Der letzte Tiger von Nora Luttmer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Vietnam / Hanoi, 2010 - heute.
Folge 2 der Kommissar-Ly-Serie.

  • Berlin: Aufbau, 2013. ISBN: 978-3-7466-2961-2. 272 Seiten.

'Der letzte Tiger' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Die Monsunzeit findet kein Ende, Hanoi steht unter Wasser. Truong, Tierpfleger und alter Freund von Kommissar Ly, wird tot aufgefunden. Stromschlag, heißt es. Doch Ly glaubt nicht an einen Unfall. Wenig späterprallt ein alter Nissan gegen die Mauer eines Tempels – und neben dem Fahrer liegt ein lebendiger Tiger. Bei einer Hausdurchsuchung stößt Ly auf weitere Tiere und erkennt, dass ein Riesengeschäft im Gange ist: Wild als Heilmittel, Aphrodisiakum und Delikatesse. Als er die entscheidenden Verbindungen erkennt, muss er gegen alle Regeln angehen, um die Hintermänner zu fassen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Nora Luttmer – Merken Sie sich den Namen!« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Monsumzeit. Die Straßen Hanois stehen unter Wasser und auch bei den im Erdgeschoss gelegenen Wohnungen sieht es oftmals nicht besser aus. Kommissar Ly erhält einen Anruf seines besten Freundes Truong, der ihn um ein Treffen bittet. Es eilt, doch Ly hat einen Termin im Präsidium. Später ist Truong telefonisch nicht mehr erreichbar, am nächsten Morgen liegt er tot in seiner Einzimmerwohnung. Auch diese stand unter Wasser, ein Stromschlag sei die Todesursache, wie bereits in 58 vorausgegangenen Fällen. Ein bedauerlicher Unfall, bei dem Ly nicht weiter ermitteln soll,  aber zumindest einen kurzen Blick in Truongs Wohnung muss erlaubt sein. Dort findet Ly einige Fotos von gefangen gehaltenen Tieren in offensichtlich viel zu kleinen Käfigen und eine Karte, auf der unter anderem die Provinz Son La  und der Ort Na Cai vermerkt sind.

Ly glaubt nicht an einen natürlichen Tod seines Freundes, aber ermitteln kann und  darf er nicht, denn ein weitaus spektakulärer Todesfall drängt sich vor. Am Literaturtempel fuhr ein Autofahrer gegen eine Mauer mit finalem Ausgang. Ly staunt nicht schlecht als er hinter dem toten Fahrer einen lebenden Tiger vorfindet, der bei seinem Transport durch Hanoi offenbar zu früh aus der Betäubung erwachte. Ly nimmt sich einen Kurzurlaub und begibt sich auf Spurensuche in Na Cai und stellt fest, dass die beiden Vorfälle offenbar zusammenhängen. Ly stürzt sich immer tiefer in die Arbeit und kommt einem ebenso großen wie illegalen Wildtierhandel auf die Spur, dessen Drahtzieher über Leichen gehen …

Packend erzählt, ernster Hintergrund.

Tiere in der traditionellen Medizin, so könnte das Motto von Nora Luttmers zweitem Krimi mit dem Protagonisten Pham Van Ly lauten. Der Tierhandel ist verlockend; einerseits winken Gewinne wie beim Drogenhandel, andererseits drohen verhältnismäßig geringe Höchststrafen von maximal sieben Jahren. Beim Drogenhandel droht die Todesstrafe. So werden Tiger, Bären, Wildkatzen, Nashörner und viele andere Tiere gejagt oder in Gefangenschaft gezüchtet, um sie beispielsweise zu Tigerknochenpaste zu verarbeiten, die bei Rheuma helfen soll. Dabei kosten den Kunden hundert Gramm stattliche zwanzig Millionen Dong, fast tausend Dollar.

»Sie übernehmen den Tigerfall.«
Ly sah seinen Chef entgeistert an: »Ich?«
»Sie, Genosse.«
»Es gibt neue Erkenntnisse zum Tod von Le Ngoc Truong. Kann nicht die Umweltpolizei...«
»Genosse«, unterbrach Parteikommissar Hung ihn. Seine Stimme bebte. »Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Dieser Tigerfall hat höchste Priorität.«

Kommissar Ly geht in seinem Beruf voll auf, was auch an seinem Familienleben liegt. Seine Mutter ist krank, sein Bruder stark dem Alkohol zugeneigt, seine Schwester lebt mit einem gewalttätigen Ehemann zusammen und die Beziehung zwischen Ly und seiner Frau Thuy ist höchst angespannt. Da kommen die neuen Ermittlungen gerade recht, würde Ly nur nicht immer wieder von seinem Parteikommissar Hung ausgebremst. Doch in Hanoi gehen politische Beziehungen und Korruption gerne Hand in Hand und so darf man nicht mal eben einer hochstehenden Parteigenossin auf die Füße treten.

Der Parteikommissar gab ein schmatzendes Geräusch von sich, sein Gebiss klackerte in seinem Mund. Er drückte es mit der Zunge fest und erklärte dann, dass die Regierung auf einer Konferenz in St. Petersburg die Sicherheit der Tiger zugesagt hatte. Ein lebender Tiger, der in einem Wagen mitten in Hanoi auftauchte, wecke da Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Regierung.

Neben dem beherrschenden Thema »Wildtierhandel« stellt uns die Autorin das Leben in Hanoi auf höchst anschauliche Weise vor. Oftmals führt Lys Weg in ein Lokal oder eine Garküche, wo es viele Speisen zu entdecken gilt, die neugierig machen. Nicht selten greift Ly dabei zu einer Vinataba, die sich häufig als schlechte chinesische Kopie der beliebten Zigarette entpuppt. Nora Luttmer verwendet viele vietnamesische Begriffe, was das Verständnis zunächst ein klein wenig erschwert, wenngleich die »Übersetzung« umgehend folgt. Dennoch, bei den oft ähnlich klingenden Namen und Bezeichnungen kann man schon mal irritiert sein. Alles in allem ist Der letzte Tiger ein packender Krimi mit einem ernsten Hintergrund, der einem noch dazu ein fremdes Land näher bringt. Was will man mehr? Richtig, eine Fortsetzung!

Jörg Kijanski, Februar 2014

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Walter Molt zu »Nora Luttmer: Der letzte Tiger« 02.01.2014
Ein gut erzählter, spannender Krimi, der ganz nebenbei in die vietnamesische Gesellschaft einführt, ihren Glauben und Aberglauben. Besonders anschaulich auch die Besonderheiten der vietnamesischen Küche und der traditionellen Medizin. Der Krimi schildert das Drama des Tierhandels, die Gleichgültigkeiten und alltägliche Korruption. Nicht nur spannend zu lesen, sondern auch eine hervorragende Einführung in das Alltagsleben in Vietnam. Die Autorin hat nicht nur exzellent beobachtet, sondern respektiert und liebt auch das Land.
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