Die Umarmung des Todes von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Auto, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Goldmann.
- Tokio: Kodansha, 1997 unter dem Titel Auto. 608 Seiten.
-
München: Goldmann, 2003.
Übersetzt von Annelie Ortmanns.
ISBN:
3-442-30917-4. 608 Seiten.
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ISBN 3-442-45852-8, 608 Seiten. Copyright © 2003 Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns
Nachtschicht
Sie erreichte den Parkplatz vor der verabredeten Zeit. Als sie aus dem Wagen stieg, hüllte sie die dichte Finsternis der extrem feuchten Julinacht ein, die ihr wohl wegen der drückenden Schwüle undurchdringlich und zäh vorkam.
Masako Katori spürte, wie ihr das Atmen schwer fiel, und sah zum sternlosen Nachthimmel auf. Ihre von der Klimaanlage im Auto trockene, abgekühlte Haut war auf der Stelle von klebrigem Schweiß benetzt.
In die Autoabgase, die vom Shin-Oume-Highway herüberdrangen, mischte sich schwach der ölige Geruch nach Frittiertem, der typisch war für die Lunchpaket-Fabrik, in der Masakos Schicht bald beginnen würde.
Ich will zurück, schoss es ihr durch den Kopf, als ihr der Gestank in die Nase stieg. Wie sie darauf kam und wohin sie zurück wollte, wusste sie nicht. Sicher nicht in das Haus, das sie eben erst verlassen hatte. Aber warum nicht nach Hause zurück? Und wohin denn sonst? Masako hatte das irritierende Gefühl, vom Weg abgekommen zu sein.
Die langen Stunden von Mitternacht bis fünf Uhr dreißig würde sie ohne Pause damit verbringen müssen, am Fließband Lunchpakete zu packen. Für einen Teilzeitjob war der Stundenlohn hoch, doch die Arbeit im Stehen war hart. Es wäre nicht das erste und auch nicht das zweite Mal, dass sich hier draußen bei dem Gedanken an die bevorstehende Plackerei alles in ihr zusammengekrampft hätte, weil sie sich körperlich nicht wohl fühlte. Aber dieses ziellose Gefühl heute, das war etwas anderes.
Masako zündete sich wie immer eine Zigarette an, und es kam ihr dabei zum ersten Mal der Gedanke, dass sie das nur tat, um den Fabrikgeruch zu übertünchen.
Die Lunchpaket-Fabrik stand einsam und verlassen am Ende der Straße entlang der grauen Mauer eines riesigen Automobilwerks im Herzen von Musashi-Murayama-City, umgeben von staubigen Feldern und Ansammlungen kleinerer Autowerkstätten. Eine flache Gegend, wo man den Himmel gut überblicken konnte. Der Parkplatz lag noch einmal etwa drei Minuten zu Fuß von der Fabrik entfernt, hinter dem verwüsteten Areal der alten, stillgelegten Fabrik.
Der Parkplatz war einfach ein notdürftig planiertes, großes, freies Stück Land. Die einzelnen Stellplätze hatte man zwar provisorisch mit Klebeband markiert, aber die Linien waren durch Sand und Staub verwischt und kaum mehr zu erkennen. Die Kleinbusse und Pkw, mit denen die Arbeiter herkamen, parkten kreuz und quer.
Man würde es kaum bemerken, wenn sich jemand im Gebüsch oder im Schatten der Autos versteckt hielte. Ein unheimlicher Ort. Masako sah sich vorsichtshalber genau um, während sie den Wagen abschloss.
Sie hörte Räder, die sich in den Boden fraßen, und für einen kurzen Augenblick erleuchteten gelbe Scheinwerfer das Gebüsch. Ein grünes Golf Cabriolet fuhr mit aufgeklapptem Verdeck auf den Parkplatz. Auf dem Fahrersitz thronte die füllige Kuniko Jo¯nouchi.
»Entschuldige, ich bin spät dran«, begrüßte sie Masako mit einer höflichen Kopfbewegung und parkte ihren Golf achtlos neben den stumpfen roten Toyota Corolla von Masako. Es kümmerte sie nicht, dass der Wagen weit nach rechts ausgeschwenkt stand. Die Geräusche – wie sie die Handbremse zog, die Autotür zuschlug oder das Verdeck einschnappen ließ – gerieten ihr unnötig laut, alles an ihr war grell und schrill.
