Sonne Liebe Tod von Mongo Beti

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel Trop de soleil tue l´amour, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: fiktiv Afrika, 1990 - 2009.

  • Paris: Julliard, 1999 unter dem Titel Trop de soleil tue l´amour. 239 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2000. Übersetzt von Stefan Linster. UT metro; Bd. 172. ISBN: 3293201725. 256 Seiten.

'Sonne Liebe Tod' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Zam ist Journalist bei einer freien Zeitung. Er liebt die Wahrheit, den Whisky und Bébette. Doch Zam hat eine Pechsträhne. Seine Sammlung von Jazz-CDs ist geklaut worden, in seiner Wohnung liegt die Leiche einer Unbekannten, er wird von einem Auto verfolgt, seine Wohnung fliegt in die Luft. Was ist los in dem fiktiven afrikanischen Land, das an Kamerun erinnert? Ganz einfach, Wahlkampf. Unter der sengenden tropischen Sonne ist rein gar nichts und niemand unschuldig.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein faszinierendes, manchmal starkes, afrikanisches Buch« 80°

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

Nicht schon wieder! – dachte ich mir, nicht schon wieder eine Hauptfigur, die Jazz mag und ständig davon redet …

Aber Mongo Beti hat mich erhört – und »erhören« ist in seiner jetzigen Position gewissermaßen ein Teil seiner Tagesroutine. Ein leichter Wink mit seinem linken Flügel genügt (Er ist nämlich bereits verstorben), und ein paar Ganoven räumen die Wohnung von Zam, dem Hauptdarsteller, vollständig aus. Sie lassen dabei seine komplette Sammlung von Jazz – CDs mitgehen.

Mongo Beti hat mich beschämt. Ich war ungerecht.

Zamakwé, genannt Zam, ist freier Journalist in einem nicht näher bezeichneten afrikanischen Land (Gemeint hat Beti sehr wahrscheinlich seine Heimat Kamerun). Er schreibt kritische Artikel gegen Regierung, Korruption und französischen Neokolonialismus. Damit macht man sich in diesem Land aber keine Freunde, sondern wird zur Zielscheibe der Mächtigen.

Seine Mitstreiter sind sein Freund Eddie, ein Anwalt, der nie Jura studiert hat, der als Jazzmusiker gescheitert ist und seinen saxophonspielenden Namensvetter Eddie »Lockjaw« Davis verehrt. Sein Motto ist: »Bei genauem Hinsehen ist die Diktatur nicht das Schlimmste, vorausgesetzt, man weiß sich ihrer zu bedienen.« Weiters Zams Chef und Patron, Lazare Sououp, genannt PTC, ein wortgewaltiger, übergewichtiger Poltergeist und Franzosenhasser. Gemeinsam versuchen sie einen Kampf gegen die Machthaber im Lande, gegen Korruption, Kapitalflucht, internationale Konzerne und andere Windmühlen.

Der Einbruch bei Zam ist nur der Anfang. Kurz darauf findet man in seiner Wohnung eine Leiche. Zam und seine Freundin Bébéte, mit der ihn eine heftige Hassliebe verbindet, wechseln ihr Quartier, entgehen dort aber nur knapp einem Bombenanschlag. Eine persönliche Beschwerde von PTC beim Gouverneur über die Anschläge auf einen Journalisten scheitert an dessen offensichtlichen Desinteresse, der Sicherheitsbeauftragte vergleicht die Probleme Zams mit Bauchschmerzen und rät, die Ernährung umzustellen (Was heißt, keine heißen Eisen mehr anzurühren), und eine eilig einberufene Versammlung von Oppositionsführern verläuft irgendwo zwischen Slapstick und Kabarett.

