Müllers Morde von Monika Geier

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2011 bei Argument.

  • Hamburg: Argument, 2011. ISBN: 978-3867542005. 320 Seiten.

'Müllers Morde' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

An einem warmen Augustabend fährt der Mann, der sich Müller nennt, mit einem eben entführten Opfer zum Totenmaar, einem kleinen, tiefdunklen See in der Provinz. Die erloschenen Eifelvulkane rund um das Maar dünsten Kohlendioxid aus, ein schweres Gas, das sich bei Windstille in Bodensenken sammelt und zuweilen das Vieh vergiftet … Als man die Leiche von Dr. Steenbergen findet, dem Umweltmanager eines großen Stromkonzerns, erweist sich als Todesursache eine Kohlendioxidvergiftung. Die Ermittlungsbehörden sind zufrieden mit der romantischen Naturgas-Theorie der Vulkanexperten. Doch Steenbergens Freund Peter Welsch kann sich mit dieser Erklärung nicht abfinden. Er heuert einen Detektiv an: Richard Romanoff, eine Art wissenschaftlicher Schatzsucher. Der soll nun die Wahrheit ans Licht bringen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die beiläufige Kunst des Mordens und Erzählens« 91°Treffer

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Der Mörder heißt Müller und die Geschichte beginnt klassisch mit Herrn Müllers erstem Mord. An einem Vulkansee in der Eifel findet man eine tote Kuh und einen toten Manager der ENERGIE, beide an Kohlendioxid erstickt, was schon mal vorkommen kann, wenn es in der Tiefe noch gefährlich brodelt und gast. Der Fall wandert umgehend zu den Akten, doch der Leser weiß: Müller war’s. Der Freund des Toten, ein Anwalt namens Welsch-Ruinart, hat zumindest den Verdacht, hier sei dem Schicksal nachgeholfen worden und engagiert den Historiker und Antiquitätenhändler Richard Romanoff für weitere Ermittlungen. Der ist störrisch, weil kein Detektiv. Dubiose Relikte ebenso dubioser Liebhabereien (Atlantis und ähnliche Mythen) reicher Leute kann er aufstöbern, aber einen Mörder? Romanoff ist nicht mehr ganz jung, aber er braucht das Geld dennoch und macht sich fluchend ans Werk.

Und so weiter. Für Freunde des lockeren Nacherzählens könnte man nun die Story in ihren Umrissen ausbreiten, die titelgebenden Morde des Herrn Müller ebenso wie den Strudel, in den der zunächst ahnungslose und wenig auf die Sache konzentrierte Romanoff gerät und die ihn auf fatale Weise zu einem Werkzeug des diabolischen Mörders macht. Das alles wäre schon ausreichend, um den Roman deutlich über den traurigen Durchschnitt dessen zu hieven, was uns gemeinhin als »Krimi« vorgesetzt wird. Sprachlich spielt Monika Geier eh in der Champions League, wie man es in jedem ihrer Vorgängerkrimis mit der Kommissarin Bettina Boll nachlesen kann (die hier, das zur Information, mit einem Kurzauftritt in das Geschehen eingreift). Ihre Geschichte entwickelt sie gewohnt souverän und detailliert, kein Wort zuviel, keines zu wenig, alles mit einer Beiläufigkeit, die Stück für Stück die Geschichte hinter der Mordgeschichte freilegt. Also beginnen wir von vorne.

