Die Umarmung des Todes von Natsuo Kirino

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Auto, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Goldmann.

  • Tokio: Kodansha, 1997 unter dem Titel Auto. 608 Seiten.
  • München: Goldmann, 2003. Übersetzt von Annelie Ortmanns. ISBN: 3-442-30917-4. 608 Seiten.

'Die Umarmung des Todes' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Yayoi Yamamoto lebt gemeinsam mit ihrem Mann Kenji in Tokio. Jede Nacht arbeitet sie in einer Lunchpaket-Fabrik, damit sie sich endlich eine eigene kleine Wohnung leisten können. Als Kenji ihr eines Abends gesteht, dass er die gesamten gemeinsamen Ersparnisse verspielt hat, verliert sie die Nerven – und bringt ihn im Affekt um. Verzweifelt versucht Yayoi zusammen mit drei Kolleginnen die Tat zu vertuschen, doch mit jedem Schritt geraten die Frauen immer tiefer in einen unentrinnbaren Sog des Verderbens …

Leseprobe

Das meint Krimi-Couch.de: »Schaschlik japanisch« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

In Japan überraschend ein Bestseller, zum besten Kriminalroman des Jahres von der dortigen Kritik hochgejubelt und schließlich mit Literaturpreisen dekoriert. Das ist die Geschichte des Romans Die Umarmung des Todes in wenigen Worten zusammen gefasst. Das ist wohl auch der Grund, weswegen der Roman in deutscher Übersetzung zunächst als Hardcover erschien und seit Anfang 2005 erst als Taschenbuch erhältlich ist.

Die Geschichte von vier Frauen, Yoshie, Masako, Kuniko und Yayoi, die gemeinsam Nacht für Nacht in einer Fabrik am Fließband Lunchpakete packen. Für sie alle ist die Nachtschicht eine Flucht vor den Lasten des Tages und den Menschen im engsten familiären Umkreis, die ihr Leben so schwer machen. So packen sie lieber das klein geschnetzelte Fleisch und die Sushi-Häppchen in Plastikschälchen und verdienen damit Akkordlohn.

Solidarität am Fließband

Nach ausführlicher Einführung der vier Charaktere, bringt ausgerechnet die Zärtlichste und Jüngste ihren Mann kurz vor der Nachtschicht um. Yayoi wendet sich an Masako, die ihr zunächst planlos verspricht, bei der Entsorgung der Leiche zu helfen. Am Fließband reift die Idee, den Toten zu zerstückeln und dann im Hausmüll zu entsorgen. Um das zu unbemerkt zu schaffen, braucht Masako aber die Hilfe von Yoshie und Kuniko, die ihr ohnehin noch Geld schulden und daher von ihr abhängig sind. Die Frauen arbeiten gründlich, aber beim deponieren der Müllbeutel ist Kuniko zu nachlässig und Teile der Leiche werden entdeckt.

Die Frauen haben Glück, dass Kenji, das Opfer, kurz vor seinem Tod von Nachtclubbesitzer Satake gewaltsam vor die Tür gesetzt wurde. Als die Polizei davon erfährt, buchtet sie diesen gewalttätigen Mann ein, der bereits einmal wegen Mordes hinter Gittern saß. Seine Schuld kann nicht bewiesen werden, aber da seine über Jahre erfolgreich aufgebauten Etablissements während seiner Untersuchungshaft geschlossen werden müssen, sinnt er auf Rache. Und er glaubt auch schon zu wissen, wer ihn in diese Lage gebracht hat …

Ein Roman ohne einen Helden

Ungewöhnlich und interessant, wie Natsuo Kirino ihre Geschichte vom Leben im Schatten der japanischen Gesellschaft zeichnet. Alle auftretenden Figuren sind auf gewisse Weise kriminell. Es gibt kein Gut und kein Böse; ebenso gibt es keine eindeutige Hauptfigur. Die Handlung ist verteilt auf die Schultern von mindestens sieben Personen. Dabei wechselt die Erzählperspektive mit nahezu jedem Kapitel und die Psyche eines jeden Charakters wird dem Leser auf diese Weise unmittelbar dargelegt. Nachteil dieser häufigen Perspektivwechsel ist, dass viele Ereignisse doppelt oder sogar dreifach erzählt werden. So wird dem Leser klar, wie unterschiedlich einzelne Situationen von verschiedenen Charakteren wahrgenommen werden. Wer sich an solchen Wiederholungen nicht stört, kann sich voll auf die unterschiedlichen und gründlich durchdachten Charaktere einlassen, die mit Hingabe und Perfektion gestaltet wurden.

