Sasa Jordan, kroatischer Geheimdienstler, forscht in Rottweil nach. Dort, wo alles begann. Irgendjemand muss etwas über Cavar wissen  zum Beispiel, ob er noch lebt. Eine kaltblütige Hetzjagd beginnt &

Das meint Krimi-Couch.de: »Intensiver Plot vor dem Hintergrund des Krieges in Jugoslawien.« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

1991 ist die Welt für den Deutschen Thomas Cavar noch in bester Ordnung. Das Abitur erfolgreich bestanden, ein erstes Auto gekauft, lebt er mit Blick in eine  gemeinsame Zukunft mit seiner großen Liebe Jelena im beschaulichen Rottweil. Doch die Idylle bekommt einen Riss als der Krieg in Jugoslawien losbricht und sich der bis dahin unpolitische Thomas fragt, ob Kroatien nicht seine wahre Heimat sei? Er entscheidet sich zu kämpfen und stirbt 1995; begraben in einem serbischen Massengrab.

2010: In Rottweil erhält Markus Bachmeier, Thomas engster Jugendfreund, unerbetenen Besuch von Sasa Jordan, der für den kroatischen Geheimdienst arbeitet und auf der Suche nach Thomas ist. In Berlin bittet währenddessen der einst hochrangige Politiker Dr. Ehringer seinen Neffen, den Kripobeamten Lorenz Adamek, den Namen Thomas Cavar »zu recherchieren«. Er sei ein alter Freund, man habe sich jedoch leider aus den Augen verloren. In Zagreb entdeckt derweil die Journalistin Yvonne Ahrens ein Foto aus dem Jahr 1995, das Hinweise auf ein kroatisches Kriegsverbrechen, begangen durch einen jungen Soldaten, enthält.

Adamek stürzt in ein undurchsichtiges Wespennest bei dem zunächst die nahe liegende Frage zu klären ist, warum fünfzehn Jahre nach Cavars Tod plötzlich mehrere Leute nach ihm suchen und dabei selbst vor Gewalt nicht zurückschrecken? War Thomas damals an Kriegsverbrechen beteiligt und könnte dies womöglich entscheidenden Einfluss auf den zurzeit laufenden Prozess in Den Haag gegen den früheren General Ante Gotovina haben? Dieser befehligte damals die Operation »Sturm« und Thomas gehörte zu seiner Einheit. Je tiefer Adamek in den Fall einsteigt desto mehr kommt er zu der Erkenntnis, dass Thomas womöglich noch leben könnte. Dann wären allerdings einige Menschen in höchster Lebensgefahr&

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit Der kalte Traum hat Oliver Bottini einen glänzenden Politik-Thriller geschrieben, wenngleich sich dieser als schwer verdauliche Kost erweist. Können Sie mit den Abkürzungen HDZ, HOS, HVO, UDBA oder ICTY etwas anfangen? Zumindest das sogenannte »Haager Tribunal« könnten Sie kennen (ICTY = International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia). Doch  wer waren noch gleich die Herren Boljkovac, Izetbegovic, Karadzic, Milosevic und Tudman? Wer stand auf welcher Seite und in welcher Funktion? Dann gibt es noch serbische Serben, Krajina-Serben und so weiter und so fort. Allein das Glossar mit einer ausführlichen Übersicht über reale und fiktive Personen, Organisationen, Orte und Geschehnisse umfasst satte siebzehn Seiten und so ist es keine Untertreibung, dass der vorliegende Roman es mit jedem Geschichtsbuch zum »Serbien-Kroatien-Konflikt« aufnehmen kann. Höchst anspruchsvoll, aber wer hier den Überblick behalten will, steht vor keiner leichten Aufgabe.

