Blauer Montag von Nicci French

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 unter dem Titel Blue monday, deutsche Ausgabe erstmals 2012 bei Bertelsmann.
Ort & Zeit der Handlung: , 2010 - heute.
Folge 1 der Frieda-Klein-Serie.

  • London; New York: Michael Joseph, 2011 unter dem Titel Blue monday. 400 Seiten.
  • München: Bertelsmann, 2012. ISBN: 978-3-570-10082-0. 400 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Der Hörverlag, 2012. Gesprochen von Andrea Sawatzki. gekürzt. ISBN: 3867178089. 6 CDs.

'Blauer Montag' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Als der 5-jährige Matthew verschwindet, geht ein Aufschrei durch London. In den Zeitungen erscheint sein Bild – und die Psychotherapeutin Frieda Klein kann es nicht fassen: Matthew gleicht bis ins Detail dem Wunschkind eines verzweifelten kinderlosen Patienten von ihr. Ist dieser Mann ein brutaler Psychopath? Warum hat sie das als Therapeutin nicht schon vorher bemerkt? Zusammen mit Inspector Karlsson stößt Frieda auf Parallelen zum Verschwinden eines Mädchens vor mehr als zwanzig Jahren. Mit höchst eigenwilligen Mitteln kommt Frieda dem Entführer sehr nahe. Doch dann beginnt eine Jagd gegen die Zeit …

Das meint Krimi-Couch.de: »Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Brust.« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Silke Wronkowski

»Das Problem ist, dass wir einerseits nicht über genügend Hinweise verfügen. Niemand hat gesehen, wie Matthew entführt wurde. Vielleicht ist er ja gar nicht enführt worden ...«

Montagmittag und Mum verspätet sich. Matthew weiß, dass er nicht allein nach Hause gehen darf, und seine Lehrerin weiß das auch. Aber es braucht nur einen klitzekleinen Moment Unaufmerksamkeit, und Matthew hat das Schulgelände verlassen – denn so weit ist es doch gar nicht und er ist schließlich kein Baby mehr. Aber zuhause kommt er nie an. Scheinbar hat sich ein schwarzes Loch aufgetan und den 5-jährigen verschluckt.

»Andererseits haben wir mehr Hilfe, als wir bewältigen können. Allein heute Vormittag haben schon fünf Leute gestanden, ihn entführt zu haben, obwohl es kein Einziger von ihnen wirklich gewesen sein kann. Seit letzte Woche die Fernsehsendung über ihn lief, mussten wir uns mit gut dreißigtausend Anrufen herumschlagen. Er ist in verschieden Teilen Großbritanniens gesehen worden, aber auch in Spanien und Griechenland. Frauen haben ihre Ehemänner, Freunde und Nachbarn verdächtigt ...«

Die ersten Stunden nach dem Verschwinden eines Kindes sind entscheidend. Das wissen auch DCI Malcom Karlsson und sein Team der Londoner Polizei. Stunden, Tage, Wochen, und eigentlich ist die Wahrscheinlichkeit ihn lebend zu finden gleich null.

Matthew redet sich ein, sobald er etwas isst, kommt er nie wieder nach Hause. Mittlerweile ist der Fußboden des kargen Zimmers übersät mit verschimmelndem Essen, das er ausspuckt, sobald es jemand versucht in seinen Mund zu schieben, und mit Exkrementen. Auch die Matratze ist fleckig und stinkt nach Urin. Ein Fleck sieht aus wie ein Drachen, ein anderer wie die böse Hexe aus dem Märchen. Wenn er sich ganz lang macht, und auf die Zehenspitzen stellt, kann er seinen Kopf unter der Jalousie hindurch schieben und ein Stückchen der Straße sehen. Aber sie sieht gar nicht aus wie die, in der er wohnt. Alles ist kaputt und leer. Hier wird ihn die Zahnfee ganz bestimmt nicht finden, also darf der wackelige Zahn einfach nicht raus fallen.

