Tokio von Mo Hayder

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Tokyo, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Goldmann.

  • London: Bantam, 2004 unter dem Titel Tokyo. 416 Seiten.
  • New York: Grove, 2005. 416 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Ute Thiemann. 416 Seiten.
  • [Hörbuch] München: Random House Audio, 2005. Gesprochen von Sophie Rois. ISBN: 3866040105. 6 CDs.
  • [Hörbuch] München: Random House Audio, 2007. Gesprochen von Sophie Rois. gekürzte Lesung. ISBN: 3866045174. 4 CDs.

'Tokio' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ein unaussprechliches Geheimnis treibt die englische Studentin Grey nach Tokio: Hier hofft sie, den Schlüssel zu einer Tragödie zu finden, die sie seit Jahren verfolgt. Ein Filmausschnitt, der Gräueltaten japanischer Soldaten im chinesischen Nanking 1937 zeigt, soll die Lösung des Rätsels enthalten. Doch der Besitzer des Films, ein chinesischer Wissenschaftler, ist nur unter einer Bedingung bereit, ihr die Bilder zu zeigen: Grey soll ein geheimnisumwittertes Elixier aufspüren, das sich in den Händen des einflussreichsten und gefährlichsten Mannes von Tokio befindet. Grey kann nicht ahnen, dass die Geschichte dieses Elixiers eng mit ihrer eigenen Tragödie verknüpft ist – und dass sich eine blutige Spur von den Ereignissen in Nanking bis in die Gegenwart zieht …

Leseprobe

Das meint Krimi-Couch.de: »Hätte fast zwingend eine tolle Geschichte werden müssen – hätte...« 45°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Grey, die jahrelang in einer Klinik behandelt wurde, weil man sie für verrückt erklärte (sie hatte u. a. als 13-jährige freiwillig Sex mit fünf Jungen), ist besessen von den Greueltaten der Japaner, die diese den Chinesen 1937 vor allem in der Stadt Nanking antaten. Hierüber hat sie in einem Buch im Hause ihrer Eltern gelesen, doch als sie dieses Buch in der Klinik von ihren Eltern fordert, leugnen ihre Eltern die Existenz des Buches. Um sich und allen anderen zu beweisen, dass sie nicht verrückt ist bzw. sich nicht alles nur eingebildet habe, versucht sie die Geschehnisse in Nanking aufzuklären.

Als sie später Jura studiert stößt sie bei ihren Recherchen auf zwei Filme, die die Massaker der Japaner angeblich dokumentieren. Doch nur ein Film, der sich im Besitz von Shi Chongming befindet, einem Zeitzeugen der mittlerweile als Professor in Tokio tätig ist, zeigt die tatsächlichen Vorfälle. Grey bricht ihr Studium ab und verkauft ihren gesamten Besitz um nach Tokio zu fliegen und dort den ominösen Film zu sehen. Prof. Chongming streitet zunächst die Existenz des Filmes ab und so muss Grey notgedrungen länger als geplant in der Stadt bleiben. Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen nimmt sie eine Stelle als Hostess in einem bekannten Nachtklub an und macht dort alsbald Bekanntschaft mit Fuyuki, einem der mächtigsten Yakuza-Bosse Tokios. Dieser soll sich im Besitz eines Elexiers befinden welches zur Unsterblichkeit verhilft und plötzlich bietet sich Grey eine Chance, an den Film Chongmings zu kommen. Dieser bietet ihr nämlich einen Deal an: Den Film gegen das Elexier.

Grey gelingt es zwar gemeinsam mit anderen Hostessen wiederholt in Fuyukis Privatwohnung eingeladen zu werden, doch als plötzlich tatsächlich ein Diebstahl in dessen Wohnung erfolgt, droht Greys Leben höchste Gefahr …

Ein junges Mädchen hat also Spaß oder Interesse am Sex und wird (so scheint es lange Zeit) dafür für verrückt erklärt und in eine Klinik eingeliefert. Dort hat sie zwar nahezu keinen Kontakt zur Außenwelt, besteht aber ihre Schulprüfungen und kann ein Studium beginnen. Dieses bricht sie nach kurzer Zeit ab, um in den Besitz eines geheimnisvollen Films zu kommen, für den sie – nahezu mittellos – nach Japan fliegt. Dass der mächtigste Gangster Tokios ausgerechnet in dem Nachtklub gastiert, in welchem die Protagonistin arbeitet, ist natürlich für den Fortgang der Geschichte ebenso hilfreich wie der Umstand, dass der Professor, der sich in dem Besitz des fraglichen Filmes befindet, wiederum ausgerechnet von diesem Mafia-Boss etwas haben möchte. Noch Fragen?