Weitere Personen tauchen auf, stehen in geheimnisvollen Beziehungen zueinander, man verfolgt Diese, beschattet Jene, man entführt Bébéte aus unklaren Gründen. Zams Alkoholkonsum nimmt zu, sein Überblick über die Ereignisse nimmt ab. Die kommenden Wahlen werfen ihre Schatten voraus, ein massiver Wahlbetrug wird vorbereitet. Zunehmend geraten auch eine Dioxin – Giftmüllaffäre, die Vertuschungstaktik französischer Politiker und Konzerne, Korruption, Folter, Kinderprostitution und Völkermord ins Rampenlicht. Das Ganze endet in einer albtraumhaften Vision, die Zam befällt, als er sich am Ende seines Lebens angekommen glaubt …

»Was bringt es, verstehen zu wollen, wenn man sowieso nicht handeln kann?«

Wie handelt Mongo Beti, Bürger von Kamerun, einem der korruptesten Länder überhaupt? Einem Land, in dem Menschenrechtsverletzungen, Todesstrafe, Ausbeutung der Ressourcen, Vernichtung der Regenwälder, Umweltbedrohung durch Ölkonzerne, katastrophale Armut, Einschränkung der Pressefreiheit, Verfolgung der Oppositionellen, etc. an der Tagesordnung stehen?

Er schreibt Bücher wie »Sonne Liebe Tod«. Er möchte das Schweigen brechen.

Mongo Beti in einem Interview: »Kamerun ist kein demokratischer Rechtsstaat, sondern eine Diktatur, die zudem von Frankreich kontrolliert wird. Die Kamerunische Polizei arbeitet eng mit der französischen Polizei zusammen. Widerstand zu leisten ist für «normale» Bürger gefährlich. Bekannte Personen wie ich sind in einer besseren Position. Die Angst vor der Wirkung im Ausland schützt uns vor Übergriffen der Polizei. Nur unbekannte Leute werden getötet«

Damit dieses Buch im »Ausland« genügend Leute lesen, wählt Beti eine Form, die mich entfernt an Konzertprogramme erinnert, die man vor längerer Zeit in Wien »Sandwich – Programme« genannt hat. Damit versuchten Veranstalter oder Dirigenten, dem Publikum zeitgenössische Musik schmackhaft zu machen, die oft schwer verdaulich war, eingebettet zwischen zwei bekannten und beliebten Werken.
Die schwer verdauliche Realität Kameruns bettet Mongo Beti in einen »Kriminalroman«, der sehr vielschichtig und interessant aufgebaut ist: Zum einen wechselt er ständig die Perspektive, zum anderen verwendet er Elemente, die ein kontinuierliches Fortschreiten der Handlung bewirken. Daraus ergibt sich eine andauernde Dynamik, in die man beim Lesen hineingezogen wird.

Die Perspektivwechsel wirken wie Kameraschwenks. Einmal spricht Zam aus seiner Sicht, dann ein neutraler Erzähler, der besonders historische, soziale und politische Aspekte erwähnt, dann kommen längere Dialoge, es berichtet wieder Eddie, Zams Freund, usw. Diese Teile gehen nahtlos ineinander über. Die Kontinuität im zeitlichen Ablauf wird etwa durch folgenden kleinen Kunstgriff hergestellt: Während der gesamten Handlung sind wir über kurze Kommentare Zeugen der Befreiungskämpfe im benachbarten Kongo, wo Kabila zu Beginn des Buches vor Uvira steht, am Ende aber bereits die Hauptstadt Kinshasa eingenommen hat.

Der erste Teil ist locker und irgendwie amüsant geschrieben, hat aber auch einzelne Längen, weil Beti oft ausschweifend vom Thema abkommt. Man erlebt die intensive Hassliebe zwischen Zam und Bébéte, wo einander Momente zärtlicher Sinnlichkeit und sehr heftige, beleidigende Wortgefechte abwechseln.

Es kommt zu den Anschlägen auf Zam, die entfernt die Bezeichnung »Krimi« rechtfertigen.
Hier dominiert oft ein bissiger Humor, und dieser Teil ist wahrscheinlich der Grund für viele Kommentare, die von »Grotesker Politsatire«, »Mitsingen, -trommeln, -tanzen wollen«, »Lässig und beschwingt wie Jazz«, oder »Swingender Erzählstil« sprechen.

Doch dann hat Mongo Beti genug. Sein Zweck ist erreicht, und die Leser sind gefangen, die glauben, es handelt sich hier um Satire und literarischen Jazz. Er kommt immer mehr zur Sache: Jazz, Humor oder Trommeln sind zu Ende, das Lachen bleibt uns im Halse stecken. Es dominiert die ungeschminkte Realität in Kamerun (bzw. in einem hier nicht näher bezeichneten afrikanischen Land). Und die geht einem ganz schön auf die Nieren. Kleines Beispiel gefällig?

