Der Sommermörder von Nicci French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Beneath The Skin, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei C. Bertelsmann. 411 Seiten. ISBN-10: 3-442-45425-5, ISBN-13: 978-3-442-45425-9. Übersetzt von Birgit Moosmüller.
Ort & Zeit der Handlung: Großbritannien / England / London, 1990 - heute.

'Der Sommermörder' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein Mann, der einen heißen Sommer lang in London Frauen terrorisiert und schließlich ermordet, versetzt die Polizei in hektische Aufregung. Doch der Sommermörder ist immer eine Spur schneller bis er an sein drittes Opfer gerät. Dieses eine Mal hat er seine Macht überschätzt.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die zunehmende Wehrlosigkeit und Entblößung der Auserkorenen«

Krimi-Rezension von Michael Matzer

Drei Frauen, zwei Opfer – wird die dritte überleben? Ein einfacher Plot, jedoch kunstvoll erzählt und mit Überraschungen gespickt. »Der Sommermörder« ist nicht nur ein feiner britischer Psychothriller, sondern auch das einfühlsame Porträt dreier völlig unterschiedlicher Frauen.

Es ist ein ungewöhnlicher heißer Sommer in der schmutzigen Großstadt London. Während alle unter der Hitze und der Abgasglocke stöhnen, genießt nur eine die gute Seite der Situation: Er beobachtet die zunehmend entblößten Frauen und sucht sich seine Opfer. Jedem schickt er seine Liebesbriefe, die zugleich Todesdrohungen sind.

Das erste Opfer ist Zoe, die junge, etwas naive Grundschullehrerin. Ihre Schwäche ist nicht nur, dass sie aus der Provinz in die City gezogen ist und sich erst eingewöhnen muss. Folglich hat sie auch keine festen Bindungen, sondern vielmehr häufig wechselnde Männerbekanntschaften.

Warum Zoe? Sie ist nicht nur relativ wehrlos, sondern zudem auch bekannt. Denn sie hat mit einer Wassermelone einen Handtaschendieb außer Gefecht gesetzt. Das stand in allen Gazetten. Für die Polizei ist sie eine Heldin. Doch unter allen merkwürdigen Fanzuschriften erhält Zoe auch die Briefe des Sommermörders. In ihrer Furcht vor dem Unsichtbaren verfällt ihr Leben zusehends. Ihr Ende scheint beinahe unausweichlich.

Da ist das zweite Opfer schon ein ganz anderes Kaliber. Jennifer ist die langjährige Gattin eines erfolgreichen Anwalts und versucht gerade, den Komplettumbau des gerade gekauften viktorianischen Altbaus zu managen. Auch ihre drei Söhne hat sie im Griff. Sie hat keine Zeit, über ihr Leben oder gar ihre hohle Ehe nachzudenken, doch die Brief des Sommermörders, besonders die mit den Rasierklingen darin, zwingen sie, ein Fazit zu ziehen, und das fällt nicht besonders gut aus.

Jennifers Fassade aus teurem Make-up – sie war früher Model – verfällt zusehends und zum Vorschein kommt die wahre, die schwache, die betrogene Jenny, die ihrer Lebenslüge (ihre sinnleere Ehe ohen Liebe) ins Gesicht sehen muss. Hier erhält der Originaltitel »Beneath the skin« augenfällige Bedeutung. Mit seiner Strategie der unsichtbaren Bedrohung und Beobachtung hat der Mörder Erfolg. Es ist wie mit einer tödlichen Krankheit: Erst der Schock und die Demütigung, dann die Wut, dann das Entsetzen und die Angst, schließlich folgen Akzeptanz und Resignation. Dann ist es bereits zu spät für das Opfer. Nachdem ihre Seele bereits zerstört ist, muss nur noch der Tod des Körpers folgen …

Bei den ersten beiden Opfern hatte der Mörder relativ leichtes Spiel, trotz der Polizeibewachung. Doch an Nummer drei, Nadia, wird er sich die Zähne ausbeißen. Trotz des üblichen Psychoterrors erstarrt die etwas chaotische und sehr liebenswerte Kinder-Entertainerin nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern ergreift die Initiative.