Die Geschichte spielt auf zwei Erzählebenen: In Rückblenden erzählt Chongming die Ereignisse des Jahres 1937, die dem Massaker japanischer Soldaten an der chinesischen Zivilbevölkerung vorausgingen. Dazu abwechselnd wird die oben kurz skizzierte Handlung in der Gegenwart erzählt. Spannend an dem Plot bleibt somit vor allem die Frage, ob und inwieweit die damaligen Ereignisse mit der heute spielenden Handlung in Zusammenhang stehen, denn das am Ende das Elexier gegen den Film getauscht wird, überrascht nicht wirklich, sondern muss geradezu zwangsläufig erfolgen, um den Plot schlüssig aufzulösen. Die Auflösung selber ist allerdings ebenso beeindruckend wie Geschmacksache.

Eine Story vor asiatischer Kulisse (Tradition, Lebensweisheiten, Mafia etc.) und ein Ausgangsszenario aus dem eigentlich fast zwingend eine tolle Geschichte werden muss, hat Mo Hayder, die mit ihren beiden Erstlingswerken Der Vogelmann und Die Behandlung mehr als überzeugen konnte, leider – aus meiner Sicht – in den Sand gesetzt.

Der anfangs nur schwer nachvollziehbare Lebenslauf von Grey wird zwar auf furiose Art aufgeklärt und auch die Ereignisse des Jahres 1937 werden sehr lesenswert geschildert, dennoch leidet die Story an zwei entscheidenden Problemen: Ihren verstörenden und völlig überzeichneten Charakteren sowie einer bedächtig-zäh ablaufenden Story, die erst im letzten Drittel deutlich an Fahrt gewinnt.

In Tokio ist oftmals von »Freaks« die Rede und diese trifft man auf nahezu jeder Seite. Kaum eine Person in dem Roman (bezogen auf jenem in der Gegenwart spielenden Handlungsstrang) kann als normal bezeichnet werden. Man rechnet förmlich damit, dass Dr. Frankenstein in einer Gastrolle auftritt, doch dieser fehlt überraschend. Nein, was Mo Hayder hier dem Leser teilweise zumutet ist Stuss und schlichtweg enttäuschend. Dies umso mehr, da Hayder ja brillant schreiben kann, wie ihre Vorgängerromane beweisen. Aber was soll man beispielsweise von einem Mann halten, der gerne »Freaks fickt« (gemeint sind entstellte oder verstümmelte Personen)? Und was hätte man nicht aus dem Verweis auf die Yakuza (Rituale etc.) machen können?

Der Plot, die Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart, die Erzählung der Ereignisse in Nanking 1937 und nicht zuletzt die Erklärung für Greys Interesse an den damaligen Greueltaten sind durchweg positiv zu bewerten (vorausgesetzt, man ist bereit, die Auflösung als solche zu akzeptieren), aber jener Handlungsstrang in der Gegenwart und insbesondere die Charakterdarstellungen (ohne etwas verraten zu wollen: Gemeint sindvor allem Jason, »Strawberry« und die »Krankenschwester«) machen Tokio zu einem zähen und schwer verdaulichem Werk. Zumal an keiner Stelle erläutert wird, warum die vorgenannten Figuren so »freaky« sind wie sie sind. Bleibt zu hoffen, dass Mo Hayder zu alter Stärke zurückfindet. Übrigens: Wo ist Jack Caffery?