»Willst Du mal sehen, was der Mensch wirklich ist, mein lieber Georges? Dann treib ihn in den Hunger...Wenn man das Glück hat, die Macht zu besitzen, diese einzigartige göttliche Fähigkeit, Massen und den Einzelnen zu bändigen, sie deinen Launen zu unterwerfen, wäre es doch Irrsinn, diese Macht einfach entgleiten zu lassen, selbst wenn man dafür an allen denkbaren Fäden ziehen und alles einsetzen müsste, von der List hin bis zum Bürgerkrieg, und warum auch nicht bis zum Genozid. Ich lach mich tot, wenn ich die mit ihren endlosen Geschichten über den Völkermord in Ruanda höre. Na und? Wenn’s weiter nichts ist! Diese Hutus sind doch Arschlöcher, weil sie gescheitert sind. Einen Völkermord muss man immer richtig zu Ende führen, hat man ihn erst einmal angefangen...«

Gegen Schluss erleben wir eine fast metaphysische Szene: Eine Person tritt auf, die sich als Zams Sohn ausgibt und ihn praktisch zwingt, kurz vor seinem nahen Tod über sein bisheriges Leben nachzudenken. Ich habe lange überlegt, welche Bedeutung das Ganze haben kann, und da hat mir Mongo Betis eigener Hinweis auf die afrikanische Mythologie geholfen.

Ohne zuviel verraten zu wollen, gestatte ich mir eine sehr freie und – zugegebenermaßen – subjektive Interpretation: Zams Sohn halte ich für eine Allegorie auf die Zustände in Kamerun, der Gewalt, der »kollektiven Raserei, der allumfassenden Zerrüttung der Gemüter«. Seine Suche nach dem Vater(den Vätern) ist eine Suche nach den Verantwortlichen, den Verursachern, und Zam ist tatsächlich einer der Väter, denn er entdeckt einen dunklen Fleck in seiner eigenen Vergangenheit. Man könnte auch die Figur der Bébéte als Metapher für die missbrauchte, missverstandene, geschundene Frau oder Heimat sehen.

Das ist alles andere als ein Kriminalroman. Es ist ein faszinierendes, manchmal starkes, »afrikanisches« Buch voller Anklage, Palaver, Verzweiflung, Galgenhumor, Zorn, Mythologie und Mongo Betis Liebe zu Afrika.

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mira23 zu »Mongo Beti: Sonne Liebe Tod« 25.06.2009
Wer geht schon als Einzeltourist nach Kamerun? Mit meiner Frau verbrachte ich im Februar Jahr zwei Wochen in diesem Land und nahm mir als Ferienlektüre Mongo Beti's Krimi mit. Allerdings las ich dann an seiner Stelle gut die Hälfte der Buddenbrooks von Thomas Mann, schöner Kontrast zwischen Lübeck im 18 Jh. und Kamerun! Einen ähnlichen Kontrast empfand ich, als ich Mongo Beti’s ‚Sonne Liebe Tod’ zu Hause in der Schweiz las. Er schildert eine Welt, in der kaum ein Stein so richtig auf dem andern sitzt. Er tut dies fast ausschliesslich aus politischer Sicht und missbraucht meines Erachtens den Kriminalroman für politische Agitation gegen das korrupte System in Kamerun. Die Schönheiten des äusserst kulturreichen Landes und die guten Seiten der darin lebenden Menschen lässt er gänzlich ausser Acht. Auch sein Stil und seine Erzählweise sind farblos, ohne Konturen, ohne Spannung bis sogar langweilig. Mongo Beti mag alles sein, aber ein Kriminalautor ist er sicher nicht, und hat hier völlig daneben gegriffen und mir eine tendenziöse Wischi-Waschi-Geschichte mit lauter charakterlosen Menschen erzählt und einen Eindruck von Kamerun hinterlassen, der so nicht stimmt. Das kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Trotz sehr attraktivem Einband eines der schlechtesten Bücher, das ich je in Händen hatte.
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