Und noch etwas ist bemerkenswert. Kirino hätte ein Gemetzel beschreiben können. Jede der Frauen hätte genug Menschen in ihrem unmittelbaren Umfeld, ohne die ihr Leben viel sorgloser wäre. Genug potenzielle Opfer. Und die perfekte Entsorgung über die Lunchpakete liegt auch nahe. »Soilent Green« lässt grüßen. Solche Motive sind alt und abgegriffen. Hätte die Autorin diesen naheliegenden Vermutungen entsprochen, wäre ihr Roman langweilig und vorhersehbar geworden. Aber Kirino geht weiter, beschreibt die charakterlichen Veränderungen der vier Frauen, wie ihre Freundschaft nach und nach zerbricht und wie es schließlich doch noch Menschen gibt, die das große Geheimnis der vier Frauen ergründen können. Phantasiereich auch, wie diese Menschen dann die erlangten Informationen zu nutzen wissen.

Kirino schreibt mitunter nüchtern, detailliert und sehr in die Psyche gehend. Fast bis zum Schluss versteht sie es, den Leser zu überraschen. Eine runde Sache, vital und authentisch erzählt. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind greifbar beschrieben, die Charaktere, letztendlich auch der der geheimnisvollen Masako, wirken real. Ich möchte nicht wissen, was ein Amerikaner aus der Grundlage der ersten 150 Seiten gemacht hätte; bei Natsuo Kirino ist es jedenfalls ein kleines Meisterwerk geworden.

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PMelittaM zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 23.03.2013
Vier Arbeiterinnen einer Lunchpaketefabrik geraten in einen Todesfall, der sich sehr makaber entwickelt und alle vier in große Gefahr bringt.

Die Autorin beschreibt ein sehr trostloses Japan. Alle Charaktere führen ein Leben, das anders ist, als sie es sich wünschen würden, Träume und Wünsche haben sich nicht erfüllt – oder wenn, dann nur oberflächlich. Alle versuchen – zumindest im Laufe des Romans – aus ihrem bisherigen Leben auszubrechen, teilweise aber mit sehr makaberen Mitteln.

Die Charaktere hat die Autorin sehr tiefgehend gestaltet. Da ist die junge Ehefrau und Mutter, der durch eine Tat im Affekt plötzlich ein anderes Leben offensteht, die ehemalige Bankangestellte, die sich ihrer Familie entfremdet hat und plötzlich wieder eine Aufgabe hat, die Witwe, die ihre Schwiegermutter pflegen muss und die verlebte Mittdreißigerin, die so gerne ein Leben im Luxus führt und sich dafür in die Schuldenfalle begibt. Aber auch die handelnden Männer haben Probleme, der Nachtclubbesitzer, der ein dunkles Geheimnis in sich birgt, der Geldverleiher, der sich mit der Yakuza einlässt und der Brasilien-Japaner, der sich im Heimatland seines Vaters ein besseres Leben erhoffte. Sie alle verursachen beim Lesen durchaus Probleme, denn alle sind so gezeichnet, dass man kaum weiß, ob man sie mögen (oder zumindest verstehen) oder hassen soll. Ich persönlich hatte nur eine Figur, die ich ziemlich schnell abgelehnt habe und deren Handlungen ich nicht wirklich nachvollziehen konnte.

Die Autorin erzählt ihre Geschichte aus verschiedenden Perspektiven, die Sicht jedes der o. g. Charaktere kommt dabei zum Tragen. Die Erlebnisse greifen dabei nicht nur ineinander, zum Teil wird die selbe Situation aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Dabei ist besonders der Showdown grandios – er wird aus zwei Perspektiven erzählt und ist ungeheuer emotional – nicht nur für die beteiligten Charaktere, auch für den Leser, man schwankt hier zwischen allerlei Gefühlsregungen. Mich ließ das Buch sehr nachdenklich zurückund auch nach dem Lesen zunächst nicht los.

