Schattenkiller von Mirko Zilahy

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel È così che si uccide, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Lübbe.
Folge 1 der Enrico-Mancini-Serie.

  • Mailand: Longanesi, 2015 unter dem Titel È così che si uccide. 410 Seiten.
  • Köln: Lübbe, 2016. Übersetzt von Katharina Schmidt, Barbara Neeb. ISBN: 978-3-404-17420-1. 432 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2016. Gesprochen von Sascha Rotermund. gekürzte Ausgabe. ISBN: 3-7857-5352-7. 432 CDs.

'Schattenkiller' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Seit Wochen schüttet der Septemberhimmel gewaltige Wassermassen über Rom aus. Nahe des Tibers werden an düsteren Orten drei Leichen entdeckt, deren Entstellungen der Polizei Rätsel aufgeben. Profiler Enrico Mancini, anerkannter Experte für Serienmorde, sieht zunächst keine Verbindung zwischen den Fällen. Doch dann erhält er verschlüsselte Botschaften, alle von einem Absender, der sich Schatten nennt. Botschaften, die ein neues Licht auf die Taten werfen. Denn ein grausamer Racheplan ist offenbar noch nicht vollendet. Und weist bald in eine einzige Richtung – in die Mancinis …

Das meint Krimi-Couch.de: Viktorianischer Schauerroman im verregneten Rom 40°

Krimi-Rezension von Brigitte Grahl

Mirko Zilahy ist Übersetzer und Literaturwissenschaftler mit einem Faible für gotische und viktorianische Romane. Das ist in seinem Debüt nicht zu überlesen: Schattenkiller ist ein viktorianischer Schauerroman, verlegt in seine Heimatstadt Rom. So lernt der Leser Rom einmal von einer ganz anderen Seite kennen: grau und sonnenlos im Dauerregen. Verfallene Industriebauten, Abwasserkanäle, ein Schlachthof, Krankenhäuser, ein alter Atommeiler bilden die morbide Kulisse für grausame Ritualmorde. Die bizarren Morde werden mit viel Hingabe zum Detail geschildert, zum Teil aus der Perspektive der Opfer  quasi Torture Porn in Worten. Ich fand es eher abstoßend als spannend. Immerhin muss ich dem Autor zugutehalten, dass es ihm gelingt, die Qualen der Opfer eindrucksvoll in Worten wiederzugeben.

Zilahy schwelgt geradezu in Schilderungen von Verfall und Krankheit. Dabei gelingen ihm Sätze von morbide-poetischer Schönheit:

Der Regen nahm zu und verschleierte den Mond über dem Stahlskelett des großen Gasometers. Getroffen vom silbrigen Schein, verwandelten die Stützen, die umlaufenden Streben, die beweglichen Stahlkränze und die unverrückbaren Bolzen, die hohe Metallkonstruktion in ein Ungeheuer  halb Bauwerk, halb Maschine-, gehüllt in einen eisigen stählernen Mantel.

Aber sie geraten oft auch reichlich schwülstig und pathetisch: bebendes Flüstern, gequälte und gemarterten Seelen, namenloser Schmerz

Verloren! Der Mund des Mörders schleudert den Schrei auf die reglose Masse Fleisch dort vor ihm auf dem Tisch.

Der oft altmodische Ausdruck dürfte weniger Schuld der Übersetzerinnen sein, sondern ein gewolltes Stilmittel des Autors als Referenz an die alten Vorbilder.

In seinem Erstling verarbeitet Mirko Zilahy den Krebstod seiner Mutter. Kommissar Enrico Mancini ist sein alter Ego. Mancini hat den Krebstod seiner Frau nicht verwunden. Er leidet unter Panikattacken, trinkt zu viel und ist seiner Arbeit überdrüssig. Immer wieder verliert er sich in Erinnerungen an seine Frau und in tiefsinnige Gedanken zu Tod und Schicksal. Das nervt auf Dauer und bremst den Erzählfluss aus. Sympathie mit der Hauptfigur will nicht recht aufkommen.

Profiler leistet sich ziemlich unprofessionelle Ausrutscher

Seine behauptete Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht bleibt ein Rätsel. Der traumatisierte, aber geniale Profiler leistet sich zudem ziemlich unprofessionelle Ausrutscher, etwa wenn er in einem Verhör die Waffe zieht oder sich im Alleingang zum Mörder begibt. Glaubwürdigkeit und Logik sind nicht die Stärke des Buches, dafür gibt es Bauchgefühl und Geistesblitze. Die Teamkollegen wirken sympathischer als die Hauptfigur. Der Autor kleidet sie zwar mit einer Biografie aus, nutzt ihr Potential dann aber kaum. Das wird wohl in den nächsten Büchern mehr Bedeutung erhalten – Zilahy schreibt an einer Mancini-Trilogie.

Zilahy ist Literaturwissenschaftler und hat in Interviews erwähnt, dass er in Schattenkiller Stilmittel großer literarischer Vorbilder eingebaut hat wie die polyphone Erzählweise von James Joyce und den Sprachrhythmus von Dante. Ersteres ist allerdings heutzutage kein außergewöhnliches Stilmittel mehr, Letzteres erklärt die pathetische Sprechweise, die besonders im Finale auffällt, wenn der Täter lange Monologe über seine Motivation und seine Taten mit bedeutungsschweren Begriffen wie Schuld, Rache, Tod und das Universum hält. Dazu blitzt und donnert es und der Nebel wabert durch die Landschaft.

Selbstverständlich kann man Schattenkiller auch mit einer tieferen Bedeutung beurteilen. Mancini geht durch ein Dantesches Fegefeuer, steigt in die Unterwelt hinab und wie Phönix aus der Asche hervor ans Licht – in die Sonne, die am Ende des Buches wieder scheint. Er hat sich seinem Schmerz gestellt und seine Liebe (nicht nur) zu seinem Beruf wieder gefunden.

Ein Thriller sollte auf jeden Fall spannend sein

Aber von einem Thriller erwarte ich zuerst einmal, dass er spannend ist. Wenn man darin eine zweite, tiefere Ebene findet, umso besser. Aber dazu sollte man kein Literaturwissenschaftler sein müssen oder zum besseren Verständnis Hintergrundwissen recherchieren müssen. In Schattenkiller gibt es zu lange Erinnerungspassagen, die die Spannung immer wieder abbremsen.

Zilahys Debüt hat mich nicht überzeugt. Ich finde die Sprache irritierend altmodisch und pathetisch bis an die Grenze des Lächerlichen. Die Hauptfigur ist unsympathisch, ihre Handlungsweisen z. T. unglaubwürdig, und der Plot hat jede Menge Logiklöcher. Aber der Autor versteht es, Atmosphäre zu erzeugen, und der Leser lernt eine Seite von Rom kennen, die nicht in Touristenführern steht. Selbst Rom-Kenner dürften noch etwas dazulernen.

Wer die Bücher von Jean-Christophe Grangé mag, könnte auch an Mirko Zilahys Schattenkiller Gefallen finden. Allerdings darf man nicht zart besaitet sein.

Brigitte Grahl, November 2017

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