Es war einmal ein Mörder, der sich Müller nannte. Er agierte wie ein Genie des Verbrechens, beherrschte die digitale Kunst des Computerhackens, hielt sämtliche Fäden in der Hand und arbeitete zielstrebig auf etwas hin, von dem sich die Leser erst nach und nach ein vages Bild machen können. Es war auch einmal ein ergrauter und beruflich nicht sonderlich erfolgreicher Historiker namens Dr. Romanoff, der seine Haare lang trug und außerdem schwer an einem Trauma aus seiner Jugend. Er konnte nicht erwachsen werden, nichts ging voran. Jetzt aber treffen sich die beiden so unterschiedlichen Protagonisten und alles kommt in Bewegung. Aus dem selbstsicheren Killer Müller wird ein kleiner panischer Handlanger, ein biederer Kleinbürger, dessen kriminelle Welt immer mehr auf das Format des Läppischen zusammenzurrt. Der unsichere Romanoff hingegen wird ein Mann, der sich selbst begegnet und nicht mehr wiedererkennt. Der homosexuelle Neigungen bei sich akzeptiert, sich den Katastrophen seiner Jugend stellen muss. So etwas nennt man auch Psychogramm und das gerät in der Regel fürchterlich daneben, weil vorhersehbar und banal, wie aus einem Lehrbuch Psychologie für Anfänger abgekupfert. Nicht so bei Monika Geier, die auch ihr Nebenpersonal liebevoll skizziert. Und indem sie das tut, entstehen gleichzeitig Soziogramme, entsteht die Welt der Armen und Reichen, der Trickser und Ausgetricksten. Wunderbar etwa, mit welch minimalistischer Kunst die Autorin eine Familie zeichnet, die ein dunkelhäutiges Mädchen als passendes Accessoire zur eher blassen leiblichen Tochter adoptiert hat. Aus solchem Stoff basteln andere ebenso längliche wie langweilige Romane mit extra viel »Botschaft«, bei Geier setzen sich solche Skizzen sozusagen en passant im Kopf der Leser fest und breiten sich aus.

Ganz nebenbei lernt man auch etwas, über »Karussellgeschäfte« etwa oder dass Karl der Große möglicherweise gar nicht gelebt hat. Man lernt auf jeden Fall, dass das Leben nicht immer so makellos endet wie Kriminalromane. Am Ende wird eben gar nichts »gut«. Die Sauereien gehen munter weiter, die Verbrechen bleiben ungesühnt, unser Herr Müller erhält seinen richtigen Namen, aber das wärs denn auch schon mit den herrlichen Gewissheiten. Die wichtigste Erkenntnis für den Liebhaber des Genres ist jedoch die: Die Kunst des Erzählens ist die Kunst, eine Geschichte eher beiläufig zu entwickeln, »organisch«, wie man so sagt. Die bekannten Elemente werden fleißig genutzt, es gibt eine Menge Action und Suspense, wohldosierten, ziemlich trockenen Humor – und es gibt den willkommenen Mehrwert einer Geschichte, an der man sich als Leserin und Leser selbst aufs Schönste die Zähne – nein, nicht ausbeißen, sondern schärfen kann. Und es gibt so etwas wie eine Vision. Die einer halbwegs gerechten Krimiwelt, in der Monika Geier mit ihrer Kunst endgültig über das Chichi der biederen Bestsellerbastelei triumphiert. Soll ich mich mal weit aus dem Fenster lehnen? Okay. Ich prophezeie, dass man Müllers Morde dereinst als Pflichtlektüre für alle Menschen mit Krimischreibambitionen empfehlen wird, als Musterbeispiel für spannende und gehaltvolle Literatur, die ihre Konsumenten nicht als lediglich unterhaltungswütige Denkfaule sieht und entsprechend »bedient«. Ja, stimmt schon, das ist eine sehr unwahrscheinliche Vision. Aber mit jedem Leser, jeder Leserin, die sie mit mir teilt, wird sie realistischer.