Irgendwo habe ich gelesen, jemand hätte das Buch geschmacklos und unmoralisch genannt – und ja, so könnte man es sehen. Aber man muss auch die Moral dahinter sehen. Die Autorin lässt die Charaktere Dinge tun, die einen zunächst abstoßen, die aber auch die Frage aufwerfen, warum tun sie das? Und das zu ergründen ist eine Aufgabe, die das Buch uns stellt, die die Autorin aber nicht wirklich beantwortet, die Frage bleibt – zumindest teilweise, auch nach der Lektüre des Buches bestehen.

Das Buch ist auch ein gesellschaftskritischer Roman – und dabei nicht unbedingt auf die japanische Gesellschaft beschränkt. Ich habe beim Lesen öfter vergessen, dass die Geschichte in diesem Land spielt, für mich gab es relativ wenige Anhaltspunkte dafür. Trost- Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit, Armut, schlechte Arbeitsbedingungen, das sind durchaus globale Probleme – und die Frage stellt sich schon, zu was Menschen fähig sein könnten, wenn sie die Chance sehen, daraus zu entkommen.

Trotz dieses schwierigen Themas, trotz des teilweise überaus makabren Plots ist das Buch ein Pageturner. Es ist sehr flüssig geschrieben und auch sehr spannend, außerdem immer wieder überaschend. Mit den japanischen Namen hatte ich kaum Probleme, wer allerdings das erste Mal ein Buch, das in Japan spielt, liest, wird sich zunächst einlesen müssen.

