Pommerenke von Miron Zownir & Nico Anfuso

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 bei CulturBooks.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Berlin, 2010 - heute.

  • Hamburg: CulturBooks, 2017. ISBN: 978-3959880237. 340 Seiten.

'Pommerenke' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Er war »das Ungeheuer vom Schwarzwald«: Der Serienmörder Heinrich Pommerenke (1937 2008) versetzte im Jahr 1959 eine ganze Region in Angst und Schrecken und beging eine unvergleichliche Serie von mehr als sechzig Überfällen, Gewaltverbrechen, Vergewaltigungen und Morden.
Anfang unseres Jahrtausends besucht die junge Journalistin Billie den Verbrecher mehrfach im Gefängnis, weil sie seine Biografie schreiben möchte. Das Ungeheuer ist nun ein alter Mann, aber noch immer ein Meister darin, Menschen zu manipulieren &
Während der Beschäftigung mit Pommerenke und seinen Verbrechen driftet Billie tatsächlich immer weiter in eine Wahnwelt ab. Ihre Recherchen werden zunehmend atemloser, die grausamen Taten und die Überführung des Mörders Teil ihrer Realität. Das Leben des Serienmörders setzt sich langsam zusammen, das von Billie zerfällt.

Das meint Krimi-Couch.de: In die neunte Hölle Dantes muss er hinein 88°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

Als Heinrich Pommerenke 2008 einundsiebzigjährig stirbt, hat er 49 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Kein Strafgefangener saß in Deutschland zu diesem Zeitpunkt länger hinter Gittern als Pommerenke. Als man ihn 1959 eher zufällig verhaftete (ein Kleinkalibergewehr, vergessen in einer Aktentasche, ein allzu neugieriger Schneider und ein schnell reagierender Dorfpolizist sorgten dafür) hatte Pommerenke bereits vier Frauen getötet und vergewaltigt, weitere mit Messerstichen schwer verletzt, zwei vollendete und fünfundzwanzig versuchte Vergewaltigungen sowie diverse Einbrüche und Raubüberfälle begangen. Insgesamt wurden dem 22-jährigen 65 schwere Straftaten zur Last gelegt. Die meisten dieser Taten beging er zwischen September 1958 und Juni 1959.

Jeder von uns ist sein eigener Teufel, und wir machen uns diese Welt zur Hölle**

»Vor ihnen sitzt kein Mensch, sondern der Teufel«, sagte Pommerenke über sich selbst während der Gerichtsverhandlung. Als »Schwarzwaldbestie« titulierten ihn die Medien unter anderem. Nach seiner Verhaftung wurde der Ruf nach Wiedereinführung der Todesstrafe schnell laut. Nichts Neues im Land der Richter und Henker.

Bevor Pommerenke sich zum Teufel stilisierte, berief er sich auf die Gegenseite. Angeblich führte ein Besuch des Cecil B. DeMille-Films »Die zehn Gebote« zu seinem ersten Mord. Frauen als Inkarnation des Sündigen zu bestrafen, diente ihm als Entschuldigung und Motivation. »Als sich sein Sperma mit ihrem Blut vermischt, bildete er sich ein, dass er eine willige Frau unter sich spürte und dankte dem Herrn für seine göttliche Gnade«, wird die Journalistin Billie Harland verzeichnen.

Später verblassen die religiösen Motive, lösen sich auf, wie Billie sich auflösen wird, während ihre Heinrich Pommerenke-Biographie sich dem Ende zuneigt. Pommerenke sitzt schwerkrank im Gefängnis, geriert sich als wiedergeborener Christ. Sein religiöser Betreuer Pfarrer Arnold versucht mit einigen Anhängern, den Verurteilten für die letzten Lebensjahre aus dem Knast zu holen. Was nicht gelingen wird. Auch wenn Billie Pommerenke längst in Freiheit sieht, als düsteren Begleiter, Bedrohung und Infiltrator des eigenen Geistes.

Der Tod im Wirtschaftswunderland

Pommerenke  Ein True-Crime-Roman ist eine Gratwanderung, die den beiden Autoren Nico Anfuso und Miron Zownir hervorragend gelingt. Basierend auf der Recherche und den Gesprächen, die Anfuso mit dem inhaftierten Heinrich Pommerenke führte, entwickelt sich eine Chronologie der Ereignisse in den ausgehenden Fünfzigern. Dabei wird die Erzählperspektive Pommerenkes übernommen. Ohne ihn oder seine Taten zu entschuldigen oder zu verklären, entwickeln die Autoren das spannende und genaue Psychogramm eines Serienmörders, das die Leiden der Opfer nicht ausspart, und in seiner Sachlichkeit mehr vom Schrecken jener Tage erzählt, als es bei einer übertriebenen Dramatisierung der Fall gewesen wäre.

Außerdem liefern die Pommerenke-Passagen einen hochinteressanten Einblick in das Kleinstadtleben im Wirtschaftswunder-Deutschland. In dem sich der, bei aller Verschlagenheit, unheimlich naive Pommerenke, zwischen Schwarzwald und Schweiz mordend und vergewaltigend hin und her bewegt, ohne dass man ihm auf die Schliche kommt. Zufällig kann er Befragungen entgehen, sein Verhalten erregt zwar linden Verdacht bei Arbeitskollegen, doch dem wird nicht einmal ansatzweise nachgegangen.