Sie macht nämlich keineswegs den Fehler, die Lügen, die ihr die Polizei auftischt, zu glauben. Oder auch nur zu glauben, dass die Bewachung etwas nützen könnte. Vielmehr setzt sie die Inspektoren für ihre Zwecke ein, auch mit Hilfe von Sex. Mit äußerster Energie gelingt es ihr herauszufinden, wer ihre beiden Vorgängerinnen waren und was sie mit ihnen gemeinsam hat. Schon bald betrachtet sie Zoe und Jenny als ihre Schwestern.

Als ein erster furchtbarer Verdacht sich verdichtet, kann der potenzielle Mörder, der sich ganz in ihrer Nähe befindet, zwar ein Alibi vorweisen, doch Nadia lässt sich nur kurz täuschen. Es kommt zu einem Showdown zwischen Opfer und Killer.

Man liest in Thrillern nicht oft solche genau gezeichneten Frauenporträts. Schon gar nicht von Frauen, die derartig voneinander verschieden sind wie Zoe, Jenny und Nadia.

Mir ist aufgefallen, wie subtil und durchgängig Nicci French die Rolle von Erotik und Sex in den drei Leben einflicht: Zoe ist stets nur ausgebeutete Sexempfängerin, Jenny hat überhaupt keinen, und nur die quicklebendige Nadia ergreift sexuell die Initiative (mit durchschlagendem Erfolg).

Sie ist auch die einzige, die kein Gewicht verliert. Sehr deutlich lässt sich das Leid der Opfer an ihrer körperlichen Verfassung ablesen – beneath the skin. Zoe kann kurz vor ihrem Ende ein T-Shirt für elfjährige Kinder tragen …Die körperliche Verfassung spiegelt die psychische exakt wider. Das erspart der Autorin ellenlange, tiefsinnige Seelenschilderungen, die uns nur langweilen würden.

Jedes Opfer ist in ein komplexes und stimmig gezeichnetes soziales Umfeld eingebunden. Zoes kleine Großstadtwohnung; Jennys herrschaftliches, aber unfertiges Haus, schließlich Nadias Chaotenbude. Hier treffen sich die Lebenslinien der einzelnen Frauen mit ihren Bekannten, Freunden, Kindern – ihrem Mörder. Denn alle Opfer kennen ihren Mörder schon lange vor ihrem Ende, empfangen ihn, necken ihn, vertrauem ihm sogar. Das ist das eigentlich Erschütternde an diesen drei Erzählungen: Der Killer ist immer dein Nächster, und er sieht sehr sympathisch aus.

Und die Polizei? Obwohl sie nicht im Vordergrund steht, ist doch die Polizei natürlich ein zentraler Faktor im Fortgang der Handlung, das verbindende Element zwischen den drei Episoden. Die Bewacherinnen haben nichts zu sagen und wissen nichts. Die beratende Psychologin darf oder will nicht sagen, was los ist. Und die leitenden Inspektoren Stadler und Links führen die Untersuchung, wie es ihnen passt.

Alle lassen die Opfer im Dunkeln über das, was vorgeht, und vermitteln ihnen umso mehr das Gefühl, der Bedrohung hilflos ausgesetzt zu sein – ein gravierender Fehler, wie Nadia findet. Sie setzt dem Spuk ein Ende und erzwingt mit einem Trick die Einsicht in die Untersuchungsakten – der heilige Gral! Nur so kann sie die Initiative an sich reißen und dem Mörder auf die Spur kommen. Da sehen die Bullen ganz schön alt aus.

»Der Sommermörder« ist in erster Linie ein psychologischer Thriller, der seine Spannung aus dem umfangreichen Vorwissen über die Opfer, den Mörder und die Polizei bezieht, aber die Frage offenlässt, wann und wie der Killer zuschlägt sowie was sein wahres Motiv ist. Der Täter genießt die zunehmende Wehrlosigkeit und Entblößung seiner Auserkorenen, was ihm ein Machtgefühl verschafft.

Sehnt sich nicht so mancher Mann nach der Entblößung der Frauen, die leicht bekleidet im sommerlichen Park flanieren (gerade jetzt, an diesen heißen Tagen)? Vielleicht kann mann sich nach der Lektüre des »Sommermörders« vorstellen, wie sich so manche Frau dabei fühlen muss.