Dieter Paul Rudolph, September 2011

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Stefan83 zu »Monika Geier: Müllers Morde« 06.03.2013
Monika Geier ist, über die Grenzen von Rheinland-Pfalz hinaus, immer noch wenigen Krimi-Freunden in Deutschland ein Begriff. Eine Schande, sind doch ihre sprachlich raffinierten und herrlich leichtfüßigen Werke eine Wohltat inmitten der platten Genre-Konkurrenz. Gerade diese Alteingesessenen machen es neuen Talenten (zu denen Geier, welche bereits seit Ende der 90er als Krimischriftstellerin tätig ist, eigentlich gar nicht mehr gehört) ungewollt schwer, auf dem von Regio-Titeln überschwemmten Krimi-Buchmarkt Fuß zu fassen. Es scheint so, als würde der Griff nach der x-ten Neuhaus oder der gefühlten hundertsten Franz-Retorte für den Leser immer noch am einfachsten sein. Selbst wenn eine Serie schon vier Bände zuvor zu Tode geritten worden ist, bleibt man standhaft auf dem Pferd, in der Hoffnung es möge sich doch vielleicht irgendwann mal wieder erheben. Das Risiko abseits plakatierter Top-Titel und Bestsellerlisten sein Glück zu suchen, mögen viele erst gar nicht eingehen. Entgehen tun dem Krimi-Freund dabei Werke wie „Müllers Morde“, dem ersten Stand-Alone Geiers seit ihrer Reihe um Kommissarin Böll, welche allerdings auch ein kleinen, wenn auch für die Handlung nicht relevanten, Auftritt hat.

In deren Mittelpunkt stehen in erster Linie vor allem zwei Personen: Eine davon ist der titelgebende Mörder Müller, dem wir gleich zu Beginn bei seinem ersten Mord über die Schulter schauen dürfen. Dieser muss natürlich vertuscht werden, weshalb die Leiche kurzerhand zum Totenmaar verschafft wird. Ein kleiner See, in dessen Tiefe erloschene Vulkane Kohlendioxid ausdünsten, das sich nicht selten als schweren Gas in den Bodensenken der umliegenden Felder sammelt. So lautet dann auch die Todesursache des Opfers, ein Manager der ENERGIE namens Dr. Steenbergen, auf Kohlendioxidvergiftung. Weitere Ermittlungen werden erst gar nicht angestellt. Allein Steenbergens Freund, der Anwalt Peter Welsch-Ruinart, will sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben und engagiert Richard Romanoff, um der Sache näher auf den Grund zu gehen. Romanoff, seines Zeichens Historiker, Antiquitätenhändler und Atlantis-Mythologe, sieht sich als Detektiv wenig geeignet, kann das Geld aber dringend gebrauchen und nimmt missmutig den Auftrag an.

Was folgt ist ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem gewitzten Täter und dem unkonventionellen Ermittler, das schließlich bis in höchste Wirtschaftskreise führt und für beide Duellanten einige Überraschungen bereithält …

Jenseits von schablonenhaften Tatort-Klonen und konstruierten Allgäu-Klamauk erfrischt Monika Geier uns in „Müllers Morde“ mit einer scheinbar beiläufig erzählten Geschichte, welche sich von der ersten bis zur letzten Seite wie aus einem Guss liest und in Punkto Humor genau die Balance bewahrt, an der Klüpfel, Kobr, Falk und Co. zumeist so kläglich scheitern. Trotz aller Leichtigkeit gleitet die Handlung nie in die Trivialität ab, bleibt Geier in der Ausarbeitung des stringenten und herrlich verwobenen roten Fadens überraschend kompromisslos. Hier greift flüssig jedes Rädchen ins andere, ist jedes Wort von Bedeutung und Aussagekraft. Trotzdem verschwendet Geier derer nicht viele. Kurz, knapp, knackig, präsentiert sich ihre scharf geschliffene Sprache, die eindrucksvoll die Möglichkeiten des Kriminalromans auslotet und zeigt, dass man mit wenig richtig viel unterhalten kann. Und unterhalten tut „Müllers Morde“, besonders hinsichtlich Stil und Sprache, auf allerhöchstem Niveau.

