Stimmengewirr von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2006 bei Leda.
-
Leer: Leda, 2006.
ISBN:
978-3934927797. 351 Seiten.
'Stimmengewirr' ist erschienen als
![]()
In Kürze:
Die griechische Vase, die Cäcilia-Josephine Greschke ihrem zudringlichen Doktorvater über den Schädel zieht, ist Gott sei Dank nur eine schlechte Kopie. Und sie enthält überraschenderweise dreißigtausend Euro, die nun zwischen den Scherben liegen. Das kommt nicht ungelegen. Mit diesem Startkapital und einem gefälschten Pass verlässt die junge Frau den Ruhrpott und ihr Jura-Studium und bewirbt sich um einen Job in einer Münsteraner Detektei. Denn diese Anstellung öffnet Türen – und Cäcilia-Josephine ist auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit. Sie ist mehr als »eine Frau mit vielen Gesichtern«, sie ist »Jo & Co.«, eine multiple Persönlichkeit. Jetzt will sie endlich Klarheit haben: Was hat es auf sich mit dem angeblichen Unfalltod ihres Vaters? Was ist passiert bei dem von der Staatsanwaltschaft angesetzten Ortstermin im Familienbetrieb der Greschkes in Oldenburg, der Druckerei? Und was weiß ihr Bruder Mike, der im Gefängnis sitzt?
Das meint Krimi-Couch.de: »Keine einfache Krimi-Kost«
Krimi-Rezension von Sylvia Rucker überspringen
Cäcilia-Josephine Greschke verkörpert das, was man gemeinhin als ein »Mädchen aus gutem Hause« bezeichnet. Ihre Kinder- und Jugendzeit verbringt sie mit ihren Eltern in Oldenburg, die dort eine renommierte Druckerei betreiben. Dort taucht auch eines Tages ihr unbekannter älterer Halbbruder Mike auf, der aus einer Liaison ihres Vaters Michael mit einer Prostituierten stammt und bisher nach dem Tod seiner Mutter im Heim und bei Pflegefamilien gelebt hat.
Zu ihm entwickelt sie ein sehr enges Verhältnis, das sich im Laufe der Zeit, als er mit in der Familie lebt, immer mehr verstärkt. Denn schließlich ist er der einzige Mensch in ihrem Leben, dem sie ihre Befürchtung anvertrauen kann verrückt zu sein und der die Entwicklung ihrer multiplen Persönlichkeit hautnah miterlebt und vor anderen gedeckt hat. Die Enge dieser Bindung zeigt sich besonders deutlich, als Mike nach dem Tod des Vaters in Schwierigkeiten mit der Justiz gerät und schon bald danach das erste Mal verhaftet wird. Cäcilia-Josephine reagiert darauf mit einem Nervenzusammenbruch.
Ihre Mutter Heidrun konnte Mike aufgrund seiner Herkunft nie akzeptieren und befürchtet darüber hinaus seinen schlechten Einfluss auf Cäcilia-Josephine und versucht erfolgreich mit allen Mitteln, den Kontakt zwischen den beiden zu unterbinden.
Jahre später hat sich Cäcilia-Josephine schließlich ihr eigenes Leben aufgebaut, studiert mittlerweile erfolgreich Jura an einer Uni im Ruhrpott und wohnt bis zu Mikes letztem Haftantritt mit ihm zusammen. Von ihrer Mutter hat sie sich deutlich distanziert. Doch jäh gerät sie wieder aus dem Gleichgewicht, als dem Geschäftsführer der Druckerei Betrügereien vorgeworfen werden, in die auch ihr verstorbener Vater verwickelt war, dem überdies eine Beteiligung an einem Bordell nachgewiesen wurde.
Der Druck durch Gerichtsverfahren und Presse lässt sie erneut zusammenbrechen. Viel später wird ihr klar, dass sie für ihre Zukunft dringend die Vorfälle, die sie zu diesem letzten Zusammenbruch geführt haben, genauer untersuchen muss, um herauszufinden, was sie so hat werden lassen, wie sie jetzt ist. Vor die Wahl einer Therapie oder eigenen Ermittlungen gestellt, begibt sie sich daher auf der Suche nach den Ursachen und Gründen für ihr komplexes Persönlichkeitsbild nach Münster und heuert dort unter falschem Namen in einer Detektei an, um sich so den nötigen Background für ihre Recherchen in ihrer Vergangenheit zu schaffen.