Daraus folgt auch, dass Actionfreunde bei diesem langsamen dreifachen Tanz um das jeweilige Opfer nicht auf ihre Kosten kommen.

Anmerkung zur Übersetzung:

Anfängerfehler: Auf Seite 277 und nochmal auf Seite 346 überträgt Moosmüller englisch-amerikanische »billions« eins zu eins ins Deutsche und macht daraus »Billionen«, also 1000 Milliarden. Dass aber selbst in Indien nicht »Billionen« Menschen, sondern etwas über eine »Milliarde« leben, sollte sich inzwischen auch am Wohnort der Übersetzerin herumgesprochen haben. Diese Gleichsetzung ist ein typischer Anfängerfehler, den Englischlernende machen. Umso mehr verblüfft er in einer ansonsten professionellen und fehlerfreien Arbeit. (Ich stelle mir vor, wie die Übersetzerin eine Mars-Mission leiten würde: Der Aufschlag der Sonde aufgrund verwechselter Maße und Maßeinheiten dürfte bis zum Mond zu hören sein...)

Ihre Meinung zu »Nicci French: Der Sommermörder«

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Christine zu »Nicci French: Der Sommermörder« 04.07.2010
Meiner Meinung nach können die beiden Authoren die Leser mit ihrem Erzählstil dermaßen gut fesseln, sodass man gezwungen ist sich einfach in die Hauptakteure reinzuversetzten. Das macht jedes ihrere Bücher unglaublich einzigartig und lesenswert! Ich hatte den Sommermörder ebenfalls im Sommer am Strand gelesen und musste mich dann nur noch schaudern, als ich zum wiederholten Male den Titel "Der SOMMERmörder" gelesen hatte, teilweise überkamen mich Schauder, weil ich Angst hatte selbst betroffen zu sein, wenn ich nach Hause komme...
happypets zu »Nicci French: Der Sommermörder« 15.09.2009
Ein super Buch das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Hatte es im Sommer bei 30 Grad im Garten angefangen und bemerkte den aufkommenden Sonnenbrand nicht. Besonders interessant die erzählweise jeweils in der Ich-Form der drei Frauen. Mal was anderes. Das Ende mal leider wieder French Niveau. Zu plötzlich und nicht ganz schlüssig. Aber wieder mal ein Krimi Häppchen, schnell zu lesen und nicht zu kompliziert. Daher empfehlenswert auch für den Urlaub und die Bahn.
Tanja3582 zu »Nicci French: Der Sommermörder« 03.10.2008
Ich fand das Buch sehr klasse und konnte es am Ende garnicht mehr aus der Hand legen! Ein gutes Buch von Nicci French. Hatte auch schon welche, die mir nicht so gut gefallen haben.
Das Ende wurde etwas kurz gehalten, ansonsten sehr gut geschrieben! Wird nicht mein letztes Nicci French Buch gewesen sein!
Zimti zu »Nicci French: Der Sommermörder« 11.07.2008
Ein unglaublich spannendes Buch, das man nicht mehr so schnell aus der Hand legt. Nicci French schaffen es, Ergebenheit, Gewalt, Spekulation, Liebe und Angst fesselnd zu kombinieren. So, dass man bis spät in die Nacht noch in das Buch vertieft ist.
Auch die Verbindung der verschiedenen Sichtweisen der drei Frauen und die des Mörders sind ihnen gut gelungen und sind somit für den Leser sehr einleuchtend aufgezeigt. Man ist wie in der Geschichte gefangen und fühlt mit den Frauen mit, nimmt an deren Leben teil.
Das Ende kommt meiner Meinung nach etwas abrupt, aber alles in allem ist das Buch sehr empfehlenswert.
almas zu »Nicci French: Der Sommermörder« 08.07.2008
Also ich war wirklich jede nacht vertieft in das Buch und wollte gar nicht erst damit aufhören. Die Geschichte ist so spannend und gut erzählt, ich bin wirklich begeistert.Ich fidne sogar, der anfang hätte noch spannender geschrieben werden können, aber demnach ein klasse Buch.auch die ich-perspektive ist super gelungen.auch wenn ich am ende nicht kapiert habe, warum nadia alles wusste^^..ich empfehle es auf jeden Fall weiter..lg