Von Müller über Romanoff bis hin zu den Nebenfiguren. Allesamt zeichnet Geier mit detailgetreuer und doch feinfühliger Akribie, wodurch man sich sofort als Teil des Getümmels fühlt, das mit Kehren und Wendungen stets aufs Neue für Überraschungen gut ist. Der typische Reißblatt-Ermittler glänzt ebenso wie der überzeichnete Dialekt-Provinzler mit Abwesenheit. Stattdessen Charaktere wie du und ich, glaubhaft, lebensecht und den rechts und links von uns wohnenden Nachbarn auch irgendwie nicht unähnlich. Die große Bühne, den riesigen Aha-Effekt – all das braucht Monika Geier nicht, um den Leser bei Laune zu halten. Es ist die Alltäglichkeit des Verbrechens, dessen Versuchung überall lauert, welche das Fundament der Geschichte bildet, die zwar unkonventionell erzählt wird, dadurch aber nichts an Wirkung einbüßt.

Wie die Autorin die hochaktuelle Realität nimmt und benutzt, ohne sie großartig zu formen, das beeindruckt. Monika Geier ist ein Buch gelungen, das in Form und Inhalt weit über vielen ihrer Bestseller-Kollegen thront. Möge diese Rezension zumindest ein bisschen zu größerer Bekanntheit beitragen. Geier hat diese, nicht nur aufgrund von „Müllers Morde“, mehr als redlich verdient.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
annetine62 zu »Monika Geier: Müllers Morde« 28.08.2012
Wunderbar geschrieben, spannend (mit einigen Längen), trockener Humor ohne zu übertreiben, interessante Figuren. Wie meine Vorgänger schreiben, bleiben die Nebenfiguren aber etwas blass und so richtig habe ich das Motiv des Mörders auch nicht nachvollziehen können. Das Buch hat viel Spaß gemacht, ich freue mich auf weitere.
heinrich zu »Monika Geier: Müllers Morde« 23.05.2012
Nicht, dass es dem Buch schadet, dass viele Elemente eines Krimis fehlen oder die Aufklärung darüber, was es mit eingestreuten Frage-und-Antwort-Schnipseln auf sich hat. Negativ finde ich, dass das „liebevoll skizzierte Nebenpersonal“ in seinen Klischees verhaftet bleibt und das Doppelleben des Müller durch seine oberflächliche Ausgestaltung sogar unglaubwürdig wirkt. Für Deutschlehrer mag das Buch eine Offenbarung sein, denn Geier hat sich m.E. in modifizierter Form dem Stil Dürrenmatt’scher Kriminalromane genähert, ohne jedoch deren Tiefgang zu erreichen. Langweilig war das Buch jedenfalls nicht, dafür 75°
Janko zu »Monika Geier: Müllers Morde« 19.10.2011
„Müllers Morde“ von Monika Geier ist ein intelligent aufgebauter, knapp 400-seitiger Krimi/Thriller, der im deutschsprachigen Raum seines Gleichen sucht. Der Plot inkl. seiner Prota- und Antagonisten ist typisch deutsch gehalten, die Dialoge sehr menschlich und stets wie aus dem Leben gegriffen. Der Facettenreichtum an aktuellen Themen rund um Forschung, Wirtschaft und Politik fügt sich nahezu perfekt zu einem Gesamtbild zusammen.
Das Ganze ist mit ein klein wenig unterschwelligem Humor angereichert und sehr lebendig verfasst. Hier greift auch öfters mal der Zynismus um sich. Die nüchtern abgefassten Sequenzen sind Anfangs in ihrer Einfachheit intelligent und anspruchsvoll und werden im Laufe des Plots in ihrem Anspruch einfach intelligent. Der eigenständige Schreibstil wirkt dabei stets authentisch. Hier kommt die Spannung nahezu gänzlich ohne Effekthascherei aus. Man ist stets gespannt darauf, wie es weitergeht. Die Charaktere hätten allerdings (noch) etwas mehr innerlichen, wie äußerlichen Kolorit abbekommen dürfen. Am Anfang war ich ja noch sehr skeptisch, da ich einen mehr oder minder langweiligen Regio-Krimi erwartet hatte. Nun bin ich aber davon überzeugt, dass es sich bei "Müllers Morde" um einen wirklich bärenstarken Krimi/Thriller handelt, der weit über das Gedachte hinausgeht.
Meine Wertung: 80°
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