Masako trat die Zigarette mit der Spitze ihres Turnschuhs aus. »Ein schickes Auto hast du da.«
Sogar in der Fabrik sorgte der Golf für Gesprächsstoff.
»Ja, findest du?« Sichtlich erfreut fuhr sich Kuniko mit der Zunge über die Lippen. »Trotzdem ganz schön blöd, mir deswegen Schulden aufzuhalsen.«
Masako lachte vage. Für Kunikos Schulden war offensichtlich nicht allein das Auto verantwortlich. Sie hatte eine Schwäche für Kosmetik und Kleidung, am liebsten teure Markenartikel.
»Komm schon, lass uns gehen!«
Seit Anfang des Jahres hatte auf der Strecke zwischen dem Parkplatz und der Lunchpaket-Fabrik des Öfteren ein Grabscher sein Unwesen getrieben und schon mehrere Nachtschichtarbeiterinnen ins dunkle Gebüsch gezerrt und belästigt. Erst gestern hatte die Firmenleitung noch davor gewarnt, ohne Begleitung zur Arbeit zu kommen.
Gemeinsam bogen Masako und Kuniko in den unbeleuchteten, vollkommen dunklen, ungepflasterten Weg ein. Rechter Hand reihten sich willkürlich Wohnblocks und Bauernhöfe mit großen Gärten aneinander; ein wildes Durcheinander zwar, aber man spürte die Nähe von Menschen. Die linke Seite war eine einsame, verwilderte Gegend: Jenseits eines von Gräsern überwucherten unterirdischen Kanals lagen dort die alte, stillgelegte Lunchpaket-Fabrik, eine Bowlingbahn, die geschlossen worden war, und andere verlassene Gebäude. Es hieß, die Teilzeit arbeitenden Hausfrauen, die Opfer des Grabschers geworden waren, seien auf das Grundstück der stillgelegten Fabrik verschleppt worden. Wachsam flog Masakos Blick nach rechts und links, während sie schnellen Schrittes neben Kuniko herging.
Aus dem kleinen Wohnblock hinten rechts waren die Stimmen eines Mannes und einer Frau zu hören, die sich auf Portugiesisch stritten. Neben Hausfrauen wie Masako, die als Teilzeitkräfte beschäftigt waren, arbeiteten viele japanischstämmige oder weiße Brasilianer in der Fabrik. Darunter waren auch viele Ehepaare.
»Sie sagen, der Grabscher wäre einer der Brasilianer«, meinte Kuniko und zog im Dunkeln die Brauen zusammen. Masako reagierte nicht darauf und ging schweigend weiter. Es spielte keine Rolle, aus welchem Land der Mann kam: Solange er in dieser Fabrik arbeitete, würden die in Körper und Seele aufgestauten Frustrationen durch nichts zu lindern sein und zwangsläufig ein Ventil suchen. Den Frauen blieb nur übrig, sich so gut es ging selbst zu verteidigen.
»Es soll ein großer Mann sein. Mit ungeheurer Kraft und ohne ein Wort soll er sich an einen klammern.« In Kunikos Tonfall schwang fast so etwas wie Sehnsucht mit. Hinter ihnen war das Quietschen einer Fahrradbremse zu hören. Angespannt drehten sie sich um und erkannten eine ältere Frau von kleiner Statur.
»Ach, ihr beide seid das. Morgen zusammen!« Es war Yoshië Azuma, das Arbeitstier. Sie hatte die fünfundfünfzig überschritten und war Witwe. Wegen ihrer flinken, geschickten Hände und weil sie für zwei arbeitete, wurde sie von den Kolleginnen in der Fabrik leicht spöttisch »Meisterin« genannt.
Masako begrüßte sie erleichtert: »Gott sei Dank, du bist es! Morgen, Meisterin!«
Kuniko trat einen halben Schritt zurück, als sei Yoshië nicht ganz ihr Fall.