Empfehlen kann ich das Buch sehr, lesen sollten es allerdings erwachsene und für schwierige Thematiken aufgeschlossene Menschen. Es gibt hier mehr als einen Tabubruch, damit muss man umgehen können, zumal gerade diese Szenen sehr nüchtern beschrieben werden.
Wallace und Gromit zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 06.01.2011
Eine wirklich spannende Lebensgeschichte aus Japan, mit einem guten roten Faden. Manche Szenen kann man schon erahnen, doch der Krimi ist niemals langweilig und hat einige interressante Wendungen und Ösen und auch der SM-Kult zum Schluß kommt sehr gut rüber und ist realistisch dargestellt. Der Erzählstil wird sehr eindringliche und man kann sich bald kaum noch losreissen.
Ulrich Leive zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 02.01.2011
Die Geschichte geht gut los und zieht den Leser unmittelbar in den Bann. Sogwirkung. Auch als männlicher Leser hat man eine gewisse Sympathie für die Täterin. Und mit Abstrichen auch für ihre Gehilfinnen. Dann aber gruselt es einen nach und nach vor diesen japanischen Frauen. Und dann scheitern sie an sich selbst, durch Blödheit der einen, durch Vertrauensseligkeit der anderen, wie das im Leben eben oft so ist...
Die Spannung ebbt nicht ab und steigert sich noch, die Autorin legt auch gern mal irreführende Schildchen aus. Soweit so gut. Dann - (so schade!)
- Das Ende ist total daneben gegangen. Da wird alles verquast und pseudo-psychologisch, man geistert plötzlich in einem anderen Genre, in blutmystischer Wahnsinnsromantik herum. Völlig unüberzeugend und befremdend! Das tut mir wirklich leid, weil der Roman ansonsten so "absonderlich" gut ist.
Aber wenn das Ende so entgleist, dann bleibt ein ekliger Nachgeschmack.
Ich glaub', Japan ist nich' mein Land ;-)
liv schindler zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 22.01.2010
ein ungewöhnlicher krimi, der keinem bisher bekannten klischee folgt.
während man noch am grübeln ist, wie man selbst reagieren würde...verhalten sich die porotagonistinnen schon.so wie man es womölgich selbst tun würde ;)
allerdings nix aber auch gar nix für schwache nerven.
und:die moderne japanische gesellschaft verliert ein wenig ihr *high-tec*-image...
Maggie zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 07.12.2009
Einfach gail - Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Präzise Darstellung der einzelnen Charakteren-hervorragende Situationskomik. Hochspannung vom Anfang bis zum Ende. Schön bösartig und voller Überraschungen. Habe das Buch fast in einem durchgelesen konnte es nicht weglegen. Habe das Buch vor drei Jahren gelesen und mich dann auf die Suche gemacht nach anderen Werken von Frau Kirino. Leider auf deutsch lange nichts gefunden bis neulich Teufelskind. Ein weiterer Leckerbissen.
Semra zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 29.09.2009
Ich habe "Die Umarmung des Todes" von meiner besten Freundin in türkischer Sprache geschenkt bekommen.
Dieses Buch hat mich von der ersten bis zur letzten Seite gefangen.
Die Charaktere und Handlungen wurden sehr gut und vorstellbar beschrieben, einfach phantastisch & spannend!
Ich kann es nur weiterempfehlen.
Martin Drossel zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 27.08.2009
Normalerweise fresse ich Bücher, 3 pro Woche sind normal. Krimis, Thriller und alles was einem den Atem raubt. Bei diesem Werk habe ich mir allerdings Zeit gelassen, genau eine Woche habe ich gebraucht um mir Namen und Orte einzuprägen. Ich bin total begeistert vom Schicksal dieser Hausfrauen, die im normalen Leben kein Wässerchen trüben würden, im vorliegenden Ernstfall allerdings über sich hinauswachsen. Was soll ich sagen was nicht schon von meinen Vorgängern ausführlich beschrieben wurde. Dieses Buch geht meines Erachtens nach über die 100% Grenze hinaus. Hat es hier schon mal so etwas gegeben? Ich bin sehr gut unterhalten worden, ein Buch das fesselt, von der ersten bis zur letzten Seite. So wie ein Buch sein sollte. Viel Vergnügen!!!
Chrissi zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 04.02.2009
"Die Umarmung des Todes" ist ein absolut fesselndes Buch. Ich habe es parallel zu meinem Urlaub in Tokyo gelesen und konnte die beschriebenen Bilder und Szenen im Trubel der Großstadt erleben und die Stadtviertel erkunden. Für Japan-Fans und zur Einstimmung auf einen Urlaub nach Japan Hundertprozent empfehlenswert. (Mit der Einschränkung, dass man sich nicht zu sehr in die Geschichte stresst, wenn man in einem der 24-Stunden-Läden ein Lunchpaket kauft.) Einer der besten Krimis, den ich bisher gelesen habe.
exped zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 24.01.2009
Für mich als Mann, ein faszinierendes Buch aus der Feder einer Frau.600 Seiten, die fesseln!"Lonesome Cowgirl" auf japanisch mt einem Ende das noch lange nachwirkt.
Stilistisch hervorragend mit klar gezeichneten Personen, und einer superben Dramaturgie in Form einer Parabel die sich zu einem Zentrum jenseits aller Moral verdichtet.Zunächst ein Mord und vier Frauen. Klassisches Setting. Solidarität unter Frauen, Überlebendskampf im modernen Japan. Nett und gut geschrieben.Aber dann, ab der Hälfte, der Showdown auf Meta-Ebene. Masako und Satake. Zwei starke Charaktere. Ein Kampf auf Leben und Tod um Liebe und Lust.Das ist was die Qualität dieses Romans ausmacht, weit jenseits von Krimi und Thriller-Kategorien. Grenzerfahrung, der ursprüngliche Mord nur als Anlass eine Dynamik in Gang zu setzen, die in einem existentiellen Showdown mündet, das ist große Literatur.Frauen dominieren diesen Roman, die männlichen Protagonisten sind bis auf Satake schwach gezeichnet und austauschbar, das ist vielleicht das einzige Manko, aber verschmerzbar. ;-)
JapanfreaKK zu »Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes« 26.08.2008
ich hab mir das buch aus der bücherei ausgeliehen und konnte auf dem weg nach hause gar nicht die finger davon lassen . zwar bin ich erst 14 aber immer noch ein riesenfan von pshychothrillern . ein sehr bemerkenswertes buch das unter die haut geht. ich empfehle es jeden der der gern und viel liest :D
und definitiv ein buch für japan fans die nicht nur auf mangas stehen;)

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