» …Sein armer Vater ist gestern Abend brutal zusammengeschlagen worden, weil der Boulevardpresse seine Nase nicht gefällt ...«

In den meisten Entführungsfällen ist das Motiv sexueller Natur und der Täter ein naher Verwandter. Wen wundert’s also, dass Alec Faraday der perfekte Schuldige sein könnte und von ein paar vermummten Jugendlichen solange geschlagen und getreten wird, bis er einem Embryo gleich regungslos am Boden liegen bleibt. Beim nächsten Fernsehauftritt der Eltern, denen man Kummer und zu viele Tränen mittlerweile ansieht, wirken all seine Bewegungen behäbig und schmerzerfüllt – von Rippenprellungen hat man länger was.

»Ohne dass ich darum gebeten hatte, sind mehrere Experten mit Täterprofilen an mich herangetreten. Demnach haben wir es entweder mit einem Einzelgänger zu tun, der Probleme im Umgang mit anderen hat, oder mit einem Paar oder aber mit einer Bande, die im Internet einen Handel mit Kindern betreibt … Sie werden verzeihen, wenn ich nicht automatisch dankbar dafür bin, dass Sie mir jemanden nennen, der unter Umständen auf eine recht unspezifische Weise mit dem Verbrechen zu tun haben könnte.«

Das weiß Dr. Frieda Klein selber. Und eigentlich ist es auch gar nicht ihre Art. Sie ist schließlich Psychotherapeutin geworden, weil sie Menschen helfen will. Sie will ihnen einen Raum geben, in dem sie alles sagen können. Und doch ängstigen die lebendigen Träume ihres Patienten, der von einem Sohn träumt, den er nicht hat, den er aber so sehr begehrt, dass der Schmerz greifbar wird. Und dann sieht er dem entführten Matthew aus der Zeitung wie aus dem Gesicht geschnitten. Und vor 22 Jahren hatte er eine ähnliche Phase – nur dass er damals von einer Tochter träumte. Von einer, die der damals verschwundenen Joanna Vine ähnelte. Ein weiterer, nie aufgeklärter Fall, an dem eine ganze Familie zerbrach, allen voran die damals 9-jährige Rosie, die doch auf ihre kleine Schwester aufpassen sollte.

»Es ist, als wäre ich nie ohne sie. Sie ist stets an meiner Seite, wie ein kleiner Geist. Immer im selben Alter. Wir alle werden älter, aber sie bleibt ein kleines Mädchen.«

Träumt Alan Dekker wirklich, sind das alles Wahnvorstellungen? Ist er da tatsächlich in einem ihm fremden Teil der Stadt von einer vollbusigen Frau auf offener Straße leidenschaftlich geküsst worden, die sich mit den Worten verabschiedete, er solle sie doch bei Gelegenheit mal wieder anrufen, oder ist dies nur ein klassischer Fall von Übertragung, wie Friedas Praktikant Jack vermutet? Spielt es eine Rolle, dass er nie jemandem außer seiner Frau erzählt hat, dass er adoptiert wurde?

Menschliche Abgründe, davon verstehen die Autoren Nicci Gerrard und Sean French etwas. Die müssen gar nicht tief sein, aber jeder von uns hat sie. Geheimnisse, die wir niemandem anvertrauen wollen, blinde Flecken, von denen wir gar nicht mehr bewusst wissen, dass sie existieren oder gar passiert sind, Schwingungen, die wir wahrnehmen und die dafür verantwortlich sind, ob wir jemanden für die Liebe unseres Lebens oder einen Serienmörder halten.