»Jetzt sag du nicht auch noch Meisterin zu mir!« Yoshië, die nicht den Eindruck machte, als sei es ihr wirklich unangenehm, wenn man sie so nannte, stieg vom Rad und gesellte sich zu Fuß zu ihnen. Ihre Statur war wie geschaffen für körperliche Arbeit: klein, aber kräftig – wie ein Krebs. Doch ihr im Verhältnis zum Körper zu schmal geratenes Gesicht schwebte kreideweiß durch die dunkle Nacht und wirkte irgendwie verbittert und leer, was ihr einen unglückseligen Ausdruck verlieh.»Euch hat wohl das Geschwätz um den Grabscher dazu gebracht, zusammen zur Arbeit zu kommen, was?«
»Genau. Kuniko ist noch jung.«
Kuniko kicherte; sie gab vor, 29 zu sein.
Yoshië wich einer Pfütze aus, die in der Dunkelheit schimmerte, und sah Masako ins Gesicht: »Na, du gehörst ja wohl auch noch nicht zum alten Eisen. Du bist doch erst dreiundvierzig, oder?«
»Ach, hör auf mit dem Blödsinn«, antwortete Masako ohne ein Lächeln. In letzter Zeit war es kaum mehr vorgekommen, dass sie sich ihrer Weiblichkeit in irgendeiner Weise bewusst geworden wäre.
»Bist du etwa schon vertrocknet? Kalt und welk?« Yoshië hatte das scherzhaft gemeint, aber Masako dachte, dass es sich genau so anfühlte. Kalt und ausgetrocknet kroch sie am Boden. Ihre gegenwärtige Daseinsform war die eines Reptils.
»Sag mal, bist du heute nicht ziemlich spät dran, Meisterin?«, wechselte Masako das Thema.»Ach ja, die alte Dame hat wieder mal Probleme gemacht.« Yoshië, die ihre bettlägerige Schwiegermutter pflegte, wollte offenbar nicht weiterreden und verzog das Gesicht.
Masako fragte nicht nach und blickte nach vorn. Da, wo auf der linken Seite die Reihe der stillgelegten Gebäude endete, stand ein Pulk weißer Lastwagen zur Express-Auslieferung der Lunchpakete in die 24-Stunden-Läden bereit. Dahinter ragte, um Mitternacht taghell erleuchtet im bläulich weißen Licht der Neonröhren, die Lunchpaket-Fabrik auf.
Sie warteten auf Yoshië, die ihr Rad auf den angrenzenden Fahrradabstellplatz brachte, und stiegen dann zu dritt die grünen, mit abgewetztem künstlichen Rasen ausgelegten Stufen der Außentreppe hinauf.
Im ersten Stock war die Eingangshalle, rechts davon das Büro. Am Ende des Flurs lagen Aufenthalts- und Umkleideraum. Die Fließbänder standen im Erdgeschoss, und so mussten die Arbeiter wieder einen Stock tiefer gehen, nachdem sie sich umgezogen hatten.
Der rote Teppichboden in der Eingangshalle, den man mit Straßenschuhen nicht betreten durfte, schluckte das Neonlicht, so dass der Flur düster wirkte. Auch dem Teint der drei Frauen verlieh die rote Farbe einen finsteren, trüben Anstrich. Ob ich selbst wohl auch so aussehe, dachte Masako, als sie die müden Gesichter ihrer Kolleginnen betrachtete.
Vor dem Schuhschrank wartete der Hygiene-Kontrolleur mit einer Fusselrolle in der Hand. Mit missmutigem Gesicht fuhr der wortkarge Komada einer nach der anderen mit dem Kleberoller über den Rücken, um zu verhindern, dass von draußen Staub und Schmutz hereingetragen wurden.
Sie betraten den großen, mit Tatami ausgelegten Aufenthaltsraum. Die Arbeiter saßen in Grüppchen zusammen und schwatzten. Sie trugen alle bereits die weiße Arbeitskleidung und warteten, Süßigkeiten essend oder Tee schlürfend, auf den Beginn der Schicht. Einige hatten sich auch hingelegt und die Augen geschlossen, um sich wenigstens ein bisschen Ausgleich für ihren Schlafmangel zu verschaffen.
Von den beinahe hundert Beschäftigten der Nachtschicht kamen ein Drittel aus Brasilien, etwa zu gleichen Teilen Männer und Frauen. In den Semesterferien stieg der Anteil jobbender Studenten, aber das Gros der Schicht stellten Teilzeit arbeitende Hausfrauen zwischen vierzig und sechzig.