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Khampha Yangnok zu »Mo Hayder: Tokio« 21.06.2014
Tokyo ist weder ein Geschichtsbuch noch ein Krimi, obwohl es sicherlich Elemente von Beiden hat.
Schräge Literatur, wie Charles Bukowski, fast.
Phantastisch gezeichnete, mitunter bizarre Charaktere, flüssiger, jederzeit nachvollziehbarer Schreibstil. -übrigens Kompliment an die Übersetzerin-, sehr guter Spannungsbogen und bezüglich des japanisch-chinesischen Konfliktes hervorragend recherchiert.
Zudem eine tolle und auch sehr emphatische Story!
Fuer mich eines der besten und beindrucksten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe.
Also , Mo Hayder kann mehr Krimi. 5,5 von 6 Sternen.
Lisa Rowe zu »Mo Hayder: Tokio« 20.04.2014
Tokio von Mo Hayder ist eines der besten Bücher die ich kenne und die "Freaks" sind nicht überzeichnet, sondern reallife :)
Aber vielleicht ist dieses Buch zu strange für
:D "durchschnitts Gemüter"
Ich habe nicht nur geschichtliche Fakten an den Kopf geknallt bekommen, sondern die Auswüchse des Hasses körperlich spüren können, was selten vorkommt.
10.. Daumen hoch
LG Lisa
meni77 zu »Mo Hayder: Tokio« 09.01.2014
Ich kann mich der Meinung von "Patrick" leider nicht anschließen und muss Herrn Kaijinski durchaus recht geben. Ich find ein absoluter Fan von Welsh und Ellis, aber diese Mo Hayder finde ich recht durchwachsen. Kein Vergleich zu den Großmeistern Welsh und Ellis, sehr langatmige Kost! Die Idee der Story verspricht einiges und man wartet ewig auf den Durchbruch der Story. Tokyo war mein zweites Buch der Autorin, es wird definitiv das letzte sein, die Sekte war schon nicht unbedingt der Hit, aber zumindest besser als Tokyo, ich muss die Bewertung sogar unter Herrn Kaijinski ansetzen, es gibt schwache 35 Grad
Patrick zu »Mo Hayder: Tokio« 30.08.2013
Herr Kijanski ist wohl mit völlig falschen Erwartungen an "Tokio" herangegangen.
Ich kann die Rezension in keinem Punkt nachvollziehen, habe allerdings auch nur die englische Originalausgabe gelesen. "Tokio" ist kein Krimi, nicht mit "Vogelmann" und "Behandlung" vergleichbar und vielleicht grundsätzlich das falsche Buch für eine Krimi-Couch.
Ich finde das Buch absolut fantastisch.
Leicht verdaulich ist es wirklich nicht, aber das heißt nicht, daß es ein schlechtes Buch ist - im Gegenteil! Leicht verdaulich ist Rosamunde Pilcher.
Die verstörenden Charaktere sind das Salz in der Suppe und die (verstörende) Story fand ich alles andere als langatmig. Man ahnt schon am Anfang und mit der Zeit immer mehr, daß die Ereignisse unausweichlich auf ein ungutes Ende hinsteuern.
Eingefleischten Krimi-Fans würde ich das Buch nie im Leben empfehlen, aber wer ein bißchen schräge Literatur mag (Palahniuk, Welsh, Ellis), der wird "Tokio" auch mögen.
Jens zu »Mo Hayder: Tokio« 12.06.2013
Habe selten ein solch langweiliges Buch gelesen. Nichts in dem Buch ist nachvollziebar.
Die Geschichte spielt auf zwei Erzählebenen: In Rückblenden erzählt Chongming die Ereignisse des Jahres 1937, die dem Massaker japanischer Soldaten an der chinesischen Zivilbevölkerung vorausgingen. Dazu abwechselnd wird die oben kurz skizzierte Handlung in der Gegenwart erzählt.
Cebe zu »Mo Hayder: Tokio« 16.01.2013
Mit völligem Unverständnis habe ich oben gezeigte Rezension gelesen! Ich fand das Buch großartig. Gelesen habe ich es damals erst in englischer Originalsprache, dann in deutscher Übersetzung (Übersetzungsfehler gab es da meiner Meinung nach nicht!). Zu Weihnachten habe ich mir jetzt das Hörbuch gewünscht, gelesen von Sophie Reus - ein wahrer Genuss! Man merkt schon, dass es mir bei diesem wiederholten 'Verzehr' gefallen haben muss. Bei mir haben die unterschwelligen Andeutungen eine beinah unerträgliche Spannung/Erwartung/unheilvolle Ahnungen erzeugt, die ich keineswegs als störend, sondern als sehr inspirierend empfand. Auch finde ich den aus Sicht des Professors erzählten Teil ungeheuer informativ und in der Tat zu Recherchen einladend. Die chinesisch-japanische Geschichte und ihre Verwicklungen sind mir ebenfalls ziemlich neu, und dieses Buch hat tatsächlich eine Faszination dafür in mir geweckt. Zudem ist es sprachlich einwandfrei geschreiben, wunderbar formuliert und hat mich wirklich berührt. Ich finde Tokio weit besser als Den Vogelmann und Die Behandlung, wesentlich gehaltvoller als alle Caffery-Romane. Mir hat er nicht die Spur gefehlt - im Gegenteil: Ich finde nicht, dass Mo Hayder es nötig hat, eine Serienfigur zu erfinden, um die Leser zu halten. Gerade in Tokio (wie auch der Sekte) kommt ihr schriftstellerisches Können in meinen Augen wesentlich besser zur Geltung. Wie gesagt - die obige Rezension des Herrn Kijanski ist mir ein komplettes Rätsel!!
