Freier Fall von Nicolai Lilin

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2010 unter dem Titel Caduta libera, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Suhrkamp.

  • Turin: Einaudi, 2010 unter dem Titel Caduta libera. 326 Seiten.
  • Berlin: Suhrkamp, 2011. Übersetzt von Peter Klöss. ISBN: 978-3518462607. 398 Seiten.

'Freier Fall' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Weil er widerspenstig ist und eine kriminelle Vergangenheit hat, wird der achtzehnjährige Kolima zu den »Saboteuren« eingezogen, einer Spezialeinheit der russischen Armee für Aufträge hinter den feindlichen Linien. Er wird zum Scharfschützen ausgebildet. Seine Fluchtversuche werden vereitelt. Es folgen zwei Jahre Einsatz in Tschetschenien. Nach der Entlassung irrt er durch seine Heimatstadt Bender, schlaflos, voller Haß und Unrast, nicht ohne eine perverse Sehnsucht nach den klaren Verhältnissen des schmutzigen Krieges. Schließlich fährt er nach Sibirien, in der Hoffnung auf Besänftigung durch Einsamkeit und Natur.

Das meint Krimi-Couch.de: »Sie machten keine Gefangenen« 82°

Krimi-Rezension von Jürgen Priester

Männer im Krieg – Männer nach dem Krieg. In der Jugendzeit des Rezensenten gab es in seiner Familie ein großes Tabuthema: die Kriegserlebnisse des Vaters, der – gerade mal zwanzig – als Panzergrenadier an Hitlers Russlandfeldzug teilgenommen hatte. Auf die oft gestellte Frage, was ihm dort passiert sei, gab es nur eisiges Schweigen und ein sich verhärtendes Gesicht zur Antwort. Erlebnisse, über die er nicht sprechen wollte oder konnte, die er sein ganzes Leben lang nicht verarbeitet hatte.

Vielleicht wäre ja »darüber zu schreiben«, ein probates Mittel gewesen, um die Ungeheuerlichkeiten des Krieges zu verarbeiten, wie es viele Kriegsteilnehmer in den 1950/60er Jahren getan haben.

Auch Nicolai Lilin schreibt über den Krieg. In seinem zweiten wohl weitestgehend autobiographischen Roman Freier Fall schreibt er über den Kriegseinsatz russischer Soldaten in Tschetschenien – dieser Teilrepublik, die seit der Auflösung der UdSSR ein steter Herd der Unruhe ist. Die Autonomiebestrebungen der überwiegend muslimischen Bevölkerung wird von Russland mit harter Hand unterdrückt und hat zu zwei lange währenden Kriegen geführt.

Eine andere Teilrepublik des ehemaligen Sowjetreiches ist die Heimat des Autors: Transnistrien, das heute zu Moldawien gerechnet wird. In der Stadt Bender am Dnjestr wuchs Lilin auf. Über seine bemerkenswerte Kindheit und Jugendzeit äußert er sich in seinem Roman Sibirische Erziehung, an den Freier Fall nahtlos anknüpft.

Der 18-jährige Nicolai findet in seiner Post die letzte Mahnung zu seinem Einberufungsbescheid zur russischen Armee. Widerwillig und ohne den nötigen Ernst begibt er sich zur nahegelegenen russischen Kaserne. Beim Ausfüllen seines Personalbogens sieht er sich genötigt, seine beiden Jugendstrafen anzugeben, welche bei den zuständigen Herren nicht auf Begeisterung stoßen. Nicolais halbherziger Versuch, sich dem Ganzen zu entziehen, scheitert. Nach einem Handgemenge an der Kasernenwache landet er im Militärgefängnis. So vorbelastet wird er zur Ausbildung in eine Sondereinheit für auffällig gewordene Rekruten gesteckt. Bei den sogenannten »Saboteuren« lernt er das Kriegshandwerk und wird zum Scharfschützen ausgebildet. Die »Saboteure« agieren in Kriegsgebieten als eine Art »Feuerwehr«. Überall, wo es brennt, wo Not am Manne ist d.h. Im schlimmsten Kampfgetümmel müssen die »Saboteure« ran, um z.B. von Feinden eingeschlossene Kameraden rauszuhauen oder als Vorhut strategisch wichtige Punkte einzunehmen. Unter der Führung von Hauptmann Kossow, eines erfahrenen Afghanistan-Veteranen, geht es nach Tschetschenien.

Der Krieg in Tschetschenien ist kein »sauberer«, der aus der Distanz geführt wird mit ferngelenkten Raketen, Bomben aus der Luft oder landgestützter Artillerie. Dieser Krieg ist »schmutzig« – Mann gegen Mann, Haus um Haus, Straße um Straße, töten oder selbst getötet werden, ein gnadenloses Abschlachten.