Die drei Frauen bahnten sich einen Weg zum Umkleideraum und tauschten hier und da einen Gruß mit Dienstälteren aus, als sie Yayoi Yamamoto bemerkten, die alleine in einer Ecke des Raumes saß. Als läge ihr irgendetwas auf der Seele, kauerte sie in sich zusammengesunken auf den Tatami und lächelte selbst dann nicht, als sie ihre Kolleginnen erkannte.
Masako sprach sie an: »Guten Morgen, Yama-chan!«
Ein Lächeln der Erleichterung erschien auf Yayois Gesicht, verschwand aber gleich wieder wie eine zerplatzte Seifenblase.
»Du siehst müde aus.«
Yayoi nickte, presste die Lippen aufeinander und machte ein bedrücktes Gesicht. Sie war die schönste von den vier Frauen, nein, von allen Arbeiterinnen der Nachtschicht. Ihr Gesicht vereinigte perfekt geformte Komponenten: eine hohe Stirn, Brauen und Augen, die in anmutiger Balance zueinander standen, eine nach oben geschwungene Nase und volle Lippen. Auch ihr Körper war schön: klein, doch die Proportionen stimmten. Weil sie in der Fabrik derart hervorstach, wurde sie gehänselt und verhätschelt zugleich.
Masako beschützte Yayoi. Im Unterschied zu sich selbst, die alles Unvernünftige nach Kräften auszuschalten suchte, trug Yayoi Gefühlsballast im Überfluss mit sich herum. Für Masako war Yayoi, die unbewusst alles das besaß, was sie selbst mit der Zeit gelernt hatte, als deprimierend abzuwerfen, eine niedliche kleine Frau, die bereitwillig Einblicke in immer neue Winkel ihres komplizierten Herzens gewährte.
»Na, was ist denn los heute, dir scheint es ja gar nicht gut zu gehen.« Yoshië gab ihr mit ihrer geröteten Hand einen Klaps auf die Schulter. Yayoi schrak zusammen und zitterte am ganzen Leibe. Verwundert über diese Reaktion, drehte Yoshië sich zu Masako um. Die bedeutete den beiden anderen mit den Augen, doch schon weiterzugehen, und setzte sich vor Yayoi hin.
»Ist dir vielleicht schlecht?«
»Nein, es ist nichts.«
»Hast du dich mit deinem Mann gestritten?«»Ach, wenn’s nur das wäre«, sagte Yayoi bedeutungsvoll und starrte mit verschwommenem, düsteren Blick auf einen unbestimmten Punkt hinter Masako. Während sie sich, um Zeit zu sparen, schon einmal ihr schulterlanges Haar mit einer Spange zusammenband, fragte Masako: »Was ist denn passiert?«»Erzähl ich später.«
»Erzähl’s mir jetzt«, drängte sie, während ihr Blick prüfend zur Uhr an der Wand ging.»Nein, lass mich, es würde zu lange dauern.«Für einen winzigen Augenblick flackerte Zorn in Yayois Gesicht auf und war sofort wieder verschwunden. Masako gab auf und erhob sich: »Wie du willst.«
Sie hastete in den Umkleideraum und suchte ihre Arbeitskleidung heraus. Umkleideraum war zu viel gesagt, es handelte sich um einen lediglich durch einen Vorhang vom Aufenthaltsraum abgeteilten Bereich. Wie beim Schlussverkauf im Kaufhaus reihten sich dort auf engstem Raum robuste Kleiderständer aneinander, an denen die Arbeitsanzüge auf privaten Bügeln hingen. Auf der einen Seite hingen die weißen Arbeitssachen, die die Beschäftigten der Tagschicht abgelegt hatten, auf der anderen die bunte Privatkleidung der Nachtschichtarbeiter, die sich bereits umgezogen hatten.
»Wir gehen schon vor.« Mit Haarnetz und Haube für den Kopf in der Hand gingen Yoshië und Kuniko gemeinsam hinaus. Es war höchste Zeit für die Stechuhr. Zwischen 23 Uhr 45 und 24 Uhr musste man die Stechkarte stempeln lassen und unten am Fabrikeingang auf Einlass warten, das war Vorschrift.