lilalu zu »Nicci French: Der Sommermörder« 28.04.2008
Ich bin ja Nicci-French-Storys gegenüber immer etwas skeptisch: Die Autoren lassen ihre Geschichten immer gut beginnen, bauen Spannung auf und am Ende bleibt man als Leser immer etwas ratlos zurück, weil irgendwie der Schluss nie so recht stimmt. - So auch beim "Sommermörder" - der Schluss ist schlecht. Dass Nadia plötzlich weiß, wer der Mörder ist, zu dem sie eben noch so vertrauensvoll zum Kaffee ging, das ist holperig und stümperhaft erzählt. Überhaupt sind die beiden Frauen, Zoe und Nadia, weniger gut gezeichnet - vielleicht ähneln sie sich auch zu sehr. Gut gelingt den Autoren jedoch das Portrait der Jenny - das ist psychologisch sehr bemüht und facettenreich erzählt und richtig gut gemacht. Allein wegen dieses Frauenportraits lohnt sich das Buch!
Heaven23 zu »Nicci French: Der Sommermörder« 03.03.2008
Der Sommermörder war das erste Buch, welches ich mir von Nicci French zugelegt habe. Und es hat mich absolut überzeugt. Die Autroin schildert die Story aus der Sicht von drei unterschiedlichen Frauen. Gerade die Ich-Form macht das Ganze so spannend. Man fühlt mit den Frauen, bewegt sich mit ihnen durch die Geschichte ! Klasse gelungen, wirklich !
Elvira zu »Nicci French: Der Sommermörder« 31.10.2007
Trotz der einfachen und schon 1000x gelesenen Idee - Serienmörder verfolgt Frauen, ach was? - fand ich dieses Buch total spannend und psychologisch absolut nachvollziehbar. Meiner Meinung nach eins der besten Bücher von Nicci French! Man kann sich als Leserin in jede der 3 Frauen hineinversetzen, obwohl sie ja so gegensätzlich sind.
Im Gegensatz zu anderen finde ich die immer wieder kehrende Ich-Form irritierend, es erscheint etwas unlogisch, denn eine Tote kann ihre Geschichte schließlich nicht mehr selbst erzählen. Dies hätte sich durch die Verwendung der 3. Person leicht vermeiden lassen (ist sicher Absicht, damit man sich besser hineinversetzen kann, doch das hätte nicht sein müssen - die Frauen sind so gut charakterisiert, daß es eines solchen Tricks eigentlich nicht bedarf).
Etwas merkwürdig finde ich, daß in der obigen Kritik so dermaßen viel verraten wird ... da muß man das Buch ja gar nicht mehr lesen?
Ein weiterer Pluspunkt, das Ende hat es geschafft mich zu überraschen, was nur selten passiert. Und trotzdem erscheint die Auflösung logisch. Nachdem mich "das rote Zimmer" enttäuscht hat, weiß ich nun wieder warum ich Nicci French zu meinen Lieblingsautoren zähle!
tina zu »Nicci French: Der Sommermörder« 15.10.2007
ich finde das buch sehr spannend, auch die idee, daß das dritte Opfer selbst Initiative zeigen soll, sehr gut .Ich finde aber, daß die Idee nicht genügend umgesetzt wird.Auch stört mich , daß die Polizei immer sehr negativ dargestellt wird, in der Hinsicht, daß sie eigentlich nie hilft und immer sehr begriffstutzig ist.was ja mal so sein kann, aber nicht in jedem buch.
Chris. zu »Nicci French: Der Sommermörder« 26.09.2007
Also ich muss hier leider mal den Bösewicht spielen und mich der vorherschenden Meinung wiedersetzten. Ich finde zwar die Idee selbst gut und originell, die Umsetzung allerdings zur drittklassig. Meiner Meinung nach ist das Buch langweilig, nicht überraschen (soll es wahrscheinlich auch nicht sein) und auch die Charaktere der verschiedenen Personen sind nur oberflächlich gesehen unterschiedlich. Fazit: langweilig, schlecht umgesetzt.

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