Der Roman trifft den Leser zu Anfang mit voller Wucht. Nicolai Lilin ist kein Sprachkünstler. Sein Ausdruck ist einfach, gradlinig, abgeklärt oder abgestumpft, lakonisch, fast schon monoton, bar jeglicher dramaturgischer Finessen. Es gibt nichts, was von der brutalen Wirklichkeit des Krieges ablenkt. Wie den »Helden« das Töten zum Alltag wird, so läuft der Leser Gefahr, in Lethargie zu versinken. Auch wenn die buchfüllende Aneinanderreihung von Grausamkeiten ein Abbild der Realität ist, wollen Herz und Verstand dem Leser ein Weiterlesen verweigern. Dem jungen Nicolai wird keine Pause zur Reflexion gegönnt – der Leser sollte sie sich nehmen.

Es mutet schon seltsam an, dass keiner der Soldaten sein Tun hinterfragt. Auf der einen Seite stehen sie dem militärischen Oberkommando in Moskau sehr kritisch gegenüber, auf der anderen Seite befolgen sie aber unreflektiert deren Befehle. In der ganzen Erzählung taucht nicht ein einziges Mal der Gedanke auf, dass die Feinde auch Menschen sind. Immer nur Diffamierung, ja Entmenschlichung eines Gegners, der früher möglicherweise sogar ein Kamerad war. Der Hass der verfeindeten Parteien, der dem Leser entgegen flutet, den er nicht verstehen und nicht teilen kann, macht ihm eigentlich nur Angst. Aber wahrscheinlich kann Krieg nur funktionieren, wenn das »Kanonenfutter« vollständig indoktriniert worden ist. Seltsam dünkt es auch, dass es keine Zivilbevölkerung zu geben scheint. Ob in der Stadt, im Dorf oder im Gelände – die Soldaten kämpfen vor leeren Kulissen. Das scheint doch ziemlich unglaubwürdig zu sein, wenn man den Blick auf andere Kriegsschauplätze richtet. Die Zivilbevölkerung ist immer involviert und immer als Opfer.

Nicolais Wehrdienstzeit/Kriegseinsatz dauerte zwei Jahre. Danach kehrt er in seine Heimat nach Bender zurück. In das »normale« Leben kann er sich nicht mehr einfinden. Ruhelos und meist von Alkohol betäubt, oft nackt mit einer Kalaschnikow unterm Arm – fast an der Grenze zu Wahnsinn tigert er durch seine Wohnung. Seine Gedanken sind rückwärts gerichtet, an den Krieg, aber nicht an die Gräueltaten, die er gesehen und mit verursacht hat, sondern an seine Kameraden, die er, wie er empfindet, im Stich gelassen hat. Er durchlebt eine Krise, die ihn letztendlich zur Erkenntnis bringen lässt, »jemand hätte mir die Zeit gestohlen, mein Leben manipuliert, mich zum Zombie gemacht.«

Nicolai beschließt, einen Neuanfang zu wagen. Zu diesem Zweck macht er sich nach Sibirien auf den Weg, wo sein Großvater noch lebt und wo die Wiege seines Volkes (Urkis) steht. Er fühlt sich belebt, »"wie sich im Flug aus einem Flugzeug zu stürzen und den freien Fall zu genießen, bevor der Schirm sich öffnet.«

Kann man den Roman empfehlen? Wenn ja, wem? Freier Fall ist kein Krimi, kein Thriller, keine angenehme Unterhaltung. Geschichten, wie nur das Leben sie schreibt. Wären die hier dargestellten Grausamkeiten von einem Thrillerautor erfunden, würde man nur abwehrend mit dem Kopf schütteln und »krank« und »pervers« rufen. Ob Nicolai Lilin das alles nun selbst erlebt hat oder zum Teil auch nur vom Hörensagen kennt, der Wahrheitsgehalt scheint unumstritten. Ob nun die Weltkriege, Vietnam, Irak, Tschetschenien oder irgendein anderer der unzähligen Kriegsschauplätze – solche Geschichten müssen erzählt werden, denn klar ist, dass jeder Staatsapparat eine Veröffentlichung solcher Exzesse mit allen Mitteln unterdrückt. Deshalb ist Freier Fall ein sehr wichtiges Buch.