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Vicky Steidl zu »Mo Hayder: Tokio« 25.05.2012
Dies war mein 2. Buch von Mo Hayder (nach "Der Vogelmann"). Der Schreibstil ist typisch Mo Hayder: man kann dieses Buch einfach nicht aus den Händen legen. Zum Aufbau (die beiden Erzählstränge etc.) und zum Inhalt wurde schon ausführlich berichtet. Zu meiner Kritik: Ich finde nicht, dass das Buch "zäh" ist, ganz im Gegenteil, aber in jedem Fall ist es schwer verdaulich! Man sollte also in keinem Fall zart besaitet sein. Man sollte auch eine Portion Fantasie mitbringen, wenn man aus gewissen Andeutungen von Mo Hayder herauslesen möchte, was genau gemeint ist. Das ist auch der einzige Kritikpunkt, den ich habe: Jasons Hintergrund?!? Es wird viel angedeutet, aber nie aufgelöst. Was genau ist mit der Krankenschwester? Auch hier wird viel angedeutet, wenig (nichts) aufgelöst. Man erfährt auch nicht, was zwischen den beiden passiert ist. Manchen mag genau das gefallen (Andeutungen, aus denen man seine eigenen Schlüsse ziehen kann/muss/soll), mich jedoch hat es am Ende des Buches dann doch etwas aufgeregt. Immerhin wartet man das ganze Buch über nicht nur auf die Auflösung zu Grey's Geschichte, sondern eben auch auf andere, mehr als einmal angedeutete, Geschichten. Kann es sein, dass das Buch einfach nicht gut übersetzt wurde und man es in Originalsprache lesen muss, um die Andeutungen besser zu verstehen? Wie auch immer, zusammengefasst ist das Buch sehr gut, sehr packend, bringt einen zum Nachdenken (und mich zum Recherchieren, da ich über die chinsisch-japanischen Geschichte bis dato keinen Überblick hatte).
Patrick Pfau zu »Mo Hayder: Tokio« 30.08.2011
Tokio kann man nur verstehen, wenn man die asiatische Mentalität kennt! Herr Kijanski (Rezensent) zählt offensichtlich nicht dazu. Ich darf nur mal in Erinnerung rufen, dass es z. Bsp. Automaten für getragene Damenunterwäsche gibt (das ist keinesfalls eine urban legend) und dass die Shinto Religion Sex viel offenherziger auslegt als westliche Religionen. Deutschland ist verglichen mit Tokio echt prüde. Und natürlich geht der Mafia-Boss in den besten Club der Stadt! Die Charaktere als Stuss abzutun, ist schon echt frech! Mein Tipp: Machen Sie doch bitte mal eine Reise um die Welt (so wie Mo Hayder!), dann wissen Sie auch was mit Freaks gemeint ist! Jedem, der eine gewisse Sensibilität für fremde Kulturen hat, kann ich dieses Buch nur empfehlen. Und Herrn Kijanski wünsche ich weiterhin viel Spass auf Malle bei einem Glas deutschem Bier und einem Wiener-Schnitzel zusammen mit den anderen Langweilern! Von mir gibt es 90 Grad für Tokio.
retnueg zu »Mo Hayder: Tokio« 18.05.2011
hallo, tokio ist nach "die behandlung" das zweite buch von mo hayder, was ich mir zu gwemüte führen durfte. allerdings kann ich die enthusiastischen kritiken einiger leute nicht nachvollziehen und muss leider sagen, dass es mich sogar enttäuscht hat - und bei weitem nicht so in den bann gezogen wie "die behandlung". sicher kein schlechtes buch, auch irgendwie interessant, auch nicht schlecht geschrieben, aber das kann mich nun wirklich nicht vom hocker reissen!
Britta Daniel zu »Mo Hayder: Tokio« 10.04.2011
Geil - aber schreibe selber und war erstaunt was alles geht - also das alles geht ist klar, aber das alles in einem Buch geht...also Hut ab Fr.Hayder, sie sind großartig...Wow...I love you entertain me... (und dann beginnt ein Schreibdurchfall, der rein gar nichts mit Hayders Buch zu tun hat und eh ins Forum gehört hätte. Wenn es also unbedingt sein muss: bitte noch einmal dort in einem passenden Thread posten. Danke, jkö.)

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