Dazu nimmt sie Kontakt zu dem Journalisten Rudolf Meerbach auf, der schon damals an der Berichterstattung über die Ereignisse um und mit ihrem Vater beteiligt war, um sie mit seiner Hilfe und seinem Wissen nochmals aufzurollen und zu entschlüsseln.
Wahrscheinlich liegt es an der Geschichte an sich, was es so kompliziert macht, dieses Buch zu bewerten! Denn in vielerlei Hinsicht ist es doch anders als das, was man bei einem Krimi vielleicht üblicherweise erwartet.
Was als erstes beim Lesen auffällt ist, dass es eine lange Zeit braucht, bis das mit Leben mit den Persönlichkeiten Cäcilia-Josephines dargestellt ist und sich die eigentliche Zielrichtung, nämlich die Aufklärung der Ereignisse in ihrer Kindheit durchsetzt.
Anders als bei einer gewöhnlichen Krimigeschichte geht es auch nicht um Ermittlungsarbeit im klassischen Sinn. Letztendlich werden hier die zurückliegenden und alles auslösenden Katastrophen in Cäcilia-Josephines Leben überwiegend durch ihre eigenen inneren Persönlichkeiten herausgefunden, von denen jede ein anderes »Stück« Erinnerung besitzt, die zusammengefügt zum Schluss ein vollständiges Bild ergeben.
Es ist auch nicht immer unbedingt leicht, dieser Geschichte so ohne weiteres zu folgen, denn so kompliziert wie die Struktur einer multiplen Persönlichkeit ist, so vielschichtig sind natürlich auch die geschilderten Erlebnisse. Da alle »Personen« von Cäcilia-Josephine ebenso wie ihr Bruder Mike in der Ich-Form sprechen, muss man schon darauf achten, mit wem man es gerade zu tun hat, obwohl Mischa Bach als kleine Orientierungshilfe einigen Charakteren eine jeweils passende Sprachform zugeordnet hat. So lassen sich der 16jährige Tom mit einem leicht rotzigen Halbstarkenton und das lebenslustige Schneewittchen und auch Mike mit einer etwas plumperen Sprache am leichtesten von allen anderen unterscheiden.
Trotz der Konzentration, die man beim Lesen dieses Buches an den Tag legen sollte, ist allein die Idee interessant, das Bild einer multiplen Persönlichkeit aufzuzeigen und in eine Krimihandlung zu packen. Und mit dem Ergebnis der Umsetzung dieser Idee kann man durchaus zufrieden sein. Eindrucksvoll beschreibt Mischa Bach die Organisation des »Familienbetriebes« und die Mühen und Anstrengungen, die es kostet, ihn zu führen und vor der Welt zu verbergen. Gerade auch die Diskussionen aller Personen von Cäcilia-Josephine über das weitere Vorgehen in ihrem Leben, das Abwägen der Vor- und Nachteile bringen einen großen Teil der Spannung.
In einem zweiten Handlungsstrang erzählt Mike Erlebnisse aus seinem Leben von damals und heute. Aktuell verbüßt er gerade mal wieder eine Haftstrafe und wird von eigenen Sorgen und Nöten geplagt. Auf der einen Seite sind diese Einblendungen verwirrend, da sie sowohl die geschwisterliche als auch seine alleinige Vergangenheit und Gegenwart betreffen. Auf der anderen Seite fügen sich durch diese Informationen aber auch einige lose Fäden in der Geschichte der Cäcilia-Josephine zusammen.
Nicht überzeugt hat das Ende nach dem Ende, denn hier hat man den Eindruck, als wäre bewusst noch mal tief in die Trickkiste gegriffen worden, um zu einem grandiosen Finale zu gelangen. Der Aufwand, die letzten zwanzig Seiten noch für einen dramatischen neuen Aspekt in der Geschichte zu verwenden, nachdem alles schon geklärt ist, war überflüssig.
»Stimmengewirr« ist keine einfache (Krimi-)Kost, aber ein empfehlenswertes Buch für denjenigen, für den actionreicher blutiger Mord und Totschlag nicht im Vordergrund stehen müssen.
Ihre Meinung zu »Mischa Bach: Stimmengewirr«
Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!
| Edith Nebel zu »Mischa Bach: Stimmengewirr« | 16.08.2007 |
|---|---|