Jürgen Priester, September 2011

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Jürgen zu »Nicolai Lilin: Freier Fall« 14.02.2014
Jürgen aus Neubrandenburg, 13.02.2014
zu Nicolai Lilin "Freier Fall"Liebe Leser,durch Zufall habe ich das Buch in die Hand bekommen. Als ehemaliger Berufsoffizier kaufe ich im Gegensatz zu Tatjana dem Autor ab, was er geschrieben hat. Die militärischen Details kann nur jemand schreiben, der es erlebt hat und entsprechend ausgebildet wurde, es sei denn, er hat sich sehr intensiv mit der Problematik beschäftigt und "Profis" befragt.Mein Fazit: Krieg ist immer schmutzig und ein Elend für die Betroffenen, egal aus welchen Gründen der Krieg geführt wird. Im Nachhinein bin ich froh, dass mir die Teilnahme an einem Krieg erspart geblieben ist. Heute bin ich der Meinung, jeder sollte etwas dagegen tuen, damit es keine Kriegseinsätze der Bundeswehr im Ausland gibt.
Arnd Berlin zu »Nicolai Lilin: Freier Fall« 04.08.2013
Liebe Leser und an Alle die es noch nicht gelesen haben,
ich habe das Buch so ziemlich in einem Rutsch runtergelesen und habe dabei versucht meine Emotionen auszuschalten.
Nun nachdem ich das Buch ausgelesen habe, beginne ich zu reflektieren. Ich will mich aber davor hüten die Handlungen der Soldaten auf beiden Seiten zu bewerten.Zunächst habe ich keinen Zweifel an den Schilderungen von Herrn Lilin.
Und selbst wenn davon einiges übertrieben sein sollte, oder vielleicht auch noch untertrieben. Krieg ist Grausam. Krieg ist vor allem grausam zu den direkt beteiligten, zu den Soldaten, auf beiden Seiten, und zu der beteiligten Zivilbevölkerung. Für die, die diese Kriege veranlassen, für die Machtmenschen, die versuchen über diese Kriege ihre Macht zu mehren, oder zu verteidigen, ist er jedoch abstrakt.
Würden diese Mächtigen einmal selbst in der Situation stehen an vorderster Front, übermüdet, verdreckt, verängstigt, möglicherweise würde sich ihr Denken und Handeln ändern.
Ich selbst gehöre noch der Genaration - aktive Wehrdienstverweigerer - an, früher hätte ich die Handlungen von Herrn Lilin und seinen Kameraden verurteilt. Heute mit 56 denke ich anders darüber, und bringe Verständnis auf. Das Verständnis das es für ihn und seine Kameraden ums reine Überleben ging. Diese Situationen im Einsatz, Übermüdung, ständig verdreckt sein, ständig verschwitzt oder frierend - je nach Wetter- die menschlichen Bedürfnissse nicht in Ruhe erledigen zu können, lässt die Menschen verrohen.Aber sie werden nicht zu Tieren, NEIN, sie bleiben Menschen, denn nur Menschen können so verrohen. Diese Verrohung kann jedem von uns geschehen der solchen oder ähnlichen Situationen ausgesetzt wird.
Ein Tier ist niemals solchen Situationen ausgesetzt, denn Tiere führen keine Kriege.
Da nun dieses Verhalten menschlich ist, und ebenso das Verhalten der Mächtigen die diese Systeme schaffen menschlich ist, ist meine Konsequenz das Wort menschlich nur noch sehr bedacht zu verwenden. Im Übrigen bestärkt es mich in meiner Haltung überzeugter Anarchist zu sein. Verwechselt aber bitte nicht Anarchie mit Terrorismus!Jedenfalls mein Dank an Herrn Lilin für die Niederschrift seiner Erlebnisse und ich wünsche ihm das er seinen inneren Frieden findet. Möglicherweise hilft ihm das Schreiben, das Trauma zu verarbeiten.
Und vielleicht können solche Schilderungen dazu beitragen weitere Kriege zu verhindern.
Duisburg am 4.08.2013
Arnd
Tatjana zu »Nicolai Lilin: Freier Fall« 10.10.2011
Liebe Leser,

ich zweifele stark an der Authentizität des Buches: Als ein moldawischer Staatsbürger dürfte niemand Herrn Lilin in der Tschetschenien-Krieg zwangsrekrutieren. Auch der russischsprachigen Presse gegenüber gibt Herr Lilin zu, dass "einiges" (wie viel?) mit einem seiner getöteten Kameraden geschehen sein soll, dessen Namen Herr Lilin jedoch nicht verrät. Andere ehmahligen Tschetschenien-Kriegsveteranen lachen auch die blutrünstigen Darstellungen als Schauer-Märchen aus. Krieg ist schrecklich, aber nicht so, als wäre man in einem Hollywood-Schinken.
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