»Es gab drei Möglichkeiten. Erstens, Thomas Cavar war nicht bei Kriegshandlungen ums Leben gekommen, sondern ermordet worden, vielleicht sogar hier, in Rottweil, nicht in Bosnien. Zweitens, er lebte. Drittens, die Phantasie ging mit ihnen durch.«

Die Handlung benötigt eine gewisse Anlaufzeit, zumal immer wieder die Gräueltaten von früher erzählt werden wollen, ja müssen, um überhaupt verstehen zu können, wie das alles zusammen hängen könnte. Waren die Serben die Kriegstreiber und die Kroaten die Opfer, die letztlich nur ihr Land zurückhaben wollten? Für Cavars Vater ist die Sache klar, in seinem Kopf gibt es nur Gut oder Böse. Keine Frage also, welche Rolle den verhassten Serben zufällt. Dumm nur, dass ausgerechnet seine angehende Schwiegertochter Jelena eine kroatische Serbin ist. Am Beispiel des Mikrokosmos der Familie Cavar macht Bottini deutlich, wie tief politische Ereignisse gepaart mit einer seit jeher ungesunden Mischung aus Unwissenheit und Vorurteilen sich auf das Verhalten eines Einzelnen auswirken können. Thomas und sein Bruder Milo fühlten sich immer als Deutsche, doch der Krieg veränderte viel; zumindest für Thomas.

Der kalte Traum spielt vor allem in den Jahren 1991 (»wo alles begann«) und 2010. Neben den aktuellen »Ermittlungen« auf zunächst drei verschiedenen Ebenen (Lorenz Adamek, Sasa Jordan, Yvonne Ahrens) gibt es immer wieder Rückblenden auf die damaligen Geschehnisse, bei der auch die damals strittige Rolle der deutschen Außenpolitik unter Kohl und Genscher (Alleingang bei der vorzeitigen Anerkennung Kroatiens) beleuchtet wird.

»Schöne Küste, aber zu wenig Öl.«

Wer sich für den Krieg im ehemaligen Jugoslawien oder ganz allgemein für Politik interessiert, erlebt hier eine grandiose »Geschichtsstunde«, für die man aber ein ordentliches Maß an Ruhe und Muße benötigt.

Jörg Kijanski, März 2012

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manni zu »Oliver Bottini: Der kalte Traum« 09.09.2013
Der perfekte (politische) Kriminalroman. Spannend von der ersten Seite an, geradlinig erzählt mit einem steigenden Tempo bis zum dramatischen Finale. Das dieser fürchterliche Krieg in Südosteuropa noch gar nicht so lange her ist wurde mir (Bj.1955) erst beim Lesen bewußt, was für eine tragische Geschichte. Alle Bottini Krimis sind erste Sahne, ich habe alle gelesen, ein toller, junger Autor. 85°!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Brigitte Schulz-van Lier zu »Oliver Bottini: Der kalte Traum« 23.03.2012
Wer sagt denn, dass man ein Buch nur einmal lesen kann?Das erste Mal geht es nur um die Geschichte (der Hauptpersonen), die spannend und aufwühlend ist.
Das zweite Mal, wenn die erste Neugier gestillt ist, kann man sich dann auf den politischen Hintergrund konzentrieren. Und wenn man man - zugegeben nur einigermaßen - die damilige politische Situation verstanden hat, kann man ganz entspannt alles nochmal lesen.Schritt 1 habe ich zu meiner Zufriedenheit erledigt und freue mich auf die weiteren Schritte.Ein sehr empfehlenswertes Buch für Leser, ide nicht nur unterhalten werden wollen, sondern auch darüber hinaus froh sind, wenn man ihnen die aufwendige Recherche-Arbeit abgenommen hat und nun die Früchte der Arbeit des Autors genießen können.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Brigitte Schulz-van Lier zu »Oliver Bottini: Der kalte Traum« 21.03.2012
Wer sagt denn, dass man ein Buch nur einmal lesen kann?Das erste Mal geht es nur um die Geschichte (der Hauptpersonen), die spannend und aufwühlend ist.
Das zweite Mal, wenn die erste Neugier gestillt ist, kann man sich dann auf den politischen Hintergrund konzentrieren. Und wenn man man - zugegeben nur einigermaßen - die damilige politische Situation verstanden hat, kann man ganz entspannt alles nochmal lesen.Schritt 1 habe ich zu meiner Zufriedenheit erledigt und freue mich auf die weiteren Schritte.Ein sehr empfehlenswertes Buch für Leser, ide nicht nur unterhalten werden wollen, sondern auch darüber hinaus froh sind, wenn man ihnen die aufwendige Recherche-Arbeit abgenommen hat und nun die Früchte der Arbeit des Autors genießen können.
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