Leise nehmen sie uns mit in die Geschichte, schaffen es, dass wir die Personen lebendig vor uns sehen, zeichnen filigran all die kleinen Linien in deren Beziehungsgeflecht und schaffen es, dass man Seite für Seite misstrauischer wird und bald jedem ihrer Charaktere zutrauen würde, der Täter zu sein. Außer Dr. Frieda Klein, obwohl sie auch ihrer neu erschaffenen Serienheldin ein Päckchen aus Familienvergangenheit, Liebe und Schlaflosigkeit mit auf den Weg geben. Und auch wenn es die Seele ist, die Schmerz erträgt und Schmerz erschafft, und sich die ermittelnden Beamten von dieser immateriellen Seite ihrem Fall nähern und dem Bauchgefühl der Therapeutin vertrauen müssen, so ist es am Ende doch ganz reale Grausamkeit, die einem den Atem stocken lässt. Aber nur, wenn man sich darauf einlässt, so wie es typisch ist für einen Roman aus der Feder des Autoren-Duos. Es sind in all ihren Werken die wechselseitigen Beziehungen ihrer Figuren, deren Liebesbeziehungen und Familien, deren »dunkle Seiten«, die den Reiz der Geschichte ausmachen. So auch hier. Keine rasante Achterbahnfahrt, nur eine Bootstour auf der Themse durch zarte Schattierungen von Grau, denn ein hartes Schwarz-Weiß wäre in Nicci Frenchs feinsinnigem Psychothriller so unpassend wie ein Märchen ohne ein »Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage«.

Silke Wronkowski, Februar 2012

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trafik zu »Nicci French: Blauer Montag« 07.08.2017
Es war mein erstes Buch von Nicci French, daß ich gelesen habe.
Vorweg! Die Handlung war sehr gut und auch die Hauptfiguren kamen nett rüber.
Ein wenig zuviele psychologische Teteils in der Mitte des Buches. Dort ging die Spannung ein wenig verloren. Wie meine Vorrednerin richtig erwehnt hat, ein paar Dinge wurden nicht aufgeklärt. Diese Stellen waren aber wichtig im Buch. Wer entführt das kleine Kind. So etwas sollte man schon aufklären.
Ansonsten ein sehr gelungener Krimi.
grandessa zu »Nicci French: Blauer Montag« 28.04.2016
Habe den Krimi als Hörbuch kennen gelernt,war sehr spannend.Mir gefällt die Sprache und das Detaillierte ...aber einige Unklarheiten gab es dennoch.Von wem wurde die kleine Schwester entführt?.Warum wurde das andere Kind weggelegt ?Ende lässt einen erstarren .Werde den nächsten Krimi von ihr lesen und bin neugierig,ob er mich fesseln wird.Ich mag es,wenn psychologischer wird.
Astro Eva zu »Nicci French: Blauer Montag« 14.10.2015
Fast ein Roman über eine Psychotherapeutin und ihre Klienten. Die Reszension das der kleine Matthew verschwindet verschweigt, dass 20 Jahte davor ein kleines Mädchen verschwunden ist.

Sehr gute Sprache und man möchte am liebsten die ganze Nacht durchlesen, aber da man auch nichts überblättern oder überspringen möchte und jeden Satz geniesst dauert es doch 2 Tage und ich habe mir gleich den Folgeband bestellt.
krimimadame zu »Nicci French: Blauer Montag« 25.02.2015
Das Buch war ein Geschenk, also nicht selbstgewählt, aber ein totaler Volltreffer. Frieda Klein ist eine sehr ungewöhnliche Hauptfigur, hat aber ihre Qualitäten. So ist sie eine sehr aufmerksame Beobachterin und sehr genau in ihrer Wortwahl. Keine der Figuren ist wirklich sympathisch, aber irgendwie will man trotzdem wissen, wie es mit allen und mit dem Fall weitergeht, weil die Autoren einen guten Spannungsbogen aufbauen. Das Ende hat mich nach Luft schnappen lassen, und das soll schon was heißen ;-)
kianan zu »Nicci French: Blauer Montag« 18.11.2014
Im Gegensatz zu anderen Büchern von Nicci French, musste ich mich bei diesem zum Weiterlesen zwingen. Und man wünscht sich ja eigentlich das genaue Gegenteil von einem guten Krimi.

Die Idee für die Krimigeschichte fand ich an und für sich sehr gut, aber leider hat es die Autorin dieses Mal nicht geschafft, einen gelungenen Spannungsbogen aufzubauen, dafür war alles zu durchschaubar.