Masako fand ihren Bügel, auf dem eine Art kurzer, weißer Kittel mit Reißverschluss vorne und eine Arbeitshose mit Gummizug im Bund hingen. Rasch zog sie sich den Kittel über das T-Shirt, die Jeans aus und die Hose an, immer auf der Hut vor eventuellen Männerblicken aus dem Aufenthaltsraum. Hier gab es keine getrennten Umkleidekabinen für Männer und Frauen, und obwohl sie seit fast zwei Jahren in der Fabrik arbeitete, hatte sie sich immer noch nicht an diese mangelnde Achtung der Privatsphäre gewöhnt.
Sie streifte das schwarze Netz über die von der Spange gehaltenen Haare und setzte die von allen nur »Kochmützchen« genannte Haube aus Zellstoff auf, die der Form nach einer Duschkappe glich. Als sie mit der langen Schürze aus durchsichtigem Vinyl in der Hand aus dem Umkleideraum kam, saß Yayoi immer noch apathisch am selben Fleck.
»Schnell, Yama-chan, komm!«
Als sie sah, wie Yayoi sich schwerfällig in Bewegung setzte, erfasste sie weniger Ungeduld als eine diffuse Sorge. Fast alle Arbeiter hatten den Aufenthaltsraum bereits verlassen. Nur noch ein paar brasilianische Männer saßen müde, die langen Beine ausgestreckt, mit dem Rücken an die Wand gelehnt da und rauchten.
Einer von ihnen hob die Hand, einen kurzen Zigarettenstummel zwischen den Fingern, und grüßte sie: »Guten Morgen!« Masako nickte ihm mit einem kleinen Lächeln zu. Auf seinem Namensschild an der Brust stand zwar der japanische Name »Kazuo Miyamori«, aber seine dunkle Hautfarbe und das längliche Gesicht mit den hochgezogenen Augenbrauen gaben ihn unweigerlich als Ausländer zu erkennen. Sicher war Kazuo für die schwere Arbeit zuständig, den gekochten weißen Reis auf Transportwagen heranzufahren und in die automatische Abfüllmaschine zu füllen.
»Guten Morgen!« Kazuo grüßte auch Yayoi, doch die war in Gedanken ganz woanders und wandte sich ihm nicht einmal zu. Enttäuschung grub sich in Kazuos Gesicht. Nach dem Gang zur Toilette setzten sie den Mundschutz auf und banden die Schürzen um. Dann schrubbten sie sich mit einer Bürste Hände und Arme ab und tauchten sie in Desinfektionsmittel. Sie stempelten ihre Stechkarten ab und schlüpften in die weißen Arbeitsschuhe. Bevor es die Treppe zur Fabrik hinunterging, passierten sie den zweiten Hygiene-Check. Wieder fuhr Komada ihnen mit der Fusselrolle über den Rücken und prüfte mit strengen Augen Hände, Finger und Nägel.
»Verletzungen, Kratzer, Wunden?«
Wenn man auch nur den kleinsten Schnitt an den Händen hatte, durfte man die Lebensmittel nicht berühren. Die beiden Frauen zeigten ihre Hände vor und passierten die Kontrolle. Offenbar ohne es zu merken, wankte Yayoi beim Gehen.
»Schaffst du die Arbeit heute wirklich?«»Es wird schon irgendwie gehen.«
»Was ist mit den Kindern?«
Sie vermied eine Antwort.
Masako schaute Yayoi noch einmal forschend ins Gesicht. Haube und Mundschutz gaben nur die kraftlosen Augen frei. Yayoi schien die prüfenden Blicke nicht einmal zu bemerken.
Als sie zur Fabrik im Erdgeschoss hinabstiegen, roch es wegen der extrem kalten Luft und den verschiedenen Essensgerüchen, als hätte man einen Kühlschrank aufgemacht. Die Kälte kroch einem über den Betonboden entgegen. Ein Arbeitsplatz, an dem man selbst im Sommer fror.
Am Eingang zur Fabrik reihten sie sich ans Ende der Schlange von Arbeitern ein, die darauf warteten, dass das Tor geöffnet wurde. Yoshië und Kuniko, die ganz vorne standen, drehten sich um und gaben ihnen mit den Augen Zeichen. Die vier Frauen arbeiteten immer zusammen und halfen sich gegenseitig, denn nur so war diese schwere Arbeit zu schaffen.