Erst seine eigenen groben Fahrlässigkeiten überführen Pommerenke als Serienkiller. Er ist ein tumber Wolf zwischen beflissenen und mit sich selbst beschäftigten Schafen. Wäre er ein wenig intelligenter und planvoller vorgegangen, hätte er mit seinen Taten ungeschoren davonkommen können. Auch diese bittere Einsicht vermittelt der Text.

Eine Geschichte des psychischen Zerfalls

Der True Crime-Part überzeugt auf ganzer Linie, doch wie sieht es mit der Fiktion aus, jenem Teil, in dem die Journalistin Billie dem Subjekt ihrer Betrachtungen ver- und dabei psychisch zerfällt? Man kann das Fazit vorwegnehmen, auch hier leisten Anfuso und & Zownir kompetente Arbeit.

Denn sie begehen nicht den Fehler, Pommerenke zum kriminellen Mastermind zu stilisieren, quasi als bundesdeutsches Äquivalent zu Thomas Harris Hannibal Lecter. Die geradezu manische Erstellung des Manuskripts, das immer stärkere Hinfiebern Billies auf die Gespräche mit Heinrich Pommerenke und der Begegnung mit seinem spirituellen Betreuer Arnold, ergibt sich peu a peu, geht einher mit vielen anderen Komponenten, in denen Billies Alltagsbezug erst auf eine harte Probe gestellt wird und ihr dann völlig abhandenkommt.

Beginnend mit einer alptraumartigen Hochzeitsreise (sagt hierzulande eigentlich wirklich irgendjemand »Honeymoon« dazu? Hipster-Slang statt Flitterwochen?), während der Ehemann Branco unvermittelt nach New York reisen muss. Billie kehrt zurück nach Berlin, in eine Wohnung, die sie hasst, die ein Spiegelbild ihrer eigenen psychischen Konstellation darstellt. Denn während das stilvolle Innere Arbeits- und Rückzugsort zu sein scheint, erobern Ratten den Hinterhof, verfallen andere Wohneinheiten, erschreckt ein bedrohlich wirkender Hausmeister Billie, zerstören unheimliche Geräusche und Todesahnungen den Eindruck jeglicher Idylle.

Hier schaffen die Autoren eine Atmosphäre, die an Roman Polanskis »Ekel« erinnert, der Catherine Deneuve unsanft in eine ähnliche Situation wie Billie beförderte. Die Ambivalenz des Geschilderten ist von Beginn an hervorragend in Worte gefasst, es bleibt jederzeit offen, inwieweit Billies Eindrücke der Realität entsprechen. Oder die Realität Billies Eindrücken. Billie wird gepeinigt von der Erinnerung an eine Abtreibung, sie vermutet in Branco den Mörder ihres Kindes, später sieht sie in ihm eine allgemeine Bedrohung.

Realität ist nur eine Illusion

Dabei sind ihre Befürchtungen anfangs nachvollziehbar, die Zustandsbeschreibung ihres Berliner Wohnhauses klingt plausibel, der unbewältigte Schwangerschaftsabbruch ist eine schwere Belastung, und dass die negativen Gefühle Branco gegenüber auf berechtigter Eifersucht basieren, legt der Roman ebenfalls nahe. Doch spätestens als Billie beginnt, alle Steckdosen aus Angst vor Überwachung abzukleben, Heinrich Pommerenke ihr persönlich außerhalb des Gefängnisses begegnet und ihr Bankkonto trotz dauernder Abhebungen wächst, bedingt durch Zahlungen für ein unbeendetes und nicht eingereichtes Manuskript , ist die Grenze zur schweren Psychose endgültig überschritten. Eine »schizoaffektive Störung, gegenwärtig manisch« wird der Therapeut Dr. Martin aus der Ferne diagnostizieren. Nach der erstmaligen Begegnung von Billie zum Erzfeind erklärt, hat er keine Chance auf ein Korrektiv.

Während Billie zunächst noch intensiv an ihrem Manuskript zu arbeiten scheint, entgleiten ihr bald Personen, Geschichten, Wahrnehmung und Sprache. Sie verkehrt retröW wie die Realität, spricht unvermittelt Englisch und gleitet in eine Welt, die aus Doppelungen und latenten Bedrohungen besteht.

Die Nachtseite des Ich und die dunklen Begleiter

Das Doppelgänger-Motiv wird äußerst effektiv eingesetzt. Es betont die Schattenseiten einer Welt, die von Unsicherheit geprägt ist. Je weiter Billies Zersetzung voranschreitet, umso unklarer wird, ob dass, was sie beschreibt, überhaupt woanders existiert als in ihrer Vorstellung. Anfuso und & Zownir schaffen hier ein seltenes Kunststück. Sie zeigen wie Billie ihre Sprache entgleitet, ohne selbst unpräziser zu werden in ihren Formulierungen. Sie zeichnen einen klaren Umriss von Etwas, das im Diffusen verschwindet.

Pommerenke ist kein Denkmal für einen Serienmörder. Stattdessen eine Geschichte des Zerfalls. Von Werten, Maßgaben, sozialer Interaktion. Menschen zerbrechen, werden zerbrochen, Zownir & Anfuso bauen Mosaiksteine zusammen, die zeigen, wieso das so ist und wie es passieren kann. Ein vielschichtiger Roman, der all seinen Belangen stimmig gerecht wird und lange nachwirkt.

* Aussage des Staatsanwalts während der Gerichtsverhandlung gegen Heinrich Pommerenke
** Oscar Wilde

Jochen König, Januar 2018

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