Darüber hinaus fand ich den Schreibstil ein wenig zu systematisch und hinterließ bei mir das Gefühl von Langeweile. Ich mag grundsätzlich auch Krimis, die mit Detailliebe zu Personen, Gegenden und Handlungen geschrieben sind. Aber hier wird in einem so vorhersehbaren Takt eine Gegend, eine Handlung und ein Gedankenspiel von Frieda oder Karlsson beschrieben, dass keine Atmosphäre aufkam. Irgendwann fing ich sogar an, diese Beschreibungen nur noch zu überfliegen und mich nur noch auf die wesentlichen Geschehnisse zu konzentrieren - was bei mir so gut wie nie vorkommt. Gegen Ende des Buches wurde das zwar besser, aber das riss es für mich nicht mehr heraus.

Da ich auch schon super spannende Krimis von Nicci French gelesen habe, werde ich das zweite Buch der Serie auch noch lesen und mal sehen, ob die Autorin dort wieder zu alter Form gelangt.
Laura.B. zu »Nicci French: Blauer Montag« 21.08.2014
Ich selten ein spannenderes Buch dieser Art gelesen. Die Art wie Nicci French schreiben mag zwar in manchen teilen des Buches zu "langweilig" für manche Menschen sein, doch mir gefällt der Stil wie langsam immer mehr Spannung aufgebaut wird.
Besonders gefiel mir, dass nicht immer nur aus der Sicht einer Person erzählt wurde, sondern man eine Perspektive aus allen Bereichen bekam.
Man kommt zum Ende und rechnet mit allem und trotzdem haut einen das Ende der Geschichte noch um. WAHNSINN ich kann das Buch nur weiterempfehlen lasst euch von Frieda Klein in die dunkle Welt Londons entführen.
kukuwaja zu »Nicci French: Blauer Montag« 05.04.2014
..und ich war ein ganzes wochenende mit Frieda zusammen - alle drei stories - faszinierend, spannend, traurigmachend und dann auch wieder humorvoll (siehe badewanne) tiefe einblicke und erkennbare, nachvollziehbare psychologische zusammenhänge,
ein neues krimi erlebnis -
danke Nicci und Sean
freue mich auf Frieda 4
kitekat7 zu »Nicci French: Blauer Montag« 05.01.2014
Feinsinnig und filigran ist ja ok. Trotzdem hätte man die erste Hälfte des Buches oder besser noch die ersten zwei Drittel erheblich straffen können! Das Ganze war mir dann doch ein wenig zu Detail verliebt. Man muss nicht alles mit kleinen Veränderungen zigmal wiederkäuen! Z.B. auch die ständigen Erwähnungen von Friedas Nachtspaziergängen mitsamt ausführlichen Ortsbeschreibungen haben mich ziemlich genervt. Ich habe dann seitenweise nur noch quer gelesen. Auch erwarte ich, dass innerhalb von 300 Seiten die Handlung erheblich vorangeht, sonst wird es einfach langweilig!
Richtig spannend wurde es erst im letzten Drittel des Buches, mit einer überraschenden Wendung als Sahnehäubchen.
Ich hoffe, nachdem Frieda Klein nun als Serienheldin installiert ist, dass die künftigen Bücher mit ihr etwas zügiger zur Sache kommen!
Jedenfalls möchte ich wissen, wie es mit Frieda Klein weitergeht, zumal der "blaue Montag" ja noch einiges offen lässt!
Hanspeter Gehrig zu »Nicci French: Blauer Montag« 19.04.2013
Habe das Buch, einmal angefangen, kaum mehr aus den Händen legen können. Wie subtil und spannend das Ehepaar die Story aufgebaut hat, ohne dass bizarres und blutrünstiges aufgetischt wird, ist für mich in der Tat hohe Schule! Irgendwie habe ich mich sehr gut in diese Welt hineindenken können. Ich freue mich auf weitere Geschichten von Nicci French mit Dr. Frieda!
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